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Der Arbeitgeber. Nr. 1046. Frankfurt a. M., 19. Mai 1877.

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[Spaltenumbruch] tigung finden können, ohne erheblichen Erfolg zu erzielen. Von
einem Nothstand kann also wohl keine Rede sein.

Jm Dortmunder Revier ist ein bedeutender Ausstand
ins Werk gesetzt worden. 350 Knappen der Gesellschaft "Union"
legten die Arbeit nieder, weil man 9 Stunden Schicht von ihnen
verlangte statt 8. Ebenso feiern 400--500 Mann der "Westfalia".
Um nun die Gruben nicht ersaufen zu lassen, bezog man die für
die Maschinen nöthigen Kohlen von einer benachbarten Zeche.
Darauf legten die Arbeiter derselben, gegen 700 Mann, ebenfalls
die Arbeit nieder, so daß im Ganzen jetzt 1700 Bergleute im Kreise
Dortmund feiern. Man glaubt jedoch nicht, daß diese Ausstände
Aussicht auf Erfolg haben.

Aus dem oberen Schwaben meldet der "Schwarzw. Bote",
daß die hochgespannten Löhne viele Grundbesitzer veranlaßt haben,
Gefangene zu verwenden, von denen jetzt 60--80 in den Hopfen-
gärten bei Rottenburg und bei den Straßenbauten beschäftigt werden.

Die württembergische Regierung hat amtliche Erhebungen über
die Lage des Arbeitmarktes gemacht, welche wir in der nächsten
Nummer mittheilen werden. Denselben zufolge sind Arbeiter nur
in beschränktem Maße entlassen worden, tüchtige und fleißige Leute,
deren Zahl " nicht als groß bezeichnet werden kann " ( ! )
keine. Die Löhne dagegen sind herabgegangen, sie waren freilich hoch
genug! Ebenso ist die Arbeitzeit beschränkt worden. -- Ein Noth-
stand ist nicht eingetreten, die Zahl der Armen hat nicht zuge-
nommen. Die württemb. Sparkasse hat im ersten Viertel d. J.
206,745 M. mehr Einlagen als im J. 1876; es wurden aller-
dings noch mehr zurückgezogen ( 1,646,000 gegen 1,387,000 im
Jahre 1876 ) , allein es bleiben doch noch 659,000 M. Ueberschuß
der Einlagen ( gegen 695,000 im Jahre 1876 ) . Dieser Betrag ist
so unerheblich und die Verminderung gegen das vor. Jahr so un-
bedeutend, daß sie die Annahme einer erheblichen Verschlimmerung
der Erwerbsverhältnisse ausschließt.

Da die italienischen Arbeiter wie alljährlich auch heuer wieder
in Massen über die Alpen strömten, ohne jedoch selbstverständlich
ebenso leicht Arbeit zu finden wie früher, so hat der Regierungs-
rath des Kantons Uri nach dem Beispiele Graubündens beim
Schweizer Bundesrath eine Vorstellung bei den italienischen Behör-
den gegen die fortwährende Masseneinwanderung von Arbeitern in
die Schweiz beantragt.

Die "Saarztg." schreibt über die Lage des Arbeitmarktes auf
dem Lande: "Es ist noch immer das alte Lied und das alte Lied
mit dem Mangel an Arbeitkräften oder vielmehr an Arbeitlust. Die
Zeitungen melden von zahlreichen Arbeitern, die in den Städten
ohne Arbeit und ohne Brod umherirren. Aber, um des Himmels-
willen, warm kommen sie nicht zu uns auf das Land, wo Arbeit
in Ueberfluß und Brods die Fülle ist?"

-- Jn Böhmen brach in Kladno in den Werken der
Eisenindustriegesellschaft ein Ausstand aus, in welchen anfänglich
1000 Arbeiter verwickelt wurden, derselbe ist aber zum größten
Theil beseitigt.

-- Jn Basel sollen viele Arbeiter ohne Beschäftigung sein
und der Staat um Beschäftigung angegangen werden wie im Jahre
1865. Daß dieß jedoch nur partial ist, und wahrscheinlich nur
die Seidenfabrikation angeht, zeigt der Umstand, daß bei den Bauten
viele Jtaliener beschäftigt sind.

Die Berliner Maschinisten und Heizer haben einen
Verein mit Stellen=Vermittlung errichtet ( Blumenstr. 76 ) . Der
Verein der Bildhauer hat ebenso eine Auskunftsstelle ( Leipziger-
straße 39 a ) für Lehrlinge errichtet. Die Volkszeitung fährt fort
den Arbeitmarkt in ausgedehnter Weise zu fördern, was oft seine
Schwierigkeit hat. Beklagt wird von den Arbeitern, daß die Orte
meist in den Anzeigen nicht angegeben sind. Wir schließen uns
dem Wunsche an, daß die Arbeitgeber solchen stets beifügen.

[ Wir bitten um Zusendung aller Zeitungsnummern, worin sich Angaben
über Bedarf oder Ueberfluß an Arbeitern befinden. D. Red. ]

* Geschäfts=Bericht. Der russische Krieg hat da und dort
erhöhte Thätigkeit in den Geschäften hervorgerufen. Beide krieg-
führende Theile bereiten sich auf eine lange Dauer des Krieges vor
und machen danach ihre Bestellungen. Die Türkei hat u. A. durch
ein Frankfurter Haus 50 Eismaschinen für ihre Lazarethe bestellt.

Jn Oesterreich hat sich nach dem "Wr. Geschäftsber." in
der Manufactenbranche die gewonnene Beweglichkeit nicht nur er-
halten, sondern sogar erweitert.

[Spaltenumbruch]

Wie jetzt ersichtlich, rührt die Besserung der Brünner Tuch-
fabrikation wesentlich mit von den Bestellungen Rußlands her.

Jn England hat sich das Eisengeschäft merklich gebessert,
nur von Clyde kommt die auffallende Nachricht, daß die Schiff-
bauer, welche bisher ziemlich gut beschäftigt waren, ihren Arbeitern
gekündigt hätten. Es sollen dadurch nicht weniger als 30,000 ( ? )
Leute brodlos werden. Veranlassung dazu sollen die ewigen Aus-
stände und Verlangen der Arbeiter nach höherem Lohne gewesen sein.
Verschiedene große Aufträge sind in Folge dessen bereits verloren
gegangen.

Daß es an Kapital immer noch sehr fehlt, zeigt der hohe
Zinsfuß. Nach Fränkel's Bericht werden selbst für die beste
Hypothek 5% beansprucht, selbst Vormundschaftsgelder bedingen
diesen Zins; nur in einzelnen wenigen Fällen und in den aller-
feinsten Vierteln Berlins kamen4 3 / 4 und4 1 / 2 % vor, geringere
müssen5 1 / 2 -- 6% zahlen. Bei den Hypotheken auf Landgüter
schwankt der Zins ebenfalls von4 1 / 2 --5 3 / 4, während er höchstens
3 1 / 2 % betragen sollte. Bis wir nicht auf den letzteren Stand
wieder angelangt sind, kann von einem Wohlstande bei uns nicht
die Rede sein.

Trotz der sehr gesunkenen Miethpreise und 17,000 leeren
Wohnungen wird in Berlin doch noch gebaut. Jm laufenden Jahre
sind bereits nicht weniger als 700 neue Gebäude zur Versicherung
angemeldet.

Angesichts der Klagen über das Darniederliegen der Geschäfte
ist es erfreulich zu sehen, daß es doch recht schöne Ausnahmen giebt.
Das Kaiserslauterer Eisenwerk ( Aktiengesellschaft ) z. B.
hat für das vergangene Jahr eine Dividende von 15% vertheilt.
Während der 11 Betriebsjahre, welche es jetzt zählt, war die
Dividende durchschnittlich12 1 / 2 %.

-- Die Badische Anilin= und Sodafabrik in Lud-
wigshafen
hatte im vorigen Jahre einen Reingewinn von
2,275,530 M., Dividende von 7%.

-- Die "Soz. Corr." meldet, daß in Sachsen, Berlin,
und Schlesien noch über Mangel an Arbeit geklagt wird. Das
Oranienburger Nothstands=Komite berichtet, daß es bereits
4000 Personen unterstützt habe, 10,000 Familien litten aber Noth.
Jn Widerspruch damit steht, daß die Berliner städt. Sparkasse
im 1. Viertel d. J. 547,000 M. mehr Einlagen erhielt als zu-
rückgenommen wurden. Die Gesammtzahl beträgt 20,114,000 M.
Die Werkstätten der Stargardter und Posener Eisenbahnen
sind vollauf beschäftigt. Jn Oberschlesien geht es auch besser.
Der preuß. Handelsminister will der Eisenindustrie zu lieb Eisen-
schwellen einführen.

-- Die namentlich von Belgien aus befürchtete Ueberschwem-
mung mit Eisen ist nicht eingetreten. Die belgische Ausfuhr ist
von 1,426,000 im ersten Quartal 2765 auf 1,387,000 im Jahre
1876 herabgegangen und betrug im letzten Quartal auch nicht
mehr. Die preußische Ausfuhr dagegen nach Belgien betrug
im selben Zeitraum von 1876 8,312,000 Kilo und stieg heuer
auf 11,853,000. Von geschlagenem, gezogenem und gewalztem
Eisen stieg die preuß. Einfuhr von 27,786 Kilo im ersten Quartal
1874 auf 266,649 Kilo im Jahre 1877.

* Die Geschäftsstockung. Zu den vielen komischen Ursachen
der Stockung ist eine neue gekommen, die wieder zeigt, wie man-
gelhaft die Kenntniß der Volkswirthschaft selbst unter den Gebil-
deten ist. Laveleye schreibt nämlich die Stockung dem Umstande
zu, daß jetzt nahezu alle Eisenbahnen, Canäle und Maschinen ge-
baut seien, die man brauche, folglich sei auch weniger Eisen u. s. w.
nöthig. Gleichzeitig klagt er aber über Mangel an Geld; obwohl
dessen genug vorhanden ( ? ) , so verstecke es sich doch. Der Wider-
spruch in beiden Sätzen hätte Herrn v. Laveleye schon auf das
Richtige führen müssen. An Geld fehlt es nicht, wohl aber an
Capital, und weil es an letzterem gebricht, kann man keine Eisen-
bahnen bauen, kann der Landmann keine Maschinen kaufen, die er
so nöthig hätte, werden keine Schiffe gebaut u. s. w. Wenn viel
Capital vorhanden ist, dann wird auch viel verzehrt -- muß viel
verzehrt werden, weil das Capital sonst werthlos wird und zu
Grund geht. Der Verbranch wird aber schwerlich ein einseitiger
sein und deshalb auch das Eisen mit einschließen. Jst viel Ca-
pital da, so wird auch viel gebaut, die Zahl der gewerblichen An-
lagen vermehrt sich und damit die der Maschinen und Werkzeuge.
Der Verbrauch Englands an Eisen ist -- obwohl es mehr Eisen-

[Spaltenumbruch] tigung finden können, ohne erheblichen Erfolg zu erzielen. Von
einem Nothstand kann also wohl keine Rede sein.

Jm Dortmunder Revier ist ein bedeutender Ausstand
ins Werk gesetzt worden. 350 Knappen der Gesellschaft „Union“
legten die Arbeit nieder, weil man 9 Stunden Schicht von ihnen
verlangte statt 8. Ebenso feiern 400--500 Mann der „Westfalia“.
Um nun die Gruben nicht ersaufen zu lassen, bezog man die für
die Maschinen nöthigen Kohlen von einer benachbarten Zeche.
Darauf legten die Arbeiter derselben, gegen 700 Mann, ebenfalls
die Arbeit nieder, so daß im Ganzen jetzt 1700 Bergleute im Kreise
Dortmund feiern. Man glaubt jedoch nicht, daß diese Ausstände
Aussicht auf Erfolg haben.

Aus dem oberen Schwaben meldet der „Schwarzw. Bote“,
daß die hochgespannten Löhne viele Grundbesitzer veranlaßt haben,
Gefangene zu verwenden, von denen jetzt 60--80 in den Hopfen-
gärten bei Rottenburg und bei den Straßenbauten beschäftigt werden.

Die württembergische Regierung hat amtliche Erhebungen über
die Lage des Arbeitmarktes gemacht, welche wir in der nächsten
Nummer mittheilen werden. Denselben zufolge sind Arbeiter nur
in beschränktem Maße entlassen worden, tüchtige und fleißige Leute,
deren Zahl „ nicht als groß bezeichnet werden kann “ ( ! )
keine. Die Löhne dagegen sind herabgegangen, sie waren freilich hoch
genug! Ebenso ist die Arbeitzeit beschränkt worden. -- Ein Noth-
stand ist nicht eingetreten, die Zahl der Armen hat nicht zuge-
nommen. Die württemb. Sparkasse hat im ersten Viertel d. J.
206,745 M. mehr Einlagen als im J. 1876; es wurden aller-
dings noch mehr zurückgezogen ( 1,646,000 gegen 1,387,000 im
Jahre 1876 ) , allein es bleiben doch noch 659,000 M. Ueberschuß
der Einlagen ( gegen 695,000 im Jahre 1876 ) . Dieser Betrag ist
so unerheblich und die Verminderung gegen das vor. Jahr so un-
bedeutend, daß sie die Annahme einer erheblichen Verschlimmerung
der Erwerbsverhältnisse ausschließt.

Da die italienischen Arbeiter wie alljährlich auch heuer wieder
in Massen über die Alpen strömten, ohne jedoch selbstverständlich
ebenso leicht Arbeit zu finden wie früher, so hat der Regierungs-
rath des Kantons Uri nach dem Beispiele Graubündens beim
Schweizer Bundesrath eine Vorstellung bei den italienischen Behör-
den gegen die fortwährende Masseneinwanderung von Arbeitern in
die Schweiz beantragt.

Die „Saarztg.“ schreibt über die Lage des Arbeitmarktes auf
dem Lande: „Es ist noch immer das alte Lied und das alte Lied
mit dem Mangel an Arbeitkräften oder vielmehr an Arbeitlust. Die
Zeitungen melden von zahlreichen Arbeitern, die in den Städten
ohne Arbeit und ohne Brod umherirren. Aber, um des Himmels-
willen, warm kommen sie nicht zu uns auf das Land, wo Arbeit
in Ueberfluß und Brods die Fülle ist?“

-- Jn Böhmen brach in Kladno in den Werken der
Eisenindustriegesellschaft ein Ausstand aus, in welchen anfänglich
1000 Arbeiter verwickelt wurden, derselbe ist aber zum größten
Theil beseitigt.

-- Jn Basel sollen viele Arbeiter ohne Beschäftigung sein
und der Staat um Beschäftigung angegangen werden wie im Jahre
1865. Daß dieß jedoch nur partial ist, und wahrscheinlich nur
die Seidenfabrikation angeht, zeigt der Umstand, daß bei den Bauten
viele Jtaliener beschäftigt sind.

Die Berliner Maschinisten und Heizer haben einen
Verein mit Stellen=Vermittlung errichtet ( Blumenstr. 76 ) . Der
Verein der Bildhauer hat ebenso eine Auskunftsstelle ( Leipziger-
straße 39 a ) für Lehrlinge errichtet. Die Volkszeitung fährt fort
den Arbeitmarkt in ausgedehnter Weise zu fördern, was oft seine
Schwierigkeit hat. Beklagt wird von den Arbeitern, daß die Orte
meist in den Anzeigen nicht angegeben sind. Wir schließen uns
dem Wunsche an, daß die Arbeitgeber solchen stets beifügen.

[ Wir bitten um Zusendung aller Zeitungsnummern, worin sich Angaben
über Bedarf oder Ueberfluß an Arbeitern befinden. D. Red. ]

* Geschäfts=Bericht. Der russische Krieg hat da und dort
erhöhte Thätigkeit in den Geschäften hervorgerufen. Beide krieg-
führende Theile bereiten sich auf eine lange Dauer des Krieges vor
und machen danach ihre Bestellungen. Die Türkei hat u. A. durch
ein Frankfurter Haus 50 Eismaschinen für ihre Lazarethe bestellt.

Jn Oesterreich hat sich nach dem „Wr. Geschäftsber.“ in
der Manufactenbranche die gewonnene Beweglichkeit nicht nur er-
halten, sondern sogar erweitert.

[Spaltenumbruch]

Wie jetzt ersichtlich, rührt die Besserung der Brünner Tuch-
fabrikation wesentlich mit von den Bestellungen Rußlands her.

Jn England hat sich das Eisengeschäft merklich gebessert,
nur von Clyde kommt die auffallende Nachricht, daß die Schiff-
bauer, welche bisher ziemlich gut beschäftigt waren, ihren Arbeitern
gekündigt hätten. Es sollen dadurch nicht weniger als 30,000 ( ? )
Leute brodlos werden. Veranlassung dazu sollen die ewigen Aus-
stände und Verlangen der Arbeiter nach höherem Lohne gewesen sein.
Verschiedene große Aufträge sind in Folge dessen bereits verloren
gegangen.

Daß es an Kapital immer noch sehr fehlt, zeigt der hohe
Zinsfuß. Nach Fränkel's Bericht werden selbst für die beste
Hypothek 5% beansprucht, selbst Vormundschaftsgelder bedingen
diesen Zins; nur in einzelnen wenigen Fällen und in den aller-
feinsten Vierteln Berlins kamen4 3 / 4 und4 1 / 2 % vor, geringere
müssen5 1 / 2 -- 6% zahlen. Bei den Hypotheken auf Landgüter
schwankt der Zins ebenfalls von4 1 / 2 --5 3 / 4, während er höchstens
3 1 / 2 % betragen sollte. Bis wir nicht auf den letzteren Stand
wieder angelangt sind, kann von einem Wohlstande bei uns nicht
die Rede sein.

Trotz der sehr gesunkenen Miethpreise und 17,000 leeren
Wohnungen wird in Berlin doch noch gebaut. Jm laufenden Jahre
sind bereits nicht weniger als 700 neue Gebäude zur Versicherung
angemeldet.

Angesichts der Klagen über das Darniederliegen der Geschäfte
ist es erfreulich zu sehen, daß es doch recht schöne Ausnahmen giebt.
Das Kaiserslauterer Eisenwerk ( Aktiengesellschaft ) z. B.
hat für das vergangene Jahr eine Dividende von 15% vertheilt.
Während der 11 Betriebsjahre, welche es jetzt zählt, war die
Dividende durchschnittlich12 1 / 2 %.

-- Die Badische Anilin= und Sodafabrik in Lud-
wigshafen
hatte im vorigen Jahre einen Reingewinn von
2,275,530 M., Dividende von 7%.

-- Die „Soz. Corr.“ meldet, daß in Sachsen, Berlin,
und Schlesien noch über Mangel an Arbeit geklagt wird. Das
Oranienburger Nothstands=Komite berichtet, daß es bereits
4000 Personen unterstützt habe, 10,000 Familien litten aber Noth.
Jn Widerspruch damit steht, daß die Berliner städt. Sparkasse
im 1. Viertel d. J. 547,000 M. mehr Einlagen erhielt als zu-
rückgenommen wurden. Die Gesammtzahl beträgt 20,114,000 M.
Die Werkstätten der Stargardter und Posener Eisenbahnen
sind vollauf beschäftigt. Jn Oberschlesien geht es auch besser.
Der preuß. Handelsminister will der Eisenindustrie zu lieb Eisen-
schwellen einführen.

-- Die namentlich von Belgien aus befürchtete Ueberschwem-
mung mit Eisen ist nicht eingetreten. Die belgische Ausfuhr ist
von 1,426,000 im ersten Quartal 2765 auf 1,387,000 im Jahre
1876 herabgegangen und betrug im letzten Quartal auch nicht
mehr. Die preußische Ausfuhr dagegen nach Belgien betrug
im selben Zeitraum von 1876 8,312,000 Kilo und stieg heuer
auf 11,853,000. Von geschlagenem, gezogenem und gewalztem
Eisen stieg die preuß. Einfuhr von 27,786 Kilo im ersten Quartal
1874 auf 266,649 Kilo im Jahre 1877.

* Die Geschäftsstockung. Zu den vielen komischen Ursachen
der Stockung ist eine neue gekommen, die wieder zeigt, wie man-
gelhaft die Kenntniß der Volkswirthschaft selbst unter den Gebil-
deten ist. Laveleye schreibt nämlich die Stockung dem Umstande
zu, daß jetzt nahezu alle Eisenbahnen, Canäle und Maschinen ge-
baut seien, die man brauche, folglich sei auch weniger Eisen u. s. w.
nöthig. Gleichzeitig klagt er aber über Mangel an Geld; obwohl
dessen genug vorhanden ( ? ) , so verstecke es sich doch. Der Wider-
spruch in beiden Sätzen hätte Herrn v. Laveleye schon auf das
Richtige führen müssen. An Geld fehlt es nicht, wohl aber an
Capital, und weil es an letzterem gebricht, kann man keine Eisen-
bahnen bauen, kann der Landmann keine Maschinen kaufen, die er
so nöthig hätte, werden keine Schiffe gebaut u. s. w. Wenn viel
Capital vorhanden ist, dann wird auch viel verzehrt -- muß viel
verzehrt werden, weil das Capital sonst werthlos wird und zu
Grund geht. Der Verbranch wird aber schwerlich ein einseitiger
sein und deshalb auch das Eisen mit einschließen. Jst viel Ca-
pital da, so wird auch viel gebaut, die Zahl der gewerblichen An-
lagen vermehrt sich und damit die der Maschinen und Werkzeuge.
Der Verbrauch Englands an Eisen ist -- obwohl es mehr Eisen-

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[0002] tigung finden können, ohne erheblichen Erfolg zu erzielen. Von einem Nothstand kann also wohl keine Rede sein. Jm Dortmunder Revier ist ein bedeutender Ausstand ins Werk gesetzt worden. 350 Knappen der Gesellschaft „Union“ legten die Arbeit nieder, weil man 9 Stunden Schicht von ihnen verlangte statt 8. Ebenso feiern 400--500 Mann der „Westfalia“. Um nun die Gruben nicht ersaufen zu lassen, bezog man die für die Maschinen nöthigen Kohlen von einer benachbarten Zeche. Darauf legten die Arbeiter derselben, gegen 700 Mann, ebenfalls die Arbeit nieder, so daß im Ganzen jetzt 1700 Bergleute im Kreise Dortmund feiern. Man glaubt jedoch nicht, daß diese Ausstände Aussicht auf Erfolg haben. Aus dem oberen Schwaben meldet der „Schwarzw. Bote“, daß die hochgespannten Löhne viele Grundbesitzer veranlaßt haben, Gefangene zu verwenden, von denen jetzt 60--80 in den Hopfen- gärten bei Rottenburg und bei den Straßenbauten beschäftigt werden. Die württembergische Regierung hat amtliche Erhebungen über die Lage des Arbeitmarktes gemacht, welche wir in der nächsten Nummer mittheilen werden. Denselben zufolge sind Arbeiter nur in beschränktem Maße entlassen worden, tüchtige und fleißige Leute, deren Zahl „ nicht als groß bezeichnet werden kann “ ( ! ) keine. Die Löhne dagegen sind herabgegangen, sie waren freilich hoch genug! Ebenso ist die Arbeitzeit beschränkt worden. -- Ein Noth- stand ist nicht eingetreten, die Zahl der Armen hat nicht zuge- nommen. Die württemb. Sparkasse hat im ersten Viertel d. J. 206,745 M. mehr Einlagen als im J. 1876; es wurden aller- dings noch mehr zurückgezogen ( 1,646,000 gegen 1,387,000 im Jahre 1876 ) , allein es bleiben doch noch 659,000 M. Ueberschuß der Einlagen ( gegen 695,000 im Jahre 1876 ) . Dieser Betrag ist so unerheblich und die Verminderung gegen das vor. Jahr so un- bedeutend, daß sie die Annahme einer erheblichen Verschlimmerung der Erwerbsverhältnisse ausschließt. Da die italienischen Arbeiter wie alljährlich auch heuer wieder in Massen über die Alpen strömten, ohne jedoch selbstverständlich ebenso leicht Arbeit zu finden wie früher, so hat der Regierungs- rath des Kantons Uri nach dem Beispiele Graubündens beim Schweizer Bundesrath eine Vorstellung bei den italienischen Behör- den gegen die fortwährende Masseneinwanderung von Arbeitern in die Schweiz beantragt. Die „Saarztg.“ schreibt über die Lage des Arbeitmarktes auf dem Lande: „Es ist noch immer das alte Lied und das alte Lied mit dem Mangel an Arbeitkräften oder vielmehr an Arbeitlust. Die Zeitungen melden von zahlreichen Arbeitern, die in den Städten ohne Arbeit und ohne Brod umherirren. Aber, um des Himmels- willen, warm kommen sie nicht zu uns auf das Land, wo Arbeit in Ueberfluß und Brods die Fülle ist?“ -- Jn Böhmen brach in Kladno in den Werken der Eisenindustriegesellschaft ein Ausstand aus, in welchen anfänglich 1000 Arbeiter verwickelt wurden, derselbe ist aber zum größten Theil beseitigt. -- Jn Basel sollen viele Arbeiter ohne Beschäftigung sein und der Staat um Beschäftigung angegangen werden wie im Jahre 1865. Daß dieß jedoch nur partial ist, und wahrscheinlich nur die Seidenfabrikation angeht, zeigt der Umstand, daß bei den Bauten viele Jtaliener beschäftigt sind. Die Berliner Maschinisten und Heizer haben einen Verein mit Stellen=Vermittlung errichtet ( Blumenstr. 76 ) . Der Verein der Bildhauer hat ebenso eine Auskunftsstelle ( Leipziger- straße 39 a ) für Lehrlinge errichtet. Die Volkszeitung fährt fort den Arbeitmarkt in ausgedehnter Weise zu fördern, was oft seine Schwierigkeit hat. Beklagt wird von den Arbeitern, daß die Orte meist in den Anzeigen nicht angegeben sind. Wir schließen uns dem Wunsche an, daß die Arbeitgeber solchen stets beifügen. [ Wir bitten um Zusendung aller Zeitungsnummern, worin sich Angaben über Bedarf oder Ueberfluß an Arbeitern befinden. D. Red. ] * Geschäfts=Bericht. Der russische Krieg hat da und dort erhöhte Thätigkeit in den Geschäften hervorgerufen. Beide krieg- führende Theile bereiten sich auf eine lange Dauer des Krieges vor und machen danach ihre Bestellungen. Die Türkei hat u. A. durch ein Frankfurter Haus 50 Eismaschinen für ihre Lazarethe bestellt. Jn Oesterreich hat sich nach dem „Wr. Geschäftsber.“ in der Manufactenbranche die gewonnene Beweglichkeit nicht nur er- halten, sondern sogar erweitert. Wie jetzt ersichtlich, rührt die Besserung der Brünner Tuch- fabrikation wesentlich mit von den Bestellungen Rußlands her. Jn England hat sich das Eisengeschäft merklich gebessert, nur von Clyde kommt die auffallende Nachricht, daß die Schiff- bauer, welche bisher ziemlich gut beschäftigt waren, ihren Arbeitern gekündigt hätten. Es sollen dadurch nicht weniger als 30,000 ( ? ) Leute brodlos werden. Veranlassung dazu sollen die ewigen Aus- stände und Verlangen der Arbeiter nach höherem Lohne gewesen sein. Verschiedene große Aufträge sind in Folge dessen bereits verloren gegangen. Daß es an Kapital immer noch sehr fehlt, zeigt der hohe Zinsfuß. Nach Fränkel's Bericht werden selbst für die beste Hypothek 5% beansprucht, selbst Vormundschaftsgelder bedingen diesen Zins; nur in einzelnen wenigen Fällen und in den aller- feinsten Vierteln Berlins kamen4 3 / 4 und4 1 / 2 % vor, geringere müssen5 1 / 2 -- 6% zahlen. Bei den Hypotheken auf Landgüter schwankt der Zins ebenfalls von4 1 / 2 --5 3 / 4, während er höchstens 3 1 / 2 % betragen sollte. Bis wir nicht auf den letzteren Stand wieder angelangt sind, kann von einem Wohlstande bei uns nicht die Rede sein. Trotz der sehr gesunkenen Miethpreise und 17,000 leeren Wohnungen wird in Berlin doch noch gebaut. Jm laufenden Jahre sind bereits nicht weniger als 700 neue Gebäude zur Versicherung angemeldet. Angesichts der Klagen über das Darniederliegen der Geschäfte ist es erfreulich zu sehen, daß es doch recht schöne Ausnahmen giebt. Das Kaiserslauterer Eisenwerk ( Aktiengesellschaft ) z. B. hat für das vergangene Jahr eine Dividende von 15% vertheilt. Während der 11 Betriebsjahre, welche es jetzt zählt, war die Dividende durchschnittlich12 1 / 2 %. -- Die Badische Anilin= und Sodafabrik in Lud- wigshafen hatte im vorigen Jahre einen Reingewinn von 2,275,530 M., Dividende von 7%. -- Die „Soz. Corr.“ meldet, daß in Sachsen, Berlin, und Schlesien noch über Mangel an Arbeit geklagt wird. Das Oranienburger Nothstands=Komite berichtet, daß es bereits 4000 Personen unterstützt habe, 10,000 Familien litten aber Noth. Jn Widerspruch damit steht, daß die Berliner städt. Sparkasse im 1. Viertel d. J. 547,000 M. mehr Einlagen erhielt als zu- rückgenommen wurden. Die Gesammtzahl beträgt 20,114,000 M. Die Werkstätten der Stargardter und Posener Eisenbahnen sind vollauf beschäftigt. Jn Oberschlesien geht es auch besser. Der preuß. Handelsminister will der Eisenindustrie zu lieb Eisen- schwellen einführen. -- Die namentlich von Belgien aus befürchtete Ueberschwem- mung mit Eisen ist nicht eingetreten. Die belgische Ausfuhr ist von 1,426,000 im ersten Quartal 2765 auf 1,387,000 im Jahre 1876 herabgegangen und betrug im letzten Quartal auch nicht mehr. Die preußische Ausfuhr dagegen nach Belgien betrug im selben Zeitraum von 1876 8,312,000 Kilo und stieg heuer auf 11,853,000. Von geschlagenem, gezogenem und gewalztem Eisen stieg die preuß. Einfuhr von 27,786 Kilo im ersten Quartal 1874 auf 266,649 Kilo im Jahre 1877. * Die Geschäftsstockung. Zu den vielen komischen Ursachen der Stockung ist eine neue gekommen, die wieder zeigt, wie man- gelhaft die Kenntniß der Volkswirthschaft selbst unter den Gebil- deten ist. Laveleye schreibt nämlich die Stockung dem Umstande zu, daß jetzt nahezu alle Eisenbahnen, Canäle und Maschinen ge- baut seien, die man brauche, folglich sei auch weniger Eisen u. s. w. nöthig. Gleichzeitig klagt er aber über Mangel an Geld; obwohl dessen genug vorhanden ( ? ) , so verstecke es sich doch. Der Wider- spruch in beiden Sätzen hätte Herrn v. Laveleye schon auf das Richtige führen müssen. An Geld fehlt es nicht, wohl aber an Capital, und weil es an letzterem gebricht, kann man keine Eisen- bahnen bauen, kann der Landmann keine Maschinen kaufen, die er so nöthig hätte, werden keine Schiffe gebaut u. s. w. Wenn viel Capital vorhanden ist, dann wird auch viel verzehrt -- muß viel verzehrt werden, weil das Capital sonst werthlos wird und zu Grund geht. Der Verbranch wird aber schwerlich ein einseitiger sein und deshalb auch das Eisen mit einschließen. Jst viel Ca- pital da, so wird auch viel gebaut, die Zahl der gewerblichen An- lagen vermehrt sich und damit die der Maschinen und Werkzeuge. Der Verbrauch Englands an Eisen ist -- obwohl es mehr Eisen-

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Zitationshilfe: Der Arbeitgeber. Nr. 1046. Frankfurt a. M., 19. Mai 1877, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_arbeitgeber1046_1877/2>, abgerufen am 21.02.2024.