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[N. N.]: Im Zeichen des Sozialismus. In: Frauenwahlrecht! Herausgegeben zum Dritten Sozialdemokratischen Frauentag von Clara Zetkin. 2. März 1913. S. 1-2.

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Frauenwahlrecht
"verkauft der Proletarier sich selbst, sein Weib und seine Kin-
der in die Sklaverei".

Je reicher, kräftiger sich die "Vernunft" der kapitalistischen
Wirtschaft entfaltete, in um so größeren Scharen ward auch
die Frau Gegenstand dieses einen großen Handels und zu-
gleich "freie" Händlerin mit ihrer Arbeitskraft, mit sich selbst.
Zu Millionen erscheint sie heute auf dem Arbeitsmarkt:
das Mühen von Frauenhänden, das Sorgen von Frauen-
hirnen hilft alle Güter und Werte schaffen, die das Leben er-
halten, ihm Glanz und Tiefe verleihen. Unaufhaltsam und
in steigendem Maße erfüllt sich, was die ersten Vorkämpfe-
rinnen und Freunde des Frauenrechts geheischt haben. Es ist
der Schein zerstört, als ob das Weib seinen Unterhalt und
seinen Pflichtkreis nur im Schatten des Mannes und dank
seiner Arbeit finden könnte. Berufstätig steht es mitten in
der gesellschaftlichen Produktion, die ohne sein Schaffen un-
denkbar wäre. Jn Jndustrie und Landwirtschaft, in Handel
und Verkehr öffnen sich der Frau immer neue größere Er-
werbsgebiete. Jn den höheren Berufen erzwingt sie sich den
Zutritt zu den Tätigkeitsfeldern, auf denen zu wirken früher
das Vorrecht des Mannes war. Und nun, da sie auf der
festgegründeten dauernden Erde ihrer wirtschaftlichen Un-
abhängigkeit von Mann und Familie steht, beginnt die wei-
tere, die wichtigste Forderung der Bahnbrecher für volles
Weibesrecht Leben und Gestalt zu gewinnen, ihr "Endziel".

Das Frauenwahlrecht hat seinen Siegeslauf durch die Kul-
turwelt angetreten. Wir brauchen heute nicht mehr in die
australischen Kolonialländer Großbritanniens zu reisen, um
der Frau als Wählerin und Gewählter in Parlamenten und
Gemeindevertretungen zu begegnen. Jn der nordamerika-
nischen Union ist das Frauenwahlrecht zur Gesetzgebung
seit 1867 nach und nach in 10 Bundesstaaten eingeführt
worden, es besteht für eine wachsende Zahl von kommunalen
Verwaltungskörperschaften. Es hat sich auf dem einen oder
anderen Gebiet in Finnland, Schweden und Dänemark ein-
gebürgert. Jn Norwegen ist die Frau in der Gemeinde und
im Staat gleichberechtigt geworden, und in England hat nur
der Parteieigennutz der Liberalen verhindert, daß den seit
40 Jahren erprobten kommunalen Frauenwahlrechten in
diesen Tagen die politische Emanzipation des weiblichen Ge-
schlechts gefolgt ist. Heute ist es nicht mehr weitfliegende,
kühne Prophezeiung, heute ist es tödliche Sicherheit, daß es
nur noch eine Frage der Zeit ist, daß in allen Kulturländern
das Weib erhobenen Hauptes als politische Vollbürgerin
neben dem Manne steht, nicht mehr sein Mündel im öffent-
lichen Leben, sondern seine Gleichgeordnete und Gehilfin.

Denn heute sind es nicht mehr die ersten Zwölf, die mit
feurigen Zungen von der politischen Gleichberechtigung der
Frau reden. Auch die Hunderte und Tausende der kleinen
Gemeinden sind längst überholt. Es sind Millionen, die
wissen, wollen und kämpfen. Von den Skorpionen äußerer
und innerer Lebensnöte getrieben, erscheinen Frauenmassen
ihr Recht fordernd vor den Parlamenten, ihre schwielen-
harten Hände und verhärmten Gesichter als Urkunden ihres
arbeitsreichen Daseins zeigend, den Rechtstitel für ihr Be-
gehren. Zwar stößt dieses noch auf den zähesten Widerstand
gerade in den Ländern, wo - wie im Deutschen Reiche -
die Entwicklung der Dinge und der Wille der Frauen am
reifsten für die Reform sind. Jndessen steht hier die Rechts-
verweigerung in der Hauptsache und in Wirklichkeit auf
einem anderen Blatte als dem, wo einst im Namen Gottes,
der Natur und Moral die grundsätzliche Gegnerschaft wider
die politische Gleichberechtigung des Weibes mit feierlichen
Eiden beschworen wurde. Und dieses Blatt trägt in festen,
großen Zügen die Worte: Kein Recht für die arbeitenden,
ausgebeuteten Massen!

So ist das Ziel erreicht oder doch in greifbare Nähe ge-
rückt, das vor mehr als hundert Jahren denen leuchtend
winkte, die die Gleichwertung und Gleichberechtigung des
weiblichen Geschlechts verkündeten. Aber ist damit tatsächlich
ihr letztes und höchstes Jdeal verwirklicht? Nein! Denn das
war voll erblühte, harmonische Menschlichkeit auch für das[Spaltenumbruch] Weib, die Mutter. Was ist`s mit diesem herrlichen Jdeal nun,
da bürgerliche Natur und Vernunft zu ihrem Recht gekom-
men sind? Befragen wir die arbeitenden Frauen in den
Ländern, wo das Wahlrecht kein Vorrecht des Mannes ist!
Forschen wir dort nach, wo der Arbeiter nicht mehr durch
Standes- und Besitzunterschiede im Genuß vollen Bürger-
rechts beschränkt wird! Männer und Frauen zeigen trotzig
die Wunden, die die Herrschaft der "einen gewissenlosen
Handelsfreiheit", die der große Menschenhandel der kapita-
listischen Ausbeutung dem Leib und der Seele auch der Voll-
bürger schlägt. Das Weib, das dank seiner produktiven Ar-
beit in der Gesellschaft der Abhängigkeit vom Manne ent-
geht, wird die Beute des Kapitalisten. Der unvermeidliche
Handel mit ihrer Arbeitskraft bringt sie in neue Knecht-
schaft, und Knechtschaft besagt Verkümmerung, ja Vernich-
tung. "Nicht Linnen ist`s, das ihr verschleißt, nein, warmes
Menschenleben!" Nicht das Los einer Proletarierin, das
Los der Proletarierin ist es, das die bürgerliche Ordnung
im "Lied vom Hemde" anklagt.

Die Frauen und Männer, die an der Wende von der feu-
dalen zur kapitalistischen Wirtschaft Sturm wider die Recht-
losigkeit des weiblichen Geschlechts liefen, sahen diesen Zu-
sammenhang der Dinge nicht, der ihrer logischsten Gedanken-
gänge spottete und ihre teuersten Hoffnungen zertrat. Sie
ahnten nicht, daß ein und die nämliche Macht im Wider-
spiel ihre Träume vom gleichberechtigten und freien Weibe
rief und doch nicht reifen ließ. So konnten, so mußten sie
den Frauen einschärfen: Das Vorrecht des Mannes, das ist
der Feind! An diesem Punkte ist es, wo sich von ihren
Wegen die unseren scheiden müssen, gerade um deswegen,
weil uns die Freiheit, das Recht des Weibes nicht minder
heilig ist als ihnen. Nur in der Sonne der Freiheit können
die Mütter von Geschlechtern erblühen, die über uns hin-
auswachsen. Liegt so die Gleichberechtigung unseres Ge-
schlechts nicht auf dem Wege zur höheren Vollendung der
ganzen Menschheit, ist sie nicht eine Stufe für das Empor-
steigen von Weib und Mann?

Was den träumenden Philosophen und revolutionären
Kämpfern verborgen blieb, das ist den proletarischen Frauen
offenbar geworden. Sie haben die Wirklichkeit der Dinge
in den Gefilden des bürgerlichen Rechtsstaats kennen ge-
lernt. Der Kapitalismus ist in ihnen in die Mannesjahre
gekommen, er hat in der Gier seiner Ausbeutung alle
Hüllen abgeworfen, und die Lebenserfahrung hat den Blick
der proletarischen Frau für sein Wesen geschärft. Und je
inbrünstiger ihre Sehnsucht nach voller Menschlichkeit empor-
lodert, um so leidenschaftlicher wird ihr Ruf: Der Kapita-
lismus ist der Feind! Der Feind für Weib und Mann.

Doch siehe! Wenn die Proletarierin sich aufrichtet, um
zum Schlag gegen den Feind auszuholen, so empfindet sie
die rechtlichen Fesseln, die sie als Weib noch trägt. Ketten
umflirren Fuß und Arm, so daß sie nicht rüstig mit dem
Manne ausschreiten, nicht wie dieser zu kämpfen vermag. Für
ihr Menschentum gegen den Kapitalismus ringend, wird ihr
klar: die Rechtlosigkeit der Frau ist ein Feind. Ein Feind für
das Weib und auch für den Mann! Lähmt sie nicht die Kraft
seiner Kampfesgenossin? Überwinden wir diesen Feind!

Das ist der Ruf, der am sozialistischen Frauentag erklingt.
Ein Gelöbnis der Genossinnen, der erwachten Proletarie-
rinnen aller Länder, die eins sind in dem gleichen Ziel. Ein
Eidschwur der werktätigen Männer, die wissen, daß auch
dieser Kampf der ihre ist. Dankbar wollen wir uns derer
erinnern, die für ihn lange vor uns Waffen geschmiedet
haben. Und wenn wir, diese Waffen kritisch prüfend, uns
der Erkenntnisse freuen dürfen, an denen wir jener himmel-
stürmenden Vorhut im Kampfe überlegen sind, so sei es
unsere Sorge, daß wir ihn an Kühnheit, Selbstvertrauen
und begeisterter Hingabe nicht nachstehen. Wir bedürfen
dieser Kampfestugenden, denn heute steht unser Ringen im
Zeichen der sozialen Revolution, heute geht es auch in ihm
um das Ganze:

Um den Sozialismus, der Menschenrecht ist!

[Ende Spaltensatz]

Frauenwahlrecht
„verkauft der Proletarier sich selbst, sein Weib und seine Kin-
der in die Sklaverei“.

Je reicher, kräftiger sich die „Vernunft“ der kapitalistischen
Wirtschaft entfaltete, in um so größeren Scharen ward auch
die Frau Gegenstand dieses einen großen Handels und zu-
gleich „freie“ Händlerin mit ihrer Arbeitskraft, mit sich selbst.
Zu Millionen erscheint sie heute auf dem Arbeitsmarkt:
das Mühen von Frauenhänden, das Sorgen von Frauen-
hirnen hilft alle Güter und Werte schaffen, die das Leben er-
halten, ihm Glanz und Tiefe verleihen. Unaufhaltsam und
in steigendem Maße erfüllt sich, was die ersten Vorkämpfe-
rinnen und Freunde des Frauenrechts geheischt haben. Es ist
der Schein zerstört, als ob das Weib seinen Unterhalt und
seinen Pflichtkreis nur im Schatten des Mannes und dank
seiner Arbeit finden könnte. Berufstätig steht es mitten in
der gesellschaftlichen Produktion, die ohne sein Schaffen un-
denkbar wäre. Jn Jndustrie und Landwirtschaft, in Handel
und Verkehr öffnen sich der Frau immer neue größere Er-
werbsgebiete. Jn den höheren Berufen erzwingt sie sich den
Zutritt zu den Tätigkeitsfeldern, auf denen zu wirken früher
das Vorrecht des Mannes war. Und nun, da sie auf der
festgegründeten dauernden Erde ihrer wirtschaftlichen Un-
abhängigkeit von Mann und Familie steht, beginnt die wei-
tere, die wichtigste Forderung der Bahnbrecher für volles
Weibesrecht Leben und Gestalt zu gewinnen, ihr „Endziel“.

Das Frauenwahlrecht hat seinen Siegeslauf durch die Kul-
turwelt angetreten. Wir brauchen heute nicht mehr in die
australischen Kolonialländer Großbritanniens zu reisen, um
der Frau als Wählerin und Gewählter in Parlamenten und
Gemeindevertretungen zu begegnen. Jn der nordamerika-
nischen Union ist das Frauenwahlrecht zur Gesetzgebung
seit 1867 nach und nach in 10 Bundesstaaten eingeführt
worden, es besteht für eine wachsende Zahl von kommunalen
Verwaltungskörperschaften. Es hat sich auf dem einen oder
anderen Gebiet in Finnland, Schweden und Dänemark ein-
gebürgert. Jn Norwegen ist die Frau in der Gemeinde und
im Staat gleichberechtigt geworden, und in England hat nur
der Parteieigennutz der Liberalen verhindert, daß den seit
40 Jahren erprobten kommunalen Frauenwahlrechten in
diesen Tagen die politische Emanzipation des weiblichen Ge-
schlechts gefolgt ist. Heute ist es nicht mehr weitfliegende,
kühne Prophezeiung, heute ist es tödliche Sicherheit, daß es
nur noch eine Frage der Zeit ist, daß in allen Kulturländern
das Weib erhobenen Hauptes als politische Vollbürgerin
neben dem Manne steht, nicht mehr sein Mündel im öffent-
lichen Leben, sondern seine Gleichgeordnete und Gehilfin.

Denn heute sind es nicht mehr die ersten Zwölf, die mit
feurigen Zungen von der politischen Gleichberechtigung der
Frau reden. Auch die Hunderte und Tausende der kleinen
Gemeinden sind längst überholt. Es sind Millionen, die
wissen, wollen und kämpfen. Von den Skorpionen äußerer
und innerer Lebensnöte getrieben, erscheinen Frauenmassen
ihr Recht fordernd vor den Parlamenten, ihre schwielen-
harten Hände und verhärmten Gesichter als Urkunden ihres
arbeitsreichen Daseins zeigend, den Rechtstitel für ihr Be-
gehren. Zwar stößt dieses noch auf den zähesten Widerstand
gerade in den Ländern, wo – wie im Deutschen Reiche –
die Entwicklung der Dinge und der Wille der Frauen am
reifsten für die Reform sind. Jndessen steht hier die Rechts-
verweigerung in der Hauptsache und in Wirklichkeit auf
einem anderen Blatte als dem, wo einst im Namen Gottes,
der Natur und Moral die grundsätzliche Gegnerschaft wider
die politische Gleichberechtigung des Weibes mit feierlichen
Eiden beschworen wurde. Und dieses Blatt trägt in festen,
großen Zügen die Worte: Kein Recht für die arbeitenden,
ausgebeuteten Massen!

So ist das Ziel erreicht oder doch in greifbare Nähe ge-
rückt, das vor mehr als hundert Jahren denen leuchtend
winkte, die die Gleichwertung und Gleichberechtigung des
weiblichen Geschlechts verkündeten. Aber ist damit tatsächlich
ihr letztes und höchstes Jdeal verwirklicht? Nein! Denn das
war voll erblühte, harmonische Menschlichkeit auch für das[Spaltenumbruch] Weib, die Mutter. Was ist`s mit diesem herrlichen Jdeal nun,
da bürgerliche Natur und Vernunft zu ihrem Recht gekom-
men sind? Befragen wir die arbeitenden Frauen in den
Ländern, wo das Wahlrecht kein Vorrecht des Mannes ist!
Forschen wir dort nach, wo der Arbeiter nicht mehr durch
Standes- und Besitzunterschiede im Genuß vollen Bürger-
rechts beschränkt wird! Männer und Frauen zeigen trotzig
die Wunden, die die Herrschaft der „einen gewissenlosen
Handelsfreiheit“, die der große Menschenhandel der kapita-
listischen Ausbeutung dem Leib und der Seele auch der Voll-
bürger schlägt. Das Weib, das dank seiner produktiven Ar-
beit in der Gesellschaft der Abhängigkeit vom Manne ent-
geht, wird die Beute des Kapitalisten. Der unvermeidliche
Handel mit ihrer Arbeitskraft bringt sie in neue Knecht-
schaft, und Knechtschaft besagt Verkümmerung, ja Vernich-
tung. „Nicht Linnen ist`s, das ihr verschleißt, nein, warmes
Menschenleben!“ Nicht das Los einer Proletarierin, das
Los der Proletarierin ist es, das die bürgerliche Ordnung
im „Lied vom Hemde“ anklagt.

Die Frauen und Männer, die an der Wende von der feu-
dalen zur kapitalistischen Wirtschaft Sturm wider die Recht-
losigkeit des weiblichen Geschlechts liefen, sahen diesen Zu-
sammenhang der Dinge nicht, der ihrer logischsten Gedanken-
gänge spottete und ihre teuersten Hoffnungen zertrat. Sie
ahnten nicht, daß ein und die nämliche Macht im Wider-
spiel ihre Träume vom gleichberechtigten und freien Weibe
rief und doch nicht reifen ließ. So konnten, so mußten sie
den Frauen einschärfen: Das Vorrecht des Mannes, das ist
der Feind! An diesem Punkte ist es, wo sich von ihren
Wegen die unseren scheiden müssen, gerade um deswegen,
weil uns die Freiheit, das Recht des Weibes nicht minder
heilig ist als ihnen. Nur in der Sonne der Freiheit können
die Mütter von Geschlechtern erblühen, die über uns hin-
auswachsen. Liegt so die Gleichberechtigung unseres Ge-
schlechts nicht auf dem Wege zur höheren Vollendung der
ganzen Menschheit, ist sie nicht eine Stufe für das Empor-
steigen von Weib und Mann?

Was den träumenden Philosophen und revolutionären
Kämpfern verborgen blieb, das ist den proletarischen Frauen
offenbar geworden. Sie haben die Wirklichkeit der Dinge
in den Gefilden des bürgerlichen Rechtsstaats kennen ge-
lernt. Der Kapitalismus ist in ihnen in die Mannesjahre
gekommen, er hat in der Gier seiner Ausbeutung alle
Hüllen abgeworfen, und die Lebenserfahrung hat den Blick
der proletarischen Frau für sein Wesen geschärft. Und je
inbrünstiger ihre Sehnsucht nach voller Menschlichkeit empor-
lodert, um so leidenschaftlicher wird ihr Ruf: Der Kapita-
lismus ist der Feind! Der Feind für Weib und Mann.

Doch siehe! Wenn die Proletarierin sich aufrichtet, um
zum Schlag gegen den Feind auszuholen, so empfindet sie
die rechtlichen Fesseln, die sie als Weib noch trägt. Ketten
umflirren Fuß und Arm, so daß sie nicht rüstig mit dem
Manne ausschreiten, nicht wie dieser zu kämpfen vermag. Für
ihr Menschentum gegen den Kapitalismus ringend, wird ihr
klar: die Rechtlosigkeit der Frau ist ein Feind. Ein Feind für
das Weib und auch für den Mann! Lähmt sie nicht die Kraft
seiner Kampfesgenossin? Überwinden wir diesen Feind!

Das ist der Ruf, der am sozialistischen Frauentag erklingt.
Ein Gelöbnis der Genossinnen, der erwachten Proletarie-
rinnen aller Länder, die eins sind in dem gleichen Ziel. Ein
Eidschwur der werktätigen Männer, die wissen, daß auch
dieser Kampf der ihre ist. Dankbar wollen wir uns derer
erinnern, die für ihn lange vor uns Waffen geschmiedet
haben. Und wenn wir, diese Waffen kritisch prüfend, uns
der Erkenntnisse freuen dürfen, an denen wir jener himmel-
stürmenden Vorhut im Kampfe überlegen sind, so sei es
unsere Sorge, daß wir ihn an Kühnheit, Selbstvertrauen
und begeisterter Hingabe nicht nachstehen. Wir bedürfen
dieser Kampfestugenden, denn heute steht unser Ringen im
Zeichen der sozialen Revolution, heute geht es auch in ihm
um das Ganze:

Um den Sozialismus, der Menschenrecht ist!

[Ende Spaltensatz]
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Jn Jndustrie und Landwirtschaft, in Handel und Verkehr öffnen sich der Frau immer neue größere Er- werbsgebiete. Jn den höheren Berufen erzwingt sie sich den Zutritt zu den Tätigkeitsfeldern, auf denen zu wirken früher das Vorrecht des Mannes war. Und nun, da sie auf der festgegründeten dauernden Erde ihrer wirtschaftlichen Un- abhängigkeit von Mann und Familie steht, beginnt die wei- tere, die wichtigste Forderung der Bahnbrecher für volles Weibesrecht Leben und Gestalt zu gewinnen, ihr „Endziel“. Das Frauenwahlrecht hat seinen Siegeslauf durch die Kul- turwelt angetreten. Wir brauchen heute nicht mehr in die australischen Kolonialländer Großbritanniens zu reisen, um der Frau als Wählerin und Gewählter in Parlamenten und Gemeindevertretungen zu begegnen. Jn der nordamerika- nischen Union ist das Frauenwahlrecht zur Gesetzgebung seit 1867 nach und nach in 10 Bundesstaaten eingeführt worden, es besteht für eine wachsende Zahl von kommunalen Verwaltungskörperschaften. Es hat sich auf dem einen oder anderen Gebiet in Finnland, Schweden und Dänemark ein- gebürgert. Jn Norwegen ist die Frau in der Gemeinde und im Staat gleichberechtigt geworden, und in England hat nur der Parteieigennutz der Liberalen verhindert, daß den seit 40 Jahren erprobten kommunalen Frauenwahlrechten in diesen Tagen die politische Emanzipation des weiblichen Ge- schlechts gefolgt ist. Heute ist es nicht mehr weitfliegende, kühne Prophezeiung, heute ist es tödliche Sicherheit, daß es nur noch eine Frage der Zeit ist, daß in allen Kulturländern das Weib erhobenen Hauptes als politische Vollbürgerin neben dem Manne steht, nicht mehr sein Mündel im öffent- lichen Leben, sondern seine Gleichgeordnete und Gehilfin. Denn heute sind es nicht mehr die ersten Zwölf, die mit feurigen Zungen von der politischen Gleichberechtigung der Frau reden. Auch die Hunderte und Tausende der kleinen Gemeinden sind längst überholt. Es sind Millionen, die wissen, wollen und kämpfen. Von den Skorpionen äußerer und innerer Lebensnöte getrieben, erscheinen Frauenmassen ihr Recht fordernd vor den Parlamenten, ihre schwielen- harten Hände und verhärmten Gesichter als Urkunden ihres arbeitsreichen Daseins zeigend, den Rechtstitel für ihr Be- gehren. Zwar stößt dieses noch auf den zähesten Widerstand gerade in den Ländern, wo – wie im Deutschen Reiche – die Entwicklung der Dinge und der Wille der Frauen am reifsten für die Reform sind. Jndessen steht hier die Rechts- verweigerung in der Hauptsache und in Wirklichkeit auf einem anderen Blatte als dem, wo einst im Namen Gottes, der Natur und Moral die grundsätzliche Gegnerschaft wider die politische Gleichberechtigung des Weibes mit feierlichen Eiden beschworen wurde. Und dieses Blatt trägt in festen, großen Zügen die Worte: Kein Recht für die arbeitenden, ausgebeuteten Massen! So ist das Ziel erreicht oder doch in greifbare Nähe ge- rückt, das vor mehr als hundert Jahren denen leuchtend winkte, die die Gleichwertung und Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts verkündeten. Aber ist damit tatsächlich ihr letztes und höchstes Jdeal verwirklicht? Nein! Denn das war voll erblühte, harmonische Menschlichkeit auch für das Weib, die Mutter. Was ist`s mit diesem herrlichen Jdeal nun, da bürgerliche Natur und Vernunft zu ihrem Recht gekom- men sind? Befragen wir die arbeitenden Frauen in den Ländern, wo das Wahlrecht kein Vorrecht des Mannes ist! Forschen wir dort nach, wo der Arbeiter nicht mehr durch Standes- und Besitzunterschiede im Genuß vollen Bürger- rechts beschränkt wird! Männer und Frauen zeigen trotzig die Wunden, die die Herrschaft der „einen gewissenlosen Handelsfreiheit“, die der große Menschenhandel der kapita- listischen Ausbeutung dem Leib und der Seele auch der Voll- bürger schlägt. Das Weib, das dank seiner produktiven Ar- beit in der Gesellschaft der Abhängigkeit vom Manne ent- geht, wird die Beute des Kapitalisten. Der unvermeidliche Handel mit ihrer Arbeitskraft bringt sie in neue Knecht- schaft, und Knechtschaft besagt Verkümmerung, ja Vernich- tung. „Nicht Linnen ist`s, das ihr verschleißt, nein, warmes Menschenleben!“ Nicht das Los einer Proletarierin, das Los der Proletarierin ist es, das die bürgerliche Ordnung im „Lied vom Hemde“ anklagt. Die Frauen und Männer, die an der Wende von der feu- dalen zur kapitalistischen Wirtschaft Sturm wider die Recht- losigkeit des weiblichen Geschlechts liefen, sahen diesen Zu- sammenhang der Dinge nicht, der ihrer logischsten Gedanken- gänge spottete und ihre teuersten Hoffnungen zertrat. Sie ahnten nicht, daß ein und die nämliche Macht im Wider- spiel ihre Träume vom gleichberechtigten und freien Weibe rief und doch nicht reifen ließ. So konnten, so mußten sie den Frauen einschärfen: Das Vorrecht des Mannes, das ist der Feind! An diesem Punkte ist es, wo sich von ihren Wegen die unseren scheiden müssen, gerade um deswegen, weil uns die Freiheit, das Recht des Weibes nicht minder heilig ist als ihnen. Nur in der Sonne der Freiheit können die Mütter von Geschlechtern erblühen, die über uns hin- auswachsen. Liegt so die Gleichberechtigung unseres Ge- schlechts nicht auf dem Wege zur höheren Vollendung der ganzen Menschheit, ist sie nicht eine Stufe für das Empor- steigen von Weib und Mann? Was den träumenden Philosophen und revolutionären Kämpfern verborgen blieb, das ist den proletarischen Frauen offenbar geworden. Sie haben die Wirklichkeit der Dinge in den Gefilden des bürgerlichen Rechtsstaats kennen ge- lernt. Der Kapitalismus ist in ihnen in die Mannesjahre gekommen, er hat in der Gier seiner Ausbeutung alle Hüllen abgeworfen, und die Lebenserfahrung hat den Blick der proletarischen Frau für sein Wesen geschärft. Und je inbrünstiger ihre Sehnsucht nach voller Menschlichkeit empor- lodert, um so leidenschaftlicher wird ihr Ruf: Der Kapita- lismus ist der Feind! Der Feind für Weib und Mann. Doch siehe! Wenn die Proletarierin sich aufrichtet, um zum Schlag gegen den Feind auszuholen, so empfindet sie die rechtlichen Fesseln, die sie als Weib noch trägt. Ketten umflirren Fuß und Arm, so daß sie nicht rüstig mit dem Manne ausschreiten, nicht wie dieser zu kämpfen vermag. Für ihr Menschentum gegen den Kapitalismus ringend, wird ihr klar: die Rechtlosigkeit der Frau ist ein Feind. Ein Feind für das Weib und auch für den Mann! Lähmt sie nicht die Kraft seiner Kampfesgenossin? Überwinden wir diesen Feind! Das ist der Ruf, der am sozialistischen Frauentag erklingt. Ein Gelöbnis der Genossinnen, der erwachten Proletarie- rinnen aller Länder, die eins sind in dem gleichen Ziel. Ein Eidschwur der werktätigen Männer, die wissen, daß auch dieser Kampf der ihre ist. Dankbar wollen wir uns derer erinnern, die für ihn lange vor uns Waffen geschmiedet haben. Und wenn wir, diese Waffen kritisch prüfend, uns der Erkenntnisse freuen dürfen, an denen wir jener himmel- stürmenden Vorhut im Kampfe überlegen sind, so sei es unsere Sorge, daß wir ihn an Kühnheit, Selbstvertrauen und begeisterter Hingabe nicht nachstehen. Wir bedürfen dieser Kampfestugenden, denn heute steht unser Ringen im Zeichen der sozialen Revolution, heute geht es auch in ihm um das Ganze: Um den Sozialismus, der Menschenrecht ist!

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Texte der ersten Frauenbewegung, betreut von Anna Pfundt und Thomas Gloning, JLU Gießen: Bereitstellung der Texttranskription. (2020-06-30T15:11:17Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Anna Pfundt: Bearbeitung der digitalen Edition. (2020-06-30T15:11:17Z)

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Zitationshilfe: [N. N.]: Im Zeichen des Sozialismus. In: Frauenwahlrecht! Herausgegeben zum Dritten Sozialdemokratischen Frauentag von Clara Zetkin. 2. März 1913. S. 1-2, S. 2. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_sozialismus_1913/2>, abgerufen am 08.08.2022.