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Kinkel, Johanna: Musikalische Orthodoxie. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 17. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 99–171. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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Intelligenzblatt wir damals so viel lachten? fragte der Chopinspieler.

Ich habe nichts mehr davon gehört, antwortete der Vorige. Welche Prätention ist's aber auch, daß ein völlig namenloses Mädchen, von einem namenlosen Lehrer gebildet, aus einem Winkelstädtchen gebürtig, gerade hierher kommt, um Unterricht zu geben!

Sohling merkte auf und rief: Denkt euch, heute erhalte ich einen Brief von meinem alten Gönner Selvar, der mir diese Ida Fernhofer als ein Genie empfiehlt. Ich fürchte mich eigentlich, die Pathenschaft über eine muthmaßliche Herz- und Kalkbrenner-Virtuosin zu übernehmen, doch muß ich wohl hingehen, da ich dem Selvarschen Hause von früher her verpflichtet bin. Weiß denn Einer, wo das Mädchen wohnt?

Der Chopinspieler antwortete: Ich hätte gar nicht mehr an die Person gedacht, wenn ich nicht heute zufällig ihren Namen wieder gelesen hätte. Hiemit zog er ein altes Intelligenzblatt aus der Tasche, in welches er Cigarren gewickelt hatte, und reichte es Sohling, indem er auf Ida's Adresse deutete.

In einem entlegenen Stadtviertel wohnte sie; dort angelangt, wies man Sohling durch zwei Höfe und Hintergebäude hindurch nach einem Gartenhäuschen, das inmitten eines großen Bleichplatzes lag. Eine alte Wäscherin mit einer jüngern Gehülfin trieb dort ihr Wesen, und die Kübel und Schragen, die in dem Häus-

Intelligenzblatt wir damals so viel lachten? fragte der Chopinspieler.

Ich habe nichts mehr davon gehört, antwortete der Vorige. Welche Prätention ist's aber auch, daß ein völlig namenloses Mädchen, von einem namenlosen Lehrer gebildet, aus einem Winkelstädtchen gebürtig, gerade hierher kommt, um Unterricht zu geben!

Sohling merkte auf und rief: Denkt euch, heute erhalte ich einen Brief von meinem alten Gönner Selvar, der mir diese Ida Fernhofer als ein Genie empfiehlt. Ich fürchte mich eigentlich, die Pathenschaft über eine muthmaßliche Herz- und Kalkbrenner-Virtuosin zu übernehmen, doch muß ich wohl hingehen, da ich dem Selvarschen Hause von früher her verpflichtet bin. Weiß denn Einer, wo das Mädchen wohnt?

Der Chopinspieler antwortete: Ich hätte gar nicht mehr an die Person gedacht, wenn ich nicht heute zufällig ihren Namen wieder gelesen hätte. Hiemit zog er ein altes Intelligenzblatt aus der Tasche, in welches er Cigarren gewickelt hatte, und reichte es Sohling, indem er auf Ida's Adresse deutete.

In einem entlegenen Stadtviertel wohnte sie; dort angelangt, wies man Sohling durch zwei Höfe und Hintergebäude hindurch nach einem Gartenhäuschen, das inmitten eines großen Bleichplatzes lag. Eine alte Wäscherin mit einer jüngern Gehülfin trieb dort ihr Wesen, und die Kübel und Schragen, die in dem Häus-

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[0049] Intelligenzblatt wir damals so viel lachten? fragte der Chopinspieler. Ich habe nichts mehr davon gehört, antwortete der Vorige. Welche Prätention ist's aber auch, daß ein völlig namenloses Mädchen, von einem namenlosen Lehrer gebildet, aus einem Winkelstädtchen gebürtig, gerade hierher kommt, um Unterricht zu geben! Sohling merkte auf und rief: Denkt euch, heute erhalte ich einen Brief von meinem alten Gönner Selvar, der mir diese Ida Fernhofer als ein Genie empfiehlt. Ich fürchte mich eigentlich, die Pathenschaft über eine muthmaßliche Herz- und Kalkbrenner-Virtuosin zu übernehmen, doch muß ich wohl hingehen, da ich dem Selvarschen Hause von früher her verpflichtet bin. Weiß denn Einer, wo das Mädchen wohnt? Der Chopinspieler antwortete: Ich hätte gar nicht mehr an die Person gedacht, wenn ich nicht heute zufällig ihren Namen wieder gelesen hätte. Hiemit zog er ein altes Intelligenzblatt aus der Tasche, in welches er Cigarren gewickelt hatte, und reichte es Sohling, indem er auf Ida's Adresse deutete. In einem entlegenen Stadtviertel wohnte sie; dort angelangt, wies man Sohling durch zwei Höfe und Hintergebäude hindurch nach einem Gartenhäuschen, das inmitten eines großen Bleichplatzes lag. Eine alte Wäscherin mit einer jüngern Gehülfin trieb dort ihr Wesen, und die Kübel und Schragen, die in dem Häus-

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Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-15T13:10:50Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-15T13:10:50Z)

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Bogensignaturen: nicht gekennzeichnet; Druckfehler: dokumentiert; fremdsprachliches Material: nicht gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): nicht ausgezeichnet; i/j in Fraktur: keine Angabe; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: nicht gekennzeichnet; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine; rundes r (ꝛ): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




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Zitationshilfe: Kinkel, Johanna: Musikalische Orthodoxie. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 17. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 99–171. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kinkel_orthodoxie_1910/49>, abgerufen am 15.04.2024.