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Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888.

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Siebentes Buch.
Santiago. Aber er lehnte ab: er bedürfe kein Kleid als die
Ehre eines Dieners S. M., und als die Freunde meinten, er müsse
es um der Ehre der Kunst willen annehmen, sagte er: "die Malerei
bedarf nicht dass ihr Jemand Ehre erweist, sie ist im Stande
der ganzen Welt Ehre zu gewähren". Seine Historien weisen
mehr auf die Niederländer und Italiener, seine Bildnisse mehr
auf van Dyck, als auf seinen Amtsvorgänger. Aber wir bleiben
in derselben Familie und im selben Atelier, in den Räumen des
Alcazar, wo dieselben Oelbilder und Spiegel hängen, die Velaz-
quez aufgestellt; und die Personen nehmen dieselben Posituren
ein und fassen die Lehne derselben Sessel. Der Geist des Orts
ist so mächtig, dass seine Bildnisse oft selbst im Schloss für
Velazquez gehalten worden sind.

Doch besass dieser edelgeborene Asturier etwas von der
Wahrhaftigkeit seines Vorgängers, und das Bild des Hofs ist
nicht geschmeichelt bei dem "ehrlichen Chronisten". Zum Theil
sind es dieselben Personen, zum Theil neue, aber kein neues
Leben; alles ist matter, trüber; verkommen und verdüstert wie
durch einen Schatten des Orcus. Aus der munteren Marianne ist
eine trübe Witwe in Nonnentracht geworden. Der zweite Juan
d'Austria, die Frucht der Anwandlung eines Wollüstlings, der
Mann, in dem man einen Doppelgänger des genialen Bastards
Carl V zu haben hoffte, er sollte nur emporsteigen zum Staats-
mann und Feldherrn, um bei Mit- und Nachwelt als ein grosses
Fiasco fortzuleben. Der Hofnarr Bazan tritt nicht auf als trotziger
Torero oder verwetterter Capitän, sondern als verzagter Suppli-
kant. Selbst das Geschlecht der Zwerge scheint neben jenen
fünf Typen puppenhaft in dem kleinen Misso mit seinen
Papageien und Schosshündchen1). Mitten unter diesen matten
und verlebten Gestalten taucht ein frisches keckes Gesicht und
eine trotzige Gestalt auf in asiatischer Tracht, Peter Ivanowitsch
Potemkin (1682 in Madrid), als sollte dem sinkenden Geschlecht,
dessen kraftlosen Armen die Zügel der europäischen Hegemonie
entfielen, das im fernen Osten aufgehende Gestirn signalisirt
werden, noch unverbraucht in Culturarbeit, aber mit desto uner-
sättlicherem Länderhunger, damals im Begriff das Geschenk
westlicher Bildung entgegenzunehmen und sein Dasein Europa
fühlbar zu machen.

1) Früher in The Grove, Lord Ashburtons Landsitz, jetzt im Besitz von
Honble. Louisa Ashburton in London. Inventarisirt 1694: Docum. ineditos, p. Zarco
del Valle, 440.

Siebentes Buch.
Santiago. Aber er lehnte ab: er bedürfe kein Kleid als die
Ehre eines Dieners S. M., und als die Freunde meinten, er müsse
es um der Ehre der Kunst willen annehmen, sagte er: „die Malerei
bedarf nicht dass ihr Jemand Ehre erweist, sie ist im Stande
der ganzen Welt Ehre zu gewähren“. Seine Historien weisen
mehr auf die Niederländer und Italiener, seine Bildnisse mehr
auf van Dyck, als auf seinen Amtsvorgänger. Aber wir bleiben
in derselben Familie und im selben Atelier, in den Räumen des
Alcazar, wo dieselben Oelbilder und Spiegel hängen, die Velaz-
quez aufgestellt; und die Personen nehmen dieselben Posituren
ein und fassen die Lehne derselben Sessel. Der Geist des Orts
ist so mächtig, dass seine Bildnisse oft selbst im Schloss für
Velazquez gehalten worden sind.

Doch besass dieser edelgeborene Asturier etwas von der
Wahrhaftigkeit seines Vorgängers, und das Bild des Hofs ist
nicht geschmeichelt bei dem „ehrlichen Chronisten“. Zum Theil
sind es dieselben Personen, zum Theil neue, aber kein neues
Leben; alles ist matter, trüber; verkommen und verdüstert wie
durch einen Schatten des Orcus. Aus der munteren Marianne ist
eine trübe Witwe in Nonnentracht geworden. Der zweite Juan
d’Austria, die Frucht der Anwandlung eines Wollüstlings, der
Mann, in dem man einen Doppelgänger des genialen Bastards
Carl V zu haben hoffte, er sollte nur emporsteigen zum Staats-
mann und Feldherrn, um bei Mit- und Nachwelt als ein grosses
Fiasco fortzuleben. Der Hofnarr Bazan tritt nicht auf als trotziger
Torero oder verwetterter Capitän, sondern als verzagter Suppli-
kant. Selbst das Geschlecht der Zwerge scheint neben jenen
fünf Typen puppenhaft in dem kleinen Misso mit seinen
Papageien und Schosshündchen1). Mitten unter diesen matten
und verlebten Gestalten taucht ein frisches keckes Gesicht und
eine trotzige Gestalt auf in asiatischer Tracht, Peter Ivanowitsch
Potemkin (1682 in Madrid), als sollte dem sinkenden Geschlecht,
dessen kraftlosen Armen die Zügel der europäischen Hegemonie
entfielen, das im fernen Osten aufgehende Gestirn signalisirt
werden, noch unverbraucht in Culturarbeit, aber mit desto uner-
sättlicherem Länderhunger, damals im Begriff das Geschenk
westlicher Bildung entgegenzunehmen und sein Dasein Europa
fühlbar zu machen.

1) Früher in The Grove, Lord Ashburtons Landsitz, jetzt im Besitz von
Honble. Louisa Ashburton in London. Inventarisirt 1694: Docum. inéditos, p. Zarco
del Valle, 440.
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[390/0416] Siebentes Buch. Santiago. Aber er lehnte ab: er bedürfe kein Kleid als die Ehre eines Dieners S. M., und als die Freunde meinten, er müsse es um der Ehre der Kunst willen annehmen, sagte er: „die Malerei bedarf nicht dass ihr Jemand Ehre erweist, sie ist im Stande der ganzen Welt Ehre zu gewähren“. Seine Historien weisen mehr auf die Niederländer und Italiener, seine Bildnisse mehr auf van Dyck, als auf seinen Amtsvorgänger. Aber wir bleiben in derselben Familie und im selben Atelier, in den Räumen des Alcazar, wo dieselben Oelbilder und Spiegel hängen, die Velaz- quez aufgestellt; und die Personen nehmen dieselben Posituren ein und fassen die Lehne derselben Sessel. Der Geist des Orts ist so mächtig, dass seine Bildnisse oft selbst im Schloss für Velazquez gehalten worden sind. Doch besass dieser edelgeborene Asturier etwas von der Wahrhaftigkeit seines Vorgängers, und das Bild des Hofs ist nicht geschmeichelt bei dem „ehrlichen Chronisten“. Zum Theil sind es dieselben Personen, zum Theil neue, aber kein neues Leben; alles ist matter, trüber; verkommen und verdüstert wie durch einen Schatten des Orcus. Aus der munteren Marianne ist eine trübe Witwe in Nonnentracht geworden. Der zweite Juan d’Austria, die Frucht der Anwandlung eines Wollüstlings, der Mann, in dem man einen Doppelgänger des genialen Bastards Carl V zu haben hoffte, er sollte nur emporsteigen zum Staats- mann und Feldherrn, um bei Mit- und Nachwelt als ein grosses Fiasco fortzuleben. Der Hofnarr Bazan tritt nicht auf als trotziger Torero oder verwetterter Capitän, sondern als verzagter Suppli- kant. Selbst das Geschlecht der Zwerge scheint neben jenen fünf Typen puppenhaft in dem kleinen Misso mit seinen Papageien und Schosshündchen 1). Mitten unter diesen matten und verlebten Gestalten taucht ein frisches keckes Gesicht und eine trotzige Gestalt auf in asiatischer Tracht, Peter Ivanowitsch Potemkin (1682 in Madrid), als sollte dem sinkenden Geschlecht, dessen kraftlosen Armen die Zügel der europäischen Hegemonie entfielen, das im fernen Osten aufgehende Gestirn signalisirt werden, noch unverbraucht in Culturarbeit, aber mit desto uner- sättlicherem Länderhunger, damals im Begriff das Geschenk westlicher Bildung entgegenzunehmen und sein Dasein Europa fühlbar zu machen. 1) Früher in The Grove, Lord Ashburtons Landsitz, jetzt im Besitz von Honble. Louisa Ashburton in London. Inventarisirt 1694: Docum. inéditos, p. Zarco del Valle, 440.

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Zitationshilfe: Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888, S. 390. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888/416>, abgerufen am 26.01.2021.