lange als möglich," sagte Stopfkuchen. "Was sollen auch die versteinerten Gesichter? ziehe ich euch eines? Ne, dafür hat man sich eben das schlechte Beispiel des Bauern auf der rothen Schanze zur Warnung dienen lassen. An seinem Elend konnte man wohl lernen, ruhig, gleichmüthig den Weltlauf an sich heran- kommen zu lassen. Natürlich mit einer Anlage hierzu muß einer auch in die Welt hineingesetzt worden sein: es braucht nicht jeder die Forsche zu haben, das neue Deutsche Reich aufzurichten, hinzustellen und zu sagen: Nun könnt ihr und so weiter . . . Jawohl, lieber Eduard, laß nur jeden auf seine Weise heraus aus dem Heerdenkasten gehen. Da war zum Exempel der Heinrich Schaumann, den ihr Stopfkuchen nanntet. Er hat wenigstens mal ganz und gar nach seiner Natur gelebt, hat gethan und hat gelassen was er thun oder was er lassen mußte; -- ist es dann am Ende nachher seine Schuld, wenn in irgend einer Weise doch etwas Vernünftiges dabei herauskommt? Garnicht. Für diese Verantwortlichkeit danke ich ganz und gar. Da ich nicht in einer netten, saubern, durchaus behaglichen Welt leben kann: was kümmert's mich, ob ich in einer verständigen und vernünftigen lebe? Plato, Aristoteles, der selige Kant --"
"Mensch, Mensch, Mensch, mach mich nicht ganz verrückt!" rief ich, mit beiden Händen nach beiden Ohren fassend, und Stopfkuchen sprach lachend:
"Siehst Du, Eduard, so zahlt der überlegene Mensch nach Jahren ruhigen Wartens geduldig er- tragene Verspottung und Zurücksetzung heim. Darauf,
lange als möglich,“ ſagte Stopfkuchen. „Was ſollen auch die verſteinerten Geſichter? ziehe ich euch eines? Ne, dafür hat man ſich eben das ſchlechte Beiſpiel des Bauern auf der rothen Schanze zur Warnung dienen laſſen. An ſeinem Elend konnte man wohl lernen, ruhig, gleichmüthig den Weltlauf an ſich heran- kommen zu laſſen. Natürlich mit einer Anlage hierzu muß einer auch in die Welt hineingeſetzt worden ſein: es braucht nicht jeder die Forſche zu haben, das neue Deutſche Reich aufzurichten, hinzuſtellen und zu ſagen: Nun könnt ihr und ſo weiter . . . Jawohl, lieber Eduard, laß nur jeden auf ſeine Weiſe heraus aus dem Heerdenkaſten gehen. Da war zum Exempel der Heinrich Schaumann, den ihr Stopfkuchen nanntet. Er hat wenigſtens mal ganz und gar nach ſeiner Natur gelebt, hat gethan und hat gelaſſen was er thun oder was er laſſen mußte; — iſt es dann am Ende nachher ſeine Schuld, wenn in irgend einer Weiſe doch etwas Vernünftiges dabei herauskommt? Garnicht. Für dieſe Verantwortlichkeit danke ich ganz und gar. Da ich nicht in einer netten, ſaubern, durchaus behaglichen Welt leben kann: was kümmert's mich, ob ich in einer verſtändigen und vernünftigen lebe? Plato, Ariſtoteles, der ſelige Kant —“
„Menſch, Menſch, Menſch, mach mich nicht ganz verrückt!“ rief ich, mit beiden Händen nach beiden Ohren faſſend, und Stopfkuchen ſprach lachend:
„Siehſt Du, Eduard, ſo zahlt der überlegene Menſch nach Jahren ruhigen Wartens geduldig er- tragene Verſpottung und Zurückſetzung heim. Darauf,
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lange als möglich,“ ſagte Stopfkuchen. „Was ſollen
auch die verſteinerten Geſichter? ziehe ich euch eines?
Ne, dafür hat man ſich eben das ſchlechte Beiſpiel
des Bauern auf der rothen Schanze zur Warnung
dienen laſſen. An ſeinem Elend konnte man wohl
lernen, ruhig, gleichmüthig den Weltlauf an ſich heran-
kommen zu laſſen. Natürlich mit einer Anlage hierzu
muß einer auch in die Welt hineingeſetzt worden ſein:
es braucht nicht jeder die Forſche zu haben, das neue
Deutſche Reich aufzurichten, hinzuſtellen und zu ſagen:
Nun könnt ihr und ſo weiter . . . Jawohl, lieber
Eduard, laß nur jeden auf ſeine Weiſe heraus aus
dem Heerdenkaſten gehen. Da war zum Exempel der
Heinrich Schaumann, den ihr Stopfkuchen nanntet.
Er hat wenigſtens mal ganz und gar nach ſeiner
Natur gelebt, hat gethan und hat gelaſſen was er
thun oder was er laſſen mußte; — iſt es dann am
Ende nachher ſeine Schuld, wenn in irgend einer
Weiſe doch etwas Vernünftiges dabei herauskommt?
Garnicht. Für dieſe Verantwortlichkeit danke ich ganz
und gar. Da ich nicht in einer netten, ſaubern,
durchaus behaglichen Welt leben kann: was kümmert's
mich, ob ich in einer verſtändigen und vernünftigen
lebe? Plato, Ariſtoteles, der ſelige Kant —“
„Menſch, Menſch, Menſch, mach mich nicht ganz
verrückt!“ rief ich, mit beiden Händen nach beiden
Ohren faſſend, und Stopfkuchen ſprach lachend:
„Siehſt Du, Eduard, ſo zahlt der überlegene
Menſch nach Jahren ruhigen Wartens geduldig er-
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Wilhelm Raabes "Stopfkuchen. Eine See- und Mordge… [mehr]
Wilhelm Raabes "Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte" entstand ca. 1888/90. Der Text erschien zuerst 1891 in der Deutschen Roman-Zeitung (28. Jg., Nr. 1–6) und wurde für das Deutsche Textarchiv, gemäß den DTA-Leitlinien, nach der ersten selbstständigen Veröffentlichung digitalisiert.
Raabe, Wilhelm: Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte. Berlin, 1891, S. 126. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/raabe_stopfkuchen_1891/136>, abgerufen am 16.02.2025.
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