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Musäus, Johann Karl August: Grandison der Zweite, Oder Geschichte des Herrn v. N*** in Briefen entworfen. Zweiter Theil. Eisenach, 1761.

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und erhob sich von seinem Stuhle. Ich werde es nicht zugeben, daß mein Freund von euch Weibesleuten beschimpfet wird, meine Frau hat ihm ohnedem bereits nicht für einen Pfennig Ehre gelassen. Gieb du mir den Brief nur wieder her, ich will ihn aufheben. Meine Mutter winkte mir zwar, ich sollte ihn, ehe ihn mein Vater in die Hände bekam, geschwinde zerreißen: ich gehorsamte aber meinem Vater. Er legte ihn sehr sorgfältig und in einer gewissen Entfernung von seiner Gemahlin zusammen, vielleicht aus Beisorge, daß sie einen Angriff darauf wagen möchte, um sich desselben zu bemächtigen, und schloß ihn in seinen Schrank. Ich kann nicht errathen, aus was für einer Absicht sie nicht gestatten wollte, daß ich diesen Brief zu Gesichte bekäme, wenn es nicht diese ist, mir die Gelegenheit zu benehmen, über sie zu spotten, daß sie mir einen Mann so sehr angepriesen hat, von dem sie jetzo wünscht, daß sie ihn nie möchte veranlasset haben, an mich zu gedenken. Sie will, wie es scheint, alle schriftliche Denkmaale seiner Liebe gegen

und erhob sich von seinem Stuhle. Ich werde es nicht zugeben, daß mein Freund von euch Weibesleuten beschimpfet wird, meine Frau hat ihm ohnedem bereits nicht für einen Pfennig Ehre gelassen. Gieb du mir den Brief nur wieder her, ich will ihn aufheben. Meine Mutter winkte mir zwar, ich sollte ihn, ehe ihn mein Vater in die Hände bekam, geschwinde zerreißen: ich gehorsamte aber meinem Vater. Er legte ihn sehr sorgfältig und in einer gewissen Entfernung von seiner Gemahlin zusammen, vielleicht aus Beisorge, daß sie einen Angriff darauf wagen möchte, um sich desselben zu bemächtigen, und schloß ihn in seinen Schrank. Ich kann nicht errathen, aus was für einer Absicht sie nicht gestatten wollte, daß ich diesen Brief zu Gesichte bekäme, wenn es nicht diese ist, mir die Gelegenheit zu benehmen, über sie zu spotten, daß sie mir einen Mann so sehr angepriesen hat, von dem sie jetzo wünscht, daß sie ihn nie möchte veranlasset haben, an mich zu gedenken. Sie will, wie es scheint, alle schriftliche Denkmaale seiner Liebe gegen

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[25/0027] und erhob sich von seinem Stuhle. Ich werde es nicht zugeben, daß mein Freund von euch Weibesleuten beschimpfet wird, meine Frau hat ihm ohnedem bereits nicht für einen Pfennig Ehre gelassen. Gieb du mir den Brief nur wieder her, ich will ihn aufheben. Meine Mutter winkte mir zwar, ich sollte ihn, ehe ihn mein Vater in die Hände bekam, geschwinde zerreißen: ich gehorsamte aber meinem Vater. Er legte ihn sehr sorgfältig und in einer gewissen Entfernung von seiner Gemahlin zusammen, vielleicht aus Beisorge, daß sie einen Angriff darauf wagen möchte, um sich desselben zu bemächtigen, und schloß ihn in seinen Schrank. Ich kann nicht errathen, aus was für einer Absicht sie nicht gestatten wollte, daß ich diesen Brief zu Gesichte bekäme, wenn es nicht diese ist, mir die Gelegenheit zu benehmen, über sie zu spotten, daß sie mir einen Mann so sehr angepriesen hat, von dem sie jetzo wünscht, daß sie ihn nie möchte veranlasset haben, an mich zu gedenken. Sie will, wie es scheint, alle schriftliche Denkmaale seiner Liebe gegen

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Zitationshilfe: Musäus, Johann Karl August: Grandison der Zweite, Oder Geschichte des Herrn v. N*** in Briefen entworfen. Zweiter Theil. Eisenach, 1761, S. 25. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/musaeus_grandison02_1761/27>, abgerufen am 15.05.2021.