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[Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 2. Hamburg u. a., [1769].

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ist auf die letztere gelehnet, und scheinet tief im
Gespräche zu seyn, ohne den Grafen nur ein
einzigesmal anzusehen. Nachdem sie ihn eine
Weile vor sich knien lassen, verläßt sie auf ein-
mal das Zimmer, und gebiethet allen, die es
redlich mit ihr meinen, ihr zu folgen, und den
Verräther allein zu lassen. Niemand darf es
wagen, ihr ungehorsam zu seyn; selbst Sout-
hampton gehet mit ihr ab, kömmt aber bald, mit
der trostlosen Rutland, wieder, ihren Freund
bey seinem Unfalle zu beklagen. Gleich darauf
schicket die Königinn den Burleigh und Raleigh
zu dem Grafen, ihm den Kommandostab abzu-
nehmen; er weigert sich aber, ihn in andere,
als in der Königinn eigene Hände, zurück zu
liefern, und beiden Ministern wird, sowohl von
ihm, als von dem Southampton, sehr verächt-
lich begegnet. (Zweyter Akt.)

Die Königinn, der dieses sein Betragen so-
gleich hinterbracht wird, ist äußerst gereitzt,
aber doch in ihren Gedanken noch immer unei-
nig. Sie kann weder die Verunglimpfungen,
deren sich die Nottingham gegen ihn erkühnt,
noch die Lobsprüche vertragen, die ihm die un-
bedachtsame Rutland aus der Fülle ihres Her-
zens ertheilet; ja, diese sind ihr noch mehr zu-
wider als jene, weil sie daraus entdeckt, daß
die Rutland ihn liebet. Zuletzt befiehlt sie, dem
ohngeachtet, daß er vor sie gebracht werden

soll.

iſt auf die letztere gelehnet, und ſcheinet tief im
Geſpräche zu ſeyn, ohne den Grafen nur ein
einzigesmal anzuſehen. Nachdem ſie ihn eine
Weile vor ſich knien laſſen, verläßt ſie auf ein-
mal das Zimmer, und gebiethet allen, die es
redlich mit ihr meinen, ihr zu folgen, und den
Verräther allein zu laſſen. Niemand darf es
wagen, ihr ungehorſam zu ſeyn; ſelbſt Sout-
hampton gehet mit ihr ab, kömmt aber bald, mit
der troſtloſen Rutland, wieder, ihren Freund
bey ſeinem Unfalle zu beklagen. Gleich darauf
ſchicket die Königinn den Burleigh und Raleigh
zu dem Grafen, ihm den Kommandoſtab abzu-
nehmen; er weigert ſich aber, ihn in andere,
als in der Königinn eigene Hände, zurück zu
liefern, und beiden Miniſtern wird, ſowohl von
ihm, als von dem Southampton, ſehr verächt-
lich begegnet. (Zweyter Akt.)

Die Königinn, der dieſes ſein Betragen ſo-
gleich hinterbracht wird, iſt äußerſt gereitzt,
aber doch in ihren Gedanken noch immer unei-
nig. Sie kann weder die Verunglimpfungen,
deren ſich die Nottingham gegen ihn erkühnt,
noch die Lobſprüche vertragen, die ihm die un-
bedachtſame Rutland aus der Fülle ihres Her-
zens ertheilet; ja, dieſe ſind ihr noch mehr zu-
wider als jene, weil ſie daraus entdeckt, daß
die Rutland ihn liebet. Zuletzt befiehlt ſie, dem
ohngeachtet, daß er vor ſie gebracht werden

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[14/0020] iſt auf die letztere gelehnet, und ſcheinet tief im Geſpräche zu ſeyn, ohne den Grafen nur ein einzigesmal anzuſehen. Nachdem ſie ihn eine Weile vor ſich knien laſſen, verläßt ſie auf ein- mal das Zimmer, und gebiethet allen, die es redlich mit ihr meinen, ihr zu folgen, und den Verräther allein zu laſſen. Niemand darf es wagen, ihr ungehorſam zu ſeyn; ſelbſt Sout- hampton gehet mit ihr ab, kömmt aber bald, mit der troſtloſen Rutland, wieder, ihren Freund bey ſeinem Unfalle zu beklagen. Gleich darauf ſchicket die Königinn den Burleigh und Raleigh zu dem Grafen, ihm den Kommandoſtab abzu- nehmen; er weigert ſich aber, ihn in andere, als in der Königinn eigene Hände, zurück zu liefern, und beiden Miniſtern wird, ſowohl von ihm, als von dem Southampton, ſehr verächt- lich begegnet. (Zweyter Akt.) Die Königinn, der dieſes ſein Betragen ſo- gleich hinterbracht wird, iſt äußerſt gereitzt, aber doch in ihren Gedanken noch immer unei- nig. Sie kann weder die Verunglimpfungen, deren ſich die Nottingham gegen ihn erkühnt, noch die Lobſprüche vertragen, die ihm die un- bedachtſame Rutland aus der Fülle ihres Her- zens ertheilet; ja, dieſe ſind ihr noch mehr zu- wider als jene, weil ſie daraus entdeckt, daß die Rutland ihn liebet. Zuletzt befiehlt ſie, dem ohngeachtet, daß er vor ſie gebracht werden ſoll.

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Zitationshilfe: [Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 2. Hamburg u. a., [1769], S. 14. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie02_1767/20>, abgerufen am 26.01.2021.