Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838.

Bild:
<< vorherige Seite

ein Schutz- und Trutzbündniß mit den Athenern. An
ihn wandte sich nun Theseus mit seiner Bitte, ihm die
Schwester Phädra zur Gemahlin zu geben. Sie wurde
ihm nicht versagt, und bald führte der Sohn des Aegeus
die Jungfrau aus Creta heim, die wirklich von Gestalt
und äußerer Sitte der Geliebten seiner Jugend so ähnlich
war, daß Theseus die Hoffnung seiner jungen Jahre
im späteren Mannesalter erfüllt glauben konnte. Da¬
mit zu seinem Glücke nichts fehlen konnte, gebar sie in
den ersten Jahren ihrer Ehe dem Könige zwei Söhne,
den Akamas und den Demophon. Aber Phädra war
nicht so gut und getreu, als sie schön war. Ihr gefiel
der junge Sohn des Königes, Hippolytus, der ihres Al¬
ters war, besser als der greise Vater. Dieser Hippolytus
war der einzige Sohn, den die von Theseus entführte
Amazone ihrem Gemahl geboren hatte. In früher Ju¬
gend hatte diesen Sohn der Vater nach Trözen geschickt,
um ihn bei den Brüdern seiner Mutter Aethra erziehen zu
lassen. Wie er erwachsen war, kam der schöne und züch¬
tige Jüngling, der sein ganzes Leben der reinen Göttin
Diana zu weihen beschlossen und noch keiner Frau ins
Auge geschaut hatte, nach Athen und Eleusis, um hier
die Mysterien mitfeiern zu helfen. Da sah ihn Phädra
zum erstenmale; sie glaubte ihren Gatten verjüngt wie¬
der zu sehen, und seine schöne Gestalt und Unschuld ent¬
flammte ihr Herz zu unreinen Wünschen; doch verschloß
sie ihre verkehrte Leidenschaft noch in ihre Brust. Als
der Jüngling abgereist war, erbaute sie auf der Burg
von Athen der Liebesgöttin einen Tempel, von wo aus
man nach Trözen blicken konnte, und der später den
Namen Tempel der Venus Fernschauerin erhielt. Hier

ein Schutz- und Trutzbündniß mit den Athenern. An
ihn wandte ſich nun Theſeus mit ſeiner Bitte, ihm die
Schweſter Phädra zur Gemahlin zu geben. Sie wurde
ihm nicht verſagt, und bald führte der Sohn des Aegeus
die Jungfrau aus Creta heim, die wirklich von Geſtalt
und äußerer Sitte der Geliebten ſeiner Jugend ſo ähnlich
war, daß Theſeus die Hoffnung ſeiner jungen Jahre
im ſpäteren Mannesalter erfüllt glauben konnte. Da¬
mit zu ſeinem Glücke nichts fehlen konnte, gebar ſie in
den erſten Jahren ihrer Ehe dem Könige zwei Söhne,
den Akamas und den Demophon. Aber Phädra war
nicht ſo gut und getreu, als ſie ſchön war. Ihr gefiel
der junge Sohn des Königes, Hippolytus, der ihres Al¬
ters war, beſſer als der greiſe Vater. Dieſer Hippolytus
war der einzige Sohn, den die von Theſeus entführte
Amazone ihrem Gemahl geboren hatte. In früher Ju¬
gend hatte dieſen Sohn der Vater nach Trözen geſchickt,
um ihn bei den Brüdern ſeiner Mutter Aethra erziehen zu
laſſen. Wie er erwachſen war, kam der ſchöne und züch¬
tige Jüngling, der ſein ganzes Leben der reinen Göttin
Diana zu weihen beſchloſſen und noch keiner Frau ins
Auge geſchaut hatte, nach Athen und Eleuſis, um hier
die Myſterien mitfeiern zu helfen. Da ſah ihn Phädra
zum erſtenmale; ſie glaubte ihren Gatten verjüngt wie¬
der zu ſehen, und ſeine ſchöne Geſtalt und Unſchuld ent¬
flammte ihr Herz zu unreinen Wünſchen; doch verſchloß
ſie ihre verkehrte Leidenſchaft noch in ihre Bruſt. Als
der Jüngling abgereist war, erbaute ſie auf der Burg
von Athen der Liebesgöttin einen Tempel, von wo aus
man nach Trözen blicken konnte, und der ſpäter den
Namen Tempel der Venus Fernſchauerin erhielt. Hier

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0326" n="300"/>
ein Schutz- und Trutzbündniß mit den Athenern. An<lb/>
ihn wandte &#x017F;ich nun The&#x017F;eus mit &#x017F;einer Bitte, ihm die<lb/>
Schwe&#x017F;ter Phädra zur Gemahlin zu geben. Sie wurde<lb/>
ihm nicht ver&#x017F;agt, und bald führte der Sohn des Aegeus<lb/>
die Jungfrau aus Creta heim, die wirklich von Ge&#x017F;talt<lb/>
und äußerer Sitte der Geliebten &#x017F;einer Jugend &#x017F;o ähnlich<lb/>
war, daß The&#x017F;eus die Hoffnung &#x017F;einer jungen Jahre<lb/>
im &#x017F;päteren Mannesalter erfüllt glauben konnte. Da¬<lb/>
mit zu &#x017F;einem Glücke nichts fehlen konnte, gebar &#x017F;ie in<lb/>
den er&#x017F;ten Jahren ihrer Ehe dem Könige zwei Söhne,<lb/>
den Akamas und den Demophon. Aber Phädra war<lb/>
nicht &#x017F;o gut und getreu, als &#x017F;ie &#x017F;chön war. Ihr gefiel<lb/>
der junge Sohn des Königes, Hippolytus, der ihres Al¬<lb/>
ters war, be&#x017F;&#x017F;er als der grei&#x017F;e Vater. Die&#x017F;er Hippolytus<lb/>
war der einzige Sohn, den die von The&#x017F;eus entführte<lb/>
Amazone ihrem Gemahl geboren hatte. In früher Ju¬<lb/>
gend hatte die&#x017F;en Sohn der Vater nach Trözen ge&#x017F;chickt,<lb/>
um ihn bei den Brüdern &#x017F;einer Mutter Aethra erziehen zu<lb/>
la&#x017F;&#x017F;en. Wie er erwach&#x017F;en war, kam der &#x017F;chöne und züch¬<lb/>
tige Jüngling, der &#x017F;ein ganzes Leben der reinen Göttin<lb/>
Diana zu weihen be&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en und noch keiner Frau ins<lb/>
Auge ge&#x017F;chaut hatte, nach Athen und Eleu&#x017F;is, um hier<lb/>
die My&#x017F;terien mitfeiern zu helfen. Da &#x017F;ah ihn Phädra<lb/>
zum er&#x017F;tenmale; &#x017F;ie glaubte ihren Gatten verjüngt wie¬<lb/>
der zu &#x017F;ehen, und &#x017F;eine &#x017F;chöne Ge&#x017F;talt und Un&#x017F;chuld ent¬<lb/>
flammte ihr Herz zu unreinen Wün&#x017F;chen; doch ver&#x017F;chloß<lb/>
&#x017F;ie ihre verkehrte Leiden&#x017F;chaft noch in ihre Bru&#x017F;t. Als<lb/>
der Jüngling abgereist war, erbaute &#x017F;ie auf der Burg<lb/>
von Athen der Liebesgöttin einen Tempel, von wo aus<lb/>
man nach Trözen blicken konnte, und der &#x017F;päter den<lb/>
Namen Tempel der Venus Fern&#x017F;chauerin erhielt. Hier<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[300/0326] ein Schutz- und Trutzbündniß mit den Athenern. An ihn wandte ſich nun Theſeus mit ſeiner Bitte, ihm die Schweſter Phädra zur Gemahlin zu geben. Sie wurde ihm nicht verſagt, und bald führte der Sohn des Aegeus die Jungfrau aus Creta heim, die wirklich von Geſtalt und äußerer Sitte der Geliebten ſeiner Jugend ſo ähnlich war, daß Theſeus die Hoffnung ſeiner jungen Jahre im ſpäteren Mannesalter erfüllt glauben konnte. Da¬ mit zu ſeinem Glücke nichts fehlen konnte, gebar ſie in den erſten Jahren ihrer Ehe dem Könige zwei Söhne, den Akamas und den Demophon. Aber Phädra war nicht ſo gut und getreu, als ſie ſchön war. Ihr gefiel der junge Sohn des Königes, Hippolytus, der ihres Al¬ ters war, beſſer als der greiſe Vater. Dieſer Hippolytus war der einzige Sohn, den die von Theſeus entführte Amazone ihrem Gemahl geboren hatte. In früher Ju¬ gend hatte dieſen Sohn der Vater nach Trözen geſchickt, um ihn bei den Brüdern ſeiner Mutter Aethra erziehen zu laſſen. Wie er erwachſen war, kam der ſchöne und züch¬ tige Jüngling, der ſein ganzes Leben der reinen Göttin Diana zu weihen beſchloſſen und noch keiner Frau ins Auge geſchaut hatte, nach Athen und Eleuſis, um hier die Myſterien mitfeiern zu helfen. Da ſah ihn Phädra zum erſtenmale; ſie glaubte ihren Gatten verjüngt wie¬ der zu ſehen, und ſeine ſchöne Geſtalt und Unſchuld ent¬ flammte ihr Herz zu unreinen Wünſchen; doch verſchloß ſie ihre verkehrte Leidenſchaft noch in ihre Bruſt. Als der Jüngling abgereist war, erbaute ſie auf der Burg von Athen der Liebesgöttin einen Tempel, von wo aus man nach Trözen blicken konnte, und der ſpäter den Namen Tempel der Venus Fernſchauerin erhielt. Hier

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/326
Zitationshilfe: Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838, S. 300. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/326>, abgerufen am 13.06.2024.