Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schleicher, August: Die Darwinsche Theorie und die Sprachwissenschaft. Weimar, 1863.

Bild:
<< vorherige Seite

Mangel eines dem Stande unserer scharfen und genauen
Einzelforschungen entsprechenden philosophischen Systems
in der Überzeugung, dass vor der Hand ein solches noch
nicht geschaffen werden könne, vielmehr mit dem Versuche
der Herstellung desselben gewartet werden müsse, bis der-
maleinst eine genügende Fülle zuverlässiger Beobachtungen
und sicherer Erkenntnisse aus allen Sphären des mensch-
lichen Wissens vorliegt.

Eine nothwendige Folge der monistischen Grundanschau-
ung, die hinter den Dingen nichts sucht, sondern das Ding
mit seiner Erscheinung für identisch hält, ist die Bedeu-
tung, welche heute zu Tage die Beobachtung für die Wis-
senschaft, zunächst für die Naturwissenschaft, gewonnen
hat. Die Beobachtung ist die Grundlage des heutigen Wis-
sens. Ausser der Beobachtung lässt man nur den auf sie
gegründeten mit Nothwendigkeit sich ergebenden Schluss
gelten. Alles a priori Construierte, alles ins Blaue hinein
Gedachte gilt im besten Falle als geistreiches Spiel, für die
Wissenschaft aber als werthloser Plunder.

Die Beobachtung lehrt nun aber, dass alle lebendigen
Organismen, die überhaupt in den Kreis genügender Beo-
bachtung fallen, sich nach bestimmten Gesetzen verändern.
Diese ihre Veränderungen, ihr Leben, sind ihr eigentliches
Wesen; wir kennen sie nur dann, wenn wir die Summe
dieser Veränderungen, wenn wir ihr ganzes Wesen kennen.
Mit andern Worten: wenn wir nicht wissen wie etwas ge-
worden ist, so kennen wir es nicht. Nothwendige Folge
der Beobachtungsgrundlage ist die Bedeutung, welche die
Entwickelungsgeschichte und die wissenschaftliche Erkennt-
niss des Lebens der Organismen überhaupt für die Natur-
wissenschaft unserer Tage erlangt hat.

Mangel eines dem Stande unserer scharfen und genauen
Einzelforschungen entsprechenden philosophischen Systems
in der Überzeugung, dass vor der Hand ein solches noch
nicht geschaffen werden könne, vielmehr mit dem Versuche
der Herstellung desselben gewartet werden müsse, bis der-
maleinst eine genügende Fülle zuverlässiger Beobachtungen
und sicherer Erkenntnisse aus allen Sphären des mensch-
lichen Wissens vorliegt.

Eine nothwendige Folge der monistischen Grundanschau-
ung, die hinter den Dingen nichts sucht, sondern das Ding
mit seiner Erscheinung für identisch hält, ist die Bedeu-
tung, welche heute zu Tage die Beobachtung für die Wis-
senschaft, zunächst für die Naturwissenschaft, gewonnen
hat. Die Beobachtung ist die Grundlage des heutigen Wis-
sens. Ausser der Beobachtung lässt man nur den auf sie
gegründeten mit Nothwendigkeit sich ergebenden Schluss
gelten. Alles a priori Construierte, alles ins Blaue hinein
Gedachte gilt im besten Falle als geistreiches Spiel, für die
Wissenschaft aber als werthloser Plunder.

Die Beobachtung lehrt nun aber, dass alle lebendigen
Organismen, die überhaupt in den Kreis genügender Beo-
bachtung fallen, sich nach bestimmten Gesetzen verändern.
Diese ihre Veränderungen, ihr Leben, sind ihr eigentliches
Wesen; wir kennen sie nur dann, wenn wir die Summe
dieser Veränderungen, wenn wir ihr ganzes Wesen kennen.
Mit andern Worten: wenn wir nicht wissen wie etwas ge-
worden ist, so kennen wir es nicht. Nothwendige Folge
der Beobachtungsgrundlage ist die Bedeutung, welche die
Entwickelungsgeschichte und die wissenschaftliche Erkennt-
niss des Lebens der Organismen überhaupt für die Natur-
wissenschaft unserer Tage erlangt hat.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <p><pb facs="#f0009" n="9"/>
Mangel eines dem Stande unserer scharfen und genauen<lb/>
Einzelforschungen entsprechenden philosophischen Systems<lb/>
in der Überzeugung, dass vor der Hand ein solches noch<lb/>
nicht geschaffen werden könne, vielmehr mit dem Versuche<lb/>
der Herstellung desselben gewartet werden müsse, bis der-<lb/>
maleinst eine genügende Fülle zuverlässiger Beobachtungen<lb/>
und sicherer Erkenntnisse aus allen Sphären des mensch-<lb/>
lichen Wissens vorliegt.</p><lb/>
      <p>Eine nothwendige Folge der monistischen Grundanschau-<lb/>
ung, die hinter den Dingen nichts sucht, sondern das Ding<lb/>
mit seiner Erscheinung für identisch hält, ist die Bedeu-<lb/>
tung, welche heute zu Tage die Beobachtung für die Wis-<lb/>
senschaft, zunächst für die Naturwissenschaft, gewonnen<lb/>
hat. Die Beobachtung ist die Grundlage des heutigen Wis-<lb/>
sens. Ausser der Beobachtung lässt man nur den auf sie<lb/>
gegründeten mit Nothwendigkeit sich ergebenden Schluss<lb/>
gelten. Alles a priori Construierte, alles ins Blaue hinein<lb/>
Gedachte gilt im besten Falle als geistreiches Spiel, für die<lb/>
Wissenschaft aber als werthloser Plunder.</p><lb/>
      <p>Die Beobachtung lehrt nun aber, dass alle lebendigen<lb/>
Organismen, die überhaupt in den Kreis genügender Beo-<lb/>
bachtung fallen, sich nach bestimmten Gesetzen verändern.<lb/>
Diese ihre Veränderungen, ihr Leben, sind ihr eigentliches<lb/>
Wesen; wir kennen sie nur dann, wenn wir die Summe<lb/>
dieser Veränderungen, wenn wir ihr ganzes Wesen kennen.<lb/>
Mit andern Worten: wenn wir nicht wissen wie etwas ge-<lb/>
worden ist, so kennen wir es nicht. Nothwendige Folge<lb/>
der Beobachtungsgrundlage ist die Bedeutung, welche die<lb/>
Entwickelungsgeschichte und die wissenschaftliche Erkennt-<lb/>
niss des Lebens der Organismen überhaupt für die Natur-<lb/>
wissenschaft unserer Tage erlangt hat.</p><lb/>
    </body>
  </text>
</TEI>
[9/0009] Mangel eines dem Stande unserer scharfen und genauen Einzelforschungen entsprechenden philosophischen Systems in der Überzeugung, dass vor der Hand ein solches noch nicht geschaffen werden könne, vielmehr mit dem Versuche der Herstellung desselben gewartet werden müsse, bis der- maleinst eine genügende Fülle zuverlässiger Beobachtungen und sicherer Erkenntnisse aus allen Sphären des mensch- lichen Wissens vorliegt. Eine nothwendige Folge der monistischen Grundanschau- ung, die hinter den Dingen nichts sucht, sondern das Ding mit seiner Erscheinung für identisch hält, ist die Bedeu- tung, welche heute zu Tage die Beobachtung für die Wis- senschaft, zunächst für die Naturwissenschaft, gewonnen hat. Die Beobachtung ist die Grundlage des heutigen Wis- sens. Ausser der Beobachtung lässt man nur den auf sie gegründeten mit Nothwendigkeit sich ergebenden Schluss gelten. Alles a priori Construierte, alles ins Blaue hinein Gedachte gilt im besten Falle als geistreiches Spiel, für die Wissenschaft aber als werthloser Plunder. Die Beobachtung lehrt nun aber, dass alle lebendigen Organismen, die überhaupt in den Kreis genügender Beo- bachtung fallen, sich nach bestimmten Gesetzen verändern. Diese ihre Veränderungen, ihr Leben, sind ihr eigentliches Wesen; wir kennen sie nur dann, wenn wir die Summe dieser Veränderungen, wenn wir ihr ganzes Wesen kennen. Mit andern Worten: wenn wir nicht wissen wie etwas ge- worden ist, so kennen wir es nicht. Nothwendige Folge der Beobachtungsgrundlage ist die Bedeutung, welche die Entwickelungsgeschichte und die wissenschaftliche Erkennt- niss des Lebens der Organismen überhaupt für die Natur- wissenschaft unserer Tage erlangt hat.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/schleicher_darwin_1863
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/schleicher_darwin_1863/9
Zitationshilfe: Schleicher, August: Die Darwinsche Theorie und die Sprachwissenschaft. Weimar, 1863, S. 9. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schleicher_darwin_1863/9>, abgerufen am 04.08.2021.