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Hofmannsthal, Hugo von: Tod des Tizian. Berlin, 1902.

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Der Hass, der Geist, das Blut: das Leben wacht.
Das Leben, das lebendige, allmächtge --
Man kann es haben und doch sein' vergessen! ...

Er hält einen Augenblick inne.
Und alles das hat mich so müd gemacht:
Es war so viel in dieser einen Nacht.
Desiderio, an der Rampe, zu Gianino:
Siehst du die Stadt, wie jetzt sie drunten ruht?
Gehüllt in Duft und goldne Abendglut
Und rosig helles Gelb und helles Grau,
Zu ihren Füssen schwarzer Schatten Blau,
In Schönheit lockend, feuchtverklärter Reinheit.
Allein in diesem Duft, dem ahnungsvollen,
Da wohnt die Hässlichkeit und die Gemeinheit,
Und bei den Tieren wohnen dort die Tollen;
Und was die Ferne weise dir verhüllt,
Ist ekelhaft und trüb und schaal erfüllt
Von Wesen, die die Schönheit nicht erkennen
Und ihre Welt mit unsren Worten nennen ...
Denn unsre Wonne oder unsre Pein
Hat mit der ihren nur das Wort gemein ...
Und liegen wir in tiefem Schlaf befangen,
So gleicht der unsre ihrem Schlafe nicht:
Da schlafen Purpurblüten, goldne Schlangen,
Da schläft ein Berg, in dem Titanen hämmern -- --
Sie aber schlafen, wie die Austern dämmern.
Antonio, halb aufgerichtet:
Darum umgeben Gitter, hohe schlanke,
Der Hass, der Geist, das Blut: das Leben wacht.
Das Leben, das lebendige, allmächtge —
Man kann es haben und doch sein’ vergessen! …

Er hält einen Augenblick inne.
Und alles das hat mich so müd gemacht:
Es war so viel in dieser einen Nacht.
Desiderio, an der Rampe, zu Gianino:
Siehst du die Stadt, wie jetzt sie drunten ruht?
Gehüllt in Duft und goldne Abendglut
Und rosig helles Gelb und helles Grau,
Zu ihren Füssen schwarzer Schatten Blau,
In Schönheit lockend, feuchtverklärter Reinheit.
Allein in diesem Duft, dem ahnungsvollen,
Da wohnt die Hässlichkeit und die Gemeinheit,
Und bei den Tieren wohnen dort die Tollen;
Und was die Ferne weise dir verhüllt,
Ist ekelhaft und trüb und schaal erfüllt
Von Wesen, die die Schönheit nicht erkennen
Und ihre Welt mit unsren Worten nennen …
Denn unsre Wonne oder unsre Pein
Hat mit der ihren nur das Wort gemein …
Und liegen wir in tiefem Schlaf befangen,
So gleicht der unsre ihrem Schlafe nicht:
Da schlafen Purpurblüten, goldne Schlangen,
Da schläft ein Berg, in dem Titanen hämmern — —
Sie aber schlafen, wie die Austern dämmern.
Antonio, halb aufgerichtet:
Darum umgeben Gitter, hohe schlanke,
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[15/0023] Der Hass, der Geist, das Blut: das Leben wacht. Das Leben, das lebendige, allmächtge — Man kann es haben und doch sein’ vergessen! … Er hält einen Augenblick inne. Und alles das hat mich so müd gemacht: Es war so viel in dieser einen Nacht. Desiderio, an der Rampe, zu Gianino: Siehst du die Stadt, wie jetzt sie drunten ruht? Gehüllt in Duft und goldne Abendglut Und rosig helles Gelb und helles Grau, Zu ihren Füssen schwarzer Schatten Blau, In Schönheit lockend, feuchtverklärter Reinheit. Allein in diesem Duft, dem ahnungsvollen, Da wohnt die Hässlichkeit und die Gemeinheit, Und bei den Tieren wohnen dort die Tollen; Und was die Ferne weise dir verhüllt, Ist ekelhaft und trüb und schaal erfüllt Von Wesen, die die Schönheit nicht erkennen Und ihre Welt mit unsren Worten nennen … Denn unsre Wonne oder unsre Pein Hat mit der ihren nur das Wort gemein … Und liegen wir in tiefem Schlaf befangen, So gleicht der unsre ihrem Schlafe nicht: Da schlafen Purpurblüten, goldne Schlangen, Da schläft ein Berg, in dem Titanen hämmern — — Sie aber schlafen, wie die Austern dämmern. Antonio, halb aufgerichtet: Darum umgeben Gitter, hohe schlanke,

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Zitationshilfe: Hofmannsthal, Hugo von: Tod des Tizian. Berlin, 1902, S. 15. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hofmannsthal_tizian_1901/23>, abgerufen am 20.04.2021.