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[Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 3. Halle, 1769.

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Der Messias.
Lernen die Seligen schnell. ... Gern will ich lernen. O lehre
Du mich, Jsraels Sohn. Auch in dem irdischen Leben
Sind bisweilen Stunden des Himmels. Wie war dir in jener
Stunde des Himmels, als du dich nun nicht halten mehr konntest,
Riefst, laut weintest, daß die entfernten Aegypter es hörten,
Jch bin Joseph! Lebet mein Vater noch? als der Brüder
Aug', und des jüngsten der Brüder, als deines Benjamins, Auge
Jetzo reden dich sah! Verkündiget meinem Vater
Meine Herrlichkeit in Aegyptus! du dann um den Hals fielst
Benjamin deinem Bruder, und weintest! in deiner Umarmung
Benjamin auch die Thränen der frühen Seligkeit wurden!
Denn in jener Stunde, da du erfuhrest: Vernommen
Hab' es dein Vater! da habe das Herz des staunenden Greises
Gar viel anders gedacht, es nicht geglaubt! bis er endlich
Deine Rede gehört, und Pharaons Wagen gesehen,
Da, da wäre sein Geist lebendig geworden: Jch habe
Nun genung, daß Joseph mein Sohn noch lebt! Hin will ich
Und ihn sehn, eh ich sterbe! da er dich wirklich nun sahe!
Du um den Hals ihm fielst, und lang in seiner Umarmung
Weintest! da zu dir selbst dein Vater sagte: Nun will ich
Gerne sterben, ich habe gesehen dein Angesicht, Joseph,
Daß du noch lebst! ... wie war dir in diesen Stunden des Himmels?

Komm, auch Jsraels Sohn, und auch mein Bruder, und jünger,
Als mein Benjamin war, komm und umarme mich ... Samed
Zittert' herzu, und umarmt' ihn. Sie weinten lange des Himmels
Thränen ... Wie, Samed, mir war, das hast du selber empfunden,
Als du von jenen Thränen auf Erden die frohe Geschichte
Mir

Der Meſſias.
Lernen die Seligen ſchnell. … Gern will ich lernen. O lehre
Du mich, Jſraels Sohn. Auch in dem irdiſchen Leben
Sind bisweilen Stunden des Himmels. Wie war dir in jener
Stunde des Himmels, als du dich nun nicht halten mehr konnteſt,
Riefſt, laut weinteſt, daß die entfernten Aegypter es hoͤrten,
Jch bin Joſeph! Lebet mein Vater noch? als der Bruͤder
Aug’, und des juͤngſten der Bruͤder, als deines Benjamins, Auge
Jetzo reden dich ſah! Verkuͤndiget meinem Vater
Meine Herrlichkeit in Aegyptus! du dann um den Hals fielſt
Benjamin deinem Bruder, und weinteſt! in deiner Umarmung
Benjamin auch die Thraͤnen der fruͤhen Seligkeit wurden!
Denn in jener Stunde, da du erfuhreſt: Vernommen
Hab’ es dein Vater! da habe das Herz des ſtaunenden Greiſes
Gar viel anders gedacht, es nicht geglaubt! bis er endlich
Deine Rede gehoͤrt, und Pharaons Wagen geſehen,
Da, da waͤre ſein Geiſt lebendig geworden: Jch habe
Nun genung, daß Joſeph mein Sohn noch lebt! Hin will ich
Und ihn ſehn, eh ich ſterbe! da er dich wirklich nun ſahe!
Du um den Hals ihm fielſt, und lang in ſeiner Umarmung
Weinteſt! da zu dir ſelbſt dein Vater ſagte: Nun will ich
Gerne ſterben, ich habe geſehen dein Angeſicht, Joſeph,
Daß du noch lebſt! … wie war dir in dieſen Stunden des Himmels?

Komm, auch Jſraels Sohn, und auch mein Bruder, und juͤnger,
Als mein Benjamin war, komm und umarme mich … Samed
Zittert’ herzu, und umarmt’ ihn. Sie weinten lange des Himmels
Thraͤnen … Wie, Samed, mir war, das haſt du ſelber empfunden,
Als du von jenen Thraͤnen auf Erden die frohe Geſchichte
Mir
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[20/0036] Der Meſſias. Lernen die Seligen ſchnell. … Gern will ich lernen. O lehre Du mich, Jſraels Sohn. Auch in dem irdiſchen Leben Sind bisweilen Stunden des Himmels. Wie war dir in jener Stunde des Himmels, als du dich nun nicht halten mehr konnteſt, Riefſt, laut weinteſt, daß die entfernten Aegypter es hoͤrten, Jch bin Joſeph! Lebet mein Vater noch? als der Bruͤder Aug’, und des juͤngſten der Bruͤder, als deines Benjamins, Auge Jetzo reden dich ſah! Verkuͤndiget meinem Vater Meine Herrlichkeit in Aegyptus! du dann um den Hals fielſt Benjamin deinem Bruder, und weinteſt! in deiner Umarmung Benjamin auch die Thraͤnen der fruͤhen Seligkeit wurden! Denn in jener Stunde, da du erfuhreſt: Vernommen Hab’ es dein Vater! da habe das Herz des ſtaunenden Greiſes Gar viel anders gedacht, es nicht geglaubt! bis er endlich Deine Rede gehoͤrt, und Pharaons Wagen geſehen, Da, da waͤre ſein Geiſt lebendig geworden: Jch habe Nun genung, daß Joſeph mein Sohn noch lebt! Hin will ich Und ihn ſehn, eh ich ſterbe! da er dich wirklich nun ſahe! Du um den Hals ihm fielſt, und lang in ſeiner Umarmung Weinteſt! da zu dir ſelbſt dein Vater ſagte: Nun will ich Gerne ſterben, ich habe geſehen dein Angeſicht, Joſeph, Daß du noch lebſt! … wie war dir in dieſen Stunden des Himmels? Komm, auch Jſraels Sohn, und auch mein Bruder, und juͤnger, Als mein Benjamin war, komm und umarme mich … Samed Zittert’ herzu, und umarmt’ ihn. Sie weinten lange des Himmels Thraͤnen … Wie, Samed, mir war, das haſt du ſelber empfunden, Als du von jenen Thraͤnen auf Erden die frohe Geſchichte Mir

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Zitationshilfe: [Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 3. Halle, 1769, S. 20. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias03_1769/36>, abgerufen am 14.05.2021.