Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838.

Bild:
<< vorherige Seite

zeichen seines Vaters Aegeus hervorzuholen und nach
Athen zu schiffen. Theseus stemmte sich an den Stein
und schob ihn mit Leichtigkeit zurück; er band sich die
Sohlen unter die Füße und das Schwerdt an die Seite.
Zur See zu reisen aber weigerte er sich, obgleich Gro߬
vater und Mutter ihn inständig darum baten. Der
Landweg nach Athen war nemlich damals sehr gefährlich,
weil allenthalben Räuber und Bösewichter lauerten.
Denn jenes Zeitalter brachte Menschen hervor, die sich
zwar in Leibesstärke und Thaten der Faust unüberwind¬
lich zeigten, aber diese Vorzüge nicht zu menschenfreund¬
lichen Handlungen anwandten, sondern ihre Freude an
Uebermuth und Gewaltthaten hatten und alles mißhan¬
delten oder vertilgten, was ihnen in die Hände fiel.
Einige derselben hatte Herkules auf seinen Zügen
erschlagen. Um jene Zeit aber diente dieser gerade als
Sclave bei der Königin Omphale in Lydien und säu¬
berte zwar jenes Land, in Griechenland aber brachen
die Gewaltthätigkeiten von Neuem hervor, weil niemand
ihnen Einhalt that. Deßwegen war die Landreise aus
dem Peloponnes nach Athen mit der größten Gefahr
verbunden, und sein Großvater beschrieb dem jungen
Theseus genau jeden dieser Räuber und Bösewichter, und
welche Grausamkeiten sie an den Fremden zu verüben
pflegten. Aber Theseus hatte sich längst den Herkules
und seine Tapferkeit zum Vorbilde genommen. Als er
sieben Jahre alt war, hatte dieser Held seinen Gro߬
vater Pittheus besucht, und wie derselbe mit dem Könige
zu Tische saß und schmauste, durfte unter andern Kna¬
ben der Trözenier auch der kleine Theseus zuschauen.
Herkules hatte bei'm Mahle seine Löwenhaut abgelegt.

zeichen ſeines Vaters Aegeus hervorzuholen und nach
Athen zu ſchiffen. Theſeus ſtemmte ſich an den Stein
und ſchob ihn mit Leichtigkeit zurück; er band ſich die
Sohlen unter die Füße und das Schwerdt an die Seite.
Zur See zu reiſen aber weigerte er ſich, obgleich Gro߬
vater und Mutter ihn inſtändig darum baten. Der
Landweg nach Athen war nemlich damals ſehr gefährlich,
weil allenthalben Räuber und Böſewichter lauerten.
Denn jenes Zeitalter brachte Menſchen hervor, die ſich
zwar in Leibesſtärke und Thaten der Fauſt unüberwind¬
lich zeigten, aber dieſe Vorzüge nicht zu menſchenfreund¬
lichen Handlungen anwandten, ſondern ihre Freude an
Uebermuth und Gewaltthaten hatten und alles mißhan¬
delten oder vertilgten, was ihnen in die Hände fiel.
Einige derſelben hatte Herkules auf ſeinen Zügen
erſchlagen. Um jene Zeit aber diente dieſer gerade als
Sclave bei der Königin Omphale in Lydien und ſäu¬
berte zwar jenes Land, in Griechenland aber brachen
die Gewaltthätigkeiten von Neuem hervor, weil niemand
ihnen Einhalt that. Deßwegen war die Landreiſe aus
dem Peloponnes nach Athen mit der größten Gefahr
verbunden, und ſein Großvater beſchrieb dem jungen
Theſeus genau jeden dieſer Räuber und Böſewichter, und
welche Grauſamkeiten ſie an den Fremden zu verüben
pflegten. Aber Theſeus hatte ſich längſt den Herkules
und ſeine Tapferkeit zum Vorbilde genommen. Als er
ſieben Jahre alt war, hatte dieſer Held ſeinen Gro߬
vater Pittheus beſucht, und wie derſelbe mit dem Könige
zu Tiſche ſaß und ſchmauſte, durfte unter andern Kna¬
ben der Trözenier auch der kleine Theſeus zuſchauen.
Herkules hatte bei'm Mahle ſeine Löwenhaut abgelegt.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0305" n="279"/>
zeichen &#x017F;eines Vaters Aegeus hervorzuholen und nach<lb/>
Athen zu &#x017F;chiffen. The&#x017F;eus &#x017F;temmte &#x017F;ich an den Stein<lb/>
und &#x017F;chob ihn mit Leichtigkeit zurück; er band &#x017F;ich die<lb/>
Sohlen unter die Füße und das Schwerdt an die Seite.<lb/>
Zur See zu rei&#x017F;en aber weigerte er &#x017F;ich, obgleich Gro߬<lb/>
vater und Mutter ihn in&#x017F;tändig darum baten. Der<lb/>
Landweg nach Athen war nemlich damals &#x017F;ehr gefährlich,<lb/>
weil allenthalben Räuber und Bö&#x017F;ewichter lauerten.<lb/>
Denn jenes Zeitalter brachte Men&#x017F;chen hervor, die &#x017F;ich<lb/>
zwar in Leibes&#x017F;tärke und Thaten der Fau&#x017F;t unüberwind¬<lb/>
lich zeigten, aber die&#x017F;e Vorzüge nicht zu men&#x017F;chenfreund¬<lb/>
lichen Handlungen anwandten, &#x017F;ondern ihre Freude an<lb/>
Uebermuth und Gewaltthaten hatten und alles mißhan¬<lb/>
delten oder vertilgten, was ihnen in die Hände fiel.<lb/>
Einige der&#x017F;elben hatte Herkules auf &#x017F;einen Zügen<lb/>
er&#x017F;chlagen. Um jene Zeit aber diente die&#x017F;er gerade als<lb/>
Sclave bei der Königin Omphale in Lydien und &#x017F;äu¬<lb/>
berte zwar jenes Land, in Griechenland aber brachen<lb/>
die Gewaltthätigkeiten von Neuem hervor, weil niemand<lb/>
ihnen Einhalt that. Deßwegen war die Landrei&#x017F;e aus<lb/>
dem Peloponnes nach Athen mit der größten Gefahr<lb/>
verbunden, und &#x017F;ein Großvater be&#x017F;chrieb dem jungen<lb/>
The&#x017F;eus genau jeden die&#x017F;er Räuber und Bö&#x017F;ewichter, und<lb/>
welche Grau&#x017F;amkeiten &#x017F;ie an den Fremden zu verüben<lb/>
pflegten. Aber The&#x017F;eus hatte &#x017F;ich läng&#x017F;t den Herkules<lb/>
und &#x017F;eine Tapferkeit zum Vorbilde genommen. Als er<lb/>
&#x017F;ieben Jahre alt war, hatte die&#x017F;er Held &#x017F;einen Gro߬<lb/>
vater Pittheus be&#x017F;ucht, und wie der&#x017F;elbe mit dem Könige<lb/>
zu Ti&#x017F;che &#x017F;aß und &#x017F;chmau&#x017F;te, durfte unter andern Kna¬<lb/>
ben der Trözenier auch der kleine The&#x017F;eus zu&#x017F;chauen.<lb/>
Herkules hatte bei'm Mahle &#x017F;eine Löwenhaut abgelegt.</p><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[279/0305] zeichen ſeines Vaters Aegeus hervorzuholen und nach Athen zu ſchiffen. Theſeus ſtemmte ſich an den Stein und ſchob ihn mit Leichtigkeit zurück; er band ſich die Sohlen unter die Füße und das Schwerdt an die Seite. Zur See zu reiſen aber weigerte er ſich, obgleich Gro߬ vater und Mutter ihn inſtändig darum baten. Der Landweg nach Athen war nemlich damals ſehr gefährlich, weil allenthalben Räuber und Böſewichter lauerten. Denn jenes Zeitalter brachte Menſchen hervor, die ſich zwar in Leibesſtärke und Thaten der Fauſt unüberwind¬ lich zeigten, aber dieſe Vorzüge nicht zu menſchenfreund¬ lichen Handlungen anwandten, ſondern ihre Freude an Uebermuth und Gewaltthaten hatten und alles mißhan¬ delten oder vertilgten, was ihnen in die Hände fiel. Einige derſelben hatte Herkules auf ſeinen Zügen erſchlagen. Um jene Zeit aber diente dieſer gerade als Sclave bei der Königin Omphale in Lydien und ſäu¬ berte zwar jenes Land, in Griechenland aber brachen die Gewaltthätigkeiten von Neuem hervor, weil niemand ihnen Einhalt that. Deßwegen war die Landreiſe aus dem Peloponnes nach Athen mit der größten Gefahr verbunden, und ſein Großvater beſchrieb dem jungen Theſeus genau jeden dieſer Räuber und Böſewichter, und welche Grauſamkeiten ſie an den Fremden zu verüben pflegten. Aber Theſeus hatte ſich längſt den Herkules und ſeine Tapferkeit zum Vorbilde genommen. Als er ſieben Jahre alt war, hatte dieſer Held ſeinen Gro߬ vater Pittheus beſucht, und wie derſelbe mit dem Könige zu Tiſche ſaß und ſchmauſte, durfte unter andern Kna¬ ben der Trözenier auch der kleine Theſeus zuſchauen. Herkules hatte bei'm Mahle ſeine Löwenhaut abgelegt.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/305
Zitationshilfe: Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838, S. 279. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/305>, abgerufen am 13.06.2024.