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Kürnberger, Ferdinand: Der Drache. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 11. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. [263]–310. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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Wenn der Vater hier wäre, meinte das Mädchen und seufzte mit einem sonderbaren Schmerzgefühl. -- So findet sich wohl sonstwo ein Unterkommen? -- Die Dorfmenschen schwiegen zu dieser Frage, wahrscheinlich in dem Wahne, daß der Städter höhere Ansprüche mache, als sie befriedigen könnten. Diesen aber fröstelte ihr Schweigen wie ein Geist von Ungastlichkeit an, und kurz gebunden sagte er: Zuletzt find' ich doch einen Wegweiser, der mich für gutes Trinkgeld an den nächst größeren Ort bringt? -- Die Insassen auf der Ofenbank sahen sich unschlüssig an, und gedehnt antwortete Einer für Alle: Es sind gar zu confuse Wege hier im Gebirg; wer sich richtig durchfinden will, der müßte eben so oft hinter sich Umschau halten, als vor sich. -- Was ist damit gesagt? fragte der Fremde betroffen. Auf der Ofenbank hieß es: Ei, Herr, ich glaube nicht, daß Ihr Jemanden trefft unter uns, der zur nächtigen Zeit anders als vorwärts ausschauen will. Hinter sich schauen -- ne! zur Nachtzeit nicht. Fürs beste Trinkgeld nicht. -- Das wird lustig! murmelte der Fremde für sich, und zu seinem Lohnburschen flüsterte er: Am Ende schlafen wir droben im Walde, was, Rudolf? Wir sind junge Männer. -- Zu Befehl, Herr Doctor, antwortete mechanisch der Bursche; es blieb aber höchst zweifelhaft, ob er auf die Worte seines Herrn gemerkt. Seit dem Eintritt in die Stube hafteten seine Sinne wie bezaubert an dem schönen Haus- und Schenktöchterchen.

Dieses hatte inzwischen Butterbemmen mit Wurstscheibchen zurecht gemacht und präsentirte ein paar Gläschen Ginevre dazu, bis sie Thee oder Kaffee fertig hätte. Die Menschen auf der Ofenbank wünschten einer um den andern besten Appetit, und die Stimme, womit sie das thaten, war noch respectvoller, als die Formel selbst. Der Doctor änderte sogleich seine Meinung über ihren gastlichen Sinn: so wohlthuend

Wenn der Vater hier wäre, meinte das Mädchen und seufzte mit einem sonderbaren Schmerzgefühl. — So findet sich wohl sonstwo ein Unterkommen? — Die Dorfmenschen schwiegen zu dieser Frage, wahrscheinlich in dem Wahne, daß der Städter höhere Ansprüche mache, als sie befriedigen könnten. Diesen aber fröstelte ihr Schweigen wie ein Geist von Ungastlichkeit an, und kurz gebunden sagte er: Zuletzt find' ich doch einen Wegweiser, der mich für gutes Trinkgeld an den nächst größeren Ort bringt? — Die Insassen auf der Ofenbank sahen sich unschlüssig an, und gedehnt antwortete Einer für Alle: Es sind gar zu confuse Wege hier im Gebirg; wer sich richtig durchfinden will, der müßte eben so oft hinter sich Umschau halten, als vor sich. — Was ist damit gesagt? fragte der Fremde betroffen. Auf der Ofenbank hieß es: Ei, Herr, ich glaube nicht, daß Ihr Jemanden trefft unter uns, der zur nächtigen Zeit anders als vorwärts ausschauen will. Hinter sich schauen — ne! zur Nachtzeit nicht. Fürs beste Trinkgeld nicht. — Das wird lustig! murmelte der Fremde für sich, und zu seinem Lohnburschen flüsterte er: Am Ende schlafen wir droben im Walde, was, Rudolf? Wir sind junge Männer. — Zu Befehl, Herr Doctor, antwortete mechanisch der Bursche; es blieb aber höchst zweifelhaft, ob er auf die Worte seines Herrn gemerkt. Seit dem Eintritt in die Stube hafteten seine Sinne wie bezaubert an dem schönen Haus- und Schenktöchterchen.

Dieses hatte inzwischen Butterbemmen mit Wurstscheibchen zurecht gemacht und präsentirte ein paar Gläschen Ginèvre dazu, bis sie Thee oder Kaffee fertig hätte. Die Menschen auf der Ofenbank wünschten einer um den andern besten Appetit, und die Stimme, womit sie das thaten, war noch respectvoller, als die Formel selbst. Der Doctor änderte sogleich seine Meinung über ihren gastlichen Sinn: so wohlthuend

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Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-15T13:57:16Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-15T13:57:16Z)

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Zitationshilfe: Kürnberger, Ferdinand: Der Drache. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 11. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. [263]–310. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kuernberger_drache_1910/8>, abgerufen am 14.08.2022.