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Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 4. Leipzig, 1782.

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über den neuern Gartengeschmack.
4.

Bey allen diesen für den Fortgang der Gartenkunst so ungünstigen Umständen,
ist zuvörderst keine andere Auskunst, als sie der Nachahmung zu entreißen und sie zum
Gegenstand eines eigenen sorgfältigen Studiums zu machen. Sie muß eine Be-
schäftigung für denkende Männer werden, wenn sie sich in ihrem Umfang und in ihrer
Schönheit enthüllen, wenn sie ganz in der reizenden Mannigfaltigkeit der Natur und
der Kunst, die sie noch erwartet, sich verbreiten soll.

Es ist schon ehemals bemerket, daß die Gartenkunst, gleich ihrer Lehrerinn,
der Natur, und noch mehr als sie, alle Arten von Empfindungen erregen, und durch
dieses Vorrecht der schönen Künste sich zu dem Rang der Malerkunst und der Tonkunst
erheben soll. Wie wichtig und zugleich wie schwer! Sie soll nicht blos für das Auge
und für die Einbildungskraft arbeiten, sondern auch für die Empfindung, eine viel
größere Kunst; sie soll durch Bildung und Anordnung der Scenen eine Folge von
mannigfaltigen interessanten Bewegungen, die sich gemeinschaftlich heben, hervorbrin-
gen. Wer nur denkt, das Auge zu reizen, ohne das Herz mit genießen zu lassen,
der ist so wenig ein guter Gartenkünstler, als der ein Musiker ist, der blos für das
Ohr sorgt, ohne Empfindung auszudrücken und sie in Andern zu erregen.

Allein wie viel Talente und Einsichten erfordert dies alles nicht. Wie viel
Kenntnisse, nicht blos der Pflanzen, sondern auch der landschaftlichen Malerey und
der Baukunst; wie viel Gefühl, Geschmack, Beobachtung; wie viel Ueberlegung
und Einbildungskraft; welch ein empfindliches und scharfes Auge! "Wenn in der
Malerey," sagt ein feiner Kenner, *) "wo die Anordnung aller Gegenstände allein
von der Einbildungskraft des Malers abhängt, wo sein Gemälde nur einem einzigen
Gesichtspunkte unterworfen ist, wo der Künstler von den Phänomenen des Himmels,
von den Wirkungen des Lichts, von der Wahl der Farben, und von dem Gebrauche
glücklicher Zufälligkeiten Herr ist, die schöne Anordnung gleichwohl eine so seltene und
so schwere Sache ist; wie könnte man sich vorstellen, daß in der Anordnung eines
weitläuftigen Gemäldes auf dem Erdreiche, wo der Componist, bey der nämlichen
Schwierigkeit für die Erfindung, jeden Augenblick in der Ausführung eine Menge
Hindernisse antrifft, die er nur durch viele andre Hülfsmittel, durch eine starke Ein-
bildungskraft, eine lange Erfahrung und einen unermüdeten Fleiß überwinden kann:
wie könnte man sich vorstellen, daß eine solche Composition dem Ohngefähr oder einem

Gärtner
*) Der Marquis de Gerardin in seiner Schrift: De la Composition des Payfages
etc.
S. 3. 4.
IV Band. C
uͤber den neuern Gartengeſchmack.
4.

Bey allen dieſen fuͤr den Fortgang der Gartenkunſt ſo unguͤnſtigen Umſtaͤnden,
iſt zuvoͤrderſt keine andere Auskunſt, als ſie der Nachahmung zu entreißen und ſie zum
Gegenſtand eines eigenen ſorgfaͤltigen Studiums zu machen. Sie muß eine Be-
ſchaͤftigung fuͤr denkende Maͤnner werden, wenn ſie ſich in ihrem Umfang und in ihrer
Schoͤnheit enthuͤllen, wenn ſie ganz in der reizenden Mannigfaltigkeit der Natur und
der Kunſt, die ſie noch erwartet, ſich verbreiten ſoll.

Es iſt ſchon ehemals bemerket, daß die Gartenkunſt, gleich ihrer Lehrerinn,
der Natur, und noch mehr als ſie, alle Arten von Empfindungen erregen, und durch
dieſes Vorrecht der ſchoͤnen Kuͤnſte ſich zu dem Rang der Malerkunſt und der Tonkunſt
erheben ſoll. Wie wichtig und zugleich wie ſchwer! Sie ſoll nicht blos fuͤr das Auge
und fuͤr die Einbildungskraft arbeiten, ſondern auch fuͤr die Empfindung, eine viel
groͤßere Kunſt; ſie ſoll durch Bildung und Anordnung der Scenen eine Folge von
mannigfaltigen intereſſanten Bewegungen, die ſich gemeinſchaftlich heben, hervorbrin-
gen. Wer nur denkt, das Auge zu reizen, ohne das Herz mit genießen zu laſſen,
der iſt ſo wenig ein guter Gartenkuͤnſtler, als der ein Muſiker iſt, der blos fuͤr das
Ohr ſorgt, ohne Empfindung auszudruͤcken und ſie in Andern zu erregen.

Allein wie viel Talente und Einſichten erfordert dies alles nicht. Wie viel
Kenntniſſe, nicht blos der Pflanzen, ſondern auch der landſchaftlichen Malerey und
der Baukunſt; wie viel Gefuͤhl, Geſchmack, Beobachtung; wie viel Ueberlegung
und Einbildungskraft; welch ein empfindliches und ſcharfes Auge! „Wenn in der
Malerey,“ ſagt ein feiner Kenner, *) „wo die Anordnung aller Gegenſtaͤnde allein
von der Einbildungskraft des Malers abhaͤngt, wo ſein Gemaͤlde nur einem einzigen
Geſichtspunkte unterworfen iſt, wo der Kuͤnſtler von den Phaͤnomenen des Himmels,
von den Wirkungen des Lichts, von der Wahl der Farben, und von dem Gebrauche
gluͤcklicher Zufaͤlligkeiten Herr iſt, die ſchoͤne Anordnung gleichwohl eine ſo ſeltene und
ſo ſchwere Sache iſt; wie koͤnnte man ſich vorſtellen, daß in der Anordnung eines
weitlaͤuftigen Gemaͤldes auf dem Erdreiche, wo der Componiſt, bey der naͤmlichen
Schwierigkeit fuͤr die Erfindung, jeden Augenblick in der Ausfuͤhrung eine Menge
Hinderniſſe antrifft, die er nur durch viele andre Huͤlfsmittel, durch eine ſtarke Ein-
bildungskraft, eine lange Erfahrung und einen unermuͤdeten Fleiß uͤberwinden kann:
wie koͤnnte man ſich vorſtellen, daß eine ſolche Compoſition dem Ohngefaͤhr oder einem

Gaͤrtner
*) Der Marquis de Gerardin in ſeiner Schrift: De la Compoſition des Payfages
etc.
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IV Band. C
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[17/0021] uͤber den neuern Gartengeſchmack. 4. Bey allen dieſen fuͤr den Fortgang der Gartenkunſt ſo unguͤnſtigen Umſtaͤnden, iſt zuvoͤrderſt keine andere Auskunſt, als ſie der Nachahmung zu entreißen und ſie zum Gegenſtand eines eigenen ſorgfaͤltigen Studiums zu machen. Sie muß eine Be- ſchaͤftigung fuͤr denkende Maͤnner werden, wenn ſie ſich in ihrem Umfang und in ihrer Schoͤnheit enthuͤllen, wenn ſie ganz in der reizenden Mannigfaltigkeit der Natur und der Kunſt, die ſie noch erwartet, ſich verbreiten ſoll. Es iſt ſchon ehemals bemerket, daß die Gartenkunſt, gleich ihrer Lehrerinn, der Natur, und noch mehr als ſie, alle Arten von Empfindungen erregen, und durch dieſes Vorrecht der ſchoͤnen Kuͤnſte ſich zu dem Rang der Malerkunſt und der Tonkunſt erheben ſoll. Wie wichtig und zugleich wie ſchwer! Sie ſoll nicht blos fuͤr das Auge und fuͤr die Einbildungskraft arbeiten, ſondern auch fuͤr die Empfindung, eine viel groͤßere Kunſt; ſie ſoll durch Bildung und Anordnung der Scenen eine Folge von mannigfaltigen intereſſanten Bewegungen, die ſich gemeinſchaftlich heben, hervorbrin- gen. Wer nur denkt, das Auge zu reizen, ohne das Herz mit genießen zu laſſen, der iſt ſo wenig ein guter Gartenkuͤnſtler, als der ein Muſiker iſt, der blos fuͤr das Ohr ſorgt, ohne Empfindung auszudruͤcken und ſie in Andern zu erregen. Allein wie viel Talente und Einſichten erfordert dies alles nicht. Wie viel Kenntniſſe, nicht blos der Pflanzen, ſondern auch der landſchaftlichen Malerey und der Baukunſt; wie viel Gefuͤhl, Geſchmack, Beobachtung; wie viel Ueberlegung und Einbildungskraft; welch ein empfindliches und ſcharfes Auge! „Wenn in der Malerey,“ ſagt ein feiner Kenner, *) „wo die Anordnung aller Gegenſtaͤnde allein von der Einbildungskraft des Malers abhaͤngt, wo ſein Gemaͤlde nur einem einzigen Geſichtspunkte unterworfen iſt, wo der Kuͤnſtler von den Phaͤnomenen des Himmels, von den Wirkungen des Lichts, von der Wahl der Farben, und von dem Gebrauche gluͤcklicher Zufaͤlligkeiten Herr iſt, die ſchoͤne Anordnung gleichwohl eine ſo ſeltene und ſo ſchwere Sache iſt; wie koͤnnte man ſich vorſtellen, daß in der Anordnung eines weitlaͤuftigen Gemaͤldes auf dem Erdreiche, wo der Componiſt, bey der naͤmlichen Schwierigkeit fuͤr die Erfindung, jeden Augenblick in der Ausfuͤhrung eine Menge Hinderniſſe antrifft, die er nur durch viele andre Huͤlfsmittel, durch eine ſtarke Ein- bildungskraft, eine lange Erfahrung und einen unermuͤdeten Fleiß uͤberwinden kann: wie koͤnnte man ſich vorſtellen, daß eine ſolche Compoſition dem Ohngefaͤhr oder einem Gaͤrtner *) Der Marquis de Gerardin in ſeiner Schrift: De la Compoſition des Payfages etc. S. 3. 4. IV Band. C

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Zitationshilfe: Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 4. Leipzig, 1782, S. 17. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hirschfeld_gartenkunst4_1782/21>, abgerufen am 14.04.2024.