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Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 1. Königsberg, 1824.

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bey mit der Genauigkeit eines tüchtigen Physikers zu
Werke geht, wird finden, dass die vermeinten Nebenum-
stände die Hauptsache sind, und dass von dem soge-
nannten Gedächtniss nichts als der leere Name übrig
bleibt.

Jede andere Seelenkraft würde auf gleiche Weise
zum Beispiel dienen können. Ueberall werden die ober-
sten Gattungsbegriffe mit der grössten Dreistigkeit hinge-
stellt; allein überall fehlt die Achtsamkeit auf das Spe-
cielle, und die genaue Beschreibung des Einzelnen; und
doch ist es eben dies, worauf in einer empiri-
schen
Wissenschaft Alles ankommt
! Oder hat
schon Jemand vollständig nachgewiesen, wie sich die Ein-
bildungskraft verschiedentlich in Dichtern, in Gelehrten,
in Denkern, in Staatsmännern, in Feldherren, äussere?
Was den Verstand der Frauen, der Künstler und der
Logiker unterscheide? Welche Abstufungen die Ver-
nunft in ihrer Entwickelung zeige, bey Kindern und Er-
wachsenen, bey Wilden, Barbaren, Gebildeten, bey
Bauern, Handwerkern, und bey den höhern Ständen?
Doch die Erwähnung des Verstandes und der Vernunft,
zweyer Namen, die neuerlich so verschiedene Auslegun-
gen erhalten haben, dass kaum noch etwas Gemeinsames
übrig bleibt, -- erinnert mich, fortzugehen zu dem zwey-
ten Grunde, der uns in den psychologischen Abstractio-
nen vesthält, und uns immer mehr darin vertieft.

Nachdem einmal die Seelenvermögen da sind, sollen
sie auch gebraucht werden zur Erklärung dessen was in
uns vorgeht. Aber je weniger von den nähern Bestim-
mungen der Thatsachen in den Begriffen jener Vermö-
gen enthalten ist: desto schlechter gelingt die Erklärung.
Es fehlen die Mittelglieder zur Verknüpfung. Es entste-
hen unbeantwortliche Fragen über das Causalverhält-
niss der Seelenvermögen unter einander
, wo-
durch sie beym Zusammenwirken eins in das andere ein-
greifen, und sich gegenseitig zur Wirksamkeit auffordern,
oder veranlassen, oder nöthigen. Jede solche Frage, in-

bey mit der Genauigkeit eines tüchtigen Physikers zu
Werke geht, wird finden, daſs die vermeinten Nebenum-
stände die Hauptsache sind, und daſs von dem soge-
nannten Gedächtniſs nichts als der leere Name übrig
bleibt.

Jede andere Seelenkraft würde auf gleiche Weise
zum Beispiel dienen können. Ueberall werden die ober-
sten Gattungsbegriffe mit der gröſsten Dreistigkeit hinge-
stellt; allein überall fehlt die Achtsamkeit auf das Spe-
cielle, und die genaue Beschreibung des Einzelnen; und
doch ist es eben dies, worauf in einer empiri-
schen
Wissenschaft Alles ankommt
! Oder hat
schon Jemand vollständig nachgewiesen, wie sich die Ein-
bildungskraft verschiedentlich in Dichtern, in Gelehrten,
in Denkern, in Staatsmännern, in Feldherren, äuſsere?
Was den Verstand der Frauen, der Künstler und der
Logiker unterscheide? Welche Abstufungen die Ver-
nunft in ihrer Entwickelung zeige, bey Kindern und Er-
wachsenen, bey Wilden, Barbaren, Gebildeten, bey
Bauern, Handwerkern, und bey den höhern Ständen?
Doch die Erwähnung des Verstandes und der Vernunft,
zweyer Namen, die neuerlich so verschiedene Auslegun-
gen erhalten haben, daſs kaum noch etwas Gemeinsames
übrig bleibt, — erinnert mich, fortzugehen zu dem zwey-
ten Grunde, der uns in den psychologischen Abstractio-
nen vesthält, und uns immer mehr darin vertieft.

Nachdem einmal die Seelenvermögen da sind, sollen
sie auch gebraucht werden zur Erklärung dessen was in
uns vorgeht. Aber je weniger von den nähern Bestim-
mungen der Thatsachen in den Begriffen jener Vermö-
gen enthalten ist: desto schlechter gelingt die Erklärung.
Es fehlen die Mittelglieder zur Verknüpfung. Es entste-
hen unbeantwortliche Fragen über das Causalverhält-
niſs der Seelenvermögen unter einander
, wo-
durch sie beym Zusammenwirken eins in das andere ein-
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[22/0042] bey mit der Genauigkeit eines tüchtigen Physikers zu Werke geht, wird finden, daſs die vermeinten Nebenum- stände die Hauptsache sind, und daſs von dem soge- nannten Gedächtniſs nichts als der leere Name übrig bleibt. Jede andere Seelenkraft würde auf gleiche Weise zum Beispiel dienen können. Ueberall werden die ober- sten Gattungsbegriffe mit der gröſsten Dreistigkeit hinge- stellt; allein überall fehlt die Achtsamkeit auf das Spe- cielle, und die genaue Beschreibung des Einzelnen; und doch ist es eben dies, worauf in einer empiri- schen Wissenschaft Alles ankommt! Oder hat schon Jemand vollständig nachgewiesen, wie sich die Ein- bildungskraft verschiedentlich in Dichtern, in Gelehrten, in Denkern, in Staatsmännern, in Feldherren, äuſsere? Was den Verstand der Frauen, der Künstler und der Logiker unterscheide? Welche Abstufungen die Ver- nunft in ihrer Entwickelung zeige, bey Kindern und Er- wachsenen, bey Wilden, Barbaren, Gebildeten, bey Bauern, Handwerkern, und bey den höhern Ständen? Doch die Erwähnung des Verstandes und der Vernunft, zweyer Namen, die neuerlich so verschiedene Auslegun- gen erhalten haben, daſs kaum noch etwas Gemeinsames übrig bleibt, — erinnert mich, fortzugehen zu dem zwey- ten Grunde, der uns in den psychologischen Abstractio- nen vesthält, und uns immer mehr darin vertieft. Nachdem einmal die Seelenvermögen da sind, sollen sie auch gebraucht werden zur Erklärung dessen was in uns vorgeht. Aber je weniger von den nähern Bestim- mungen der Thatsachen in den Begriffen jener Vermö- gen enthalten ist: desto schlechter gelingt die Erklärung. Es fehlen die Mittelglieder zur Verknüpfung. Es entste- hen unbeantwortliche Fragen über das Causalverhält- niſs der Seelenvermögen unter einander, wo- durch sie beym Zusammenwirken eins in das andere ein- greifen, und sich gegenseitig zur Wirksamkeit auffordern, oder veranlassen, oder nöthigen. Jede solche Frage, in-

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Zitationshilfe: Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 1. Königsberg, 1824, S. 22. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie01_1824/42>, abgerufen am 17.04.2024.