Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Mörike, Eduard: Maler Nolten. Bd. 2 Stuttgart, 1832.

Bild:
<< vorherige Seite

hend Ideal zerpflückt, daß ich, ersättigt und enttäuscht
am Gegenstande meiner Liebe, zulezt dastehe -- arm --
mit welkem Herzen? Du merkst, ich rede hier zu-
nächst von dem gepriesenen Glück der Ehe: denn dieß
ist's doch, um was deine ganze Demonstration sich dreht."

"Und was gilt es, ich bringe dich noch zurechte,
wenn ich nur erst deine tollen Prätensionen herabge-
stimmt habe! Wer heißt dich Ideale im Kopf tragen,
wo von Liebe die Rede ist? Bei allen Grazien und
Musen! ein gutes natürliches Geschöpf, das dir einen
Himmel voll Zärtlichkeit, voll aufopfernder Treu' ent-
gegenbringt, dir den gesunden Muth erhält, den fri-
schen Blick in die Welt, dich freundlich losspannt von
der wühlenden Begier einer geschäftigen Einbildung
und dich zur rechten Zeit herauslockt in die helle All-
tagssonne, die doch dem Weisen wie dem Thoren gleich
unentbehrlich ist -- was willst du weiter?"

Nolten sah schweigend vor sich nieder und sagte
endlich: "Es gab eine Zeit, wo ich eben so dachte."
Er waudte sich erschüttert auf die Seite, ging mit
lebhaften Schritten durch den Saal und ließ sich dann
erschöpft auf einen entfernten Stuhl nieder.

Der Schauspieler, nachdem er die Erörterung des
ihm über Alles wichtigen Gegenstands nicht ohne Klug-
heit und Nachdruck bis hieher geführt, war voll Be-
gierde, den Augenblick zu nutzen, und jezt mit dem
Gedanken an Agnes entschiedener hervorzutreten,
mußte jedoch von diesem Wagniß ganz abstehen, da er

hend Ideal zerpflückt, daß ich, erſättigt und enttäuſcht
am Gegenſtande meiner Liebe, zulezt daſtehe — arm —
mit welkem Herzen? Du merkſt, ich rede hier zu-
nächſt von dem geprieſenen Glück der Ehe: denn dieß
iſt’s doch, um was deine ganze Demonſtration ſich dreht.“

„Und was gilt es, ich bringe dich noch zurechte,
wenn ich nur erſt deine tollen Prätenſionen herabge-
ſtimmt habe! Wer heißt dich Ideale im Kopf tragen,
wo von Liebe die Rede iſt? Bei allen Grazien und
Muſen! ein gutes natürliches Geſchöpf, das dir einen
Himmel voll Zärtlichkeit, voll aufopfernder Treu’ ent-
gegenbringt, dir den geſunden Muth erhält, den fri-
ſchen Blick in die Welt, dich freundlich losſpannt von
der wühlenden Begier einer geſchäftigen Einbildung
und dich zur rechten Zeit herauslockt in die helle All-
tagsſonne, die doch dem Weiſen wie dem Thoren gleich
unentbehrlich iſt — was willſt du weiter?“

Nolten ſah ſchweigend vor ſich nieder und ſagte
endlich: „Es gab eine Zeit, wo ich eben ſo dachte.“
Er waudte ſich erſchüttert auf die Seite, ging mit
lebhaften Schritten durch den Saal und ließ ſich dann
erſchöpft auf einen entfernten Stuhl nieder.

Der Schauſpieler, nachdem er die Erörterung des
ihm über Alles wichtigen Gegenſtands nicht ohne Klug-
heit und Nachdruck bis hieher geführt, war voll Be-
gierde, den Augenblick zu nutzen, und jezt mit dem
Gedanken an Agnes entſchiedener hervorzutreten,
mußte jedoch von dieſem Wagniß ganz abſtehen, da er

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0028" n="342"/>
hend Ideal zerpflückt, daß ich, er&#x017F;ättigt und enttäu&#x017F;cht<lb/>
am Gegen&#x017F;tande meiner Liebe, zulezt da&#x017F;tehe &#x2014; arm &#x2014;<lb/>
mit welkem Herzen? Du merk&#x017F;t, ich rede hier zu-<lb/>
näch&#x017F;t von dem geprie&#x017F;enen Glück der Ehe: denn dieß<lb/>
i&#x017F;t&#x2019;s doch, um was deine ganze Demon&#x017F;tration &#x017F;ich dreht.&#x201C;</p><lb/>
          <p>&#x201E;Und was gilt es, ich bringe dich noch zurechte,<lb/>
wenn ich nur er&#x017F;t deine tollen Präten&#x017F;ionen herabge-<lb/>
&#x017F;timmt habe! Wer heißt dich Ideale im Kopf tragen,<lb/>
wo von Liebe die Rede i&#x017F;t? Bei allen Grazien und<lb/>
Mu&#x017F;en! ein gutes natürliches Ge&#x017F;chöpf, das dir einen<lb/>
Himmel voll Zärtlichkeit, voll aufopfernder Treu&#x2019; ent-<lb/>
gegenbringt, dir den ge&#x017F;unden Muth erhält, den fri-<lb/>
&#x017F;chen Blick in die Welt, dich freundlich los&#x017F;pannt von<lb/>
der wühlenden Begier einer ge&#x017F;chäftigen Einbildung<lb/>
und dich zur rechten Zeit herauslockt in die helle All-<lb/>
tags&#x017F;onne, die doch dem Wei&#x017F;en wie dem Thoren gleich<lb/>
unentbehrlich i&#x017F;t &#x2014; was will&#x017F;t du weiter?&#x201C;</p><lb/>
          <p><hi rendition="#g">Nolten</hi> &#x017F;ah &#x017F;chweigend vor &#x017F;ich nieder und &#x017F;agte<lb/>
endlich: &#x201E;Es gab eine Zeit, wo ich eben &#x017F;o dachte.&#x201C;<lb/>
Er waudte &#x017F;ich er&#x017F;chüttert auf die Seite, ging mit<lb/>
lebhaften Schritten durch den Saal und ließ &#x017F;ich dann<lb/>
er&#x017F;chöpft auf einen entfernten Stuhl nieder.</p><lb/>
          <p>Der Schau&#x017F;pieler, nachdem er die Erörterung des<lb/>
ihm über Alles wichtigen Gegen&#x017F;tands nicht ohne Klug-<lb/>
heit und Nachdruck bis hieher geführt, war voll Be-<lb/>
gierde, den Augenblick zu nutzen, und jezt mit dem<lb/>
Gedanken an <hi rendition="#g">Agnes</hi> ent&#x017F;chiedener hervorzutreten,<lb/>
mußte jedoch von die&#x017F;em Wagniß ganz ab&#x017F;tehen, da er<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[342/0028] hend Ideal zerpflückt, daß ich, erſättigt und enttäuſcht am Gegenſtande meiner Liebe, zulezt daſtehe — arm — mit welkem Herzen? Du merkſt, ich rede hier zu- nächſt von dem geprieſenen Glück der Ehe: denn dieß iſt’s doch, um was deine ganze Demonſtration ſich dreht.“ „Und was gilt es, ich bringe dich noch zurechte, wenn ich nur erſt deine tollen Prätenſionen herabge- ſtimmt habe! Wer heißt dich Ideale im Kopf tragen, wo von Liebe die Rede iſt? Bei allen Grazien und Muſen! ein gutes natürliches Geſchöpf, das dir einen Himmel voll Zärtlichkeit, voll aufopfernder Treu’ ent- gegenbringt, dir den geſunden Muth erhält, den fri- ſchen Blick in die Welt, dich freundlich losſpannt von der wühlenden Begier einer geſchäftigen Einbildung und dich zur rechten Zeit herauslockt in die helle All- tagsſonne, die doch dem Weiſen wie dem Thoren gleich unentbehrlich iſt — was willſt du weiter?“ Nolten ſah ſchweigend vor ſich nieder und ſagte endlich: „Es gab eine Zeit, wo ich eben ſo dachte.“ Er waudte ſich erſchüttert auf die Seite, ging mit lebhaften Schritten durch den Saal und ließ ſich dann erſchöpft auf einen entfernten Stuhl nieder. Der Schauſpieler, nachdem er die Erörterung des ihm über Alles wichtigen Gegenſtands nicht ohne Klug- heit und Nachdruck bis hieher geführt, war voll Be- gierde, den Augenblick zu nutzen, und jezt mit dem Gedanken an Agnes entſchiedener hervorzutreten, mußte jedoch von dieſem Wagniß ganz abſtehen, da er

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_nolten02_1832
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_nolten02_1832/28
Zitationshilfe: Mörike, Eduard: Maler Nolten. Bd. 2 Stuttgart, 1832, S. 342. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_nolten02_1832/28>, abgerufen am 02.03.2024.