Es hörte sich wie der Grabgesang eines lebendig Verschütteten an: schauerlich und doch ergreifend. Man schlug nun auch das Kellerfenster ein, stieß aber auf starke Bohlen. Zudem wirbelte der Rauch tief schwarz aus der Werkstatt heraus und erfüllte den ganzen Garten. Der Polizeilieutenant und Schutzleute erschienen; nach wenigen Minuten raste die Feuerwehr heran. Die Aexte der Wehr¬ leute arbeiteten sich unbarmherzig einen Weg durch die Rauch¬ wolken, dann wurden die Spritzen in das Feuer geführt.
Mit dem Knistern und Prasseln der Flammen, dem Zischen der Wasserstrahlen, mit den Zurufen und Kommando¬ worten der Mannschaften mischte sich das Lärmen der Menge, das von der Straße herübertönte. Endlich wurde man Herr des Feuers und konnte ungefährdet den Weg in die Werkstatt nehmen.
Man solle doch zu des Meisters Sohn hinüberschicken, äußerte Jemand; er bekam aber zur Antwort, daß Timpe junior nebst Frau seit vierzehn Tagen auf der Reise sich befinde.
Unten war es still geworden.
Thomas Beyer konnte die Zeit nicht mehr erwarten; er nahm eine Axt und schlug gegen die Kellerthür, daß sie krachend nachgab. Immer dichter fielen die Schläge auf aller¬ hand Gerümpel, das in Stücken die Treppe hinunterrollte. Auf der anderen Seite bahnte man sich einen Weg durch das Fenster.
Als man endlich von drei Seiten aus hinunter gelangte und das Licht des Tages voll in den Raum fiel, erblickte man Timpe. Er lag mit dem Kopf an der Leiter, die zu der Werkstatt hinaufführte, lang ausgestreckt wie ein fried¬ lich Schlummernder da. Der Tod mußte vor wenigen
Es hörte ſich wie der Grabgeſang eines lebendig Verſchütteten an: ſchauerlich und doch ergreifend. Man ſchlug nun auch das Kellerfenſter ein, ſtieß aber auf ſtarke Bohlen. Zudem wirbelte der Rauch tief ſchwarz aus der Werkſtatt heraus und erfüllte den ganzen Garten. Der Polizeilieutenant und Schutzleute erſchienen; nach wenigen Minuten raſte die Feuerwehr heran. Die Aexte der Wehr¬ leute arbeiteten ſich unbarmherzig einen Weg durch die Rauch¬ wolken, dann wurden die Spritzen in das Feuer geführt.
Mit dem Kniſtern und Praſſeln der Flammen, dem Ziſchen der Waſſerſtrahlen, mit den Zurufen und Kommando¬ worten der Mannſchaften miſchte ſich das Lärmen der Menge, das von der Straße herübertönte. Endlich wurde man Herr des Feuers und konnte ungefährdet den Weg in die Werkſtatt nehmen.
Man ſolle doch zu des Meiſters Sohn hinüberſchicken, äußerte Jemand; er bekam aber zur Antwort, daß Timpe junior nebſt Frau ſeit vierzehn Tagen auf der Reiſe ſich befinde.
Unten war es ſtill geworden.
Thomas Beyer konnte die Zeit nicht mehr erwarten; er nahm eine Axt und ſchlug gegen die Kellerthür, daß ſie krachend nachgab. Immer dichter fielen die Schläge auf aller¬ hand Gerümpel, das in Stücken die Treppe hinunterrollte. Auf der anderen Seite bahnte man ſich einen Weg durch das Fenſter.
Als man endlich von drei Seiten aus hinunter gelangte und das Licht des Tages voll in den Raum fiel, erblickte man Timpe. Er lag mit dem Kopf an der Leiter, die zu der Werkſtatt hinaufführte, lang ausgeſtreckt wie ein fried¬ lich Schlummernder da. Der Tod mußte vor wenigen
<TEI><text><body><divn="1"><pbfacs="#f0337"n="325"/><p>Es hörte ſich wie der Grabgeſang eines lebendig<lb/>
Verſchütteten an: ſchauerlich und doch ergreifend. Man<lb/>ſchlug nun auch das Kellerfenſter ein, ſtieß aber auf ſtarke<lb/>
Bohlen. Zudem wirbelte der Rauch tief ſchwarz aus der<lb/>
Werkſtatt heraus und erfüllte den ganzen Garten. Der<lb/>
Polizeilieutenant und Schutzleute erſchienen; nach wenigen<lb/>
Minuten raſte die Feuerwehr heran. Die Aexte der Wehr¬<lb/>
leute arbeiteten ſich unbarmherzig einen Weg durch die Rauch¬<lb/>
wolken, dann wurden die Spritzen in das Feuer geführt.</p><lb/><p>Mit dem Kniſtern und Praſſeln der Flammen, dem<lb/>
Ziſchen der Waſſerſtrahlen, mit den Zurufen und Kommando¬<lb/>
worten der Mannſchaften miſchte ſich das Lärmen der Menge,<lb/>
das von der Straße herübertönte. Endlich wurde man Herr<lb/>
des Feuers und konnte ungefährdet den Weg in die Werkſtatt<lb/>
nehmen.</p><lb/><p>Man ſolle doch zu des Meiſters Sohn hinüberſchicken, äußerte<lb/>
Jemand; er bekam aber zur Antwort, daß Timpe junior<lb/>
nebſt Frau ſeit vierzehn Tagen auf der Reiſe ſich befinde.</p><lb/><p>Unten war es ſtill geworden.</p><lb/><p>Thomas Beyer konnte die Zeit nicht mehr erwarten;<lb/>
er nahm eine Axt und ſchlug gegen die Kellerthür, daß ſie<lb/>
krachend nachgab. Immer dichter fielen die Schläge auf aller¬<lb/>
hand Gerümpel, das in Stücken die Treppe hinunterrollte.<lb/>
Auf der anderen Seite bahnte man ſich einen Weg durch das<lb/>
Fenſter.</p><lb/><p>Als man endlich von drei Seiten aus hinunter gelangte<lb/>
und das Licht des Tages voll in den Raum fiel, erblickte<lb/>
man Timpe. Er lag mit dem Kopf an der Leiter, die zu<lb/>
der Werkſtatt hinaufführte, lang ausgeſtreckt wie ein fried¬<lb/>
lich Schlummernder da. Der Tod mußte vor wenigen<lb/></p></div></body></text></TEI>
[325/0337]
Es hörte ſich wie der Grabgeſang eines lebendig
Verſchütteten an: ſchauerlich und doch ergreifend. Man
ſchlug nun auch das Kellerfenſter ein, ſtieß aber auf ſtarke
Bohlen. Zudem wirbelte der Rauch tief ſchwarz aus der
Werkſtatt heraus und erfüllte den ganzen Garten. Der
Polizeilieutenant und Schutzleute erſchienen; nach wenigen
Minuten raſte die Feuerwehr heran. Die Aexte der Wehr¬
leute arbeiteten ſich unbarmherzig einen Weg durch die Rauch¬
wolken, dann wurden die Spritzen in das Feuer geführt.
Mit dem Kniſtern und Praſſeln der Flammen, dem
Ziſchen der Waſſerſtrahlen, mit den Zurufen und Kommando¬
worten der Mannſchaften miſchte ſich das Lärmen der Menge,
das von der Straße herübertönte. Endlich wurde man Herr
des Feuers und konnte ungefährdet den Weg in die Werkſtatt
nehmen.
Man ſolle doch zu des Meiſters Sohn hinüberſchicken, äußerte
Jemand; er bekam aber zur Antwort, daß Timpe junior
nebſt Frau ſeit vierzehn Tagen auf der Reiſe ſich befinde.
Unten war es ſtill geworden.
Thomas Beyer konnte die Zeit nicht mehr erwarten;
er nahm eine Axt und ſchlug gegen die Kellerthür, daß ſie
krachend nachgab. Immer dichter fielen die Schläge auf aller¬
hand Gerümpel, das in Stücken die Treppe hinunterrollte.
Auf der anderen Seite bahnte man ſich einen Weg durch das
Fenſter.
Als man endlich von drei Seiten aus hinunter gelangte
und das Licht des Tages voll in den Raum fiel, erblickte
man Timpe. Er lag mit dem Kopf an der Leiter, die zu
der Werkſtatt hinaufführte, lang ausgeſtreckt wie ein fried¬
lich Schlummernder da. Der Tod mußte vor wenigen
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Sie haben einen Fehler gefunden?
Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform
DTAQ melden.
Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend
gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien
von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem
DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.
Kretzer, Max: Meister Timpe. Berlin, 1888, S. 325. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kretzer_timpe_1888/337>, abgerufen am 16.02.2025.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2025 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
(Kontakt).
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2025. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.