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Klingemann, Ernst August Friedrich: Nachtwachen. Penig, 1805.

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erklärte daß sie bei solchen Entscheidungen als
die erste und lezte Instanz anzusehen sei, sie
ließ sich den Schädel ausliefern, und wie es
bald darauf hieß, war er verschwunden, und
mehrere der geistlichen Herren wollten in der
Nachtstunde den Teufel selbst gesehen haben,
wie er den ihm fehlenden Kopf wieder mit sich
nahm.

Somit blieb die ganze Sache so gut, wie
unaufgeklärt, um so mehr, da der einzige, der
allenfalls noch einiges Licht hätte geben kön-
nen, jener Pfaff nemlich, der das Anathema
über den Freigeist aussprach, an einem Schlag-
flusse plötzlich Todes verfahren war. So sagte
es wenigstens das Gerücht und die Klosterher-
ren; denn den Leichnam selbst hatte kein Pro-
faner gesehen, weil er, der warmen Jahrszeit
wegen, schnell beigesetzt werden mußte.

Die Geschichte ging mir während meiner
Nachtwache sehr im Kopfe herum, denn ich

erklaͤrte daß ſie bei ſolchen Entſcheidungen als
die erſte und lezte Inſtanz anzuſehen ſei, ſie
ließ ſich den Schaͤdel ausliefern, und wie es
bald darauf hieß, war er verſchwunden, und
mehrere der geiſtlichen Herren wollten in der
Nachtſtunde den Teufel ſelbſt geſehen haben,
wie er den ihm fehlenden Kopf wieder mit ſich
nahm.

Somit blieb die ganze Sache ſo gut, wie
unaufgeklaͤrt, um ſo mehr, da der einzige, der
allenfalls noch einiges Licht haͤtte geben koͤn-
nen, jener Pfaff nemlich, der das Anathema
uͤber den Freigeiſt ausſprach, an einem Schlag-
fluſſe ploͤtzlich Todes verfahren war. So ſagte
es wenigſtens das Geruͤcht und die Kloſterher-
ren; denn den Leichnam ſelbſt hatte kein Pro-
faner geſehen, weil er, der warmen Jahrszeit
wegen, ſchnell beigeſetzt werden mußte.

Die Geſchichte ging mir waͤhrend meiner
Nachtwache ſehr im Kopfe herum, denn ich

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[27/0029] erklaͤrte daß ſie bei ſolchen Entſcheidungen als die erſte und lezte Inſtanz anzuſehen ſei, ſie ließ ſich den Schaͤdel ausliefern, und wie es bald darauf hieß, war er verſchwunden, und mehrere der geiſtlichen Herren wollten in der Nachtſtunde den Teufel ſelbſt geſehen haben, wie er den ihm fehlenden Kopf wieder mit ſich nahm. Somit blieb die ganze Sache ſo gut, wie unaufgeklaͤrt, um ſo mehr, da der einzige, der allenfalls noch einiges Licht haͤtte geben koͤn- nen, jener Pfaff nemlich, der das Anathema uͤber den Freigeiſt ausſprach, an einem Schlag- fluſſe ploͤtzlich Todes verfahren war. So ſagte es wenigſtens das Geruͤcht und die Kloſterher- ren; denn den Leichnam ſelbſt hatte kein Pro- faner geſehen, weil er, der warmen Jahrszeit wegen, ſchnell beigeſetzt werden mußte. Die Geſchichte ging mir waͤhrend meiner Nachtwache ſehr im Kopfe herum, denn ich

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Zitationshilfe: Klingemann, Ernst August Friedrich: Nachtwachen. Penig, 1805, S. 27. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/klingemann_nachtwachen_1805/29>, abgerufen am 18.04.2024.