Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Musäus, Johann Karl August: Physiognomische Reisen. Bd. 4. Altenburg, 1779.

Bild:
<< vorherige Seite

daß ihr Kind, wie sie sagte, umgetauft würde.
Endlich wurde von einem klugen Kopf der
Name Theodor ausgemittelt, der beyde El-
tern zufrieden stellte, den Vater, weil ihn
ein König von Corsica geführt hat, und die
Mutter, weil sie belehrt wurde, daß er mit
den beyden verschmäheten Namen von glei-
cher Bedeutung sey. Hab vergessen zu mel-
den, was die eigentliche Veranlassung zu
der seltsamen Auswahl des Taufnamens
war. Die guten Leute hatten schon sieben
Jahre in unfruchtbaren Ehestande gelebt,
und die iunge Frau hatte sich halb und halb
des Glücks verziehen Mutter zu werden,
mußte die Schuld der Unfruchtbarkeit allein
tragen; denn ihr Gemahl hatte sich in Ab-
sicht seiner Kapazität gnugsam legitimirt.
Als sie nun unverhoft sich gesegneten Leibes
fand, machte ihr das viel Freude, und sie
pflegte oft zu sagen: sie hab die Leibes-
frucht vom Himmel erbeten. Dies Wort

arripirte

daß ihr Kind, wie ſie ſagte, umgetauft wuͤrde.
Endlich wurde von einem klugen Kopf der
Name Theodor ausgemittelt, der beyde El-
tern zufrieden ſtellte, den Vater, weil ihn
ein Koͤnig von Corſica gefuͤhrt hat, und die
Mutter, weil ſie belehrt wurde, daß er mit
den beyden verſchmaͤheten Namen von glei-
cher Bedeutung ſey. Hab vergeſſen zu mel-
den, was die eigentliche Veranlaſſung zu
der ſeltſamen Auswahl des Taufnamens
war. Die guten Leute hatten ſchon ſieben
Jahre in unfruchtbaren Eheſtande gelebt,
und die iunge Frau hatte ſich halb und halb
des Gluͤcks verziehen Mutter zu werden,
mußte die Schuld der Unfruchtbarkeit allein
tragen; denn ihr Gemahl hatte ſich in Ab-
ſicht ſeiner Kapazitaͤt gnugſam legitimirt.
Als ſie nun unverhoft ſich geſegneten Leibes
fand, machte ihr das viel Freude, und ſie
pflegte oft zu ſagen: ſie hab die Leibes-
frucht vom Himmel erbeten. Dies Wort

arripirte
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0018" n="10"/>
daß ihr Kind, wie &#x017F;ie &#x017F;agte, umgetauft wu&#x0364;rde.<lb/>
Endlich wurde von einem klugen Kopf der<lb/>
Name Theodor ausgemittelt, der beyde El-<lb/>
tern zufrieden &#x017F;tellte, den Vater, weil ihn<lb/>
ein Ko&#x0364;nig von Cor&#x017F;ica gefu&#x0364;hrt hat, und die<lb/>
Mutter, weil &#x017F;ie belehrt wurde, daß er mit<lb/>
den beyden ver&#x017F;chma&#x0364;heten Namen von glei-<lb/>
cher Bedeutung &#x017F;ey. Hab verge&#x017F;&#x017F;en zu mel-<lb/>
den, was die eigentliche Veranla&#x017F;&#x017F;ung zu<lb/>
der &#x017F;elt&#x017F;amen Auswahl des Taufnamens<lb/>
war. Die guten Leute hatten &#x017F;chon &#x017F;ieben<lb/>
Jahre in unfruchtbaren Ehe&#x017F;tande gelebt,<lb/>
und die iunge Frau hatte &#x017F;ich halb und halb<lb/>
des Glu&#x0364;cks verziehen Mutter zu werden,<lb/>
mußte die Schuld der Unfruchtbarkeit allein<lb/>
tragen; denn ihr Gemahl hatte &#x017F;ich in Ab-<lb/>
&#x017F;icht &#x017F;einer Kapazita&#x0364;t gnug&#x017F;am legitimirt.<lb/>
Als &#x017F;ie nun unverhoft &#x017F;ich ge&#x017F;egneten Leibes<lb/>
fand, machte ihr das viel Freude, und &#x017F;ie<lb/>
pflegte oft zu &#x017F;agen: &#x017F;ie hab die Leibes-<lb/>
frucht vom Himmel erbeten. Dies Wort<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">arripirte</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[10/0018] daß ihr Kind, wie ſie ſagte, umgetauft wuͤrde. Endlich wurde von einem klugen Kopf der Name Theodor ausgemittelt, der beyde El- tern zufrieden ſtellte, den Vater, weil ihn ein Koͤnig von Corſica gefuͤhrt hat, und die Mutter, weil ſie belehrt wurde, daß er mit den beyden verſchmaͤheten Namen von glei- cher Bedeutung ſey. Hab vergeſſen zu mel- den, was die eigentliche Veranlaſſung zu der ſeltſamen Auswahl des Taufnamens war. Die guten Leute hatten ſchon ſieben Jahre in unfruchtbaren Eheſtande gelebt, und die iunge Frau hatte ſich halb und halb des Gluͤcks verziehen Mutter zu werden, mußte die Schuld der Unfruchtbarkeit allein tragen; denn ihr Gemahl hatte ſich in Ab- ſicht ſeiner Kapazitaͤt gnugſam legitimirt. Als ſie nun unverhoft ſich geſegneten Leibes fand, machte ihr das viel Freude, und ſie pflegte oft zu ſagen: ſie hab die Leibes- frucht vom Himmel erbeten. Dies Wort arripirte

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/musaeus_reisen04_1779
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/musaeus_reisen04_1779/18
Zitationshilfe: Musäus, Johann Karl August: Physiognomische Reisen. Bd. 4. Altenburg, 1779, S. 10. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/musaeus_reisen04_1779/18>, abgerufen am 15.05.2021.