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Mährisches Tagblatt. Nr. 165, Olmütz, 20.07.1896.

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Tagblatt.

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Außerhalb Olmütz überneh-
men Insertions-Aufträge.
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cen-Exped. in Wien, 1. Woll-
zeile Nr. 11, Haasenstein
& Vogler,
in Wien, Buda-
pest, Berlin, Frankfurt a. M.
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straße 1--3. Rud. Mosse, Wien
München u. Berlin. Alois
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Karoly u. Liebmann's Annon-
cenbureau in Hamburg, sowie
sämmtl, conc. Insertionsbu-
reaus des In- u. Auslandes
Manuscripte werden nicht
zurückgestellt.


Telephon Nr. 9




Nr. 165. Olmütz, Montag, den 20. Juli 1896. 17. Jahrgang.


[Spaltenumbruch]
Ungarn und der Ausgleich.


Die Verbrüderung der Wiener und Buda-
pester Liberalen wendete sich wider den gemein-
samen Gegner, konnte aber den Interessengegensatz
zwischen Oesterreich und Ungarn nicht aus der
Welt schaffen. Rasch werden die Freudenfeste
verrauschen, in welchen man der dießseits und
jenseits der Leitha hereinbrechenden Reaction den
Krieg erklärte, und bald wird wieder der Streit
emporlohen, der die beiden Staaten von zehn
zu zehn Jahren veruneinigt. Man ist sich in Un-
garn nicht klar darüber, daß die ungarischen
Landwirthe den Absatz in Oesterreich doch noth-
wendiger brauchen, als umgekehrt die österreichische
Industrie den Export nach Ungarn. Vielleicht
täuscht man sich auch über den Grad der Will-
fährigkeit, der dießseits der Leitha herrscht, und
sündigt am Ende gar auf die jüngsten Kundge-
bungen hin. Nach der eigenen Statistik des
Königreiches Ungarn verzehren wir mehr als
drei Vierttheile aller aus Ungarn ausgeführten
Bodenfrüchte, während die österreichische Industrie
nur etwa über ein Viertel ihrer Ausfuhr jenseits
der Leitha absetzt. Bei einem Handels- und Zoll-
krieg könnte Ungarn weit empfindlicher getroffen
werden, und bei uns würden mächtige Interessen-
kreise aus der Bekämpfung des ungarischen Ge-
treides ihren Vortheil ziehen. Hunderttausende
von Landwirthen, vor allem in Galizien, dann
aber auch in den übrigen Ländern Oesterreichs,
wären hoch erfreut, wenn ihnen die ungarische
Concurrenz vom Halse genommen würde. Da-
gegen sind die Industriestätten in Ungarn noch
dünn gesäet und verfügen nur über einen ver-
hältnißmäßig geringen Kreis von Interessenten.
[Spaltenumbruch] Man weiß, wie empfindlich Serbien von Zeit zu
Zeit durch das gegen seine Schweine ausgespro-
chene Verbot der Einfuhr in Ungarn leidet. Die
serbische Volkswirthschaft stockt, so oft Zollschranken
gegen ihren Viehexport aufgerichtet werden. Wohl
würden beide Theile des Reiches furchtbar unter
einem Zollkriege leiden, aber die Sache wäre für
Ungarn nicht so gefahrlos, als man sich drüben
anstellt. Deshalb spielt die herrschende Partei
in Ungarn ein gewagtes Spiel, indem sie
eine billige Erhöhung der ungarischen Quote
ablehnt. -- Es wäre für Ungarn sehr bedenk-
lich, wenn die Herren es, wie im Gesetze
vorgeschrieben ist, auf einen Schiedsspruch der
Krone ankommen lassen würden, denn das Ge-
wicht der für Oesterreich sprechenden Gründe
käme dann voll zur Geltung und die Folge wäre,
daß das Selbstgefühl des österreichischen Parla-
ments namhaft erhöht würde. Wohl kann die
Krone den Spruch nur für ein Jahr fällen, aber
die von ihr festgestellte Ziffer würde sich natur-
gemäß in Kraft erhalten.

Offenbar lauern die Gegner des Liberalis-
mus in Ungarn auf eine Niederlage der herr-
schenden Partei in der Frage des Ausgleiches.
Wenn Baron Banffy und seine Partei freiwillig
und dem Gebote der Billigkeit folgend die Quote
hinaufsetzen, so würde das ihre Autorität nicht
so schädigen, als ein ihnen Unrecht gebender
kaiserlicher Schiedsspruch. Die Feinde des Dualis-
mus hoffen denn auch, daß es zu einem aber-
maligen Ausgleich nicht mehr kommt; die mäch-
tigen Agitationen der clerikalen ungarischen
Volkspartei zeigen deutlich, daß die Hoffnungen
auf den Sturz des Liberalismus in Ungarn ge-
stiegen sind. Tausende von Menschen sind bei den
Volksversammlungen anwesend, welche in diesem
[Spaltenumbruch] Sinne im Banat abgehalten werden; Serben,
Rumänen und Deutsche vereinigen sich hier, um
der Regierung Todfeindschaft anzukündigen.
Merkwürdigerweise erinnern sich die ungarischen
Clericalen erst jetzt, daß es unbillig sei, die
emporstrebenden Nationalitäten mit Gewalt
niederzuhalten; vor Einführung der Civilehe
waren die ungarischen Geistlichen die kräftigsten
Förderer des Magyarismus; diese neuerwachte
Liebe für die anderen Nationalitäten würde sich
sofort in Gleichgiltigkeit verwandeln, wenn die
Partei Tisza's und Wekerle's andere Wege der
Kirchenpolitik einschlüge. Wir in Oesterreich wissen
ein Lied davon zu fingen, daß auch schwache, an
sich ohnmächtige Nationalitäten erst durch die
Anlehnung an die organisirte Gewalt der Kirche
zur Bedeutung gelangten. Deshalb scheint uns
der Appell der clericalen Volkspartei an die
Deutschen des Banates bedenklich zu sein. Aehnliche
Scherze führte auch Graf Apponyi auf, als er
eine unbarmherzige Opposition gegen Tisza pre-
digte und jeden Bundesgenossen gegen den mächti-
gen Minister mit offenen Armen aufnahm. Es
ist sehr zweifelhaft, ob Oesterreich aus den Händen
der clericalen ungarischen Volkspartei einen gün-
stigeren Ausgleich erhielte; sicher aber ist, daß
der Sieg der Zichy's und Eszterhazy's auch für
die Deutschen Oesterreichs nur eine Verschärfung
der Reaction bedeuten würde.

Schon einmal gab es eine Zeit, da die Hart-
näckigkeit Ungarns, einen billigen Antheil an den
Reichslasten zu übernehmen, für die Magyaren
verhängnißvoll wurde. Bekanntlich weigerte sich
Kossuth als Finanzminister des Jahres 1848,
einen Theil der gemeinsamen Staatsschuld auf
den ungarischen Fiscus zu übernehmen und diese
unsinnige Ablehnung einer naturgemäßen Ver-




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.
Robert Burns.
(Zu seinem 100. Todestage am 21. Juli.)
Von Dr. Waldemar Erichsen.

(Nachdruck verboten.)

Seit langem hat sich Schottland gerüstet,
den hundertsten Todestag seines großen Dichters
auf das würdigste zu begehen, man hört von der
Errichtung neuer Denkmäler und von öffentlichen
Feierlichkeiten in den Hauptstädten, aber minde-
stens ebenso innig und tief wie die letztern wer-
den jene in den kleinern Ortschaften und in den
inmitten einsamer und zerklüfteter Gebirge lie-
genden verstecktesten Flecken und Dörfchen sein, wo
der Name "Robert Burns" mit einer feierlichen
Wärme ausgesprochen wird, als wäre er der
Schutzheilige des vielgeprüften Landes und könne
dessen Bevölkerung aus allen Drangsalen befreien!
Alles ja, was das echte schottische Herz bewegt,
was es erfreut und bedrückt, was es erhebt und
betrübt, das ist auf das engste mit den Dichtun-
gen dieses Sohnes seines Volkes verbunden, die
diesen Empfindungen so wahren, so reinen Aus-
druck gegeben haben, daß sie klingen, als wären
sie der Volksseele selbst entsprungen und nicht
die poetische Frucht eines einzelnen. Dieser ein-
zelne aber hätte nicht so fingen und klingen kön-
nen, wenn nicht schon in seiner Heimat und seinem
[Spaltenumbruch] Volke der Resonanzboden für seine Dichtungen
vorhanden gewesen wäre und eine gegenseitige
Ergänzung stattgefunden hätte, der jene echten
Volksweisen entsprungen. Das hat Goethe einmal
in seinen Gesprächen mit Eckermann sehr treffend
ausgeführt, indem er anläßlich des Besuches eines
jungen, hochbegabten französischen Schriftstellers
von dem großen Pariser Culturboden sprach, auf
welchem alle Talente viel eher und ersprießlicher
gedeihen als in Deutschland, er führte Beranger
als Beispiel an und stellte gegenüber, was der-
selbe in Paris geworden war und wie er sich
etwa entwickelt hätte als Sohn eines armen
Schneiders in Jena oder Weimar, um dann auf
Burns zu sprechen zu kommen: "Wodurch ist er
groß, als daß die alten Lieder seiner Vorfahren
im Munde des Volkes lebten, daß sie ihm sozu-
sagen bei der Wiege gesungen wurden, daß er als
Knabe unter ihnen heranwuchs und die hohe
Vortrefflichkeit dieser Mutter sich ihm so einlebte,
daß er darin eine lebendige Basis hatte, worauf
er weiter schreiten konnte. Und ferner, wodurch
ist er groß, als daß seine eignen Lieder in seinem
Volke sogleich empfängliche Ohren fanden, daß
sie ihm alsobald im Felde von Schnittern und
Binderinnen entgegenklangen und er in der
Schenke von heitern Gesellen damit begrüßt
wurde. Da konnte er freilich etwas werden!"

Ja, in Schottland hatte sich das Volkslied
in seiner vollen Ursprünglichkeit erhalten, ein
fröhlicher Grundzug ist im Wesen der Bewohner
[Spaltenumbruch] der Haide und des Hochlands ausgedrückt, neben
dem starken Freiheitsdrang und dem Bewußtsein
der eigenen Kraft sind es Lust und Frohsinn,
die sich im schottischen Nationalcharacter bemerk-
bar machen und die in den uralten Volksliedern
neben mancher ernsten und düstern Weise immer
wieder zum Durchbruch gelangen. Aus die-
sen Quellen schöpfte Burns, der "Pflüger von
Ayrshire," der trotz mehrfach drückender Noth
stets sorglos und guter Dinge war, dem die
Melodien ungerufen zuströmten, aus den Erin-
nerungen der Heimat, aus seinem anspruchslosen
Dasein, aus seinem Behagen an allem Frischen
und Natürlichen. Denn echt und wahr ist alles
an seinen Poesien, und daher ihr starker Zauber,
ihre geheimnißvolle Wirkung auf das Volks-
gemüth: "Seine Seele ist wie eine Aeolsharfe,
deren Saiten von leisestem Winde berührt in
ausdrucksvollen Melodien erklingen," so äußerte
Carlyle sehr glücklich von ihm. Alles, was Burns
selbst bewegte, Liebe, Freiheit, Heimat, Natur,
fand den gleichen und harmonischen Ausdruck in
seinen Versen, denen nichts Vulgäres anhaftet
und die so melodiös sind, daß sich die musikali-
schen Weisen gewissermaßen selbst zu ihnen finden.
"Mein Herz ist im Hochland, mein Herz ist
nicht hier, mein Herz ist im Hochland im grünen
Revier," "Du später Stern, du blasser Schein,"
"O singe weiter deinen Sang," "Wollt' er nur
fragen, Wollt' er nur fragen, Wenn er mich
haben wollt', Müßt' er's doch sagen," "O stün-


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Das
„Mähriſche Tagblatt“
erſcheint mit Ausnahme der
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Mähriſches
Tagblatt.

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ſtraße 1—3. Rud. Mosse, Wien
München u. Berlin. Alois
Opellik,
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Karoly u. Liebmann’s Annon-
cenbureau in Hamburg, ſowie
ſämmtl, conc. Inſertionsbu-
reaus des In- u. Auslandes
Manuſcripte werden nicht
zurückgeſtellt.


Telephon Nr. 9




Nr. 165. Olmütz, Montag, den 20. Juli 1896. 17. Jahrgang.


[Spaltenumbruch]
Ungarn und der Ausgleich.


Die Verbrüderung der Wiener und Buda-
peſter Liberalen wendete ſich wider den gemein-
ſamen Gegner, konnte aber den Intereſſengegenſatz
zwiſchen Oeſterreich und Ungarn nicht aus der
Welt ſchaffen. Raſch werden die Freudenfeſte
verrauſchen, in welchen man der dießſeits und
jenſeits der Leitha hereinbrechenden Reaction den
Krieg erklärte, und bald wird wieder der Streit
emporlohen, der die beiden Staaten von zehn
zu zehn Jahren veruneinigt. Man iſt ſich in Un-
garn nicht klar darüber, daß die ungariſchen
Landwirthe den Abſatz in Oeſterreich doch noth-
wendiger brauchen, als umgekehrt die öſterreichiſche
Induſtrie den Export nach Ungarn. Vielleicht
täuſcht man ſich auch über den Grad der Will-
fährigkeit, der dießſeits der Leitha herrſcht, und
ſündigt am Ende gar auf die jüngſten Kundge-
bungen hin. Nach der eigenen Statiſtik des
Königreiches Ungarn verzehren wir mehr als
drei Vierttheile aller aus Ungarn ausgeführten
Bodenfrüchte, während die öſterreichiſche Induſtrie
nur etwa über ein Viertel ihrer Ausfuhr jenſeits
der Leitha abſetzt. Bei einem Handels- und Zoll-
krieg könnte Ungarn weit empfindlicher getroffen
werden, und bei uns würden mächtige Intereſſen-
kreiſe aus der Bekämpfung des ungariſchen Ge-
treides ihren Vortheil ziehen. Hunderttauſende
von Landwirthen, vor allem in Galizien, dann
aber auch in den übrigen Ländern Oeſterreichs,
wären hoch erfreut, wenn ihnen die ungariſche
Concurrenz vom Halſe genommen würde. Da-
gegen ſind die Induſtrieſtätten in Ungarn noch
dünn geſäet und verfügen nur über einen ver-
hältnißmäßig geringen Kreis von Intereſſenten.
[Spaltenumbruch] Man weiß, wie empfindlich Serbien von Zeit zu
Zeit durch das gegen ſeine Schweine ausgeſpro-
chene Verbot der Einfuhr in Ungarn leidet. Die
ſerbiſche Volkswirthſchaft ſtockt, ſo oft Zollſchranken
gegen ihren Viehexport aufgerichtet werden. Wohl
würden beide Theile des Reiches furchtbar unter
einem Zollkriege leiden, aber die Sache wäre für
Ungarn nicht ſo gefahrlos, als man ſich drüben
anſtellt. Deshalb ſpielt die herrſchende Partei
in Ungarn ein gewagtes Spiel, indem ſie
eine billige Erhöhung der ungariſchen Quote
ablehnt. — Es wäre für Ungarn ſehr bedenk-
lich, wenn die Herren es, wie im Geſetze
vorgeſchrieben iſt, auf einen Schiedsſpruch der
Krone ankommen laſſen würden, denn das Ge-
wicht der für Oeſterreich ſprechenden Gründe
käme dann voll zur Geltung und die Folge wäre,
daß das Selbſtgefühl des öſterreichiſchen Parla-
ments namhaft erhöht würde. Wohl kann die
Krone den Spruch nur für ein Jahr fällen, aber
die von ihr feſtgeſtellte Ziffer würde ſich natur-
gemäß in Kraft erhalten.

Offenbar lauern die Gegner des Liberalis-
mus in Ungarn auf eine Niederlage der herr-
ſchenden Partei in der Frage des Ausgleiches.
Wenn Baron Banffy und ſeine Partei freiwillig
und dem Gebote der Billigkeit folgend die Quote
hinaufſetzen, ſo würde das ihre Autorität nicht
ſo ſchädigen, als ein ihnen Unrecht gebender
kaiſerlicher Schiedsſpruch. Die Feinde des Dualis-
mus hoffen denn auch, daß es zu einem aber-
maligen Ausgleich nicht mehr kommt; die mäch-
tigen Agitationen der clerikalen ungariſchen
Volkspartei zeigen deutlich, daß die Hoffnungen
auf den Sturz des Liberalismus in Ungarn ge-
ſtiegen ſind. Tauſende von Menſchen ſind bei den
Volksverſammlungen anweſend, welche in dieſem
[Spaltenumbruch] Sinne im Banat abgehalten werden; Serben,
Rumänen und Deutſche vereinigen ſich hier, um
der Regierung Todfeindſchaft anzukündigen.
Merkwürdigerweiſe erinnern ſich die ungariſchen
Clericalen erſt jetzt, daß es unbillig ſei, die
emporſtrebenden Nationalitäten mit Gewalt
niederzuhalten; vor Einführung der Civilehe
waren die ungariſchen Geiſtlichen die kräftigſten
Förderer des Magyarismus; dieſe neuerwachte
Liebe für die anderen Nationalitäten würde ſich
ſofort in Gleichgiltigkeit verwandeln, wenn die
Partei Tisza’s und Wekerle’s andere Wege der
Kirchenpolitik einſchlüge. Wir in Oeſterreich wiſſen
ein Lied davon zu fingen, daß auch ſchwache, an
ſich ohnmächtige Nationalitäten erſt durch die
Anlehnung an die organiſirte Gewalt der Kirche
zur Bedeutung gelangten. Deshalb ſcheint uns
der Appell der clericalen Volkspartei an die
Deutſchen des Banates bedenklich zu ſein. Aehnliche
Scherze führte auch Graf Apponyi auf, als er
eine unbarmherzige Oppoſition gegen Tisza pre-
digte und jeden Bundesgenoſſen gegen den mächti-
gen Miniſter mit offenen Armen aufnahm. Es
iſt ſehr zweifelhaft, ob Oeſterreich aus den Händen
der clericalen ungariſchen Volkspartei einen gün-
ſtigeren Ausgleich erhielte; ſicher aber iſt, daß
der Sieg der Zichy’s und Eszterhazy’s auch für
die Deutſchen Oeſterreichs nur eine Verſchärfung
der Reaction bedeuten würde.

Schon einmal gab es eine Zeit, da die Hart-
näckigkeit Ungarns, einen billigen Antheil an den
Reichslaſten zu übernehmen, für die Magyaren
verhängnißvoll wurde. Bekanntlich weigerte ſich
Koſſuth als Finanzminiſter des Jahres 1848,
einen Theil der gemeinſamen Staatsſchuld auf
den ungariſchen Fiscus zu übernehmen und dieſe
unſinnige Ablehnung einer naturgemäßen Ver-




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.
Robert Burns.
(Zu ſeinem 100. Todestage am 21. Juli.)
Von Dr. Waldemar Erichſen.

(Nachdruck verboten.)

Seit langem hat ſich Schottland gerüſtet,
den hundertſten Todestag ſeines großen Dichters
auf das würdigſte zu begehen, man hört von der
Errichtung neuer Denkmäler und von öffentlichen
Feierlichkeiten in den Hauptſtädten, aber minde-
ſtens ebenſo innig und tief wie die letztern wer-
den jene in den kleinern Ortſchaften und in den
inmitten einſamer und zerklüfteter Gebirge lie-
genden verſteckteſten Flecken und Dörfchen ſein, wo
der Name „Robert Burns“ mit einer feierlichen
Wärme ausgeſprochen wird, als wäre er der
Schutzheilige des vielgeprüften Landes und könne
deſſen Bevölkerung aus allen Drangſalen befreien!
Alles ja, was das echte ſchottiſche Herz bewegt,
was es erfreut und bedrückt, was es erhebt und
betrübt, das iſt auf das engſte mit den Dichtun-
gen dieſes Sohnes ſeines Volkes verbunden, die
dieſen Empfindungen ſo wahren, ſo reinen Aus-
druck gegeben haben, daß ſie klingen, als wären
ſie der Volksſeele ſelbſt entſprungen und nicht
die poetiſche Frucht eines einzelnen. Dieſer ein-
zelne aber hätte nicht ſo fingen und klingen kön-
nen, wenn nicht ſchon in ſeiner Heimat und ſeinem
[Spaltenumbruch] Volke der Reſonanzboden für ſeine Dichtungen
vorhanden geweſen wäre und eine gegenſeitige
Ergänzung ſtattgefunden hätte, der jene echten
Volksweiſen entſprungen. Das hat Goethe einmal
in ſeinen Geſprächen mit Eckermann ſehr treffend
ausgeführt, indem er anläßlich des Beſuches eines
jungen, hochbegabten franzöſiſchen Schriftſtellers
von dem großen Pariſer Culturboden ſprach, auf
welchem alle Talente viel eher und erſprießlicher
gedeihen als in Deutſchland, er führte Béranger
als Beiſpiel an und ſtellte gegenüber, was der-
ſelbe in Paris geworden war und wie er ſich
etwa entwickelt hätte als Sohn eines armen
Schneiders in Jena oder Weimar, um dann auf
Burns zu ſprechen zu kommen: „Wodurch iſt er
groß, als daß die alten Lieder ſeiner Vorfahren
im Munde des Volkes lebten, daß ſie ihm ſozu-
ſagen bei der Wiege geſungen wurden, daß er als
Knabe unter ihnen heranwuchs und die hohe
Vortrefflichkeit dieſer Mutter ſich ihm ſo einlebte,
daß er darin eine lebendige Baſis hatte, worauf
er weiter ſchreiten konnte. Und ferner, wodurch
iſt er groß, als daß ſeine eignen Lieder in ſeinem
Volke ſogleich empfängliche Ohren fanden, daß
ſie ihm alſobald im Felde von Schnittern und
Binderinnen entgegenklangen und er in der
Schenke von heitern Geſellen damit begrüßt
wurde. Da konnte er freilich etwas werden!“

Ja, in Schottland hatte ſich das Volkslied
in ſeiner vollen Urſprünglichkeit erhalten, ein
fröhlicher Grundzug iſt im Weſen der Bewohner
[Spaltenumbruch] der Haide und des Hochlands ausgedrückt, neben
dem ſtarken Freiheitsdrang und dem Bewußtſein
der eigenen Kraft ſind es Luſt und Frohſinn,
die ſich im ſchottiſchen Nationalcharacter bemerk-
bar machen und die in den uralten Volksliedern
neben mancher ernſten und düſtern Weiſe immer
wieder zum Durchbruch gelangen. Aus die-
ſen Quellen ſchöpfte Burns, der „Pflüger von
Ayrſhire,“ der trotz mehrfach drückender Noth
ſtets ſorglos und guter Dinge war, dem die
Melodien ungerufen zuſtrömten, aus den Erin-
nerungen der Heimat, aus ſeinem anſpruchsloſen
Daſein, aus ſeinem Behagen an allem Friſchen
und Natürlichen. Denn echt und wahr iſt alles
an ſeinen Poeſien, und daher ihr ſtarker Zauber,
ihre geheimnißvolle Wirkung auf das Volks-
gemüth: „Seine Seele iſt wie eine Aeolsharfe,
deren Saiten von leiſeſtem Winde berührt in
ausdrucksvollen Melodien erklingen,“ ſo äußerte
Carlyle ſehr glücklich von ihm. Alles, was Burns
ſelbſt bewegte, Liebe, Freiheit, Heimat, Natur,
fand den gleichen und harmoniſchen Ausdruck in
ſeinen Verſen, denen nichts Vulgäres anhaftet
und die ſo melodiös ſind, daß ſich die muſikali-
ſchen Weiſen gewiſſermaßen ſelbſt zu ihnen finden.
„Mein Herz iſt im Hochland, mein Herz iſt
nicht hier, mein Herz iſt im Hochland im grünen
Revier,“ „Du ſpäter Stern, du blaſſer Schein,“
„O ſinge weiter deinen Sang,“ „Wollt’ er nur
fragen, Wollt’ er nur fragen, Wenn er mich
haben wollt’, Müßt’ er’s doch ſagen,“ „O ſtün-


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[[1]/0001] Das „Mähriſche Tagblatt“ erſcheint mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage täglich. Ausgabe 2 Uhr Nachmittag im Adminiſtrationslocale. Niederring Nr. 41 neu. Abonnement für Olmütz: Ganzjährig fl. 10.— Halbjährig „ 5.— Vierteljährig „ 2.50 Monatlich „ —·90 Zuſtellung ins Haus monat- lich 10 kr, Auswärts durch die Poſt: Ganzjährig fl. 14.— Halbjährig „ 7.— Vierteljährig „ 3.50 Einzelne Nummern 5 kr. Telephon Nr. 9. Mähriſches Tagblatt. Inſertionsgebühren nach aufliegendem Tarif. Außerhalb Olmütz überneh- men Inſertions-Aufträge. Heinrich Schalek, Annon- cen-Exped. in Wien, 1. Woll- zeile Nr. 11, Haasenstein & Vogler, in Wien, Buda- peſt, Berlin, Frankfurt a. M. Hamburg, Baſel und Leipzig. M. Dukes, Wien 1. Schuler- ſtraße 1—3. Rud. Mosse, Wien München u. Berlin. Alois Opellik, in Wien, G. L. Daube und Co., Frankfurt a. M. Karoly u. Liebmann’s Annon- cenbureau in Hamburg, ſowie ſämmtl, conc. Inſertionsbu- reaus des In- u. Auslandes Manuſcripte werden nicht zurückgeſtellt. Telephon Nr. 9 Nr. 165. Olmütz, Montag, den 20. Juli 1896. 17. Jahrgang. Ungarn und der Ausgleich. Olmütz, 20. Juli. Die Verbrüderung der Wiener und Buda- peſter Liberalen wendete ſich wider den gemein- ſamen Gegner, konnte aber den Intereſſengegenſatz zwiſchen Oeſterreich und Ungarn nicht aus der Welt ſchaffen. Raſch werden die Freudenfeſte verrauſchen, in welchen man der dießſeits und jenſeits der Leitha hereinbrechenden Reaction den Krieg erklärte, und bald wird wieder der Streit emporlohen, der die beiden Staaten von zehn zu zehn Jahren veruneinigt. Man iſt ſich in Un- garn nicht klar darüber, daß die ungariſchen Landwirthe den Abſatz in Oeſterreich doch noth- wendiger brauchen, als umgekehrt die öſterreichiſche Induſtrie den Export nach Ungarn. Vielleicht täuſcht man ſich auch über den Grad der Will- fährigkeit, der dießſeits der Leitha herrſcht, und ſündigt am Ende gar auf die jüngſten Kundge- bungen hin. Nach der eigenen Statiſtik des Königreiches Ungarn verzehren wir mehr als drei Vierttheile aller aus Ungarn ausgeführten Bodenfrüchte, während die öſterreichiſche Induſtrie nur etwa über ein Viertel ihrer Ausfuhr jenſeits der Leitha abſetzt. Bei einem Handels- und Zoll- krieg könnte Ungarn weit empfindlicher getroffen werden, und bei uns würden mächtige Intereſſen- kreiſe aus der Bekämpfung des ungariſchen Ge- treides ihren Vortheil ziehen. Hunderttauſende von Landwirthen, vor allem in Galizien, dann aber auch in den übrigen Ländern Oeſterreichs, wären hoch erfreut, wenn ihnen die ungariſche Concurrenz vom Halſe genommen würde. Da- gegen ſind die Induſtrieſtätten in Ungarn noch dünn geſäet und verfügen nur über einen ver- hältnißmäßig geringen Kreis von Intereſſenten. Man weiß, wie empfindlich Serbien von Zeit zu Zeit durch das gegen ſeine Schweine ausgeſpro- chene Verbot der Einfuhr in Ungarn leidet. 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Wenn Baron Banffy und ſeine Partei freiwillig und dem Gebote der Billigkeit folgend die Quote hinaufſetzen, ſo würde das ihre Autorität nicht ſo ſchädigen, als ein ihnen Unrecht gebender kaiſerlicher Schiedsſpruch. Die Feinde des Dualis- mus hoffen denn auch, daß es zu einem aber- maligen Ausgleich nicht mehr kommt; die mäch- tigen Agitationen der clerikalen ungariſchen Volkspartei zeigen deutlich, daß die Hoffnungen auf den Sturz des Liberalismus in Ungarn ge- ſtiegen ſind. Tauſende von Menſchen ſind bei den Volksverſammlungen anweſend, welche in dieſem Sinne im Banat abgehalten werden; Serben, Rumänen und Deutſche vereinigen ſich hier, um der Regierung Todfeindſchaft anzukündigen. Merkwürdigerweiſe erinnern ſich die ungariſchen Clericalen erſt jetzt, daß es unbillig ſei, die emporſtrebenden Nationalitäten mit Gewalt niederzuhalten; vor Einführung der Civilehe waren die ungariſchen Geiſtlichen die kräftigſten Förderer des Magyarismus; dieſe neuerwachte Liebe für die anderen Nationalitäten würde ſich ſofort in Gleichgiltigkeit verwandeln, wenn die Partei Tisza’s und Wekerle’s andere Wege der Kirchenpolitik einſchlüge. Wir in Oeſterreich wiſſen ein Lied davon zu fingen, daß auch ſchwache, an ſich ohnmächtige Nationalitäten erſt durch die Anlehnung an die organiſirte Gewalt der Kirche zur Bedeutung gelangten. Deshalb ſcheint uns der Appell der clericalen Volkspartei an die Deutſchen des Banates bedenklich zu ſein. Aehnliche Scherze führte auch Graf Apponyi auf, als er eine unbarmherzige Oppoſition gegen Tisza pre- digte und jeden Bundesgenoſſen gegen den mächti- gen Miniſter mit offenen Armen aufnahm. Es iſt ſehr zweifelhaft, ob Oeſterreich aus den Händen der clericalen ungariſchen Volkspartei einen gün- ſtigeren Ausgleich erhielte; ſicher aber iſt, daß der Sieg der Zichy’s und Eszterhazy’s auch für die Deutſchen Oeſterreichs nur eine Verſchärfung der Reaction bedeuten würde. Schon einmal gab es eine Zeit, da die Hart- näckigkeit Ungarns, einen billigen Antheil an den Reichslaſten zu übernehmen, für die Magyaren verhängnißvoll wurde. Bekanntlich weigerte ſich Koſſuth als Finanzminiſter des Jahres 1848, einen Theil der gemeinſamen Staatsſchuld auf den ungariſchen Fiscus zu übernehmen und dieſe unſinnige Ablehnung einer naturgemäßen Ver- Feuilleton. Robert Burns. (Zu ſeinem 100. Todestage am 21. Juli.) Von Dr. Waldemar Erichſen. (Nachdruck verboten.) Seit langem hat ſich Schottland gerüſtet, den hundertſten Todestag ſeines großen Dichters auf das würdigſte zu begehen, man hört von der Errichtung neuer Denkmäler und von öffentlichen Feierlichkeiten in den Hauptſtädten, aber minde- ſtens ebenſo innig und tief wie die letztern wer- den jene in den kleinern Ortſchaften und in den inmitten einſamer und zerklüfteter Gebirge lie- genden verſteckteſten Flecken und Dörfchen ſein, wo der Name „Robert Burns“ mit einer feierlichen Wärme ausgeſprochen wird, als wäre er der Schutzheilige des vielgeprüften Landes und könne deſſen Bevölkerung aus allen Drangſalen befreien! Alles ja, was das echte ſchottiſche Herz bewegt, was es erfreut und bedrückt, was es erhebt und betrübt, das iſt auf das engſte mit den Dichtun- gen dieſes Sohnes ſeines Volkes verbunden, die dieſen Empfindungen ſo wahren, ſo reinen Aus- druck gegeben haben, daß ſie klingen, als wären ſie der Volksſeele ſelbſt entſprungen und nicht die poetiſche Frucht eines einzelnen. Dieſer ein- zelne aber hätte nicht ſo fingen und klingen kön- nen, wenn nicht ſchon in ſeiner Heimat und ſeinem Volke der Reſonanzboden für ſeine Dichtungen vorhanden geweſen wäre und eine gegenſeitige Ergänzung ſtattgefunden hätte, der jene echten Volksweiſen entſprungen. Das hat Goethe einmal in ſeinen Geſprächen mit Eckermann ſehr treffend ausgeführt, indem er anläßlich des Beſuches eines jungen, hochbegabten franzöſiſchen Schriftſtellers von dem großen Pariſer Culturboden ſprach, auf welchem alle Talente viel eher und erſprießlicher gedeihen als in Deutſchland, er führte Béranger als Beiſpiel an und ſtellte gegenüber, was der- ſelbe in Paris geworden war und wie er ſich etwa entwickelt hätte als Sohn eines armen Schneiders in Jena oder Weimar, um dann auf Burns zu ſprechen zu kommen: „Wodurch iſt er groß, als daß die alten Lieder ſeiner Vorfahren im Munde des Volkes lebten, daß ſie ihm ſozu- ſagen bei der Wiege geſungen wurden, daß er als Knabe unter ihnen heranwuchs und die hohe Vortrefflichkeit dieſer Mutter ſich ihm ſo einlebte, daß er darin eine lebendige Baſis hatte, worauf er weiter ſchreiten konnte. Und ferner, wodurch iſt er groß, als daß ſeine eignen Lieder in ſeinem Volke ſogleich empfängliche Ohren fanden, daß ſie ihm alſobald im Felde von Schnittern und Binderinnen entgegenklangen und er in der Schenke von heitern Geſellen damit begrüßt wurde. Da konnte er freilich etwas werden!“ Ja, in Schottland hatte ſich das Volkslied in ſeiner vollen Urſprünglichkeit erhalten, ein fröhlicher Grundzug iſt im Weſen der Bewohner der Haide und des Hochlands ausgedrückt, neben dem ſtarken Freiheitsdrang und dem Bewußtſein der eigenen Kraft ſind es Luſt und Frohſinn, die ſich im ſchottiſchen Nationalcharacter bemerk- bar machen und die in den uralten Volksliedern neben mancher ernſten und düſtern Weiſe immer wieder zum Durchbruch gelangen. 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Alles, was Burns ſelbſt bewegte, Liebe, Freiheit, Heimat, Natur, fand den gleichen und harmoniſchen Ausdruck in ſeinen Verſen, denen nichts Vulgäres anhaftet und die ſo melodiös ſind, daß ſich die muſikali- ſchen Weiſen gewiſſermaßen ſelbſt zu ihnen finden. „Mein Herz iſt im Hochland, mein Herz iſt nicht hier, mein Herz iſt im Hochland im grünen Revier,“ „Du ſpäter Stern, du blaſſer Schein,“ „O ſinge weiter deinen Sang,“ „Wollt’ er nur fragen, Wollt’ er nur fragen, Wenn er mich haben wollt’, Müßt’ er’s doch ſagen,“ „O ſtün-

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Benjamin Fiechter, Susanne Haaf: Bereitstellung der digitalen Textausgabe (Konvertierung in das DTA-Basisformat). (2018-01-26T15:49:55Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
grepect GmbH: Bereitstellung der Texttranskription und Textauszeichnung. (2018-01-26T15:49:55Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Amelie Meister: Vorbereitung der Texttranskription und Textauszeichnung. (2018-01-26T15:49:55Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.

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Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




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Zitationshilfe: Mährisches Tagblatt. Nr. 165, Olmütz, 20.07.1896, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_maehrisches165_1896/1>, abgerufen am 05.03.2024.