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Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 1. Königsberg, 1824.

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ken; in unsern eigenen Zuständen liegt das Glück und
das Uebel, welches wir empfinden, und dessen Vorstel-
lung wir auf Andere übertragen; nach dem Standpuncte,
auf welchem der Mensch steht, richtet sich sein Begriff
von Gott und vom Teufel, so wie von der Erde aus
und mit irdischen Werkzeugen wir in das Licht der
Sonnen und in die Nebel der Kometen hineinblicken.
Können wir nun das, was wir in unser Wissen und
Meinen selbst hineintrugen, wieder abrechnen? Und
bleibt alsdann noch ein wahrhaft objectives Wissen übrig?
Oder ist die Abrechnung unmöglich, und ist die ganze
Welt, die ganze Natur, bloss für uns und in uns? Oder
sind wir selbst dergestalt in der Welt, dass in der Selbst-
anschauung der Welt auch die Geister der Menschen,
wie Theile im Ganzen, enthalten sind? -- Solche Fra-
gen ohne alle Psychologie zu beantworten, wird wohl
Niemand versuchen. Dadurch aber, dass man in die Leh-
ren vom Ich oder von der Weltseele die gemeinen Vor-
stellungsarten der empirischen Psychologie einwickelt,
ohne sie zu verbessern, kommt die Wissenschaft nicht
von der Stelle. Und gleichwohl, wo wäre die Wissen-
schaftslehre oder die Naturphilosophie, die nicht auf der
Einbildungskraft, der Urtheilskraft, der Ver-
nunft
, dem Verstande, dem freyen Willen, als
auf eben so vielen unentbehrlichen Krücken sich gelehnt
hätte und einhergegangen wäre? die nicht, obgleich un-
dankbar, dennoch Dienste von der empirischen Psycho-
logie angenommen, und dadurch ein mittelbares Bekennt-
niss von der Wichtigkeit unseres Gegenstandes abgelegt
hätte?

Möchten ferner die Leser, die sich entschlossen ha-
ben, mir ernstlich und beharrlich auf meiner Bahn zu
folgen, in der Ueberlegung dessen, wornach sie zuerst
zu fragen haben, mir zuvorkommen! Dieses aber sind
die Principien, die ich zum Grunde, und die Metho-
den
, deren ich mich bedienen werde. Wobey sogleich
zu bemerken, dass hier lediglich von Principien der Er-

ken; in unsern eigenen Zuständen liegt das Glück und
das Uebel, welches wir empfinden, und dessen Vorstel-
lung wir auf Andere übertragen; nach dem Standpuncte,
auf welchem der Mensch steht, richtet sich sein Begriff
von Gott und vom Teufel, so wie von der Erde aus
und mit irdischen Werkzeugen wir in das Licht der
Sonnen und in die Nebel der Kometen hineinblicken.
Können wir nun das, was wir in unser Wissen und
Meinen selbst hineintrugen, wieder abrechnen? Und
bleibt alsdann noch ein wahrhaft objectives Wissen übrig?
Oder ist die Abrechnung unmöglich, und ist die ganze
Welt, die ganze Natur, bloſs für uns und in uns? Oder
sind wir selbst dergestalt in der Welt, daſs in der Selbst-
anschauung der Welt auch die Geister der Menschen,
wie Theile im Ganzen, enthalten sind? — Solche Fra-
gen ohne alle Psychologie zu beantworten, wird wohl
Niemand versuchen. Dadurch aber, daſs man in die Leh-
ren vom Ich oder von der Weltseele die gemeinen Vor-
stellungsarten der empirischen Psychologie einwickelt,
ohne sie zu verbessern, kommt die Wissenschaft nicht
von der Stelle. Und gleichwohl, wo wäre die Wissen-
schaftslehre oder die Naturphilosophie, die nicht auf der
Einbildungskraft, der Urtheilskraft, der Ver-
nunft
, dem Verstande, dem freyen Willen, als
auf eben so vielen unentbehrlichen Krücken sich gelehnt
hätte und einhergegangen wäre? die nicht, obgleich un-
dankbar, dennoch Dienste von der empirischen Psycho-
logie angenommen, und dadurch ein mittelbares Bekennt-
niſs von der Wichtigkeit unseres Gegenstandes abgelegt
hätte?

Möchten ferner die Leser, die sich entschlossen ha-
ben, mir ernstlich und beharrlich auf meiner Bahn zu
folgen, in der Ueberlegung dessen, wornach sie zuerst
zu fragen haben, mir zuvorkommen! Dieses aber sind
die Principien, die ich zum Grunde, und die Metho-
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, deren ich mich bedienen werde. Wobey sogleich
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[4/0024] ken; in unsern eigenen Zuständen liegt das Glück und das Uebel, welches wir empfinden, und dessen Vorstel- lung wir auf Andere übertragen; nach dem Standpuncte, auf welchem der Mensch steht, richtet sich sein Begriff von Gott und vom Teufel, so wie von der Erde aus und mit irdischen Werkzeugen wir in das Licht der Sonnen und in die Nebel der Kometen hineinblicken. Können wir nun das, was wir in unser Wissen und Meinen selbst hineintrugen, wieder abrechnen? Und bleibt alsdann noch ein wahrhaft objectives Wissen übrig? Oder ist die Abrechnung unmöglich, und ist die ganze Welt, die ganze Natur, bloſs für uns und in uns? Oder sind wir selbst dergestalt in der Welt, daſs in der Selbst- anschauung der Welt auch die Geister der Menschen, wie Theile im Ganzen, enthalten sind? — Solche Fra- gen ohne alle Psychologie zu beantworten, wird wohl Niemand versuchen. Dadurch aber, daſs man in die Leh- ren vom Ich oder von der Weltseele die gemeinen Vor- stellungsarten der empirischen Psychologie einwickelt, ohne sie zu verbessern, kommt die Wissenschaft nicht von der Stelle. Und gleichwohl, wo wäre die Wissen- schaftslehre oder die Naturphilosophie, die nicht auf der Einbildungskraft, der Urtheilskraft, der Ver- nunft, dem Verstande, dem freyen Willen, als auf eben so vielen unentbehrlichen Krücken sich gelehnt hätte und einhergegangen wäre? die nicht, obgleich un- dankbar, dennoch Dienste von der empirischen Psycho- logie angenommen, und dadurch ein mittelbares Bekennt- niſs von der Wichtigkeit unseres Gegenstandes abgelegt hätte? Möchten ferner die Leser, die sich entschlossen ha- ben, mir ernstlich und beharrlich auf meiner Bahn zu folgen, in der Ueberlegung dessen, wornach sie zuerst zu fragen haben, mir zuvorkommen! Dieses aber sind die Principien, die ich zum Grunde, und die Metho- den, deren ich mich bedienen werde. Wobey sogleich zu bemerken, daſs hier lediglich von Principien der Er-

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Zitationshilfe: Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 1. Königsberg, 1824, S. 4. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie01_1824/24>, abgerufen am 23.04.2024.