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Reichspost. Nr. 309, Wien, 04.07.1914. Beilage.

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Nachmittags-
ausgabe 4 h
Morgenblatt 8 h
in Wien.
Redaktion, Verwaltung,
Druckerei:
Wien, VIII. Strozzi-
gasse 8, Telephon: 18082, 13870,
22641. Postsparkassenkonto Oester-
reich 80656, Ungarn 8, Vosuien-
Herzegovina 7744. Stadtbureau:

I. Schulerstraße 21, Telephon:
2926.
Inseratenannahme:
Wien, VIII.
Strozzigasse 8, Telephon: 13870,
Wien, I. Neuer Markt 3, Telephon:
8374
sowie bei allen Annoncen-
bureaus des In- und Aus-
landes.


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Nachmittagsausgabe.
Reichspost
Unabhängiges Tagblatt für das christliche Volk Oesterreich-Ungarns.

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Bezugspreise:
bei täglich zweimaliger Zustellung
für Wien:
monatlich ....... K 3.70
vierteljährlich ..... " 11.50
halbhährlich ...... " 22.--
Für Oesterreich-Ungarn:
monatlich ....... K 3.85
vierteljährlich ...... " 11.50
halbjährlich ....... " 23.--
Bei täglich einmaliger Zustellung
(das Morgenblatt zugleich mit
der Nachmittagsausgabe des vor-
herigen Tages) für auswärts:
monatlich ....... K 3.50
vierteljährlich ....... " 10.50
halbjährlich ........ " 21.--
Für Deutschland:
vierteljährlich Kreuzbandsendung
K 16.--
Lünder des Weltpostvereines:
vierteljährlich Kreuzbandsendung
K 22.--




Nr. 309 Wien, Samstag den 4. Juli 1914 XXI. Jahrgang



Erzherzog Franz Ferdinand +.

[Spaltenumbruch]
Heimfahrt.

Fahles Morgengrauen bringt erste, aufzitternde
Helle über die weiten Donauauen vor Pöchlarn. Von
den hohen stromumkränzenden Waldbergen steigen graue,
schwere Nebelschwaden, lösen sich in wirr zerrissene,
wolkige Schleier, die über den müde stromabwärts-
gleitenden Wassern der Donau wallen. Im
Herzen der heimischen Ostmark, hier am sagen-
umwobenen Nibelungenstrome, auf dem schon in
altersgrauen Tagen jene vom ruhmreichen Le-
gendenkranz verklärten, heldenhaften Recken "gen
Heuneland" zogen, trat der unvergeßliche tote Thron-
folger seine allerletzte Fahrt an. Heim ins Haus des
Vaters, in dem ihm die glücklichste Kindheit, ein frohes
Jünglingsalter beschieden war. Heim nach Artstetten,
dem geliebten, von unzähligen schönen Erinnerungen er-
füllten Waldesboden, an dem des Reiches Erbe mit
wahrhaft kindlicher Liebe hing, nach dem er, inmitten
prunkender Feste wie in ferner Weite, stets eine stille
Sehnsucht und ein zehrendes Heimweh trug. Noch vor
Monden, da gewiß niemand im ganzen Vaterlande an
einen so jähen und entsetzlichen Tod dieses unermüdlich
für Oesterreichs Heerwesen und Staatswohl schaffenden
Habsburger Prinzen gedacht hat, vermochte Artstetten
seinen so viel verehrten und geliebten Schloßherrn zu
begrüßen.

"Ich komme im Sommer wieder!" sagte damals
der Erzherzog zu seinen biederen, ländlichen Getreuen.
Und nun ist er wiedergekommen -- als ein Toter.
Mitten in blühendstem Mannesalter aus einem glück-
und friedvollen Leben gerissen, mitten im besten und
segensvollen Schaffen fiel er unter ruchloser Mörder-
hand auf dem Felde heldenhaftester Ehre. Groß, stark
und treu -- starb er am Wege ...

Unten am Strome, bei der schwarzbehängten Fähre
von Klein-Pöchlarn steigt von unzähligen brennenden
Fackeln der wallende Rauch wie von einem einzigen, er-
greifenden Totenopfer in die morgenblasse Luft. Ins kaum
erwachte Tageslicht dringt neuerdings ein banger,
schwerer Düsterschein, als klage die Natur selbst ob
des Fürsten und Helden, der heute seine Heimfahrt
beendet, als wolle sie Auroras Strahlenmacht mit
einem mächtigen wolkigen Bahrtuch eines trauernden
Dunkels bannen. Finstere Gewitterwolken schieben sich
dräuend zusammen, verfinstern aufs neue das kaum zu
morgenblasser Helle gekommene Firmament. Grell auf-
leuchtende Blitze tauchen die ganze Uferland-
schaft wie in brandende Lohe, und grollender
Donner kracht über den Häuptern der vielen, der
Ankunft des hohen Totenpaares harrenden
Landleute. Auf Meilen hinaus bilden sie ein von
treuer Liebe und Verehrung beredtes Zeugnis gebendes
Spalier. Stundenweit sind sie hergekommen und warten
nun in ehrfurchtsvollem Schweigen. Niemand schläft
heute in all diesen umliegenden Landorten, jedes Auge
ist offen und voll bitterster Tränen ...

Knapp bevor die erste Stunde des jungen Tages
beendet ist, langte der Trauerzug in Pöchlarn ein.
Unter hallendem Glockengeläute werden die beiden Särge
senseits der Donau auf die dunkel behängten Leichen-
wagen gehoben und in der Gefolgschaft von Kreuz-
[Spaltenumbruch] trägern, Veteranen und Feuerwehrmannschaften setzt sich
der trauernde Zug in Bewegung. Zieht durch die
grünen Wälder, in denen nun nach dem vorüber-
gezogenen Gewitter ein solch würziger
Odem, ein so reizvolles, von den ersten Sonnen-
strahlen verklärtes Waldweben beginnt. Gleich zitterndem
Gold huschen die Lichtstrahlen über die wirrzerfransten,
bläulichen Wipfeln der Föhren, melodische Vogelstimmen
erwachen -- der prächtigste Frühsommertag schlägt seine
großen, lachenden Augen auf. Doch welch entsetzlicher,
überwältigender Gegensatz! Mitten in all dieser won-
nigen Pracht und Herrlichkeit der Zug der Toten ...

Und dann nach Stunden, nach langsamer,
mühseliger, von Klagen, Leid und Tränen genug-
sam begleiteter Fahrt sind Franz Ferdinand von
Oesterreich-Este und seine Gemahlin im Hause
des Vaters angelangt. Das von den fünf weit ins
Land hinausleuchtenden Kuppeln umtürmte Dach des
Schloßes Artstetten wölbt sich wieder über ihnen, sie sind
beide nun wieder -- daheim. In der lieblichen, idyllisch
gelegenen Schloßkirche ruhen sie nun, umwallt von
dem betäubenden Dufte zahlreicher Blumengewinde.
Lautes Beten, qualvolles Schluchzen durchdringt wie
ein Ton der Klage das Gotteshaus. An der Bahre
knieen neben dem schwer heimgesuchten neuen Thron-
folger die dem fassungslosesten Schmerze anheim-
gefallenen Kinder, über deren jugendliche, gebeugte
Köpfe das Licht der in den vielarmigen sil-
bernen Girandolen hochaufflackernden Kerzen fällt.

Endlich nahen durch die schweren, wie Nebel herab-
wallenden Weihrauchwolken die Soldaten jenes Regi-
ments, das des Verewigten Namen trug und das er so
sehr liebte. In der schmucken Ulanka stehen sie jetzt in
Reih und Glied neben den Särgen. Beim Ertönen eines
vielstimmigen und ergreifend seierlichen Misereres
heben sie nun den Sarg des Thronfolgers und tragen
denselben hinaus auf das Kirchenplateau. Von dort geht
ihr leidvoller Weg durch das mit dem erzherzoglichen
Wappen geschmückte Sandsteinportal der Gruft zu. Auf
den Schultern alter, weinender Hauslakeien folgt der
Sarg der Herzogin jenem ihres Gemahls. In der stillen
Säulenhalle des Mausoleums findet nun der letzte Ab-
schied statt. Kranz auf Kranz häuft sich zu Füßen der
Toten und wehmutsvolle Klage kann lange kein Ende
finden. Gebrochen und wankenden Schrittes verlassen
endlich die schmerzzerwühlten hohen Hinterbliebenen die
Grabkapelle und schwer schließt sich die Grufttüre hinter
dem Letzten. Draußen ist lachender Tag, Falter wiegen
sich in heiterer, blauender Sommerluft, unzählige Vög-
lein wetteifern im trillernden Lobgesang, allüberall ist
Blühen und Lust und Leben, als würde es nie ein
Daseinsende, keine Vernichtung geben.

In diese treue und schöne Heimatserde sind nun
Franz Ferdinand von Oesterreich-Este und Sofie von
Hohenberg zur ewigen Ruhe gebettet. Möge ihnen, was
all die Völker unserer weiten Monarchie in dieser
schweren Schicksalsstunde in heißem und aufrichtigem
Gebet erflehen, die vaterländische Erde, auf der sie in so
segensreichem, unermüdlichem und liebevollem Wirken
allzeit gewandelt, leicht werden!




[Spaltenumbruch]
Die Beisetzung in Artstetten.
Der Trauerzug im Gewittersturm.


Nachdem der Waggon mit den Särgen des Herrn
Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand und dessen
Gemahlin auf ein Nebengeleise geschoben worden war,
wurden den übrigen Waggons die zahllosen Kranz-
spenden entnommen und auf Wagen verladen.

Um 1/23 Uhr früh ging ein außerordent-
lich starkes Gewitter über Groß-Pöch-
larn nieder;
im strömenden Regen wurden die
beiden Särge von Hausoffizieren der Wiener städtischen
Leichenbestattung gehoben und über den Bahnsteig an
einem dichten Spalier fackeltragender Veteranen und
Feuerwehrleute aus der ganzen Umgebung vorbei in den
herrlich geschmückten Wartesaal getragen, wo sie auf
Bahren niedergelassen wurden.

Zwölf Offiziere des Ulanenregiments Erzherzog
Franz Ferdinand von Oesterreich-Este Nr. 7 hielten mit
gezogenem Säbel die Ehrenwache. Der Stadtpfarrer
von Groß-Pöchlarn Reichsratsabgeordneter Bauchinger
nahm unter Assistenz der Ortsgeistlichkeit die Ein-
segnung der Leichen
vor.

Dem feierlichen Akte wohnten bei: Obersthofmeister
Freiherr v. Rumerskirch, Flügeladjutant Oberst
Dr. Bardolff, die Dienstkämmerer Rittmeister Graf van
der Straaten und Dr. Freiherr v. Morsey, Sekretär
Nikitsch, das erzherzogliche Kammerpersonal, der Bezirks-
hauptmann von Melk Statthaltereirat Graf Mac Caffry,
der Bezirkshauptmann von Beneschau Dr. Hejda, der
Stationsvorstand von Pöchlarn Hatter, der Stations-
vorstand von Beneschau Renelt, Landesgendarmerie-
kommandant Oberst Gautsch v. Frankenthurn, Oberst-
leutnant Nickel v. Ragenfeld des in Beneschau
garnisonierenden Infanterieregimentes Nr. 102, Major
Stransky des Landwehrinfanterieregimentes Nr. 28, der
Postamtsdirektor von Beneschau Friedrich, der Domänen-
direktor von Konopischt Schneiberg, der Konopischter
Schloßverwalter Lehrer, der Leibarzt der verstorbenen
Herzogin Primarius Dr. Teuner, ferner der Bürger-
meister von Größ-Pöchlarn Wrann mit den Gemeinde-
räten.

Nach der heiligen Handlung hatte sich der
Gewittersturm noch nicht gelegt.
Da
auch der Regen an Heftigkeit nicht nachgelassen hatte,
wurden die Särge nicht sofort in die Fourgons gehoben.
Erst um 1/24 Uhr morgens, als das Gewitter einiger-
maßen nachgelassen hatte, hoben Hausoffiziere der
Leichenbestattung die Särge in die vor dem Bahnhof
stehenden mit vier Rappen bespannten Glas-Galaleichen-
wagen. Geführt von Vorreitern mit Laternen setzte sich
der Trauerzug, dem in Automobilen die Suite und die
übrigen Trauergäste folgten, durch die Straßen von
Groß-Pöchlarn zum Donauufer in Bewegung. Veteranen
und Feuerwehrleute sowie ein trotz der ungewöhnlichen
Stunde sehr zahlreich angesammeltes Publikum entboten
in stummer Ergriffenheit den Verewigten die letzten, ehr-
erbietigen Grüße.




Die letzte Fahrt über die Donau.

Um 4 Uhr morgens war der Zug am Donauufer
angelangt. Der Regen hatte aufgehört. Ein trüber
Morgen war angebrochen. Im Dämmerlicht verblaßten
die Oriflammen, die an den Brückenköpfen der Anlege-
plätze hüben und drüben loderten. Die Fourgons wurden
auf die Rollfähre geschoben, die, vom Besitzer
Freih. v. Tinti geführt, langsam den Donaustrom
übersetzte.
Es war ein schaurig schöner Anblick,
als das Trauerschiff die irdischen Hüllen des Erzherzog-
Thronfolgers und dessen Gemahlin hinüberführte zur
letzten Ruhestätte.

Am jenseitigen Ufer angelangt, setzte der Zug seinen
Weg nach dem Schlosse fort. Eine 31/2 Kilometer lange
ziemlich steil ansteigende Straße führt vom Ufer zum
Schloß hinan. Veteranen und Feuerwehrleute bildeten

[Spaltenumbruch]

Nachmittags-
ausgabe 4 h
Morgenblatt 8 h
in Wien.
Redaktion, Verwaltung,
Druckerei:
Wien, VIII. Strozzi-
gaſſe 8, Telephon: 18082, 13870,
22641. Poſtſparkaſſenkonto Oeſter-
reich 80656, Ungarn 8, Vosuien-
Herzegovina 7744. Stadtbureau:

I. Schulerſtraße 21, Telephon:
2926.
Inſeratenannahme:
Wien, VIII.
Strozzigaſſe 8, Telephon: 13870,
Wien, I. Neuer Markt 3, Telephon:
8374
ſowie bei allen Annoncen-
bureaus des In- und Aus-
landes.


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Nachmittagsausgabe.
Reichspost
Unabhängiges Tagblatt für das chriſtliche Volk Oeſterreich-Ungarns.

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Bezugspreiſe:
bei täglich zweimaliger Zuſtellung
für Wien:
monatlich ....... K 3.70
vierteljährlich ..... „ 11.50
halbhährlich ...... „ 22.—
Für Oeſterreich-Ungarn:
monatlich ....... K 3.85
vierteljährlich ...... „ 11.50
halbjährlich ....... „ 23.—
Bei täglich einmaliger Zuſtellung
(das Morgenblatt zugleich mit
der Nachmittagsausgabe des vor-
herigen Tages) für auswärts:
monatlich ....... K 3.50
vierteljährlich ....... „ 10.50
halbjährlich ........ „ 21.—
Für Deutſchland:
vierteljährlich Kreuzbandſendung
K 16.—
Lünder des Weltpoſtvereines:
vierteljährlich Kreuzbandſendung
K 22.—




Nr. 309 Wien, Samstag den 4. Juli 1914 XXI. Jahrgang



Erzherzog Franz Ferdinand †.

[Spaltenumbruch]
Heimfahrt.

Fahles Morgengrauen bringt erſte, aufzitternde
Helle über die weiten Donauauen vor Pöchlarn. Von
den hohen ſtromumkränzenden Waldbergen ſteigen graue,
ſchwere Nebelſchwaden, löſen ſich in wirr zerriſſene,
wolkige Schleier, die über den müde ſtromabwärts-
gleitenden Waſſern der Donau wallen. Im
Herzen der heimiſchen Oſtmark, hier am ſagen-
umwobenen Nibelungenſtrome, auf dem ſchon in
altersgrauen Tagen jene vom ruhmreichen Le-
gendenkranz verklärten, heldenhaften Recken „gen
Heuneland“ zogen, trat der unvergeßliche tote Thron-
folger ſeine allerletzte Fahrt an. Heim ins Haus des
Vaters, in dem ihm die glücklichſte Kindheit, ein frohes
Jünglingsalter beſchieden war. Heim nach Artſtetten,
dem geliebten, von unzähligen ſchönen Erinnerungen er-
füllten Waldesboden, an dem des Reiches Erbe mit
wahrhaft kindlicher Liebe hing, nach dem er, inmitten
prunkender Feſte wie in ferner Weite, ſtets eine ſtille
Sehnſucht und ein zehrendes Heimweh trug. Noch vor
Monden, da gewiß niemand im ganzen Vaterlande an
einen ſo jähen und entſetzlichen Tod dieſes unermüdlich
für Oeſterreichs Heerweſen und Staatswohl ſchaffenden
Habsburger Prinzen gedacht hat, vermochte Artſtetten
ſeinen ſo viel verehrten und geliebten Schloßherrn zu
begrüßen.

„Ich komme im Sommer wieder!“ ſagte damals
der Erzherzog zu ſeinen biederen, ländlichen Getreuen.
Und nun iſt er wiedergekommen — als ein Toter.
Mitten in blühendſtem Mannesalter aus einem glück-
und friedvollen Leben geriſſen, mitten im beſten und
ſegensvollen Schaffen fiel er unter ruchloſer Mörder-
hand auf dem Felde heldenhafteſter Ehre. Groß, ſtark
und treu — ſtarb er am Wege ...

Unten am Strome, bei der ſchwarzbehängten Fähre
von Klein-Pöchlarn ſteigt von unzähligen brennenden
Fackeln der wallende Rauch wie von einem einzigen, er-
greifenden Totenopfer in die morgenblaſſe Luft. Ins kaum
erwachte Tageslicht dringt neuerdings ein banger,
ſchwerer Düſterſchein, als klage die Natur ſelbſt ob
des Fürſten und Helden, der heute ſeine Heimfahrt
beendet, als wolle ſie Auroras Strahlenmacht mit
einem mächtigen wolkigen Bahrtuch eines trauernden
Dunkels bannen. Finſtere Gewitterwolken ſchieben ſich
dräuend zuſammen, verfinſtern aufs neue das kaum zu
morgenblaſſer Helle gekommene Firmament. Grell auf-
leuchtende Blitze tauchen die ganze Uferland-
ſchaft wie in brandende Lohe, und grollender
Donner kracht über den Häuptern der vielen, der
Ankunft des hohen Totenpaares harrenden
Landleute. Auf Meilen hinaus bilden ſie ein von
treuer Liebe und Verehrung beredtes Zeugnis gebendes
Spalier. Stundenweit ſind ſie hergekommen und warten
nun in ehrfurchtsvollem Schweigen. Niemand ſchläft
heute in all dieſen umliegenden Landorten, jedes Auge
iſt offen und voll bitterſter Tränen ...

Knapp bevor die erſte Stunde des jungen Tages
beendet iſt, langte der Trauerzug in Pöchlarn ein.
Unter hallendem Glockengeläute werden die beiden Särge
ſenſeits der Donau auf die dunkel behängten Leichen-
wagen gehoben und in der Gefolgſchaft von Kreuz-
[Spaltenumbruch] trägern, Veteranen und Feuerwehrmannſchaften ſetzt ſich
der trauernde Zug in Bewegung. Zieht durch die
grünen Wälder, in denen nun nach dem vorüber-
gezogenen Gewitter ein ſolch würziger
Odem, ein ſo reizvolles, von den erſten Sonnen-
ſtrahlen verklärtes Waldweben beginnt. Gleich zitterndem
Gold huſchen die Lichtſtrahlen über die wirrzerfranſten,
bläulichen Wipfeln der Föhren, melodiſche Vogelſtimmen
erwachen — der prächtigſte Frühſommertag ſchlägt ſeine
großen, lachenden Augen auf. Doch welch entſetzlicher,
überwältigender Gegenſatz! Mitten in all dieſer won-
nigen Pracht und Herrlichkeit der Zug der Toten ...

Und dann nach Stunden, nach langſamer,
mühſeliger, von Klagen, Leid und Tränen genug-
ſam begleiteter Fahrt ſind Franz Ferdinand von
Oeſterreich-Eſte und ſeine Gemahlin im Hauſe
des Vaters angelangt. Das von den fünf weit ins
Land hinausleuchtenden Kuppeln umtürmte Dach des
Schloßes Artſtetten wölbt ſich wieder über ihnen, ſie ſind
beide nun wieder — daheim. In der lieblichen, idylliſch
gelegenen Schloßkirche ruhen ſie nun, umwallt von
dem betäubenden Dufte zahlreicher Blumengewinde.
Lautes Beten, qualvolles Schluchzen durchdringt wie
ein Ton der Klage das Gotteshaus. An der Bahre
knieen neben dem ſchwer heimgeſuchten neuen Thron-
folger die dem faſſungsloſeſten Schmerze anheim-
gefallenen Kinder, über deren jugendliche, gebeugte
Köpfe das Licht der in den vielarmigen ſil-
bernen Girandolen hochaufflackernden Kerzen fällt.

Endlich nahen durch die ſchweren, wie Nebel herab-
wallenden Weihrauchwolken die Soldaten jenes Regi-
ments, das des Verewigten Namen trug und das er ſo
ſehr liebte. In der ſchmucken Ulanka ſtehen ſie jetzt in
Reih und Glied neben den Särgen. Beim Ertönen eines
vielſtimmigen und ergreifend ſeierlichen Miſereres
heben ſie nun den Sarg des Thronfolgers und tragen
denſelben hinaus auf das Kirchenplateau. Von dort geht
ihr leidvoller Weg durch das mit dem erzherzoglichen
Wappen geſchmückte Sandſteinportal der Gruft zu. Auf
den Schultern alter, weinender Hauslakeien folgt der
Sarg der Herzogin jenem ihres Gemahls. In der ſtillen
Säulenhalle des Mauſoleums findet nun der letzte Ab-
ſchied ſtatt. Kranz auf Kranz häuft ſich zu Füßen der
Toten und wehmutsvolle Klage kann lange kein Ende
finden. Gebrochen und wankenden Schrittes verlaſſen
endlich die ſchmerzzerwühlten hohen Hinterbliebenen die
Grabkapelle und ſchwer ſchließt ſich die Grufttüre hinter
dem Letzten. Draußen iſt lachender Tag, Falter wiegen
ſich in heiterer, blauender Sommerluft, unzählige Vög-
lein wetteifern im trillernden Lobgeſang, allüberall iſt
Blühen und Luſt und Leben, als würde es nie ein
Daſeinsende, keine Vernichtung geben.

In dieſe treue und ſchöne Heimatserde ſind nun
Franz Ferdinand von Oeſterreich-Eſte und Sofie von
Hohenberg zur ewigen Ruhe gebettet. Möge ihnen, was
all die Völker unſerer weiten Monarchie in dieſer
ſchweren Schickſalsſtunde in heißem und aufrichtigem
Gebet erflehen, die vaterländiſche Erde, auf der ſie in ſo
ſegensreichem, unermüdlichem und liebevollem Wirken
allzeit gewandelt, leicht werden!




[Spaltenumbruch]
Die Beiſetzung in Artſtetten.
Der Trauerzug im Gewitterſturm.


Nachdem der Waggon mit den Särgen des Herrn
Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand und deſſen
Gemahlin auf ein Nebengeleiſe geſchoben worden war,
wurden den übrigen Waggons die zahlloſen Kranz-
ſpenden entnommen und auf Wagen verladen.

Um ½3 Uhr früh ging ein außerordent-
lich ſtarkes Gewitter über Groß-Pöch-
larn nieder;
im ſtrömenden Regen wurden die
beiden Särge von Hausoffizieren der Wiener ſtädtiſchen
Leichenbeſtattung gehoben und über den Bahnſteig an
einem dichten Spalier fackeltragender Veteranen und
Feuerwehrleute aus der ganzen Umgebung vorbei in den
herrlich geſchmückten Warteſaal getragen, wo ſie auf
Bahren niedergelaſſen wurden.

Zwölf Offiziere des Ulanenregiments Erzherzog
Franz Ferdinand von Oeſterreich-Eſte Nr. 7 hielten mit
gezogenem Säbel die Ehrenwache. Der Stadtpfarrer
von Groß-Pöchlarn Reichsratsabgeordneter Bauchinger
nahm unter Aſſiſtenz der Ortsgeiſtlichkeit die Ein-
ſegnung der Leichen
vor.

Dem feierlichen Akte wohnten bei: Oberſthofmeiſter
Freiherr v. Rumerskirch, Flügeladjutant Oberſt
Dr. Bardolff, die Dienſtkämmerer Rittmeiſter Graf van
der Straaten und Dr. Freiherr v. Morſey, Sekretär
Nikitſch, das erzherzogliche Kammerperſonal, der Bezirks-
hauptmann von Melk Statthaltereirat Graf Mac Caffry,
der Bezirkshauptmann von Beneſchau Dr. Hejda, der
Stationsvorſtand von Pöchlarn Hatter, der Stations-
vorſtand von Beneſchau Renelt, Landesgendarmerie-
kommandant Oberſt Gautſch v. Frankenthurn, Oberſt-
leutnant Nickel v. Ragenfeld des in Beneſchau
garniſonierenden Infanterieregimentes Nr. 102, Major
Stransky des Landwehrinfanterieregimentes Nr. 28, der
Poſtamtsdirektor von Beneſchau Friedrich, der Domänen-
direktor von Konopiſcht Schneiberg, der Konopiſchter
Schloßverwalter Lehrer, der Leibarzt der verſtorbenen
Herzogin Primarius Dr. Teuner, ferner der Bürger-
meiſter von Größ-Pöchlarn Wrann mit den Gemeinde-
räten.

Nach der heiligen Handlung hatte ſich der
Gewitterſturm noch nicht gelegt.
Da
auch der Regen an Heftigkeit nicht nachgelaſſen hatte,
wurden die Särge nicht ſofort in die Fourgons gehoben.
Erſt um ½4 Uhr morgens, als das Gewitter einiger-
maßen nachgelaſſen hatte, hoben Hausoffiziere der
Leichenbeſtattung die Särge in die vor dem Bahnhof
ſtehenden mit vier Rappen beſpannten Glas-Galaleichen-
wagen. Geführt von Vorreitern mit Laternen ſetzte ſich
der Trauerzug, dem in Automobilen die Suite und die
übrigen Trauergäſte folgten, durch die Straßen von
Groß-Pöchlarn zum Donauufer in Bewegung. Veteranen
und Feuerwehrleute ſowie ein trotz der ungewöhnlichen
Stunde ſehr zahlreich angeſammeltes Publikum entboten
in ſtummer Ergriffenheit den Verewigten die letzten, ehr-
erbietigen Grüße.




Die letzte Fahrt über die Donau.

Um 4 Uhr morgens war der Zug am Donauufer
angelangt. Der Regen hatte aufgehört. Ein trüber
Morgen war angebrochen. Im Dämmerlicht verblaßten
die Oriflammen, die an den Brückenköpfen der Anlege-
plätze hüben und drüben loderten. Die Fourgons wurden
auf die Rollfähre geſchoben, die, vom Beſitzer
Freih. v. Tinti geführt, langſam den Donauſtrom
überſetzte.
Es war ein ſchaurig ſchöner Anblick,
als das Trauerſchiff die irdiſchen Hüllen des Erzherzog-
Thronfolgers und deſſen Gemahlin hinüberführte zur
letzten Ruheſtätte.

Am jenſeitigen Ufer angelangt, ſetzte der Zug ſeinen
Weg nach dem Schloſſe fort. Eine 3½ Kilometer lange
ziemlich ſteil anſteigende Straße führt vom Ufer zum
Schloß hinan. Veteranen und Feuerwehrleute bildeten

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[1/0001] Nachmittags- ausgabe 4 h Morgenblatt 8 h in Wien. Redaktion, Verwaltung, Druckerei: Wien, VIII. Strozzi- gaſſe 8, Telephon: 18082, 13870, 22641. Poſtſparkaſſenkonto Oeſter- reich 80656, Ungarn 8, Vosuien- Herzegovina 7744. Stadtbureau: I. Schulerſtraße 21, Telephon: 2926. Inſeratenannahme: Wien, VIII. Strozzigaſſe 8, Telephon: 13870, Wien, I. Neuer Markt 3, Telephon: 8374 ſowie bei allen Annoncen- bureaus des In- und Aus- landes. Nachmittagsausgabe. Reichspost Unabhängiges Tagblatt für das chriſtliche Volk Oeſterreich-Ungarns. Bezugspreiſe: bei täglich zweimaliger Zuſtellung für Wien: monatlich ....... K 3.70 vierteljährlich ..... „ 11.50 halbhährlich ...... „ 22.— Für Oeſterreich-Ungarn: monatlich ....... K 3.85 vierteljährlich ...... „ 11.50 halbjährlich ....... „ 23.— Bei täglich einmaliger Zuſtellung (das Morgenblatt zugleich mit der Nachmittagsausgabe des vor- herigen Tages) für auswärts: monatlich ....... K 3.50 vierteljährlich ....... „ 10.50 halbjährlich ........ „ 21.— Für Deutſchland: vierteljährlich Kreuzbandſendung K 16.— Lünder des Weltpoſtvereines: vierteljährlich Kreuzbandſendung K 22.— Nr. 309 Wien, Samstag den 4. Juli 1914 XXI. Jahrgang Erzherzog Franz Ferdinand †. Heimfahrt. Fahles Morgengrauen bringt erſte, aufzitternde Helle über die weiten Donauauen vor Pöchlarn. Von den hohen ſtromumkränzenden Waldbergen ſteigen graue, ſchwere Nebelſchwaden, löſen ſich in wirr zerriſſene, wolkige Schleier, die über den müde ſtromabwärts- gleitenden Waſſern der Donau wallen. Im Herzen der heimiſchen Oſtmark, hier am ſagen- umwobenen Nibelungenſtrome, auf dem ſchon in altersgrauen Tagen jene vom ruhmreichen Le- gendenkranz verklärten, heldenhaften Recken „gen Heuneland“ zogen, trat der unvergeßliche tote Thron- folger ſeine allerletzte Fahrt an. Heim ins Haus des Vaters, in dem ihm die glücklichſte Kindheit, ein frohes Jünglingsalter beſchieden war. Heim nach Artſtetten, dem geliebten, von unzähligen ſchönen Erinnerungen er- füllten Waldesboden, an dem des Reiches Erbe mit wahrhaft kindlicher Liebe hing, nach dem er, inmitten prunkender Feſte wie in ferner Weite, ſtets eine ſtille Sehnſucht und ein zehrendes Heimweh trug. Noch vor Monden, da gewiß niemand im ganzen Vaterlande an einen ſo jähen und entſetzlichen Tod dieſes unermüdlich für Oeſterreichs Heerweſen und Staatswohl ſchaffenden Habsburger Prinzen gedacht hat, vermochte Artſtetten ſeinen ſo viel verehrten und geliebten Schloßherrn zu begrüßen. „Ich komme im Sommer wieder!“ ſagte damals der Erzherzog zu ſeinen biederen, ländlichen Getreuen. Und nun iſt er wiedergekommen — als ein Toter. Mitten in blühendſtem Mannesalter aus einem glück- und friedvollen Leben geriſſen, mitten im beſten und ſegensvollen Schaffen fiel er unter ruchloſer Mörder- hand auf dem Felde heldenhafteſter Ehre. Groß, ſtark und treu — ſtarb er am Wege ... Unten am Strome, bei der ſchwarzbehängten Fähre von Klein-Pöchlarn ſteigt von unzähligen brennenden Fackeln der wallende Rauch wie von einem einzigen, er- greifenden Totenopfer in die morgenblaſſe Luft. Ins kaum erwachte Tageslicht dringt neuerdings ein banger, ſchwerer Düſterſchein, als klage die Natur ſelbſt ob des Fürſten und Helden, der heute ſeine Heimfahrt beendet, als wolle ſie Auroras Strahlenmacht mit einem mächtigen wolkigen Bahrtuch eines trauernden Dunkels bannen. Finſtere Gewitterwolken ſchieben ſich dräuend zuſammen, verfinſtern aufs neue das kaum zu morgenblaſſer Helle gekommene Firmament. Grell auf- leuchtende Blitze tauchen die ganze Uferland- ſchaft wie in brandende Lohe, und grollender Donner kracht über den Häuptern der vielen, der Ankunft des hohen Totenpaares harrenden Landleute. Auf Meilen hinaus bilden ſie ein von treuer Liebe und Verehrung beredtes Zeugnis gebendes Spalier. Stundenweit ſind ſie hergekommen und warten nun in ehrfurchtsvollem Schweigen. 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Und dann nach Stunden, nach langſamer, mühſeliger, von Klagen, Leid und Tränen genug- ſam begleiteter Fahrt ſind Franz Ferdinand von Oeſterreich-Eſte und ſeine Gemahlin im Hauſe des Vaters angelangt. Das von den fünf weit ins Land hinausleuchtenden Kuppeln umtürmte Dach des Schloßes Artſtetten wölbt ſich wieder über ihnen, ſie ſind beide nun wieder — daheim. In der lieblichen, idylliſch gelegenen Schloßkirche ruhen ſie nun, umwallt von dem betäubenden Dufte zahlreicher Blumengewinde. Lautes Beten, qualvolles Schluchzen durchdringt wie ein Ton der Klage das Gotteshaus. An der Bahre knieen neben dem ſchwer heimgeſuchten neuen Thron- folger die dem faſſungsloſeſten Schmerze anheim- gefallenen Kinder, über deren jugendliche, gebeugte Köpfe das Licht der in den vielarmigen ſil- bernen Girandolen hochaufflackernden Kerzen fällt. Endlich nahen durch die ſchweren, wie Nebel herab- wallenden Weihrauchwolken die Soldaten jenes Regi- ments, das des Verewigten Namen trug und das er ſo ſehr liebte. In der ſchmucken Ulanka ſtehen ſie jetzt in Reih und Glied neben den Särgen. Beim Ertönen eines vielſtimmigen und ergreifend ſeierlichen Miſereres heben ſie nun den Sarg des Thronfolgers und tragen denſelben hinaus auf das Kirchenplateau. Von dort geht ihr leidvoller Weg durch das mit dem erzherzoglichen Wappen geſchmückte Sandſteinportal der Gruft zu. Auf den Schultern alter, weinender Hauslakeien folgt der Sarg der Herzogin jenem ihres Gemahls. In der ſtillen Säulenhalle des Mauſoleums findet nun der letzte Ab- ſchied ſtatt. Kranz auf Kranz häuft ſich zu Füßen der Toten und wehmutsvolle Klage kann lange kein Ende finden. Gebrochen und wankenden Schrittes verlaſſen endlich die ſchmerzzerwühlten hohen Hinterbliebenen die Grabkapelle und ſchwer ſchließt ſich die Grufttüre hinter dem Letzten. Draußen iſt lachender Tag, Falter wiegen ſich in heiterer, blauender Sommerluft, unzählige Vög- lein wetteifern im trillernden Lobgeſang, allüberall iſt Blühen und Luſt und Leben, als würde es nie ein Daſeinsende, keine Vernichtung geben. In dieſe treue und ſchöne Heimatserde ſind nun Franz Ferdinand von Oeſterreich-Eſte und Sofie von Hohenberg zur ewigen Ruhe gebettet. Möge ihnen, was all die Völker unſerer weiten Monarchie in dieſer ſchweren Schickſalsſtunde in heißem und aufrichtigem Gebet erflehen, die vaterländiſche Erde, auf der ſie in ſo ſegensreichem, unermüdlichem und liebevollem Wirken allzeit gewandelt, leicht werden! Die Beiſetzung in Artſtetten. Der Trauerzug im Gewitterſturm. Groß-Pöchlarn, 4. Juli. Nachdem der Waggon mit den Särgen des Herrn Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand und deſſen Gemahlin auf ein Nebengeleiſe geſchoben worden war, wurden den übrigen Waggons die zahlloſen Kranz- ſpenden entnommen und auf Wagen verladen. Um ½3 Uhr früh ging ein außerordent- lich ſtarkes Gewitter über Groß-Pöch- larn nieder; im ſtrömenden Regen wurden die beiden Särge von Hausoffizieren der Wiener ſtädtiſchen Leichenbeſtattung gehoben und über den Bahnſteig an einem dichten Spalier fackeltragender Veteranen und Feuerwehrleute aus der ganzen Umgebung vorbei in den herrlich geſchmückten Warteſaal getragen, wo ſie auf Bahren niedergelaſſen wurden. Zwölf Offiziere des Ulanenregiments Erzherzog Franz Ferdinand von Oeſterreich-Eſte Nr. 7 hielten mit gezogenem Säbel die Ehrenwache. Der Stadtpfarrer von Groß-Pöchlarn Reichsratsabgeordneter Bauchinger nahm unter Aſſiſtenz der Ortsgeiſtlichkeit die Ein- ſegnung der Leichen vor. Dem feierlichen Akte wohnten bei: Oberſthofmeiſter Freiherr v. Rumerskirch, Flügeladjutant Oberſt Dr. Bardolff, die Dienſtkämmerer Rittmeiſter Graf van der Straaten und Dr. Freiherr v. Morſey, Sekretär Nikitſch, das erzherzogliche Kammerperſonal, der Bezirks- hauptmann von Melk Statthaltereirat Graf Mac Caffry, der Bezirkshauptmann von Beneſchau Dr. Hejda, der Stationsvorſtand von Pöchlarn Hatter, der Stations- vorſtand von Beneſchau Renelt, Landesgendarmerie- kommandant Oberſt Gautſch v. Frankenthurn, Oberſt- leutnant Nickel v. Ragenfeld des in Beneſchau garniſonierenden Infanterieregimentes Nr. 102, Major Stransky des Landwehrinfanterieregimentes Nr. 28, der Poſtamtsdirektor von Beneſchau Friedrich, der Domänen- direktor von Konopiſcht Schneiberg, der Konopiſchter Schloßverwalter Lehrer, der Leibarzt der verſtorbenen Herzogin Primarius Dr. Teuner, ferner der Bürger- meiſter von Größ-Pöchlarn Wrann mit den Gemeinde- räten. Nach der heiligen Handlung hatte ſich der Gewitterſturm noch nicht gelegt. Da auch der Regen an Heftigkeit nicht nachgelaſſen hatte, wurden die Särge nicht ſofort in die Fourgons gehoben. Erſt um ½4 Uhr morgens, als das Gewitter einiger- maßen nachgelaſſen hatte, hoben Hausoffiziere der Leichenbeſtattung die Särge in die vor dem Bahnhof ſtehenden mit vier Rappen beſpannten Glas-Galaleichen- wagen. Geführt von Vorreitern mit Laternen ſetzte ſich der Trauerzug, dem in Automobilen die Suite und die übrigen Trauergäſte folgten, durch die Straßen von Groß-Pöchlarn zum Donauufer in Bewegung. Veteranen und Feuerwehrleute ſowie ein trotz der ungewöhnlichen Stunde ſehr zahlreich angeſammeltes Publikum entboten in ſtummer Ergriffenheit den Verewigten die letzten, ehr- erbietigen Grüße. Die letzte Fahrt über die Donau. Um 4 Uhr morgens war der Zug am Donauufer angelangt. Der Regen hatte aufgehört. Ein trüber Morgen war angebrochen. Im Dämmerlicht verblaßten die Oriflammen, die an den Brückenköpfen der Anlege- plätze hüben und drüben loderten. Die Fourgons wurden auf die Rollfähre geſchoben, die, vom Beſitzer Freih. v. Tinti geführt, langſam den Donauſtrom überſetzte. Es war ein ſchaurig ſchöner Anblick, als das Trauerſchiff die irdiſchen Hüllen des Erzherzog- Thronfolgers und deſſen Gemahlin hinüberführte zur letzten Ruheſtätte. Am jenſeitigen Ufer angelangt, ſetzte der Zug ſeinen Weg nach dem Schloſſe fort. Eine 3½ Kilometer lange ziemlich ſteil anſteigende Straße führt vom Ufer zum Schloß hinan. Veteranen und Feuerwehrleute bildeten

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Zitationshilfe: Reichspost. Nr. 309, Wien, 04.07.1914. Beilage, S. 1. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_reichspost309_1914/1>, abgerufen am 14.04.2021.