Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 4. Leipzig, 1782.

Bild:
<< vorherige Seite

über den neuern Gartengeschmack.
Natur gegen sich selbst aufzubieten, ist ein Unsinn, der sich zunächst durch den Verlust
der Kosten bestraft; verunglückter Erfolg und Verachtung vermehren diese Strafe.
Man würde erstaunen, wenn man die ungeheuern Summen, die von den Verunstal-
tungen der Natur in manchen Gärten bekannt geworden sind, von andern größern
Misgeburten dieser Art immer wüßte. Und von einem sehr geringen Theil dieser
Summe hätte ein ansehnlicher Garten in dem edelsten Geschmack angelegt werden kön-
nen. Aber es war das Schicksal des Menschen, daß er mit Kosten verunstalten sollte;
er verstümmelte Bäume, er verstümmelte Pferde, bis ihm nichts mehr übrig blieb,
als sich selbst zu verstümmeln.

[Abbildung]
3.

So groß auch die Verbesserungen sind, welche die Gartenkunst in England ge-
wonnen hat; so würde es doch eine seltsame Verblendung des Vorurtheils seyn, wenn
man sie für vollendet ansehen wollte. Eine unpartheyische Untersuchung lehrt bald
die mancherley Verirrungen kennen, denen sich mancher Engländer in seinen Gärten
überläßt, und die hin und wieder in diesem Werke bemerkt sind. Allein einer der er-
heblichsten und am wenigsten erkannten Mängel der brittischen Manier ist immer
noch eine gewisse Einschränkung, die ihr eigen bleibt. Sie ist bisher nur am meisten

auf
B 3

uͤber den neuern Gartengeſchmack.
Natur gegen ſich ſelbſt aufzubieten, iſt ein Unſinn, der ſich zunaͤchſt durch den Verluſt
der Koſten beſtraft; verungluͤckter Erfolg und Verachtung vermehren dieſe Strafe.
Man wuͤrde erſtaunen, wenn man die ungeheuern Summen, die von den Verunſtal-
tungen der Natur in manchen Gaͤrten bekannt geworden ſind, von andern groͤßern
Misgeburten dieſer Art immer wuͤßte. Und von einem ſehr geringen Theil dieſer
Summe haͤtte ein anſehnlicher Garten in dem edelſten Geſchmack angelegt werden koͤn-
nen. Aber es war das Schickſal des Menſchen, daß er mit Koſten verunſtalten ſollte;
er verſtuͤmmelte Baͤume, er verſtuͤmmelte Pferde, bis ihm nichts mehr uͤbrig blieb,
als ſich ſelbſt zu verſtuͤmmeln.

[Abbildung]
3.

So groß auch die Verbeſſerungen ſind, welche die Gartenkunſt in England ge-
wonnen hat; ſo wuͤrde es doch eine ſeltſame Verblendung des Vorurtheils ſeyn, wenn
man ſie fuͤr vollendet anſehen wollte. Eine unpartheyiſche Unterſuchung lehrt bald
die mancherley Verirrungen kennen, denen ſich mancher Englaͤnder in ſeinen Gaͤrten
uͤberlaͤßt, und die hin und wieder in dieſem Werke bemerkt ſind. Allein einer der er-
heblichſten und am wenigſten erkannten Maͤngel der brittiſchen Manier iſt immer
noch eine gewiſſe Einſchraͤnkung, die ihr eigen bleibt. Sie iſt bisher nur am meiſten

auf
B 3
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="2">
        <div n="3">
          <p><pb facs="#f0017" n="13"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">u&#x0364;ber den neuern Gartenge&#x017F;chmack.</hi></fw><lb/>
Natur gegen &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t aufzubieten, i&#x017F;t ein Un&#x017F;inn, der &#x017F;ich zuna&#x0364;ch&#x017F;t durch den Verlu&#x017F;t<lb/>
der Ko&#x017F;ten be&#x017F;traft; verunglu&#x0364;ckter Erfolg und Verachtung vermehren die&#x017F;e Strafe.<lb/>
Man wu&#x0364;rde er&#x017F;taunen, wenn man die ungeheuern Summen, die von den Verun&#x017F;tal-<lb/>
tungen der Natur in manchen Ga&#x0364;rten bekannt geworden &#x017F;ind, von andern gro&#x0364;ßern<lb/>
Misgeburten die&#x017F;er Art immer wu&#x0364;ßte. Und von einem &#x017F;ehr geringen Theil die&#x017F;er<lb/>
Summe ha&#x0364;tte ein an&#x017F;ehnlicher Garten in dem edel&#x017F;ten Ge&#x017F;chmack angelegt werden ko&#x0364;n-<lb/>
nen. Aber es war das Schick&#x017F;al des Men&#x017F;chen, daß er mit Ko&#x017F;ten verun&#x017F;talten &#x017F;ollte;<lb/>
er ver&#x017F;tu&#x0364;mmelte Ba&#x0364;ume, er ver&#x017F;tu&#x0364;mmelte Pferde, bis ihm nichts mehr u&#x0364;brig blieb,<lb/>
als &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t zu ver&#x017F;tu&#x0364;mmeln.</p><lb/>
          <figure/>
        </div>
        <div n="3">
          <head> <hi rendition="#b">3.</hi> </head><lb/>
          <p>So groß auch die Verbe&#x017F;&#x017F;erungen &#x017F;ind, welche die Gartenkun&#x017F;t in <hi rendition="#fr">England</hi> ge-<lb/>
wonnen hat; &#x017F;o wu&#x0364;rde es doch eine &#x017F;elt&#x017F;ame Verblendung des Vorurtheils &#x017F;eyn, wenn<lb/>
man &#x017F;ie fu&#x0364;r vollendet an&#x017F;ehen wollte. Eine unpartheyi&#x017F;che Unter&#x017F;uchung lehrt bald<lb/>
die mancherley Verirrungen kennen, denen &#x017F;ich mancher <hi rendition="#fr">Engla&#x0364;nder</hi> in &#x017F;einen Ga&#x0364;rten<lb/>
u&#x0364;berla&#x0364;ßt, und die hin und wieder in die&#x017F;em Werke bemerkt &#x017F;ind. Allein einer der er-<lb/>
heblich&#x017F;ten und am wenig&#x017F;ten erkannten Ma&#x0364;ngel der <hi rendition="#fr">britti&#x017F;chen</hi> Manier i&#x017F;t immer<lb/>
noch eine gewi&#x017F;&#x017F;e Ein&#x017F;chra&#x0364;nkung, die ihr eigen bleibt. Sie i&#x017F;t bisher nur am mei&#x017F;ten<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">B 3</fw><fw place="bottom" type="catch">auf</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[13/0017] uͤber den neuern Gartengeſchmack. Natur gegen ſich ſelbſt aufzubieten, iſt ein Unſinn, der ſich zunaͤchſt durch den Verluſt der Koſten beſtraft; verungluͤckter Erfolg und Verachtung vermehren dieſe Strafe. Man wuͤrde erſtaunen, wenn man die ungeheuern Summen, die von den Verunſtal- tungen der Natur in manchen Gaͤrten bekannt geworden ſind, von andern groͤßern Misgeburten dieſer Art immer wuͤßte. Und von einem ſehr geringen Theil dieſer Summe haͤtte ein anſehnlicher Garten in dem edelſten Geſchmack angelegt werden koͤn- nen. Aber es war das Schickſal des Menſchen, daß er mit Koſten verunſtalten ſollte; er verſtuͤmmelte Baͤume, er verſtuͤmmelte Pferde, bis ihm nichts mehr uͤbrig blieb, als ſich ſelbſt zu verſtuͤmmeln. [Abbildung] 3. So groß auch die Verbeſſerungen ſind, welche die Gartenkunſt in England ge- wonnen hat; ſo wuͤrde es doch eine ſeltſame Verblendung des Vorurtheils ſeyn, wenn man ſie fuͤr vollendet anſehen wollte. Eine unpartheyiſche Unterſuchung lehrt bald die mancherley Verirrungen kennen, denen ſich mancher Englaͤnder in ſeinen Gaͤrten uͤberlaͤßt, und die hin und wieder in dieſem Werke bemerkt ſind. Allein einer der er- heblichſten und am wenigſten erkannten Maͤngel der brittiſchen Manier iſt immer noch eine gewiſſe Einſchraͤnkung, die ihr eigen bleibt. Sie iſt bisher nur am meiſten auf B 3

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/hirschfeld_gartenkunst4_1782
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/hirschfeld_gartenkunst4_1782/17
Zitationshilfe: Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 4. Leipzig, 1782, S. 13. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hirschfeld_gartenkunst4_1782/17>, abgerufen am 19.04.2024.