die Ostgothen in Italien auf seinen Beystand rech- nen zu können. Anastasius ließ ihm durch eine eigne Gesandtschaft die Würde eines Patricius an- tragen, die Chlodowig mit Anlegung der damit verbundenen Kleidung mit einem feierlichen Ritte in die Kirche übernahm. Es läßt sich zwar nicht genau bestimmen, was diese Würde damals be- deutete; (vielleicht war es etwas ähnliches, wie jetzt oft große Herren unter einander sich mit ihren Ritterorden beehren.) Es mag aber doch schon einige entfernte Beziehung darauf gehabt haben, was zwey hundert Jahre später noch einmal von der Würde eines Römischen Patricius vorkommen wird. In der Kirchthüre der Abtey St. Germain in der Vorstadt dieses Namens zu Paris soll Chlo- dowig in der Patricientracht in Stein ausgehauen noch jetzt zu sehen seyn.
IX.
Das letzte, womit Chlodowig selbst noch seinem neuen Reiche die völlige Ründung gab, macht sei- nem Herzen am wenigsten Ehre. Weil ihn ursprüng- lich nur einer der Fränkischen Stämme zum Be- fehlshaber gehabt hatte, so waren neben ihm noch andere zum Theil mit ihm verwandte Könige oder Befehlshaber anderer Fränkischen Stämme, als der Ripuarier zu Cölln, der Cenomannier zu Cam- bray u. s. w. Diese ließ er insgesammt durch aller- ley Mittel und Wege aus der Welt schaffen, um nicht nur seine neue Eroberungen, sondern auch alle ursprünglich Fränkische Gebiete, und also das ganze Fränkische Reich für sich und seine Nach- kommen ganz alleine zu haben. Der Bischof von Tours, dem wir die älteste Fränkische Geschichte zu danken haben, schreibt davon ganz kaltblütig:
"Chlo-
I. Alte Zeiten bis 888.
die Oſtgothen in Italien auf ſeinen Beyſtand rech- nen zu koͤnnen. Anaſtaſius ließ ihm durch eine eigne Geſandtſchaft die Wuͤrde eines Patricius an- tragen, die Chlodowig mit Anlegung der damit verbundenen Kleidung mit einem feierlichen Ritte in die Kirche uͤbernahm. Es laͤßt ſich zwar nicht genau beſtimmen, was dieſe Wuͤrde damals be- deutete; (vielleicht war es etwas aͤhnliches, wie jetzt oft große Herren unter einander ſich mit ihren Ritterorden beehren.) Es mag aber doch ſchon einige entfernte Beziehung darauf gehabt haben, was zwey hundert Jahre ſpaͤter noch einmal von der Wuͤrde eines Roͤmiſchen Patricius vorkommen wird. In der Kirchthuͤre der Abtey St. Germain in der Vorſtadt dieſes Namens zu Paris ſoll Chlo- dowig in der Patricientracht in Stein ausgehauen noch jetzt zu ſehen ſeyn.
IX.
Das letzte, womit Chlodowig ſelbſt noch ſeinem neuen Reiche die voͤllige Ruͤndung gab, macht ſei- nem Herzen am wenigſten Ehre. Weil ihn urſpruͤng- lich nur einer der Fraͤnkiſchen Staͤmme zum Be- fehlshaber gehabt hatte, ſo waren neben ihm noch andere zum Theil mit ihm verwandte Koͤnige oder Befehlshaber anderer Fraͤnkiſchen Staͤmme, als der Ripuarier zu Coͤlln, der Cenomannier zu Cam- bray u. ſ. w. Dieſe ließ er insgeſammt durch aller- ley Mittel und Wege aus der Welt ſchaffen, um nicht nur ſeine neue Eroberungen, ſondern auch alle urſpruͤnglich Fraͤnkiſche Gebiete, und alſo das ganze Fraͤnkiſche Reich fuͤr ſich und ſeine Nach- kommen ganz alleine zu haben. Der Biſchof von Tours, dem wir die aͤlteſte Fraͤnkiſche Geſchichte zu danken haben, ſchreibt davon ganz kaltbluͤtig:
”Chlo-
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I. Alte Zeiten bis 888.
die Oſtgothen in Italien auf ſeinen Beyſtand rech-
nen zu koͤnnen. Anaſtaſius ließ ihm durch eine
eigne Geſandtſchaft die Wuͤrde eines Patricius an-
tragen, die Chlodowig mit Anlegung der damit
verbundenen Kleidung mit einem feierlichen Ritte
in die Kirche uͤbernahm. Es laͤßt ſich zwar nicht
genau beſtimmen, was dieſe Wuͤrde damals be-
deutete; (vielleicht war es etwas aͤhnliches, wie
jetzt oft große Herren unter einander ſich mit ihren
Ritterorden beehren.) Es mag aber doch ſchon
einige entfernte Beziehung darauf gehabt haben,
was zwey hundert Jahre ſpaͤter noch einmal von
der Wuͤrde eines Roͤmiſchen Patricius vorkommen
wird. In der Kirchthuͤre der Abtey St. Germain
in der Vorſtadt dieſes Namens zu Paris ſoll Chlo-
dowig in der Patricientracht in Stein ausgehauen
noch jetzt zu ſehen ſeyn.
Das letzte, womit Chlodowig ſelbſt noch ſeinem
neuen Reiche die voͤllige Ruͤndung gab, macht ſei-
nem Herzen am wenigſten Ehre. Weil ihn urſpruͤng-
lich nur einer der Fraͤnkiſchen Staͤmme zum Be-
fehlshaber gehabt hatte, ſo waren neben ihm noch
andere zum Theil mit ihm verwandte Koͤnige oder
Befehlshaber anderer Fraͤnkiſchen Staͤmme, als
der Ripuarier zu Coͤlln, der Cenomannier zu Cam-
bray u. ſ. w. Dieſe ließ er insgeſammt durch aller-
ley Mittel und Wege aus der Welt ſchaffen, um
nicht nur ſeine neue Eroberungen, ſondern auch
alle urſpruͤnglich Fraͤnkiſche Gebiete, und alſo das
ganze Fraͤnkiſche Reich fuͤr ſich und ſeine Nach-
kommen ganz alleine zu haben. Der Biſchof von
Tours, dem wir die aͤlteſte Fraͤnkiſche Geſchichte
zu danken haben, ſchreibt davon ganz kaltbluͤtig:
”Chlo-
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Pütter, Johann Stephan: Historische Entwickelung der heutigen Staatsverfassung des Teutschen Reichs. Bd. 1: Bis 1558. Göttingen, 1786, S. 30. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/puetter_staatsverfassung01_1786/64>, abgerufen am 16.02.2025.
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