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Czernowitzer Allgemeine Zeitung. Nr. 2216, Czernowitz, 07.06.1911.

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Telegramme Allgemeine, Czernowitz.


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Czernowitzer
Allgemeine Zeitung

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Es kostet im gewöhnlichen Inse-
ratenteil 12 h die 6mal gespaltene
Petitzeile bei einmaliger, 9 h bei
mehrmaliger Einschaltung, für Re-
klame 40 h die Petitzeile. Inserate
nehmen alle in- und ausländischen
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ministration entgegen -- Einzel-
exemplare sind in allen Zeitungs-
verschleißen, Trafiken, der k. k. Uni-
versitätsbuchhandlung H. Pardini
und in der Administration (Ring-
platz 4, 2. St.) erhältlich. In Wien
im Zeitungsbureau Goldschmidt,
Wollzeil[e] 11.

Einzelexemplare
10 Heller für Czernowitz.






Nr. 2216. Czernowitz, Mittwoch, den 7. Juni 1911.



[Spaltenumbruch]
Uebersicht.

Vom Tage.

Der Sultan hat seine Reise nach Mazedonien und
Albanien angetreten. -- An der griechisch-türkischen
Grenze kam es zu bewaffneten Zwischenfällen. -- Die
Reise des Königs von Serbien nach Paris wurde bis zum
Herbst aufgeschoben.

Bunte Chronik.

Die österreichischen Behörden haben an der Grenze
sanitäre Vorsichtsmaßregeln gegen Provenienzen aus
Venedig angeordnet.

Letzte Telegramme.

Der Kaiser hat sich zur Erholung nach Lainz be-
geben. -- Im Obersthofmarschallamte erfolgte heute die
Eröffnung des Testamentes Johann Orths.




Die Verwaltungsreform.


Durch ein kaiserliches Kabinettsschreiben wurde die-
ser Tage eine Kommission eingesetzt, die sich mit der Re-
form der Verwaltung beschäftigen soll. In den letzten
Jahren gehörte es fast zum guten politischen Ton, daß die
Regierungen ihre löbliche Absicht bekundeten an die Neu-
ordnung der sehr verwickelten, administrativen Verhält-
nisse heranzutreten. Dr. v. Körber hat seine geradezu be-
rühmte "Studie" über diese Frage veröffentlicht und in
ihr den Weg vorgezeichnet, der zu einem fast idealen Zu-
stande führen würde. Leider haben sich nicht die staats-
männischen Techniker gefunden, die den Mut besäßen und
die Kraft ihr eigen genannt hätten, das schöne Projekt zu
verwirklichen. Bescheidener als sein reformfreudiger Vor-
gänger war Freiherr v. Beck, der am 25. Juli 1906 ein
viel bemerktes Rundschreiben erließ, das bloß eine kleine
Reform der Verwaltung -- eine Verbesserung ohne grund-
sätzliche Aenderungen -- anbahnen wollte. Nun trat als
Dritter im Bunde der gegenwärtige Ministerpräsident
auf den Plan.

Die Kommission, die jetzt durch einen Entschluß des
Kaisers ins Leben gerufen wurde, weist die besten Namen
auf, die Oesterreich auf dem Gebiete der Verwaltungs-
praxis und des Verwaltungsrechtes ins Treffen führen
kann. An die Spitze der Kommission wurde der ehemalige
Statthalter von Tirol, Baron Schwartzenau gestellt; in die
Körperschaft selbst wurden Männer, wie der verdienstvolle
Kenner der englischen Verfassung und Politik Dr. Josef
[Spaltenumbruch] Redlich, der geistreiche Wiener Universitätsprofessor Brock-
hausen, der bekannte Nationalökonom Professor v. Philip-
povich und der hervorragende Statistiker Professor Rauch-
berg berufen. Wird es den anerkannten Kapazitäten ge-
lingen, etwas Brauchbares und Ganzes zu schaffen? Ueber
die Schwierigkeiten des Werkes gibt man sich keiner Täu-
schung hin; die Lebensdauer der Kommission wurde auch
gleich von vornherein mit drei Jahren festgesetzt. Sollte
sich aber die Notwendigkeit ergeben, die Arbeitszeit zu
verlängern, dann kann dies durch eine neue kaiserliche
Entschließung geschehen. An einem kräftigen Ansporn zur
zielbewußten Ueberwindung der Hindernisse fehlt es für
die ernsten Fachmänner gewiß nicht. Erstens leidet die
österreichische Verwaltung heute noch darunter, daß sie der
Bevölkerung zu sehr entrückt ist und in Traditionen fort-
wirkt, die in der Zeit, in der der Staat vor allem Polizei-
staat war, begründet wurden. Zweitens zeigt sich in der
krassesten Weise das Unvermögen der österreichischen Ver-
waltung, große Wirtschaftsbetriebe zu leiten, und das
Budget krankt sehr, weil beträchtliche Summen vergeudet
werden. So haben alle Tarifreformen bei den Staats-
bahnen nicht dahin geführt, das große Defizit dieser Unter-
nehmung zu beseitigen, denn der Aufwand für das Perso-
nal stieg mit unheimlicher Schnelligkeit.

Aber selbst, wenn man sich der Hoffnung hingeben
will, daß die neue Kommission mehr als einen interessan-
ten Bericht hervorbringen werde, tut man sehr gut, be-
scheiden zu bleiben. Dr. v. Körber hat dargelegt, daß für
die ihm vorschwebende Reform nicht weniger als 11 Reichs-
gesetze und je 7 Gesetze in den einzelnen Ländern notwen-
dig sein werden. Man stelle sich nun vor, welche enorme
Arbeit dadurch selbst dann entstünde, wenn das Zustande-
bringen dieser Maßnahmen nicht durch unzählige Schwie-
rigkeiten gehemmt wäre, die einerseits in der Rivalität
zwischen den autonomen Ländern und Gemeinden mit
dem Staate und in den alles behindernden nationalen
Streitigkeiten ihren Ursprung haben. Deshalb gibt es
sehr viele angesehene Fachmänner, die die Meinung ver-
treten, daß eine vollständige Ueberwindung der Uebel-
stände erst dann möglich sein würde, wenn die nationalen
Gegensätze durch eine befriedigende Ordnung aller natio-
nalen Angelegenheiten aus der Welt geschafft wären. Doch
wie weit sind wir noch von der idealen Zeit entfernt, in
der die Deutschen und Czechen, die Polen und Ruthenen,
die Slowenen und Italiener einander brüderlich umarmen
werden! Aus diesem Grunde wird man zufrieden sein
müssen, wenn vorläufig wenigstens einige Verbesserungen
herbeigeführt werden können.

In welcher Richtung man sich dabei bewegen müßte,
[Spaltenumbruch] hat eben jetzt der Universitätsprofessor Regierungsrat
Dr. Karl Brockhausen in einem Büchlein gezeigt, das
unter dem Titel "Oesterreichische Verwaltungsreformen"
nicht nur eine herbe, aber gerechte Kritik der Mängel,
sondern auch praktische Vorschläge bringt. Schon das Motto
ist beachtenswert: "Das Staatsrecht zerreißt Oesterreich,
die Verwaltung hält es zusammen." Damit ist bereits
das Ziel für jede zweckmäßige Neueinrichtung der Admini-
strative angedeutet. Die Verwaltung hat die Aufgabe, die
Glieder, die den Staat bilden, fest aneinander zu schließen,
sie muß jedoch andererseits genug Elastizität besitzen, um
sich den Verschiedenheiten und Eigenarten anzupassen.
Eine wesentliche Störung wird durch das Nebeneinander-
laufen und Sichdurchkreuzen der staatlichen Administra-
tive und der Selbstverwaltung der Länder und Gemeinden
herbeigeführt. Dabei ruht die Verwaltung des Staates
und die der Länder auf ganz verschiedenen Grundlagen.
Das Reich, das über große Einnahmen verfügt, hat den
Provinzen den größten Teil der Sorgen für das allge-
meine Wohl überlassen, ohne ihnen die Mittel einzuräu-
men, um ihren Verpflichtungen nachkommen zu können.
Dadurch entstand auch die chronische Geldnot der Länder
und ein unbedachtes finanzielles Wirtschaften, ein "Wirt-
schaften auf Regimentsunkosten".

Der Aufbau des staatlichen Verwaltungsorganismus
weist empfindliche Fehler auf. Die Basis bilden die sog.
Bezirkshauptmannschaften, die viel zu groß geraten sind,
um mit der Bevölkerung einen lebendigen Kontakt unter-
halten zu können, und die ihre ganze Tätigkeit der Erle-
digung der Akten widmen müssen. Im alten Polizeistaate
genügte dieses passive Verhalten, diese Gepflogenheit, die
Geschäfte an sich herankommen zu lassen. Im modernen
Staate aber fordert man von der Behörde viel Initiative
und mehr geistige, individualisierte, als schablonenhafte
Arbeit. Wie der Unterbau, ist auch der Oberbau verpfuscht.
Oesterreich besteht aus 17 Kronländern, die allerdings zu
14 Verwaltungseinheiten zusammengelegt sind. Dabei hat
jedoch die Rücksicht auf die praktischen Bedürfnisse keine
Rolle gespielt. Der eine Landeschef ist verhältnismäßig
ungleich mehr belastet als der andere, keiner aber ist bei
der gegenwärtigen Amtsorganisation wirklich imstande,
jene Verantwortung zu tragen, die er der Regierung ge-
genüber auf sich nehmen muß. Er hat täglich Hunderte
von Akten zu unterschreiben, ohne daß er die Zeit finden
würde sich um ihren Inhalt zu kümmern. Zieht man nun
in Betracht, daß die Behörden der verschiedenen Instanzen
in Oesterreich gezwungen sind, immer wieder dasselbe zu
tun; daß ein Akt, der bei der Bezirkshauptmannschaft ge-
arbeitet wurde, meistens bei der Statthalterei und dann




[Spaltenumbruch]
Die Goldmühle.

16] (Nachdruck verboten.)

Der Bach war noch angeschwollen, aber er ließ sein Bün-
del am Ufer liegen, und da, wo er in hohen Ufern schmal
und tief dahinschießt, faßte er sich ein Herz und sprang
hinüber. Wohl löste sich der aufgeweichte Uferrand unter
der Last seines Ansprungs, so daß er hinabglitt und bis an
die Knie ins Wasser geriet, aber er erreichte das Ufer und
stieg auf dem glitscherigen Felsgestein des Hanges durch's
blühende Günstergestrüpp, das den Händen Halt bot, frisch
empor zur kahlen Felsenspitze, die fast senkrecht hinabfällt
zum Tale,, so daß man die Tannenwipfel tief zu Füßen
sich wiegen sieht, mit aufrechtstehenden Zapfen besät. Un-
verwandt blickte er hinüber zum Berghang, bis Eva über
den Tannen sichbar wurde, mühsam den steilen Pfad em-
porklimmend. Er verfolgte sie mit den Blicken, bis sie im
Häuschen der Muhme verschwunden war. Er sah, wie sie
eine ganze Weile zögerte, ehe sie eintrat; endlich aber
öffnete sie die Tür und ging hinein. Schweren Herzens
stieg er wieder hinab und wanderte talabwärts dem
Dorfe zu.

Elftes Kapitel.

Das Häuschen der Jungfer Rosamunde Lautenschlä-
ger, der Muhme Evas, bei der sie Unterkunft suchte und
fand, lag in der Mitte zwischen dem Dorfe und der Mühle
oben am Berge, ganz einsam und ohne jeder Nachbar-
schaft. Niemand weiß, wie man auf den sonderbaren Ge-
danken hat kommen können, oben in dieser menschenfer-
nen Bergeinsamkeit ein Haus hinzubauen. Durch eine
waldige Schlucht, in der ein klares Bächlein, der Abfluß
der neben dem Hause aus dem Boden springenden Berg-
quelle, zwischen Moos und Farn über das dunkle Fels-
gestein hinabhüpfte zum Tale, konnte man die Kirche und
die ersten Häuser von Güldenthal erblicken, und auch das
Mühlenanwesen sah man rechts unten im Grünen liegen.
Vernehmlich drang in stillen Nächten das Rauschen des
[Spaltenumbruch] wasserreichen Goldbachs herauf und mischte sich in das
Tosen des fernen Mühlwehres. Im Winter gaben sich
Fuchs und Hase und Edelmarder dort oben oft ein nächt-
liches Stelldichein am Gartenzaune oder hinter dem Säll-
chen. Früh sah man dann die Spuren im Schnee, mit-
unter auch rote, wenn das Treffen blutig verlaufen war.
Oberhalb dehnte sich eine viele Morgen große Heidefläche,
in deren zartem Blütengezweig im Sommer die Bienen
schwärmten, so daß die ganze Luft von ihrem Summen er-
füllt war. Am Berghange unten ragten zwischen den dun-
keln, verwitterten und mit vielfarbigen Moosen und Flech-
ten stellenweise dicht überzogene Felsklötzen, die überall
aus der Bergwand zutage traten, die alten graustämmi-
gen Edeltannen, majestätisch rauschend, wenn der Wind
vom Mühlberge herab oder von der felsigen Reiserswand
herüberkam und durch die dunkelgrünen Wipfel fuhr. Ge-
genüber der waldige Hang mit den überall aus dem
Tannengrün hervortretenden grauen Felsschroffen und
mit den grünbunten Feldstreifen auf der Höhe -- o es
war ganz schön da oben, wenigstens sommersüber. Frei-
lich im Winter war es oft recht einsam und unheimlich,
da heulte der Sturm um das Häuschen, dessen Bewohnerin
oft tagelang von allem Verkehr mit der Mitwelt abgeschlos-
sen war, wollte sie nicht knietief im Schnee waten. Da
leuchtete dann das Licht der Muhme oft wie ein Stern
aus der Höhe herab ins Tal, wenn die Nacht so dunkel
war, daß die Umrisse des Berges sich nicht mehr vom
Himmel abhoben. Nur ein schmaler Pfad führte zum
Häuschen empor, das wie viele geringere Häuser der Ge-
gend, noch mit Schindeln gedeckt war und nur eine einzige
große Wohnstube mit einen umfangreichen Kachelofen
und zwei niedrigen Schiebfenstern, daneben eine Kammer
und eine dunkle Küche und auf dem Boden direkt unter
dem Dache ein Bodenkämmerchen enthielt. Die untere
Kammer besaß nur ein Fensterloch dicht unter der Decke
das im Winter nicht selten zuschneite, sodaß es Tag und
Nacht völlig finster in der Kammer war. Der kleine Ziegen-
und Hühnerstall war gleich mit ins Haus eingebaut, und
man brauchte nur von der Wohnstube zwei Schritte über
den schmalen, mit rohen Schieferplatten belegten Haus-
[Spaltenumbruch] flur zu tun, um in den warmen Stall zu gelangen, in dem
die Lise mit den langen Rehohren und den wunderlichen
Klunker am Halse sich wintersüber das würzige Bergheu
und Waldgras schmecken ließ. In den Sommermonaten
weidete sie im Freien, zusammen mit den weißen Kanin-
chen, die den ganzen Sommer und Herbst hindurch ums
Haus herum im Grünen hüpften und schnupperten, und
den bunten Hühnern, die hier oben einen weiten, vortreff-
lichen Auslauf hatten und fleißig legten. Freilich fiel man-
ches von ihnen dem Fuchse zur Beute. Die Lise im Stalle
hatte es auch sonst gut; es fehlte ihr nicht ein trockener,
warmer Lagerstreu, so daß die Muhme oft meinte:
"Wenn's nur mancher Mensch so gut hätte!"

Vor dem Häuschen stand ein großer Sauerkirschbaum
und hinter dem Stalle ein alter, reichtragender Süßapfel-
baum, dessen Früchte den ganzen Winter durch herhalten
mußten. Da roch es ums Häuschen her oft gar lieblich nach
frischen Bratäpfeln und duftenden Pfannkuchen, die von
der Muhme "Röhrentötscher" genannt wurden. Auch ein
Garten war seitwärts am Hause, dem die Muhme die
größte Sorgfalt zuwandte, da er ihr nicht nur das nötige
Küchengemüse, sondern auch die vielen Schnittblumen
liefern mußte, deren sie zu ihrer einträglichen Kranzbinderei
bei Hochzeiten und Begräbnissen bedurfte, große Pfund-
rosen, Eisenhut, Schwertlilien, "Herzchen", Mutterviolen,
Jungfernblatt mit starkduftenden Samtblättern, Salbei
und andere wohlriechende Kräuter, Zentifolien und weiße
Rosen, vor allem einen reichen Flor von allerlei Sommer-
blumen und ein großes Beet voll weißer und bunter Stroh-
blumen. Der größte Stolz der Muhme aber waren der
große alte Buchsbaum am Eingange, mit beinstarkem
Stamme, und der große, vielverzweigte Rosmarinstrauch
am Giebel, der mancher Brautjungfer und Taufpatin im
Dorfe seine wohlriechende Zweige spenden mußte für den
Kirchgang. Auf der anderen Seite stieß an das Häuschen
eine Wiese und ein Stück Feld, auf dem die Muhme ihre
Kartoffeln und etwas Körner und Rüben baute.

(Fortsetzung folgt).


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Telegramme Allgemeine, Czernowitz.


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Czernowitzer
Allgemeine Zeitung

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Es koſtet im gewöhnlichen Inſe-
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Petitzeile bei einmaliger, 9 h bei
mehrmaliger Einſchaltung, für Re-
klame 40 h die Petitzeile. Inſerate
nehmen alle in- und ausländiſchen
Inſeratenbureaux ſowie die Ad-
miniſtration entgegen — Einzel-
exemplare ſind in allen Zeitungs-
verſchleißen, Trafiken, der k. k. Uni-
verſitätsbuchhandlung H. Pardini
und in der Adminiſtration (Ring-
platz 4, 2. St.) erhältlich. In Wien
im Zeitungsbureau Goldſchmidt,
Wollzeil[e] 11.

Einzelexemplare
10 Heller für Czernowitz.






Nr. 2216. Czernowitz, Mittwoch, den 7. Juni 1911.



[Spaltenumbruch]
Ueberſicht.

Vom Tage.

Der Sultan hat ſeine Reiſe nach Mazedonien und
Albanien angetreten. — An der griechiſch-türkiſchen
Grenze kam es zu bewaffneten Zwiſchenfällen. — Die
Reiſe des Königs von Serbien nach Paris wurde bis zum
Herbſt aufgeſchoben.

Bunte Chronik.

Die öſterreichiſchen Behörden haben an der Grenze
ſanitäre Vorſichtsmaßregeln gegen Provenienzen aus
Venedig angeordnet.

Letzte Telegramme.

Der Kaiſer hat ſich zur Erholung nach Lainz be-
geben. — Im Oberſthofmarſchallamte erfolgte heute die
Eröffnung des Teſtamentes Johann Orths.




Die Verwaltungsreform.


Durch ein kaiſerliches Kabinettsſchreiben wurde die-
ſer Tage eine Kommiſſion eingeſetzt, die ſich mit der Re-
form der Verwaltung beſchäftigen ſoll. In den letzten
Jahren gehörte es faſt zum guten politiſchen Ton, daß die
Regierungen ihre löbliche Abſicht bekundeten an die Neu-
ordnung der ſehr verwickelten, adminiſtrativen Verhält-
niſſe heranzutreten. Dr. v. Körber hat ſeine geradezu be-
rühmte „Studie“ über dieſe Frage veröffentlicht und in
ihr den Weg vorgezeichnet, der zu einem faſt idealen Zu-
ſtande führen würde. Leider haben ſich nicht die ſtaats-
männiſchen Techniker gefunden, die den Mut beſäßen und
die Kraft ihr eigen genannt hätten, das ſchöne Projekt zu
verwirklichen. Beſcheidener als ſein reformfreudiger Vor-
gänger war Freiherr v. Beck, der am 25. Juli 1906 ein
viel bemerktes Rundſchreiben erließ, das bloß eine kleine
Reform der Verwaltung — eine Verbeſſerung ohne grund-
ſätzliche Aenderungen — anbahnen wollte. Nun trat als
Dritter im Bunde der gegenwärtige Miniſterpräſident
auf den Plan.

Die Kommiſſion, die jetzt durch einen Entſchluß des
Kaiſers ins Leben gerufen wurde, weiſt die beſten Namen
auf, die Oeſterreich auf dem Gebiete der Verwaltungs-
praxis und des Verwaltungsrechtes ins Treffen führen
kann. An die Spitze der Kommiſſion wurde der ehemalige
Statthalter von Tirol, Baron Schwartzenau geſtellt; in die
Körperſchaft ſelbſt wurden Männer, wie der verdienſtvolle
Kenner der engliſchen Verfaſſung und Politik Dr. Joſef
[Spaltenumbruch] Redlich, der geiſtreiche Wiener Univerſitätsprofeſſor Brock-
hauſen, der bekannte Nationalökonom Profeſſor v. Philip-
povich und der hervorragende Statiſtiker Profeſſor Rauch-
berg berufen. Wird es den anerkannten Kapazitäten ge-
lingen, etwas Brauchbares und Ganzes zu ſchaffen? Ueber
die Schwierigkeiten des Werkes gibt man ſich keiner Täu-
ſchung hin; die Lebensdauer der Kommiſſion wurde auch
gleich von vornherein mit drei Jahren feſtgeſetzt. Sollte
ſich aber die Notwendigkeit ergeben, die Arbeitszeit zu
verlängern, dann kann dies durch eine neue kaiſerliche
Entſchließung geſchehen. An einem kräftigen Anſporn zur
zielbewußten Ueberwindung der Hinderniſſe fehlt es für
die ernſten Fachmänner gewiß nicht. Erſtens leidet die
öſterreichiſche Verwaltung heute noch darunter, daß ſie der
Bevölkerung zu ſehr entrückt iſt und in Traditionen fort-
wirkt, die in der Zeit, in der der Staat vor allem Polizei-
ſtaat war, begründet wurden. Zweitens zeigt ſich in der
kraſſeſten Weiſe das Unvermögen der öſterreichiſchen Ver-
waltung, große Wirtſchaftsbetriebe zu leiten, und das
Budget krankt ſehr, weil beträchtliche Summen vergeudet
werden. So haben alle Tarifreformen bei den Staats-
bahnen nicht dahin geführt, das große Defizit dieſer Unter-
nehmung zu beſeitigen, denn der Aufwand für das Perſo-
nal ſtieg mit unheimlicher Schnelligkeit.

Aber ſelbſt, wenn man ſich der Hoffnung hingeben
will, daß die neue Kommiſſion mehr als einen intereſſan-
ten Bericht hervorbringen werde, tut man ſehr gut, be-
ſcheiden zu bleiben. Dr. v. Körber hat dargelegt, daß für
die ihm vorſchwebende Reform nicht weniger als 11 Reichs-
geſetze und je 7 Geſetze in den einzelnen Ländern notwen-
dig ſein werden. Man ſtelle ſich nun vor, welche enorme
Arbeit dadurch ſelbſt dann entſtünde, wenn das Zuſtande-
bringen dieſer Maßnahmen nicht durch unzählige Schwie-
rigkeiten gehemmt wäre, die einerſeits in der Rivalität
zwiſchen den autonomen Ländern und Gemeinden mit
dem Staate und in den alles behindernden nationalen
Streitigkeiten ihren Urſprung haben. Deshalb gibt es
ſehr viele angeſehene Fachmänner, die die Meinung ver-
treten, daß eine vollſtändige Ueberwindung der Uebel-
ſtände erſt dann möglich ſein würde, wenn die nationalen
Gegenſätze durch eine befriedigende Ordnung aller natio-
nalen Angelegenheiten aus der Welt geſchafft wären. Doch
wie weit ſind wir noch von der idealen Zeit entfernt, in
der die Deutſchen und Czechen, die Polen und Ruthenen,
die Slowenen und Italiener einander brüderlich umarmen
werden! Aus dieſem Grunde wird man zufrieden ſein
müſſen, wenn vorläufig wenigſtens einige Verbeſſerungen
herbeigeführt werden können.

In welcher Richtung man ſich dabei bewegen müßte,
[Spaltenumbruch] hat eben jetzt der Univerſitätsprofeſſor Regierungsrat
Dr. Karl Brockhauſen in einem Büchlein gezeigt, das
unter dem Titel „Oeſterreichiſche Verwaltungsreformen“
nicht nur eine herbe, aber gerechte Kritik der Mängel,
ſondern auch praktiſche Vorſchläge bringt. Schon das Motto
iſt beachtenswert: „Das Staatsrecht zerreißt Oeſterreich,
die Verwaltung hält es zuſammen.“ Damit iſt bereits
das Ziel für jede zweckmäßige Neueinrichtung der Admini-
ſtrative angedeutet. Die Verwaltung hat die Aufgabe, die
Glieder, die den Staat bilden, feſt aneinander zu ſchließen,
ſie muß jedoch andererſeits genug Elaſtizität beſitzen, um
ſich den Verſchiedenheiten und Eigenarten anzupaſſen.
Eine weſentliche Störung wird durch das Nebeneinander-
laufen und Sichdurchkreuzen der ſtaatlichen Adminiſtra-
tive und der Selbſtverwaltung der Länder und Gemeinden
herbeigeführt. Dabei ruht die Verwaltung des Staates
und die der Länder auf ganz verſchiedenen Grundlagen.
Das Reich, das über große Einnahmen verfügt, hat den
Provinzen den größten Teil der Sorgen für das allge-
meine Wohl überlaſſen, ohne ihnen die Mittel einzuräu-
men, um ihren Verpflichtungen nachkommen zu können.
Dadurch entſtand auch die chroniſche Geldnot der Länder
und ein unbedachtes finanzielles Wirtſchaften, ein „Wirt-
ſchaften auf Regimentsunkoſten“.

Der Aufbau des ſtaatlichen Verwaltungsorganismus
weiſt empfindliche Fehler auf. Die Baſis bilden die ſog.
Bezirkshauptmannſchaften, die viel zu groß geraten ſind,
um mit der Bevölkerung einen lebendigen Kontakt unter-
halten zu können, und die ihre ganze Tätigkeit der Erle-
digung der Akten widmen müſſen. Im alten Polizeiſtaate
genügte dieſes paſſive Verhalten, dieſe Gepflogenheit, die
Geſchäfte an ſich herankommen zu laſſen. Im modernen
Staate aber fordert man von der Behörde viel Initiative
und mehr geiſtige, individualiſierte, als ſchablonenhafte
Arbeit. Wie der Unterbau, iſt auch der Oberbau verpfuſcht.
Oeſterreich beſteht aus 17 Kronländern, die allerdings zu
14 Verwaltungseinheiten zuſammengelegt ſind. Dabei hat
jedoch die Rückſicht auf die praktiſchen Bedürfniſſe keine
Rolle geſpielt. Der eine Landeschef iſt verhältnismäßig
ungleich mehr belaſtet als der andere, keiner aber iſt bei
der gegenwärtigen Amtsorganiſation wirklich imſtande,
jene Verantwortung zu tragen, die er der Regierung ge-
genüber auf ſich nehmen muß. Er hat täglich Hunderte
von Akten zu unterſchreiben, ohne daß er die Zeit finden
würde ſich um ihren Inhalt zu kümmern. Zieht man nun
in Betracht, daß die Behörden der verſchiedenen Inſtanzen
in Oeſterreich gezwungen ſind, immer wieder dasſelbe zu
tun; daß ein Akt, der bei der Bezirkshauptmannſchaft ge-
arbeitet wurde, meiſtens bei der Statthalterei und dann




[Spaltenumbruch]
Die Goldmühle.

16] (Nachdruck verboten.)

Der Bach war noch angeſchwollen, aber er ließ ſein Bün-
del am Ufer liegen, und da, wo er in hohen Ufern ſchmal
und tief dahinſchießt, faßte er ſich ein Herz und ſprang
hinüber. Wohl löſte ſich der aufgeweichte Uferrand unter
der Laſt ſeines Anſprungs, ſo daß er hinabglitt und bis an
die Knie ins Waſſer geriet, aber er erreichte das Ufer und
ſtieg auf dem glitſcherigen Felsgeſtein des Hanges durch’s
blühende Günſtergeſtrüpp, das den Händen Halt bot, friſch
empor zur kahlen Felſenſpitze, die faſt ſenkrecht hinabfällt
zum Tale,, ſo daß man die Tannenwipfel tief zu Füßen
ſich wiegen ſieht, mit aufrechtſtehenden Zapfen beſät. Un-
verwandt blickte er hinüber zum Berghang, bis Eva über
den Tannen ſichbar wurde, mühſam den ſteilen Pfad em-
porklimmend. Er verfolgte ſie mit den Blicken, bis ſie im
Häuschen der Muhme verſchwunden war. Er ſah, wie ſie
eine ganze Weile zögerte, ehe ſie eintrat; endlich aber
öffnete ſie die Tür und ging hinein. Schweren Herzens
ſtieg er wieder hinab und wanderte talabwärts dem
Dorfe zu.

Elftes Kapitel.

Das Häuschen der Jungfer Roſamunde Lautenſchlä-
ger, der Muhme Evas, bei der ſie Unterkunft ſuchte und
fand, lag in der Mitte zwiſchen dem Dorfe und der Mühle
oben am Berge, ganz einſam und ohne jeder Nachbar-
ſchaft. Niemand weiß, wie man auf den ſonderbaren Ge-
danken hat kommen können, oben in dieſer menſchenfer-
nen Bergeinſamkeit ein Haus hinzubauen. Durch eine
waldige Schlucht, in der ein klares Bächlein, der Abfluß
der neben dem Hauſe aus dem Boden ſpringenden Berg-
quelle, zwiſchen Moos und Farn über das dunkle Fels-
geſtein hinabhüpfte zum Tale, konnte man die Kirche und
die erſten Häuſer von Güldenthal erblicken, und auch das
Mühlenanweſen ſah man rechts unten im Grünen liegen.
Vernehmlich drang in ſtillen Nächten das Rauſchen des
[Spaltenumbruch] waſſerreichen Goldbachs herauf und miſchte ſich in das
Toſen des fernen Mühlwehres. Im Winter gaben ſich
Fuchs und Haſe und Edelmarder dort oben oft ein nächt-
liches Stelldichein am Gartenzaune oder hinter dem Säll-
chen. Früh ſah man dann die Spuren im Schnee, mit-
unter auch rote, wenn das Treffen blutig verlaufen war.
Oberhalb dehnte ſich eine viele Morgen große Heidefläche,
in deren zartem Blütengezweig im Sommer die Bienen
ſchwärmten, ſo daß die ganze Luft von ihrem Summen er-
füllt war. Am Berghange unten ragten zwiſchen den dun-
keln, verwitterten und mit vielfarbigen Mooſen und Flech-
ten ſtellenweiſe dicht überzogene Felsklötzen, die überall
aus der Bergwand zutage traten, die alten grauſtämmi-
gen Edeltannen, majeſtätiſch rauſchend, wenn der Wind
vom Mühlberge herab oder von der felſigen Reiſerswand
herüberkam und durch die dunkelgrünen Wipfel fuhr. Ge-
genüber der waldige Hang mit den überall aus dem
Tannengrün hervortretenden grauen Felsſchroffen und
mit den grünbunten Feldſtreifen auf der Höhe — o es
war ganz ſchön da oben, wenigſtens ſommersüber. Frei-
lich im Winter war es oft recht einſam und unheimlich,
da heulte der Sturm um das Häuschen, deſſen Bewohnerin
oft tagelang von allem Verkehr mit der Mitwelt abgeſchloſ-
ſen war, wollte ſie nicht knietief im Schnee waten. Da
leuchtete dann das Licht der Muhme oft wie ein Stern
aus der Höhe herab ins Tal, wenn die Nacht ſo dunkel
war, daß die Umriſſe des Berges ſich nicht mehr vom
Himmel abhoben. Nur ein ſchmaler Pfad führte zum
Häuschen empor, das wie viele geringere Häuſer der Ge-
gend, noch mit Schindeln gedeckt war und nur eine einzige
große Wohnſtube mit einen umfangreichen Kachelofen
und zwei niedrigen Schiebfenſtern, daneben eine Kammer
und eine dunkle Küche und auf dem Boden direkt unter
dem Dache ein Bodenkämmerchen enthielt. Die untere
Kammer beſaß nur ein Fenſterloch dicht unter der Decke
das im Winter nicht ſelten zuſchneite, ſodaß es Tag und
Nacht völlig finſter in der Kammer war. Der kleine Ziegen-
und Hühnerſtall war gleich mit ins Haus eingebaut, und
man brauchte nur von der Wohnſtube zwei Schritte über
den ſchmalen, mit rohen Schieferplatten belegten Haus-
[Spaltenumbruch] flur zu tun, um in den warmen Stall zu gelangen, in dem
die Liſe mit den langen Rehohren und den wunderlichen
Klunker am Halſe ſich wintersüber das würzige Bergheu
und Waldgras ſchmecken ließ. In den Sommermonaten
weidete ſie im Freien, zuſammen mit den weißen Kanin-
chen, die den ganzen Sommer und Herbſt hindurch ums
Haus herum im Grünen hüpften und ſchnupperten, und
den bunten Hühnern, die hier oben einen weiten, vortreff-
lichen Auslauf hatten und fleißig legten. Freilich fiel man-
ches von ihnen dem Fuchſe zur Beute. Die Liſe im Stalle
hatte es auch ſonſt gut; es fehlte ihr nicht ein trockener,
warmer Lagerſtreu, ſo daß die Muhme oft meinte:
„Wenn’s nur mancher Menſch ſo gut hätte!“

Vor dem Häuschen ſtand ein großer Sauerkirſchbaum
und hinter dem Stalle ein alter, reichtragender Süßapfel-
baum, deſſen Früchte den ganzen Winter durch herhalten
mußten. Da roch es ums Häuschen her oft gar lieblich nach
friſchen Bratäpfeln und duftenden Pfannkuchen, die von
der Muhme „Röhrentötſcher“ genannt wurden. Auch ein
Garten war ſeitwärts am Hauſe, dem die Muhme die
größte Sorgfalt zuwandte, da er ihr nicht nur das nötige
Küchengemüſe, ſondern auch die vielen Schnittblumen
liefern mußte, deren ſie zu ihrer einträglichen Kranzbinderei
bei Hochzeiten und Begräbniſſen bedurfte, große Pfund-
roſen, Eiſenhut, Schwertlilien, „Herzchen“, Mutterviolen,
Jungfernblatt mit ſtarkduftenden Samtblättern, Salbei
und andere wohlriechende Kräuter, Zentifolien und weiße
Roſen, vor allem einen reichen Flor von allerlei Sommer-
blumen und ein großes Beet voll weißer und bunter Stroh-
blumen. Der größte Stolz der Muhme aber waren der
große alte Buchsbaum am Eingange, mit beinſtarkem
Stamme, und der große, vielverzweigte Rosmarinſtrauch
am Giebel, der mancher Brautjungfer und Taufpatin im
Dorfe ſeine wohlriechende Zweige ſpenden mußte für den
Kirchgang. Auf der anderen Seite ſtieß an das Häuschen
eine Wieſe und ein Stück Feld, auf dem die Muhme ihre
Kartoffeln und etwas Körner und Rüben baute.

(Fortſetzung folgt).


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[[1]/0001] Redaktion und Adminiſtration: Ringplatz 4, 2. Stock. Telephon-Nummer 161. Abonnementsbedingungen: Für Czernowitz (mit Zuſtellung ins Haus): monatl. K 1·80, vierteljähr. K 5·40 halbj. K 10·80, ganzjähr. K 21·60, (mit täglicher Poſtverſendung): monatlich K 2, vierteljähr. K 6, halbjähr. K 12, ganzjähr. K 24. Für Deutſchland: vierteljährig ... 7 Mark. für Rumänien und den Balkan: vierteljährig .... 10 Lei. Telegramme Allgemeine, Czernowitz. Czernowitzer Allgemeine Zeitung Ankündigungen: Es koſtet im gewöhnlichen Inſe- ratenteil 12 h die 6mal geſpaltene Petitzeile bei einmaliger, 9 h bei mehrmaliger Einſchaltung, für Re- klame 40 h die Petitzeile. Inſerate nehmen alle in- und ausländiſchen Inſeratenbureaux ſowie die Ad- miniſtration entgegen — Einzel- exemplare ſind in allen Zeitungs- verſchleißen, Trafiken, der k. k. Uni- verſitätsbuchhandlung H. Pardini und in der Adminiſtration (Ring- platz 4, 2. St.) erhältlich. In Wien im Zeitungsbureau Goldſchmidt, Wollzeile 11. Einzelexemplare 10 Heller für Czernowitz. Nr. 2216. Czernowitz, Mittwoch, den 7. Juni 1911. Ueberſicht. Vom Tage. Der Sultan hat ſeine Reiſe nach Mazedonien und Albanien angetreten. — An der griechiſch-türkiſchen Grenze kam es zu bewaffneten Zwiſchenfällen. — Die Reiſe des Königs von Serbien nach Paris wurde bis zum Herbſt aufgeſchoben. Bunte Chronik. Die öſterreichiſchen Behörden haben an der Grenze ſanitäre Vorſichtsmaßregeln gegen Provenienzen aus Venedig angeordnet. Letzte Telegramme. Der Kaiſer hat ſich zur Erholung nach Lainz be- geben. — Im Oberſthofmarſchallamte erfolgte heute die Eröffnung des Teſtamentes Johann Orths. Die Verwaltungsreform. Wien, 2. Juni. Durch ein kaiſerliches Kabinettsſchreiben wurde die- ſer Tage eine Kommiſſion eingeſetzt, die ſich mit der Re- form der Verwaltung beſchäftigen ſoll. In den letzten Jahren gehörte es faſt zum guten politiſchen Ton, daß die Regierungen ihre löbliche Abſicht bekundeten an die Neu- ordnung der ſehr verwickelten, adminiſtrativen Verhält- niſſe heranzutreten. Dr. v. Körber hat ſeine geradezu be- rühmte „Studie“ über dieſe Frage veröffentlicht und in ihr den Weg vorgezeichnet, der zu einem faſt idealen Zu- ſtande führen würde. Leider haben ſich nicht die ſtaats- männiſchen Techniker gefunden, die den Mut beſäßen und die Kraft ihr eigen genannt hätten, das ſchöne Projekt zu verwirklichen. Beſcheidener als ſein reformfreudiger Vor- gänger war Freiherr v. Beck, der am 25. Juli 1906 ein viel bemerktes Rundſchreiben erließ, das bloß eine kleine Reform der Verwaltung — eine Verbeſſerung ohne grund- ſätzliche Aenderungen — anbahnen wollte. Nun trat als Dritter im Bunde der gegenwärtige Miniſterpräſident auf den Plan. Die Kommiſſion, die jetzt durch einen Entſchluß des Kaiſers ins Leben gerufen wurde, weiſt die beſten Namen auf, die Oeſterreich auf dem Gebiete der Verwaltungs- praxis und des Verwaltungsrechtes ins Treffen führen kann. An die Spitze der Kommiſſion wurde der ehemalige Statthalter von Tirol, Baron Schwartzenau geſtellt; in die Körperſchaft ſelbſt wurden Männer, wie der verdienſtvolle Kenner der engliſchen Verfaſſung und Politik Dr. Joſef Redlich, der geiſtreiche Wiener Univerſitätsprofeſſor Brock- hauſen, der bekannte Nationalökonom Profeſſor v. Philip- povich und der hervorragende Statiſtiker Profeſſor Rauch- berg berufen. Wird es den anerkannten Kapazitäten ge- lingen, etwas Brauchbares und Ganzes zu ſchaffen? Ueber die Schwierigkeiten des Werkes gibt man ſich keiner Täu- ſchung hin; die Lebensdauer der Kommiſſion wurde auch gleich von vornherein mit drei Jahren feſtgeſetzt. Sollte ſich aber die Notwendigkeit ergeben, die Arbeitszeit zu verlängern, dann kann dies durch eine neue kaiſerliche Entſchließung geſchehen. An einem kräftigen Anſporn zur zielbewußten Ueberwindung der Hinderniſſe fehlt es für die ernſten Fachmänner gewiß nicht. Erſtens leidet die öſterreichiſche Verwaltung heute noch darunter, daß ſie der Bevölkerung zu ſehr entrückt iſt und in Traditionen fort- wirkt, die in der Zeit, in der der Staat vor allem Polizei- ſtaat war, begründet wurden. Zweitens zeigt ſich in der kraſſeſten Weiſe das Unvermögen der öſterreichiſchen Ver- waltung, große Wirtſchaftsbetriebe zu leiten, und das Budget krankt ſehr, weil beträchtliche Summen vergeudet werden. So haben alle Tarifreformen bei den Staats- bahnen nicht dahin geführt, das große Defizit dieſer Unter- nehmung zu beſeitigen, denn der Aufwand für das Perſo- nal ſtieg mit unheimlicher Schnelligkeit. Aber ſelbſt, wenn man ſich der Hoffnung hingeben will, daß die neue Kommiſſion mehr als einen intereſſan- ten Bericht hervorbringen werde, tut man ſehr gut, be- ſcheiden zu bleiben. Dr. v. Körber hat dargelegt, daß für die ihm vorſchwebende Reform nicht weniger als 11 Reichs- geſetze und je 7 Geſetze in den einzelnen Ländern notwen- dig ſein werden. Man ſtelle ſich nun vor, welche enorme Arbeit dadurch ſelbſt dann entſtünde, wenn das Zuſtande- bringen dieſer Maßnahmen nicht durch unzählige Schwie- rigkeiten gehemmt wäre, die einerſeits in der Rivalität zwiſchen den autonomen Ländern und Gemeinden mit dem Staate und in den alles behindernden nationalen Streitigkeiten ihren Urſprung haben. Deshalb gibt es ſehr viele angeſehene Fachmänner, die die Meinung ver- treten, daß eine vollſtändige Ueberwindung der Uebel- ſtände erſt dann möglich ſein würde, wenn die nationalen Gegenſätze durch eine befriedigende Ordnung aller natio- nalen Angelegenheiten aus der Welt geſchafft wären. Doch wie weit ſind wir noch von der idealen Zeit entfernt, in der die Deutſchen und Czechen, die Polen und Ruthenen, die Slowenen und Italiener einander brüderlich umarmen werden! Aus dieſem Grunde wird man zufrieden ſein müſſen, wenn vorläufig wenigſtens einige Verbeſſerungen herbeigeführt werden können. In welcher Richtung man ſich dabei bewegen müßte, hat eben jetzt der Univerſitätsprofeſſor Regierungsrat Dr. Karl Brockhauſen in einem Büchlein gezeigt, das unter dem Titel „Oeſterreichiſche Verwaltungsreformen“ nicht nur eine herbe, aber gerechte Kritik der Mängel, ſondern auch praktiſche Vorſchläge bringt. Schon das Motto iſt beachtenswert: „Das Staatsrecht zerreißt Oeſterreich, die Verwaltung hält es zuſammen.“ Damit iſt bereits das Ziel für jede zweckmäßige Neueinrichtung der Admini- ſtrative angedeutet. Die Verwaltung hat die Aufgabe, die Glieder, die den Staat bilden, feſt aneinander zu ſchließen, ſie muß jedoch andererſeits genug Elaſtizität beſitzen, um ſich den Verſchiedenheiten und Eigenarten anzupaſſen. Eine weſentliche Störung wird durch das Nebeneinander- laufen und Sichdurchkreuzen der ſtaatlichen Adminiſtra- tive und der Selbſtverwaltung der Länder und Gemeinden herbeigeführt. Dabei ruht die Verwaltung des Staates und die der Länder auf ganz verſchiedenen Grundlagen. Das Reich, das über große Einnahmen verfügt, hat den Provinzen den größten Teil der Sorgen für das allge- meine Wohl überlaſſen, ohne ihnen die Mittel einzuräu- men, um ihren Verpflichtungen nachkommen zu können. Dadurch entſtand auch die chroniſche Geldnot der Länder und ein unbedachtes finanzielles Wirtſchaften, ein „Wirt- ſchaften auf Regimentsunkoſten“. Der Aufbau des ſtaatlichen Verwaltungsorganismus weiſt empfindliche Fehler auf. Die Baſis bilden die ſog. Bezirkshauptmannſchaften, die viel zu groß geraten ſind, um mit der Bevölkerung einen lebendigen Kontakt unter- halten zu können, und die ihre ganze Tätigkeit der Erle- digung der Akten widmen müſſen. Im alten Polizeiſtaate genügte dieſes paſſive Verhalten, dieſe Gepflogenheit, die Geſchäfte an ſich herankommen zu laſſen. Im modernen Staate aber fordert man von der Behörde viel Initiative und mehr geiſtige, individualiſierte, als ſchablonenhafte Arbeit. Wie der Unterbau, iſt auch der Oberbau verpfuſcht. Oeſterreich beſteht aus 17 Kronländern, die allerdings zu 14 Verwaltungseinheiten zuſammengelegt ſind. Dabei hat jedoch die Rückſicht auf die praktiſchen Bedürfniſſe keine Rolle geſpielt. Der eine Landeschef iſt verhältnismäßig ungleich mehr belaſtet als der andere, keiner aber iſt bei der gegenwärtigen Amtsorganiſation wirklich imſtande, jene Verantwortung zu tragen, die er der Regierung ge- genüber auf ſich nehmen muß. Er hat täglich Hunderte von Akten zu unterſchreiben, ohne daß er die Zeit finden würde ſich um ihren Inhalt zu kümmern. Zieht man nun in Betracht, daß die Behörden der verſchiedenen Inſtanzen in Oeſterreich gezwungen ſind, immer wieder dasſelbe zu tun; daß ein Akt, der bei der Bezirkshauptmannſchaft ge- arbeitet wurde, meiſtens bei der Statthalterei und dann Die Goldmühle. Roman von Margarete Gehring. 16] (Nachdruck verboten.) Der Bach war noch angeſchwollen, aber er ließ ſein Bün- del am Ufer liegen, und da, wo er in hohen Ufern ſchmal und tief dahinſchießt, faßte er ſich ein Herz und ſprang hinüber. Wohl löſte ſich der aufgeweichte Uferrand unter der Laſt ſeines Anſprungs, ſo daß er hinabglitt und bis an die Knie ins Waſſer geriet, aber er erreichte das Ufer und ſtieg auf dem glitſcherigen Felsgeſtein des Hanges durch’s blühende Günſtergeſtrüpp, das den Händen Halt bot, friſch empor zur kahlen Felſenſpitze, die faſt ſenkrecht hinabfällt zum Tale,, ſo daß man die Tannenwipfel tief zu Füßen ſich wiegen ſieht, mit aufrechtſtehenden Zapfen beſät. Un- verwandt blickte er hinüber zum Berghang, bis Eva über den Tannen ſichbar wurde, mühſam den ſteilen Pfad em- porklimmend. Er verfolgte ſie mit den Blicken, bis ſie im Häuschen der Muhme verſchwunden war. Er ſah, wie ſie eine ganze Weile zögerte, ehe ſie eintrat; endlich aber öffnete ſie die Tür und ging hinein. Schweren Herzens ſtieg er wieder hinab und wanderte talabwärts dem Dorfe zu. Elftes Kapitel. Das Häuschen der Jungfer Roſamunde Lautenſchlä- ger, der Muhme Evas, bei der ſie Unterkunft ſuchte und fand, lag in der Mitte zwiſchen dem Dorfe und der Mühle oben am Berge, ganz einſam und ohne jeder Nachbar- ſchaft. Niemand weiß, wie man auf den ſonderbaren Ge- danken hat kommen können, oben in dieſer menſchenfer- nen Bergeinſamkeit ein Haus hinzubauen. Durch eine waldige Schlucht, in der ein klares Bächlein, der Abfluß der neben dem Hauſe aus dem Boden ſpringenden Berg- quelle, zwiſchen Moos und Farn über das dunkle Fels- geſtein hinabhüpfte zum Tale, konnte man die Kirche und die erſten Häuſer von Güldenthal erblicken, und auch das Mühlenanweſen ſah man rechts unten im Grünen liegen. Vernehmlich drang in ſtillen Nächten das Rauſchen des waſſerreichen Goldbachs herauf und miſchte ſich in das Toſen des fernen Mühlwehres. Im Winter gaben ſich Fuchs und Haſe und Edelmarder dort oben oft ein nächt- liches Stelldichein am Gartenzaune oder hinter dem Säll- chen. Früh ſah man dann die Spuren im Schnee, mit- unter auch rote, wenn das Treffen blutig verlaufen war. Oberhalb dehnte ſich eine viele Morgen große Heidefläche, in deren zartem Blütengezweig im Sommer die Bienen ſchwärmten, ſo daß die ganze Luft von ihrem Summen er- füllt war. Am Berghange unten ragten zwiſchen den dun- keln, verwitterten und mit vielfarbigen Mooſen und Flech- ten ſtellenweiſe dicht überzogene Felsklötzen, die überall aus der Bergwand zutage traten, die alten grauſtämmi- gen Edeltannen, majeſtätiſch rauſchend, wenn der Wind vom Mühlberge herab oder von der felſigen Reiſerswand herüberkam und durch die dunkelgrünen Wipfel fuhr. Ge- genüber der waldige Hang mit den überall aus dem Tannengrün hervortretenden grauen Felsſchroffen und mit den grünbunten Feldſtreifen auf der Höhe — o es war ganz ſchön da oben, wenigſtens ſommersüber. Frei- lich im Winter war es oft recht einſam und unheimlich, da heulte der Sturm um das Häuschen, deſſen Bewohnerin oft tagelang von allem Verkehr mit der Mitwelt abgeſchloſ- ſen war, wollte ſie nicht knietief im Schnee waten. Da leuchtete dann das Licht der Muhme oft wie ein Stern aus der Höhe herab ins Tal, wenn die Nacht ſo dunkel war, daß die Umriſſe des Berges ſich nicht mehr vom Himmel abhoben. Nur ein ſchmaler Pfad führte zum Häuschen empor, das wie viele geringere Häuſer der Ge- gend, noch mit Schindeln gedeckt war und nur eine einzige große Wohnſtube mit einen umfangreichen Kachelofen und zwei niedrigen Schiebfenſtern, daneben eine Kammer und eine dunkle Küche und auf dem Boden direkt unter dem Dache ein Bodenkämmerchen enthielt. Die untere Kammer beſaß nur ein Fenſterloch dicht unter der Decke das im Winter nicht ſelten zuſchneite, ſodaß es Tag und Nacht völlig finſter in der Kammer war. Der kleine Ziegen- und Hühnerſtall war gleich mit ins Haus eingebaut, und man brauchte nur von der Wohnſtube zwei Schritte über den ſchmalen, mit rohen Schieferplatten belegten Haus- flur zu tun, um in den warmen Stall zu gelangen, in dem die Liſe mit den langen Rehohren und den wunderlichen Klunker am Halſe ſich wintersüber das würzige Bergheu und Waldgras ſchmecken ließ. In den Sommermonaten weidete ſie im Freien, zuſammen mit den weißen Kanin- chen, die den ganzen Sommer und Herbſt hindurch ums Haus herum im Grünen hüpften und ſchnupperten, und den bunten Hühnern, die hier oben einen weiten, vortreff- lichen Auslauf hatten und fleißig legten. Freilich fiel man- ches von ihnen dem Fuchſe zur Beute. Die Liſe im Stalle hatte es auch ſonſt gut; es fehlte ihr nicht ein trockener, warmer Lagerſtreu, ſo daß die Muhme oft meinte: „Wenn’s nur mancher Menſch ſo gut hätte!“ Vor dem Häuschen ſtand ein großer Sauerkirſchbaum und hinter dem Stalle ein alter, reichtragender Süßapfel- baum, deſſen Früchte den ganzen Winter durch herhalten mußten. Da roch es ums Häuschen her oft gar lieblich nach friſchen Bratäpfeln und duftenden Pfannkuchen, die von der Muhme „Röhrentötſcher“ genannt wurden. Auch ein Garten war ſeitwärts am Hauſe, dem die Muhme die größte Sorgfalt zuwandte, da er ihr nicht nur das nötige Küchengemüſe, ſondern auch die vielen Schnittblumen liefern mußte, deren ſie zu ihrer einträglichen Kranzbinderei bei Hochzeiten und Begräbniſſen bedurfte, große Pfund- roſen, Eiſenhut, Schwertlilien, „Herzchen“, Mutterviolen, Jungfernblatt mit ſtarkduftenden Samtblättern, Salbei und andere wohlriechende Kräuter, Zentifolien und weiße Roſen, vor allem einen reichen Flor von allerlei Sommer- blumen und ein großes Beet voll weißer und bunter Stroh- blumen. Der größte Stolz der Muhme aber waren der große alte Buchsbaum am Eingange, mit beinſtarkem Stamme, und der große, vielverzweigte Rosmarinſtrauch am Giebel, der mancher Brautjungfer und Taufpatin im Dorfe ſeine wohlriechende Zweige ſpenden mußte für den Kirchgang. Auf der anderen Seite ſtieß an das Häuschen eine Wieſe und ein Stück Feld, auf dem die Muhme ihre Kartoffeln und etwas Körner und Rüben baute. (Fortſetzung folgt).

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Zitationshilfe: Czernowitzer Allgemeine Zeitung. Nr. 2216, Czernowitz, 07.06.1911, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_czernowitzer2216_1911/1>, abgerufen am 24.01.2022.