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Mährisches Tagblatt. Nr. 296, Olmütz, 29.12.1893.

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Das
"Mährische Tagblatt"
erscheint mit Ausnahme der
Sonn- und Feiertage täglich.
Ausgabe 2 Uhr Nachmittag
im Administrationslocale
Niederring Nr. 41 neu.
Abonnement für Olmütz:

Ganzjährig fl. 10[--]
Halbjährig ["] 5.--
Vierteljährig " 2.50
Monatlich " --.90
Zustellung ins Haus monat-
lich 10 kr.
Auswärts durch die Post:
Ganzjährig fl. 14.--
Halbjährig " 7.--
Vierteljährig " 3.50
Einzelne Num[m]ern 5 kr.



Telephon Nr. 9.


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Mährisches
Tagblatt.

[Spaltenumbruch]

Insertionsgebühren
nach aufliegendem Tar[if].



Außerhalb Olmütz überne[h-]
men Insertions-Aufträge
Heinrich Schalek. Annon-
cen-Exped in Wien, I. Woll-
zeile Nr. 11, Haase[n]stein &
Vogler,
in Wien, Buda-
pest, Berlin, Frankfurt a. M.
[Ha]mburg, Basel und Leipzig.
Al[ois] Opellik, in Wien. Rud.
Messe,
in Wien, München [u].
Berlin. M. Dukes, Wien, I.
Schulerstraße 8. G. L. Daube,
und Co.,
Frankfurt a. M.
Karoly u. Liebmann's Annon-
ce[n]b[u]reau in Hamburg, sowie
[säm]mtl. conc. Insertionsbu-
r[ea]us des In- u. Auslandes.
M[an]uscripte werden nich
zurückgestellt.


Telephon Nr. 9.




[Spaltenumbruch]
Nr. 296 Olmütz, Freitag, den 29. December, 1893. 14. Jahrgang


[Spaltenumbruch]
Pränumerations-Einladung!

Mit 1. Jänner beginnt das erste
Quartal des 15. Jahrganges des "Mähr.
Tagblattes".

Die Pränumerationspreise betragen:


Für Olmütz: Für Auswärts:
Ganzjährig .fl. 10.--Ganzjährig .fl. 14.--
Halbjährig .fl. 5:--Halbjährig .fl. 7.--
Vierteljährigfl. 2.50Vierteljährigfl. 3.50
Monatlich .fl. --·90

Zahlungen sind nur in der Admi-
nistration zu leisten.

Unsere P. T. bisherigen Pränumeranten
werden ersucht, das Abonnement ehestens zu
erneuern, damit in der Zustellung des Blattes
keine Unterbrechung eintrete.




Mit 2. Jänner beginnt im "Mährischen
Tagblatt" die Veröffentlichung eines neuen span-
nenden Original-Romanes unter dem
Titel:

"Das verlassene Gasthaus"
von A. K. Green,

der Verfasserin der mit so vielem Beifalle aufge-
nommenen Romane: "Hand und Ring",
"Hinter verschlossenen Thüren", "Um
Millionen"
und "Verschwunden".




[Spaltenumbruch]
Versammlung der deutschen Land-
tagsabgeordneten Böhmens.


(Original-Bericht des "Währ. Tagblattes.")

Die gestrige vollzählige Clubversammlung der
deutschen Landtagsabgeordneten eröffnete Dr.
Schmeykal mit folgender Ansprache: "Seit
langen Jahren konnte ich meine verehrten Land-
tagscollegen nicht mit so leichtem Herzen will-
kommen heißen wie es mir heute durch die
wesentlich bessere Gestaltung der politischen Lage
vergönnt ist. Das Regierungssystem, welches uns seit
dem Jahre 1879 national und politisch bedrückt,
gegen welches wir mit dem Aufgebote aller un-
serer Kräfte ununterbrochen ankämpften, ist seinen
eigenen Irrgängen zum Opfer gefallen und mußte
einem Ministerium weichen, welches aus dem Zu-
sammenwirken und dem Einverständnisse der drei
großen parlamentarischen Parteien des Abgeord-
netenhauses hervorgegangen ist und es sich vor
Allem zur Aufgabe gestellt hat, dem Ernste und
der Würde parlamentarischen Wesens und der
schaffenden politischen und wirthschaftlichen Arbeit
zu ihrem lange verkümmerten Rechte zu verhel-
fen. Aus dem Wirrsal der Verlassenschaft des
früheren Systems gab es keinen anderen Ausweg
als das patriotische Einvernehmen der maßgeben-
den Parteien, und was als neue Schöpfung vor
uns steht, ist der Ausdruck der politischen Er-
kenntniß der Unmöglichkeit, unseren Staat auf
den bisher beschrittenen Wegen weiter zu regieren
ohne Gefahr für seine Grundlagen und den Be-
stand verfassungsmäßigen Lebens. In der ge-
schaffenen Coalition liegt kein Aufgeben der
Grundsätze, von welchen die Parteien geleitet
werden, wohl aber ein zeitliches Zurückstellen con-
[Spaltenumbruch] creter Anliegen und damit eine Zurückhaltung
welche wir uns auferlegen müssen, wenn wir wol
len, daß wir nicht alsbald wieder zurückfallen in
die Zustände kaum überwundenen politischen Un-
gemachs. Es mag keine leichte Sache sein, sich
eine solche Reserve aufzuerlegen und sich in mühe-
vollen Compromissen den weiteren Weg für die
Fortentwicklung seiner Parteigrundsätze zu suchen,
allein gedenken wir unseres Ringens gegen so
manches politische Mißgeschick und ziehen wir
daraus die weise Lehre klug zu handeln in einem
nun wieder an uns herangetretenen kritischen Mo-
mente politischer Entscheidung, deren Ziel dahin
gerichtet sein muß, uns und unsere Wählerschaf-
ten mit dem Wirken der Coalition vertraut zu
machen und für dieselbe durch eigene ruhige Arbeit
die sicheren Grundlagen ihres Bestandes und ihrer
Vertrauenswürdigkeit schaffen und befestigen zu
lassen. Unter dem Zeichen der politischen Selbst-
erhaltung und des berechtigten Erstrebens staat-
licher Einflußnahme und Mitwirkung ist es ge-
schehen, daß die uns zunächst stehende große par-
lamentarische Partei der Vereinigten deutschen Lin-
ken in offener Erklärung den Gedanken der Coa-
lition anerkannt und der aus diesem hervor-
gegangenen neuen Regierung ihre loyale Unter-
stützung zugesagt hat. Diese Erklärung hat sofort
die laute Zustimmung des deutschen Volkes in
Böhmen in zahlreichen Kundgebungen gefunden
und darum wird es auch an uns sein offen
auszusprechen, daß der Club der Deutschen Land-
tagsabgeordneten die Bildung des neuen Coali-
tionsministeriums vertrauensvollst begrüßt und
in seinem landtäglichen Wirken dasselbe grund-
sätzlich zu unterstützen und zu fördern bereit ist.
Für unsern Club und für unser Verhalten im
böhmischen Landtag ist in erster Reihe die
Action der nationalen Abgrenzung, welche durch




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.



Paulla.
Capriccio von Norbert Falck.

(Original-Feuilleton des "Mährischen Tagblattes".)

Die Straßen Wiens waren voll Sonne,
voll Juniluft und Rosenduft, voll geputzter,
lachender Menschen. Aus allen offenen Fenstern,
aus allen jagenden Karossen lachte die Lebens-
wonne, jedes Auge schimmerte von Daseinsfreude
und schien mir zuzurufen: "Was gehst denn Du
da so allein und so still und so bleich? Lache
doch mit uns, freue Dich doch, wie wir! Gott
schenkt den Juni aus, trinke doch, trinke, trinke!"
Und weil ich einmal heiterer Natur bin und
mein Temperament so frischblütig ist und ich
nicht lachen sehen kann, ohne gleich mitzulachen,
ließ ich mich fortschwemmen von den tausend
sonnenglitzernden Wellen und freute mich. So eine
thränenlustige Freude überkam mich, so eine un-
nennbar süße Weltwehwonne, daß ich die Arme
hätte ausbreiten mögen und die ganze, ganze
Welt an mein heißes Herz drücken. Die ganze
Welt?! Ich höre Euch lachen. Nicht wahr, wo
nähme ich die Gigantenarme dazu her? Und
dennoch hätte ich sie an mich pressen können, die
ganze, weite Welt, an mich mit sehnendem, glück-
lichen Drucke, denn sie hatte sich mit allen ihren
[Spaltenumbruch] Wundern in einen Leib versteckt, ihre Rosen
blühten in einem süßen Munde, ihre Sonnen
und Sterne leuchteten aus zwei dunklen Augen.
Die Liebe, die Liebe lag in mir mit allen süßen
Schauern der Sehnsucht, mit all der verhaltenen
Trauer der Entsagung, mit aller bebenden Ver-
zweiflung des unfreiwilligen Verzichtes. Und den-
noch freute ich mich, dennoch war mir tänzerisch,
weil ein Rosenwölkchen Hoffnung mir muthig eine
Zukunft log.

O süße Lüge! --

In Träumen, die nach Norden zogen, wan-
delte ich durch den Volksgarten. Jede Gesellschaft
hätte mir wehe gethan, denn unter tausend Men-
schen einsam sein, darin liegt ein frohes Leid,
von einem herben Dufte und ich fühlte mich so
ferne, ferne, wie ganz außerhalb der Welt, bis
mich die helle Stimme eines kleinen Blumen-
mädchens aus den Träumen riß: "Schöne Rosen,
angenehm? Bitte, schöne Rosen!"

Auf einem weißen Teller hielt mir das kleine
Mädchen eine Auswahl von wunderschönen Rosen
entgegen, aber ich schüttelte den Kopf und wehrte
ab. Wozu sollten mir Rosen? Rosen kauft man
doch nur, um sie zu verschenken, wem sollte ich
meine Rose schenken? Ich habe doch Niemand!
Der ich sie geben würde, ach, die ist fern. Nein,
meine Kleine, ich brauche keine Rosen, geh zu
Andern, Glücklicheren!

Aber das Mädchen sah mich so bittend an
[Spaltenumbruch] und die Rosen waren so einzig schön und ich
kaufte die zwei schönsten, frischesten, duftendsten.
Aber sie sahen mich so verwundert an, so kühl
und platonisch, als wollten sie sagen: "Wie kom-
men wir zu Dir? Wir, duftende Lieb[e]sgaben,
wir waren für die junge Brust eines schönen
Mädchens gebrochen, aber nicht für den schwarzen
Rock eines verbitterten Verschmähten, für das
melancholische Knopfloch eines Ungeliebten!"

Ach, wie süß dufteten die rothen Rosen! --

Ich sog Erinnerung aus ihnen, einen Traum
von zwei märchentiefen Augen, von einer kosenden
Stimme und von braunen Haaren. Ach, ist das
die goldene Jugend, die vielgepriesene, die sich in
so tiefen Schmerzen zerquält, die ein fortgesetztes
Leid ist? O, wie weh thust Du mir, Du schöne
Jugend! Wie beneide ich Dich, Du alter, grauer
Bettler, der Du im zerrissenen Gewande um
milde Gaben flehst! Wie gerne gäbe ich Dir
meine Kraft und Jugend, mein frisches,
rothes Blut und meine sehenden Augen, wenn
Du mir Deine Ruhe geben könntest, Deinen
leisen Schmerz und Dein bald vollendetes Leben!

Es war eine traurige Gestalt, die an der
Gittermauer des Gartens lehnte und um Al-
mosen bat. Aus einem schönen Gesichte, von
dem ein langer, schneeweißer Bart auf einen
zerrissenen Mantel niederwallte, blickten zwei
blinde Augen zum Himmel auf, während eine
verdorrte Hand aus geflicktem Aermel um


[Spaltenumbruch]

Das
„Mähriſche Tagblatt“
erſcheint mit Ausnahme der
Sonn- und Feiertage täglich.
Ausgabe 2 Uhr Nachmittag
im Adminiſtrationslocale
Niederring Nr. 41 neu.
Abonnement für Olmütz:

Ganzjährig fl. 10[—]
Halbjährig [„] 5.—
Vierteljährig „ 2.50
Monatlich „ —.90
Zuſtellung ins Haus monat-
lich 10 kr.
Auswärts durch die Poſt:
Ganzjährig fl. 14.—
Halbjährig „ 7.—
Vierteljährig „ 3.50
Einzelne Num[m]ern 5 kr.



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Mähriſches
Tagblatt.

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Inſertionsgebühren
nach aufliegendem Tar[if].



Außerhalb Olmütz überne[h-]
men Inſertions-Aufträge
Heinrich Schalek. Annon-
cen-Exped in Wien, I. Woll-
zeile Nr. 11, Haase[n]stein &
Vogler,
in Wien, Buda-
peſt, Berlin, Frankfurt a. M.
[Ha]mburg, Baſel und Leipzig.
Al[ois] Opellik, in Wien. Rud.
Messe,
in Wien, München [u].
Berlin. M. Dukes, Wien, I.
Schulerſtraße 8. G. L. Daube,
und Co.,
Frankfurt a. M.
Karoly u. Liebmann’s Annon-
ce[n]b[u]reau in Hamburg, ſowie
[ſäm]mtl. conc. Inſertionsbu-
r[ea]us des In- u. Auslandes.
M[an]uſcripte werden nich
zurückgeſtellt.


Telephon Nr. 9.




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Nr. 296 Olmütz, Freitag, den 29. December, 1893. 14. Jahrgang


[Spaltenumbruch]
Pränumerations-Einladung!

Mit 1. Jänner beginnt das erſte
Quartal des 15. Jahrganges des „Mähr.
Tagblattes“.

Die Pränumerationspreiſe betragen:


Für Olmütz: Für Auswärts:
Ganzjährig .fl. 10.—Ganzjährig .fl. 14.—
Halbjährig .fl. 5:—Halbjährig .fl. 7.—
Vierteljährigfl. 2.50Vierteljährigfl. 3.50
Monatlich .fl. —·90

Zahlungen ſind nur in der Admi-
niſtration zu leiſten.

Unſere P. T. bisherigen Pränumeranten
werden erſucht, das Abonnement eheſtens zu
erneuern, damit in der Zuſtellung des Blattes
keine Unterbrechung eintrete.




Mit 2. Jänner beginnt im „Mähriſchen
Tagblatt“ die Veröffentlichung eines neuen ſpan-
nenden Original-Romanes unter dem
Titel:

„Das verlaſſene Gaſthaus“
von A. K. Green,

der Verfaſſerin der mit ſo vielem Beifalle aufge-
nommenen Romane: „Hand und Ring“,
„Hinter verſchloſſenen Thüren“, „Um
Millionen“
und „Verſchwunden“.




[Spaltenumbruch]
Verſammlung der deutſchen Land-
tagsabgeordneten Böhmens.


(Original-Bericht des „Währ. Tagblattes.“)

Die geſtrige vollzählige Clubverſammlung der
deutſchen Landtagsabgeordneten eröffnete Dr.
Schmeykal mit folgender Anſprache: „Seit
langen Jahren konnte ich meine verehrten Land-
tagscollegen nicht mit ſo leichtem Herzen will-
kommen heißen wie es mir heute durch die
weſentlich beſſere Geſtaltung der politiſchen Lage
vergönnt iſt. Das Regierungsſyſtem, welches uns ſeit
dem Jahre 1879 national und politiſch bedrückt,
gegen welches wir mit dem Aufgebote aller un-
ſerer Kräfte ununterbrochen ankämpften, iſt ſeinen
eigenen Irrgängen zum Opfer gefallen und mußte
einem Miniſterium weichen, welches aus dem Zu-
ſammenwirken und dem Einverſtändniſſe der drei
großen parlamentariſchen Parteien des Abgeord-
netenhauſes hervorgegangen iſt und es ſich vor
Allem zur Aufgabe geſtellt hat, dem Ernſte und
der Würde parlamentariſchen Weſens und der
ſchaffenden politiſchen und wirthſchaftlichen Arbeit
zu ihrem lange verkümmerten Rechte zu verhel-
fen. Aus dem Wirrſal der Verlaſſenſchaft des
früheren Syſtems gab es keinen anderen Ausweg
als das patriotiſche Einvernehmen der maßgeben-
den Parteien, und was als neue Schöpfung vor
uns ſteht, iſt der Ausdruck der politiſchen Er-
kenntniß der Unmöglichkeit, unſeren Staat auf
den bisher beſchrittenen Wegen weiter zu regieren
ohne Gefahr für ſeine Grundlagen und den Be-
ſtand verfaſſungsmäßigen Lebens. In der ge-
ſchaffenen Coalition liegt kein Aufgeben der
Grundſätze, von welchen die Parteien geleitet
werden, wohl aber ein zeitliches Zurückſtellen con-
[Spaltenumbruch] creter Anliegen und damit eine Zurückhaltung
welche wir uns auferlegen müſſen, wenn wir wol
len, daß wir nicht alsbald wieder zurückfallen in
die Zuſtände kaum überwundenen politiſchen Un-
gemachs. Es mag keine leichte Sache ſein, ſich
eine ſolche Reſerve aufzuerlegen und ſich in mühe-
vollen Compromiſſen den weiteren Weg für die
Fortentwicklung ſeiner Parteigrundſätze zu ſuchen,
allein gedenken wir unſeres Ringens gegen ſo
manches politiſche Mißgeſchick und ziehen wir
daraus die weiſe Lehre klug zu handeln in einem
nun wieder an uns herangetretenen kritiſchen Mo-
mente politiſcher Entſcheidung, deren Ziel dahin
gerichtet ſein muß, uns und unſere Wählerſchaf-
ten mit dem Wirken der Coalition vertraut zu
machen und für dieſelbe durch eigene ruhige Arbeit
die ſicheren Grundlagen ihres Beſtandes und ihrer
Vertrauenswürdigkeit ſchaffen und befeſtigen zu
laſſen. Unter dem Zeichen der politiſchen Selbſt-
erhaltung und des berechtigten Erſtrebens ſtaat-
licher Einflußnahme und Mitwirkung iſt es ge-
ſchehen, daß die uns zunächſt ſtehende große par-
lamentariſche Partei der Vereinigten deutſchen Lin-
ken in offener Erklärung den Gedanken der Coa-
lition anerkannt und der aus dieſem hervor-
gegangenen neuen Regierung ihre loyale Unter-
ſtützung zugeſagt hat. Dieſe Erklärung hat ſofort
die laute Zuſtimmung des deutſchen Volkes in
Böhmen in zahlreichen Kundgebungen gefunden
und darum wird es auch an uns ſein offen
auszuſprechen, daß der Club der Deutſchen Land-
tagsabgeordneten die Bildung des neuen Coali-
tionsminiſteriums vertrauensvollſt begrüßt und
in ſeinem landtäglichen Wirken dasſelbe grund-
ſätzlich zu unterſtützen und zu fördern bereit iſt.
Für unſern Club und für unſer Verhalten im
böhmiſchen Landtag iſt in erſter Reihe die
Action der nationalen Abgrenzung, welche durch




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.



Paulla.
Capriccio von Norbert Falck.

(Original-Feuilleton des „Mähriſchen Tagblattes“.)

Die Straßen Wiens waren voll Sonne,
voll Juniluft und Roſenduft, voll geputzter,
lachender Menſchen. Aus allen offenen Fenſtern,
aus allen jagenden Karoſſen lachte die Lebens-
wonne, jedes Auge ſchimmerte von Daſeinsfreude
und ſchien mir zuzurufen: „Was gehſt denn Du
da ſo allein und ſo ſtill und ſo bleich? Lache
doch mit uns, freue Dich doch, wie wir! Gott
ſchenkt den Juni aus, trinke doch, trinke, trinke!“
Und weil ich einmal heiterer Natur bin und
mein Temperament ſo friſchblütig iſt und ich
nicht lachen ſehen kann, ohne gleich mitzulachen,
ließ ich mich fortſchwemmen von den tauſend
ſonnenglitzernden Wellen und freute mich. So eine
thränenluſtige Freude überkam mich, ſo eine un-
nennbar ſüße Weltwehwonne, daß ich die Arme
hätte ausbreiten mögen und die ganze, ganze
Welt an mein heißes Herz drücken. Die ganze
Welt?! Ich höre Euch lachen. Nicht wahr, wo
nähme ich die Gigantenarme dazu her? Und
dennoch hätte ich ſie an mich preſſen können, die
ganze, weite Welt, an mich mit ſehnendem, glück-
lichen Drucke, denn ſie hatte ſich mit allen ihren
[Spaltenumbruch] Wundern in einen Leib verſteckt, ihre Roſen
blühten in einem ſüßen Munde, ihre Sonnen
und Sterne leuchteten aus zwei dunklen Augen.
Die Liebe, die Liebe lag in mir mit allen ſüßen
Schauern der Sehnſucht, mit all der verhaltenen
Trauer der Entſagung, mit aller bebenden Ver-
zweiflung des unfreiwilligen Verzichtes. Und den-
noch freute ich mich, dennoch war mir tänzeriſch,
weil ein Roſenwölkchen Hoffnung mir muthig eine
Zukunft log.

O ſüße Lüge! —

In Träumen, die nach Norden zogen, wan-
delte ich durch den Volksgarten. Jede Geſellſchaft
hätte mir wehe gethan, denn unter tauſend Men-
ſchen einſam ſein, darin liegt ein frohes Leid,
von einem herben Dufte und ich fühlte mich ſo
ferne, ferne, wie ganz außerhalb der Welt, bis
mich die helle Stimme eines kleinen Blumen-
mädchens aus den Träumen riß: „Schöne Roſen,
angenehm? Bitte, ſchöne Roſen!“

Auf einem weißen Teller hielt mir das kleine
Mädchen eine Auswahl von wunderſchönen Roſen
entgegen, aber ich ſchüttelte den Kopf und wehrte
ab. Wozu ſollten mir Roſen? Roſen kauft man
doch nur, um ſie zu verſchenken, wem ſollte ich
meine Roſe ſchenken? Ich habe doch Niemand!
Der ich ſie geben würde, ach, die iſt fern. Nein,
meine Kleine, ich brauche keine Roſen, geh zu
Andern, Glücklicheren!

Aber das Mädchen ſah mich ſo bittend an
[Spaltenumbruch] und die Roſen waren ſo einzig ſchön und ich
kaufte die zwei ſchönſten, friſcheſten, duftendſten.
Aber ſie ſahen mich ſo verwundert an, ſo kühl
und platoniſch, als wollten ſie ſagen: „Wie kom-
men wir zu Dir? Wir, duftende Lieb[e]sgaben,
wir waren für die junge Bruſt eines ſchönen
Mädchens gebrochen, aber nicht für den ſchwarzen
Rock eines verbitterten Verſchmähten, für das
melancholiſche Knopfloch eines Ungeliebten!“

Ach, wie ſüß dufteten die rothen Roſen! —

Ich ſog Erinnerung aus ihnen, einen Traum
von zwei märchentiefen Augen, von einer koſenden
Stimme und von braunen Haaren. Ach, iſt das
die goldene Jugend, die vielgeprieſene, die ſich in
ſo tiefen Schmerzen zerquält, die ein fortgeſetztes
Leid iſt? O, wie weh thuſt Du mir, Du ſchöne
Jugend! Wie beneide ich Dich, Du alter, grauer
Bettler, der Du im zerriſſenen Gewande um
milde Gaben flehſt! Wie gerne gäbe ich Dir
meine Kraft und Jugend, mein friſches,
rothes Blut und meine ſehenden Augen, wenn
Du mir Deine Ruhe geben könnteſt, Deinen
leiſen Schmerz und Dein bald vollendetes Leben!

Es war eine traurige Geſtalt, die an der
Gittermauer des Gartens lehnte und um Al-
moſen bat. Aus einem ſchönen Geſichte, von
dem ein langer, ſchneeweißer Bart auf einen
zerriſſenen Mantel niederwallte, blickten zwei
blinde Augen zum Himmel auf, während eine
verdorrte Hand aus geflicktem Aermel um


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[[1]/0001] Das „Mähriſche Tagblatt“ erſcheint mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage täglich. Ausgabe 2 Uhr Nachmittag im Adminiſtrationslocale Niederring Nr. 41 neu. Abonnement für Olmütz: Ganzjährig fl. 10— Halbjährig „ 5.— Vierteljährig „ 2.50 Monatlich „ —.90 Zuſtellung ins Haus monat- lich 10 kr. Auswärts durch die Poſt: Ganzjährig fl. 14.— Halbjährig „ 7.— Vierteljährig „ 3.50 Einzelne Nummern 5 kr. Telephon Nr. 9. Mähriſches Tagblatt. Inſertionsgebühren nach aufliegendem Tarif. Außerhalb Olmütz überneh- men Inſertions-Aufträge Heinrich Schalek. Annon- cen-Exped in Wien, I. Woll- zeile Nr. 11, Haasenstein & Vogler, in Wien, Buda- peſt, Berlin, Frankfurt a. M. Hamburg, Baſel und Leipzig. Alois Opellik, in Wien. Rud. Messe, in Wien, München u. Berlin. M. Dukes, Wien, I. Schulerſtraße 8. G. L. Daube, und Co., Frankfurt a. M. Karoly u. Liebmann’s Annon- cenbureau in Hamburg, ſowie ſämmtl. conc. Inſertionsbu- reaus des In- u. Auslandes. Manuſcripte werden nich zurückgeſtellt. Telephon Nr. 9. Nr. 296 Olmütz, Freitag, den 29. December, 1893. 14. Jahrgang Pränumerations-Einladung! Mit 1. Jänner beginnt das erſte Quartal des 15. Jahrganges des „Mähr. Tagblattes“. Die Pränumerationspreiſe betragen: Für Olmütz: Für Auswärts: Ganzjährig . fl. 10.— Ganzjährig . fl. 14.— Halbjährig . fl. 5:— Halbjährig . fl. 7.— Vierteljährig fl. 2.50 Vierteljährig fl. 3.50 Monatlich . fl. —·90 Zahlungen ſind nur in der Admi- niſtration zu leiſten. Unſere P. T. bisherigen Pränumeranten werden erſucht, das Abonnement eheſtens zu erneuern, damit in der Zuſtellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Die Adminiſtration. Comptoir und Expedition Olmütz, Niederring, Nr. 41. Mit 2. Jänner beginnt im „Mähriſchen Tagblatt“ die Veröffentlichung eines neuen ſpan- nenden Original-Romanes unter dem Titel: „Das verlaſſene Gaſthaus“ von A. K. Green, der Verfaſſerin der mit ſo vielem Beifalle aufge- nommenen Romane: „Hand und Ring“, „Hinter verſchloſſenen Thüren“, „Um Millionen“ und „Verſchwunden“. Die Redaction. Verſammlung der deutſchen Land- tagsabgeordneten Böhmens. Prag, 29. December. (Original-Bericht des „Währ. Tagblattes.“) Die geſtrige vollzählige Clubverſammlung der deutſchen Landtagsabgeordneten eröffnete Dr. Schmeykal mit folgender Anſprache: „Seit langen Jahren konnte ich meine verehrten Land- tagscollegen nicht mit ſo leichtem Herzen will- kommen heißen wie es mir heute durch die weſentlich beſſere Geſtaltung der politiſchen Lage vergönnt iſt. Das Regierungsſyſtem, welches uns ſeit dem Jahre 1879 national und politiſch bedrückt, gegen welches wir mit dem Aufgebote aller un- ſerer Kräfte ununterbrochen ankämpften, iſt ſeinen eigenen Irrgängen zum Opfer gefallen und mußte einem Miniſterium weichen, welches aus dem Zu- ſammenwirken und dem Einverſtändniſſe der drei großen parlamentariſchen Parteien des Abgeord- netenhauſes hervorgegangen iſt und es ſich vor Allem zur Aufgabe geſtellt hat, dem Ernſte und der Würde parlamentariſchen Weſens und der ſchaffenden politiſchen und wirthſchaftlichen Arbeit zu ihrem lange verkümmerten Rechte zu verhel- fen. Aus dem Wirrſal der Verlaſſenſchaft des früheren Syſtems gab es keinen anderen Ausweg als das patriotiſche Einvernehmen der maßgeben- den Parteien, und was als neue Schöpfung vor uns ſteht, iſt der Ausdruck der politiſchen Er- kenntniß der Unmöglichkeit, unſeren Staat auf den bisher beſchrittenen Wegen weiter zu regieren ohne Gefahr für ſeine Grundlagen und den Be- ſtand verfaſſungsmäßigen Lebens. In der ge- ſchaffenen Coalition liegt kein Aufgeben der Grundſätze, von welchen die Parteien geleitet werden, wohl aber ein zeitliches Zurückſtellen con- creter Anliegen und damit eine Zurückhaltung welche wir uns auferlegen müſſen, wenn wir wol len, daß wir nicht alsbald wieder zurückfallen in die Zuſtände kaum überwundenen politiſchen Un- gemachs. 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Unter dem Zeichen der politiſchen Selbſt- erhaltung und des berechtigten Erſtrebens ſtaat- licher Einflußnahme und Mitwirkung iſt es ge- ſchehen, daß die uns zunächſt ſtehende große par- lamentariſche Partei der Vereinigten deutſchen Lin- ken in offener Erklärung den Gedanken der Coa- lition anerkannt und der aus dieſem hervor- gegangenen neuen Regierung ihre loyale Unter- ſtützung zugeſagt hat. Dieſe Erklärung hat ſofort die laute Zuſtimmung des deutſchen Volkes in Böhmen in zahlreichen Kundgebungen gefunden und darum wird es auch an uns ſein offen auszuſprechen, daß der Club der Deutſchen Land- tagsabgeordneten die Bildung des neuen Coali- tionsminiſteriums vertrauensvollſt begrüßt und in ſeinem landtäglichen Wirken dasſelbe grund- ſätzlich zu unterſtützen und zu fördern bereit iſt. Für unſern Club und für unſer Verhalten im böhmiſchen Landtag iſt in erſter Reihe die Action der nationalen Abgrenzung, welche durch Feuilleton. Paulla. Capriccio von Norbert Falck. (Original-Feuilleton des „Mähriſchen Tagblattes“.) Die Straßen Wiens waren voll Sonne, voll Juniluft und Roſenduft, voll geputzter, lachender Menſchen. Aus allen offenen Fenſtern, aus allen jagenden Karoſſen lachte die Lebens- wonne, jedes Auge ſchimmerte von Daſeinsfreude und ſchien mir zuzurufen: „Was gehſt denn Du da ſo allein und ſo ſtill und ſo bleich? Lache doch mit uns, freue Dich doch, wie wir! Gott ſchenkt den Juni aus, trinke doch, trinke, trinke!“ Und weil ich einmal heiterer Natur bin und mein Temperament ſo friſchblütig iſt und ich nicht lachen ſehen kann, ohne gleich mitzulachen, ließ ich mich fortſchwemmen von den tauſend ſonnenglitzernden Wellen und freute mich. So eine thränenluſtige Freude überkam mich, ſo eine un- nennbar ſüße Weltwehwonne, daß ich die Arme hätte ausbreiten mögen und die ganze, ganze Welt an mein heißes Herz drücken. Die ganze Welt?! Ich höre Euch lachen. Nicht wahr, wo nähme ich die Gigantenarme dazu her? Und dennoch hätte ich ſie an mich preſſen können, die ganze, weite Welt, an mich mit ſehnendem, glück- lichen Drucke, denn ſie hatte ſich mit allen ihren Wundern in einen Leib verſteckt, ihre Roſen blühten in einem ſüßen Munde, ihre Sonnen und Sterne leuchteten aus zwei dunklen Augen. Die Liebe, die Liebe lag in mir mit allen ſüßen Schauern der Sehnſucht, mit all der verhaltenen Trauer der Entſagung, mit aller bebenden Ver- zweiflung des unfreiwilligen Verzichtes. Und den- noch freute ich mich, dennoch war mir tänzeriſch, weil ein Roſenwölkchen Hoffnung mir muthig eine Zukunft log. O ſüße Lüge! — In Träumen, die nach Norden zogen, wan- delte ich durch den Volksgarten. Jede Geſellſchaft hätte mir wehe gethan, denn unter tauſend Men- ſchen einſam ſein, darin liegt ein frohes Leid, von einem herben Dufte und ich fühlte mich ſo ferne, ferne, wie ganz außerhalb der Welt, bis mich die helle Stimme eines kleinen Blumen- mädchens aus den Träumen riß: „Schöne Roſen, angenehm? Bitte, ſchöne Roſen!“ Auf einem weißen Teller hielt mir das kleine Mädchen eine Auswahl von wunderſchönen Roſen entgegen, aber ich ſchüttelte den Kopf und wehrte ab. Wozu ſollten mir Roſen? Roſen kauft man doch nur, um ſie zu verſchenken, wem ſollte ich meine Roſe ſchenken? Ich habe doch Niemand! Der ich ſie geben würde, ach, die iſt fern. Nein, meine Kleine, ich brauche keine Roſen, geh zu Andern, Glücklicheren! Aber das Mädchen ſah mich ſo bittend an und die Roſen waren ſo einzig ſchön und ich kaufte die zwei ſchönſten, friſcheſten, duftendſten. Aber ſie ſahen mich ſo verwundert an, ſo kühl und platoniſch, als wollten ſie ſagen: „Wie kom- men wir zu Dir? Wir, duftende Liebesgaben, wir waren für die junge Bruſt eines ſchönen Mädchens gebrochen, aber nicht für den ſchwarzen Rock eines verbitterten Verſchmähten, für das melancholiſche Knopfloch eines Ungeliebten!“ Ach, wie ſüß dufteten die rothen Roſen! — Ich ſog Erinnerung aus ihnen, einen Traum von zwei märchentiefen Augen, von einer koſenden Stimme und von braunen Haaren. Ach, iſt das die goldene Jugend, die vielgeprieſene, die ſich in ſo tiefen Schmerzen zerquält, die ein fortgeſetztes Leid iſt? O, wie weh thuſt Du mir, Du ſchöne Jugend! Wie beneide ich Dich, Du alter, grauer Bettler, der Du im zerriſſenen Gewande um milde Gaben flehſt! Wie gerne gäbe ich Dir meine Kraft und Jugend, mein friſches, rothes Blut und meine ſehenden Augen, wenn Du mir Deine Ruhe geben könnteſt, Deinen leiſen Schmerz und Dein bald vollendetes Leben! Es war eine traurige Geſtalt, die an der Gittermauer des Gartens lehnte und um Al- moſen bat. Aus einem ſchönen Geſichte, von dem ein langer, ſchneeweißer Bart auf einen zerriſſenen Mantel niederwallte, blickten zwei blinde Augen zum Himmel auf, während eine verdorrte Hand aus geflicktem Aermel um

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Zitationshilfe: Mährisches Tagblatt. Nr. 296, Olmütz, 29.12.1893, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_maehrisches296_1893/1>, abgerufen am 27.09.2021.