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Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888.

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Die Einsiedler.
um Einlass flehen. Als der Heilige endlich seinen Thränen nach-
gebend herauskam und den Mann erkannte, dessen Besuch
ihm vor seinem Ende (das also nun gekommen) der Herr ver-
heissen, bat er ihm den Mantel des heil. Athanasius zu holen.
Als Antonius mit diesem zurückkam, fand er ihn kniend ent-
schlafen, er trug ihn hinaus und zog der Leiche den Mantel an.
Während er die üblichen Psalmen und Hymnen sang, erschienen
fromme Löwen, welche das Grab gruben und dafür den erbetenen
Segen des Heiligen empfingen 1).

Die Legende der Erzväter des Mönchthums wie die der Pro-
pheten ihrer Urbilder hat von jeher zu landschaftlicher Behand-
lung Anlass gegeben. Legten doch die Mönche selbst bei der
Wahl ihrer Wohnsitze stets Werth auf grossartige Natur; sie
waren in diesem Punkt der Geschmacksbildung den Weltkindern
um ein Jahrtausend vorangeeilt.

Nicht unter jedem Himmelsstrich aber kann man Studien
für Einsiedlerscenerie sammeln. In S. Peter zu Gent sieht man
dieselbe Visite in vlämischem Geschmack: da ist ein üppiger
Wald, Thürme, ein Schloss dahinter, ein Fluss mit lachender
Ebne, eine thurmreiche Stadt endlich: wozu brauchte da der
Rabe bemüht zu werden? In Mirou's Bild (Ermitage 529) sind
alle möglichen, wenn auch nur Vegetarianer-Delikatessen auf dem
Rasen ausgebreitet. Selbst die ernsten, einsamen Waldstücke
eines Ruisdael würden hier nicht passen: es fehlt der weite
Horizont und die Poesie der Oede.

Die baumlosen Gebirgsthäler des Südens, mit ihren grossen
wilden Linien, wo die Natur des Menschen und seiner Kultur
wieder Herr geworden ist, geben allein die Stimmung für die
Legende der Pioniere der Weltflucht. Kaum eine erhabenere
Epopöe der Landschaftsmalerei ist gedichtet worden, als die Ge-
schichten des Elias und Elisa von Gaspard Dughet in der Kirche
S. Martino ai Monti zu Rom. Aus diesen den Bergen der
Sabina entstammenden Scenerien weht uns der Geist entgegen,
dessen Sprache jene Seher vernahmen, dort fielen die Ban-
de von ihrem Sinn, sie sogen die Prophetenkraft ein, vor
Könige und Nationen hinzutreten. Ueber diesen wilden Thälern,
hochragenden Gipfeln und stillen durch die Malaria verödeten

1) Ein Spanier, den ich in dem trüben Winter 1872/73 vor dem Bilde traf,
glaubte darin eine Vision der Zukunft zu erkennen: der letzte Tag Spaniens, wo der
letzte Carlist und der letzte Republikaner sich sterbend die Hand reichen. Glück-
licher Weise scheint er doch zu schwarz gesehen zu haben.

Die Einsiedler.
um Einlass flehen. Als der Heilige endlich seinen Thränen nach-
gebend herauskam und den Mann erkannte, dessen Besuch
ihm vor seinem Ende (das also nun gekommen) der Herr ver-
heissen, bat er ihm den Mantel des heil. Athanasius zu holen.
Als Antonius mit diesem zurückkam, fand er ihn kniend ent-
schlafen, er trug ihn hinaus und zog der Leiche den Mantel an.
Während er die üblichen Psalmen und Hymnen sang, erschienen
fromme Löwen, welche das Grab gruben und dafür den erbetenen
Segen des Heiligen empfingen 1).

Die Legende der Erzväter des Mönchthums wie die der Pro-
pheten ihrer Urbilder hat von jeher zu landschaftlicher Behand-
lung Anlass gegeben. Legten doch die Mönche selbst bei der
Wahl ihrer Wohnsitze stets Werth auf grossartige Natur; sie
waren in diesem Punkt der Geschmacksbildung den Weltkindern
um ein Jahrtausend vorangeeilt.

Nicht unter jedem Himmelsstrich aber kann man Studien
für Einsiedlerscenerie sammeln. In S. Peter zu Gent sieht man
dieselbe Visite in vlämischem Geschmack: da ist ein üppiger
Wald, Thürme, ein Schloss dahinter, ein Fluss mit lachender
Ebne, eine thurmreiche Stadt endlich: wozu brauchte da der
Rabe bemüht zu werden? In Mirou’s Bild (Ermitage 529) sind
alle möglichen, wenn auch nur Vegetarianer-Delikatessen auf dem
Rasen ausgebreitet. Selbst die ernsten, einsamen Waldstücke
eines Ruisdael würden hier nicht passen: es fehlt der weite
Horizont und die Poesie der Oede.

Die baumlosen Gebirgsthäler des Südens, mit ihren grossen
wilden Linien, wo die Natur des Menschen und seiner Kultur
wieder Herr geworden ist, geben allein die Stimmung für die
Legende der Pioniere der Weltflucht. Kaum eine erhabenere
Epopöe der Landschaftsmalerei ist gedichtet worden, als die Ge-
schichten des Elias und Elisa von Gaspard Dughet in der Kirche
S. Martino ai Monti zu Rom. Aus diesen den Bergen der
Sabina entstammenden Scenerien weht uns der Geist entgegen,
dessen Sprache jene Seher vernahmen, dort fielen die Ban-
de von ihrem Sinn, sie sogen die Prophetenkraft ein, vor
Könige und Nationen hinzutreten. Ueber diesen wilden Thälern,
hochragenden Gipfeln und stillen durch die Malaria verödeten

1) Ein Spanier, den ich in dem trüben Winter 1872/73 vor dem Bilde traf,
glaubte darin eine Vision der Zukunft zu erkennen: der letzte Tag Spaniens, wo der
letzte Carlist und der letzte Republikaner sich sterbend die Hand reichen. Glück-
licher Weise scheint er doch zu schwarz gesehen zu haben.
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[379/0405] Die Einsiedler. um Einlass flehen. Als der Heilige endlich seinen Thränen nach- gebend herauskam und den Mann erkannte, dessen Besuch ihm vor seinem Ende (das also nun gekommen) der Herr ver- heissen, bat er ihm den Mantel des heil. Athanasius zu holen. Als Antonius mit diesem zurückkam, fand er ihn kniend ent- schlafen, er trug ihn hinaus und zog der Leiche den Mantel an. Während er die üblichen Psalmen und Hymnen sang, erschienen fromme Löwen, welche das Grab gruben und dafür den erbetenen Segen des Heiligen empfingen 1). Die Legende der Erzväter des Mönchthums wie die der Pro- pheten ihrer Urbilder hat von jeher zu landschaftlicher Behand- lung Anlass gegeben. Legten doch die Mönche selbst bei der Wahl ihrer Wohnsitze stets Werth auf grossartige Natur; sie waren in diesem Punkt der Geschmacksbildung den Weltkindern um ein Jahrtausend vorangeeilt. Nicht unter jedem Himmelsstrich aber kann man Studien für Einsiedlerscenerie sammeln. In S. Peter zu Gent sieht man dieselbe Visite in vlämischem Geschmack: da ist ein üppiger Wald, Thürme, ein Schloss dahinter, ein Fluss mit lachender Ebne, eine thurmreiche Stadt endlich: wozu brauchte da der Rabe bemüht zu werden? In Mirou’s Bild (Ermitage 529) sind alle möglichen, wenn auch nur Vegetarianer-Delikatessen auf dem Rasen ausgebreitet. Selbst die ernsten, einsamen Waldstücke eines Ruisdael würden hier nicht passen: es fehlt der weite Horizont und die Poesie der Oede. Die baumlosen Gebirgsthäler des Südens, mit ihren grossen wilden Linien, wo die Natur des Menschen und seiner Kultur wieder Herr geworden ist, geben allein die Stimmung für die Legende der Pioniere der Weltflucht. Kaum eine erhabenere Epopöe der Landschaftsmalerei ist gedichtet worden, als die Ge- schichten des Elias und Elisa von Gaspard Dughet in der Kirche S. Martino ai Monti zu Rom. Aus diesen den Bergen der Sabina entstammenden Scenerien weht uns der Geist entgegen, dessen Sprache jene Seher vernahmen, dort fielen die Ban- de von ihrem Sinn, sie sogen die Prophetenkraft ein, vor Könige und Nationen hinzutreten. Ueber diesen wilden Thälern, hochragenden Gipfeln und stillen durch die Malaria verödeten 1) Ein Spanier, den ich in dem trüben Winter 1872/73 vor dem Bilde traf, glaubte darin eine Vision der Zukunft zu erkennen: der letzte Tag Spaniens, wo der letzte Carlist und der letzte Republikaner sich sterbend die Hand reichen. Glück- licher Weise scheint er doch zu schwarz gesehen zu haben.

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Zitationshilfe: Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888, S. 379. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888/405>, abgerufen am 26.01.2021.