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Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 1. Königsberg, 1824.

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Glauben finden: es sey in der theoretischen
Philosophie meine Hauptangelegenheit, die Er-
fahrung mit sich selbst zu versöhnen
.
Uebrigens kenne ich die Macht der Vorurtheile;
und wenn man aus dem hier vorliegenden Buche
eben so deutlich herauslieset, ich sey ein voll-
kommener Empirist, als aus jenem, ich sey Geg-
ner aller Erfahrung, so werde ich mich darüber
nicht mehr wundern, und nicht sehr betrüben.
Misdeutung ist für jede neue Lehre das alte
Schicksal; und jetzt, da ich diese Blätter aus
meinen Händen lasse, darf ich mich ruhig darin
ergeben. Bereit fühle ich mich zu dieser Re-
signation; allein indem ich mir alle Umstände
nochmals vergegenwärtige, glaube ich nicht, dass
sie nöthig ist. Deutlich gesprochen habe ich in
diesem Buche. Und die Philosophie der letzten
zwanzig Jahre ist ein Baum, den man im Grunde
längst an seinen Früchten erkannt hat. Diese
Philosophie ist keinesweges das Werk eines übeln
Willens, oder geistloser Köpfe; aber sie ist auch
eben so wenig das Werk ächter Speculation;
sondern das Kind eines Enthusiasmus, der es
unterliess, sich selbst die kritischen Zügel anzu-
legen. Kant besass den Geist der Kritik; aber
welcher Mensch hat je sein Werk vollendet? --
Unvollendet blieb das Werk der Kritik. Darum
konnte die Philosophie sich mit dem Wissen
des Zeitalters, wie es in andern Fächern fort-
wächst, nicht ins Gleichgewicht setzen. Verge-
bens sucht man Rath bey ältern Zeiten; sie wuss-
ten nicht mehr wie wir. Des-Cartes, Locke,
Leibniz, Spinoza
, selbst Platon und Ari-
stoteles
taugen bey uns nur zur Vorbereitung;
in noch frühere Zeiten müssten wir wissentlich
hineindichten, was die Documente nicht enthal-
ten. Unsre Mathematiker und Physiker verach-
ten die Philosophie der Zeit, und sie haben
nicht Unrecht. Die Kirche weiss, dass sie auf

Glauben finden: es sey in der theoretischen
Philosophie meine Hauptangelegenheit, die Er-
fahrung mit sich selbst zu versöhnen
.
Uebrigens kenne ich die Macht der Vorurtheile;
und wenn man aus dem hier vorliegenden Buche
eben so deutlich herauslieset, ich sey ein voll-
kommener Empirist, als aus jenem, ich sey Geg-
ner aller Erfahrung, so werde ich mich darüber
nicht mehr wundern, und nicht sehr betrüben.
Misdeutung ist für jede neue Lehre das alte
Schicksal; und jetzt, da ich diese Blätter aus
meinen Händen lasse, darf ich mich ruhig darin
ergeben. Bereit fühle ich mich zu dieser Re-
signation; allein indem ich mir alle Umstände
nochmals vergegenwärtige, glaube ich nicht, daſs
sie nöthig ist. Deutlich gesprochen habe ich in
diesem Buche. Und die Philosophie der letzten
zwanzig Jahre ist ein Baum, den man im Grunde
längst an seinen Früchten erkannt hat. Diese
Philosophie ist keinesweges das Werk eines übeln
Willens, oder geistloser Köpfe; aber sie ist auch
eben so wenig das Werk ächter Speculation;
sondern das Kind eines Enthusiasmus, der es
unterlieſs, sich selbst die kritischen Zügel anzu-
legen. Kant besaſs den Geist der Kritik; aber
welcher Mensch hat je sein Werk vollendet? —
Unvollendet blieb das Werk der Kritik. Darum
konnte die Philosophie sich mit dem Wissen
des Zeitalters, wie es in andern Fächern fort-
wächst, nicht ins Gleichgewicht setzen. Verge-
bens sucht man Rath bey ältern Zeiten; sie wuſs-
ten nicht mehr wie wir. Des-Cartes, Locke,
Leibniz, Spinoza
, selbst Platon und Ari-
stoteles
taugen bey uns nur zur Vorbereitung;
in noch frühere Zeiten müſsten wir wissentlich
hineindichten, was die Documente nicht enthal-
ten. Unsre Mathematiker und Physiker verach-
ten die Philosophie der Zeit, und sie haben
nicht Unrecht. Die Kirche weiſs, daſs sie auf

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[XI/0017] Glauben finden: es sey in der theoretischen Philosophie meine Hauptangelegenheit, die Er- fahrung mit sich selbst zu versöhnen. Uebrigens kenne ich die Macht der Vorurtheile; und wenn man aus dem hier vorliegenden Buche eben so deutlich herauslieset, ich sey ein voll- kommener Empirist, als aus jenem, ich sey Geg- ner aller Erfahrung, so werde ich mich darüber nicht mehr wundern, und nicht sehr betrüben. Misdeutung ist für jede neue Lehre das alte Schicksal; und jetzt, da ich diese Blätter aus meinen Händen lasse, darf ich mich ruhig darin ergeben. Bereit fühle ich mich zu dieser Re- signation; allein indem ich mir alle Umstände nochmals vergegenwärtige, glaube ich nicht, daſs sie nöthig ist. Deutlich gesprochen habe ich in diesem Buche. Und die Philosophie der letzten zwanzig Jahre ist ein Baum, den man im Grunde längst an seinen Früchten erkannt hat. Diese Philosophie ist keinesweges das Werk eines übeln Willens, oder geistloser Köpfe; aber sie ist auch eben so wenig das Werk ächter Speculation; sondern das Kind eines Enthusiasmus, der es unterlieſs, sich selbst die kritischen Zügel anzu- legen. Kant besaſs den Geist der Kritik; aber welcher Mensch hat je sein Werk vollendet? — Unvollendet blieb das Werk der Kritik. Darum konnte die Philosophie sich mit dem Wissen des Zeitalters, wie es in andern Fächern fort- wächst, nicht ins Gleichgewicht setzen. Verge- bens sucht man Rath bey ältern Zeiten; sie wuſs- ten nicht mehr wie wir. Des-Cartes, Locke, Leibniz, Spinoza, selbst Platon und Ari- stoteles taugen bey uns nur zur Vorbereitung; in noch frühere Zeiten müſsten wir wissentlich hineindichten, was die Documente nicht enthal- ten. Unsre Mathematiker und Physiker verach- ten die Philosophie der Zeit, und sie haben nicht Unrecht. Die Kirche weiſs, daſs sie auf

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Zitationshilfe: Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 1. Königsberg, 1824, S. XI. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie01_1824/17>, abgerufen am 22.04.2024.