Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Kafka, Franz: Der Prozess (Hg. Max Brod). Berlin, 1925.

Bild:
<< vorherige Seite

brauchen." "Ja, aber wenn ich Ratgeber sein soll, müßte ich wissen, worum es sich handelt," sagte Fräulein Bürstner. "Das ist eben der Haken," sagte K., "das weiß ich selbst nicht." "Dann haben Sie sich also einen Spaß aus mir gemacht," sagte Fräulein Bürstner übermäßig enttäuscht, "es war höchst unnötig, sich diese späte Nachtzeit dazu auszusuchen." Und sie ging von den Photographien weg, wo sie so lange vereinigt gestanden hatten. "Aber mein Fräulein," sagte K., "ich mache keinen Spaß. Daß Sie mir nicht glauben wollen! Was ich weiß, habe ich Ihnen schon gesagt. Sogar mehr als ich weiß, denn es war gar keine Untersuchungskommission, ich nenne es so, weil ich keinen andern Namen dafür weiß. Es wurde gar nichts untersucht, ich wurde nur verhaftet, aber von einer Kommission." Fräulein Bürstner saß auf der Ottomane und lachte wieder. "Wie war es denn?" fragte sie. "Schrecklich" sagte K., aber er dachte jetzt gar nicht daran, sondern war ganz vom Anblick des Fräulein Bürstner ergriffen, die das Gesicht auf eine Hand stützte - der Ellbogen ruhte auf dem Kissen der Ottomane - während die andere Hand langsam die Hüfte strich. "Das ist zu

brauchen.“ „Ja, aber wenn ich Ratgeber sein soll, müßte ich wissen, worum es sich handelt,“ sagte Fräulein Bürstner. „Das ist eben der Haken,“ sagte K., „das weiß ich selbst nicht.“ „Dann haben Sie sich also einen Spaß aus mir gemacht,“ sagte Fräulein Bürstner übermäßig enttäuscht, „es war höchst unnötig, sich diese späte Nachtzeit dazu auszusuchen.“ Und sie ging von den Photographien weg, wo sie so lange vereinigt gestanden hatten. „Aber mein Fräulein,“ sagte K., „ich mache keinen Spaß. Daß Sie mir nicht glauben wollen! Was ich weiß, habe ich Ihnen schon gesagt. Sogar mehr als ich weiß, denn es war gar keine Untersuchungskommission, ich nenne es so, weil ich keinen andern Namen dafür weiß. Es wurde gar nichts untersucht, ich wurde nur verhaftet, aber von einer Kommission.“ Fräulein Bürstner saß auf der Ottomane und lachte wieder. „Wie war es denn?“ fragte sie. „Schrecklich“ sagte K., aber er dachte jetzt gar nicht daran, sondern war ganz vom Anblick des Fräulein Bürstner ergriffen, die das Gesicht auf eine Hand stützte – der Ellbogen ruhte auf dem Kissen der Ottomane – während die andere Hand langsam die Hüfte strich. „Das ist zu

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0048" n="46"/>
brauchen.&#x201C; &#x201E;Ja, aber wenn ich Ratgeber sein soll, müßte ich wissen, worum es sich handelt,&#x201C; sagte Fräulein Bürstner. &#x201E;Das ist eben der Haken,&#x201C; sagte K., &#x201E;das weiß ich selbst nicht.&#x201C; &#x201E;Dann haben Sie sich also einen Spaß aus mir gemacht,&#x201C; sagte Fräulein Bürstner übermäßig enttäuscht, &#x201E;es war höchst unnötig, sich diese späte Nachtzeit dazu auszusuchen.&#x201C; Und sie ging von den Photographien weg, wo sie so lange vereinigt gestanden hatten. &#x201E;Aber mein Fräulein,&#x201C; sagte K., &#x201E;ich mache keinen Spaß. Daß Sie mir nicht glauben wollen! Was ich weiß, habe ich Ihnen schon gesagt. Sogar mehr als ich weiß, denn es war gar keine Untersuchungskommission, ich nenne es so, weil ich keinen andern Namen dafür weiß. Es wurde gar nichts untersucht, ich wurde nur verhaftet, aber von einer Kommission.&#x201C; Fräulein Bürstner saß auf der Ottomane und lachte wieder. &#x201E;Wie war es denn?&#x201C; fragte sie. &#x201E;Schrecklich&#x201C; sagte K., aber er dachte jetzt gar nicht daran, sondern war ganz vom Anblick des Fräulein Bürstner ergriffen, die das Gesicht auf eine Hand stützte &#x2013; der Ellbogen ruhte auf dem Kissen der Ottomane &#x2013; während die andere Hand langsam die Hüfte strich. &#x201E;Das ist zu
</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[46/0048] brauchen.“ „Ja, aber wenn ich Ratgeber sein soll, müßte ich wissen, worum es sich handelt,“ sagte Fräulein Bürstner. „Das ist eben der Haken,“ sagte K., „das weiß ich selbst nicht.“ „Dann haben Sie sich also einen Spaß aus mir gemacht,“ sagte Fräulein Bürstner übermäßig enttäuscht, „es war höchst unnötig, sich diese späte Nachtzeit dazu auszusuchen.“ Und sie ging von den Photographien weg, wo sie so lange vereinigt gestanden hatten. „Aber mein Fräulein,“ sagte K., „ich mache keinen Spaß. Daß Sie mir nicht glauben wollen! Was ich weiß, habe ich Ihnen schon gesagt. Sogar mehr als ich weiß, denn es war gar keine Untersuchungskommission, ich nenne es so, weil ich keinen andern Namen dafür weiß. Es wurde gar nichts untersucht, ich wurde nur verhaftet, aber von einer Kommission.“ Fräulein Bürstner saß auf der Ottomane und lachte wieder. „Wie war es denn?“ fragte sie. „Schrecklich“ sagte K., aber er dachte jetzt gar nicht daran, sondern war ganz vom Anblick des Fräulein Bürstner ergriffen, die das Gesicht auf eine Hand stützte – der Ellbogen ruhte auf dem Kissen der Ottomane – während die andere Hand langsam die Hüfte strich. „Das ist zu

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Wikisource: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in Wikisource-Syntax. (2012-11-28T19:24:31Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus Wikisource entsprechen muss.
Wikimedia Commons: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2012-11-28T19:24:31Z)
Frank Wiegand: Konvertierung von Wikisource-Markup nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat (2012-11-28T19:24:31Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Als Grundlage dienen die Wikisource:Editionsrichtlinien.
  • Trennungen am Zeilen- und am Seitenende werden aufgelöst, der Seitenwechsel erfolgt bei Worttrennung nach dem gesamten Wort.



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/kafka_prozess_1925
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/kafka_prozess_1925/48
Zitationshilfe: Kafka, Franz: Der Prozess (Hg. Max Brod). Berlin, 1925, S. 46. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kafka_prozess_1925/48>, abgerufen am 11.08.2022.