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Gundling, Nicolaus Hieronymus: Discovrs über Weyl. Herrn D. Io. Franc. Bvddei [...] Philosophiæ Practicæ Part. III. Die Politic. Frankfurt (Main) u. a., 1733.

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PROLEGOMENA.
mand etwas von solchen Leuten; sondern man sagt: Es sind avan-
turieurs.
Solche Leute hätten müssen zu Grunde gehen, wenn
nicht die Umstände von ohngefehr dazu kommen, nisi Deus ex
machina venisset.
Von uns Teutschen wird aber niemand was
kluges reden, wenn wir sagen: Die Türcken haben bis vor Wien
gestreifft, ja fast nach Regenspurg, und wir haben dieselben nicht
weg geschlagen; denn in Teutschland war grosse confusion, und
kamen die Pohlen noch per hazard zu Hülffe. Bayle in seinen
Pensees diverses sur la Comete saget: Teutschland sey wie ein
Schiff, welches kein gouvernement habe, und lieffe bisweilen in
einen Hafen ein. Die Teutschen verlassen sich beständig auf einen
hazard. Puffendorff saget in seiner Einleitung zur Historie gar
wohl, man müsse nicht dencken, daß allezeit werde ein Gustav
Adolph
vom Himmel fallen. Der Kayser Ferdinand wollte alle
Vorträge umschmeissen, da kam der Gustav Adolph aus Schwe-
den und halff denen Teutschen. Es kan aber dieser hazard biswei-
len aussen bleiben. Wie Franckreich Schweden nicht mehr konnte
helffen, der alte König starb und der Regent regierte so hat Schwe-
den gar bald darnieder gelegen, und es wird um eine Zeitlang zu
thun haben, ehe es sich wird wieder können hervor bringen. Dicis:
Es kommt doch vieles auf GOttes Vorsehung an. Respond.
Es ist wahr, und was andere hazard nennen, glaube ich, daß es
per providentiam divinam komme, denn hazard, fortun, sind
leere Wörter, wie Clerc in seiner arte critica gewiesen.

Was nun aber providentiam divinam betrifft, so ist zuWas Provi-
dentia divina?

mercken: daß GOtt nicht haben wolle, man soll die Hände im
Schooß legen. GOtt dirigiret freylich alles, er ist allwissend; er
hat seine Absichten, die wir nicht allezeit penetriren können; aber er
will doch auch nicht haben, ut homines dormiant; sondern sie
sollen ihre Vernunfft gebrauchen. GOtt ist auch nicht Urheber
vom Regiment, daß es imperium necessario seyn müsse, au con-
traire, Imperium
ein malum; aber minus malum als confu-
sio,
welche seyn würde, wenn wir kein imperium hätten. Besser
wäre es, daß wir das imperium nicht hätten, sed postquam affe-

ctus

PROLEGOMENA.
mand etwas von ſolchen Leuten; ſondern man ſagt: Es ſind avan-
turieurs.
Solche Leute haͤtten muͤſſen zu Grunde gehen, wenn
nicht die Umſtaͤnde von ohngefehr dazu kommen, niſi Deus ex
machina veniſſet.
Von uns Teutſchen wird aber niemand was
kluges reden, wenn wir ſagen: Die Tuͤrcken haben bis vor Wien
geſtreifft, ja faſt nach Regenſpurg, und wir haben dieſelben nicht
weg geſchlagen; denn in Teutſchland war groſſe confuſion, und
kamen die Pohlen noch per hazard zu Huͤlffe. Bayle in ſeinen
Penſeés diverſes ſur la Comete ſaget: Teutſchland ſey wie ein
Schiff, welches kein gouvernement habe, und lieffe bisweilen in
einen Hafen ein. Die Teutſchen verlaſſen ſich beſtaͤndig auf einen
hazard. Puffendorff ſaget in ſeiner Einleitung zur Hiſtorie gar
wohl, man muͤſſe nicht dencken, daß allezeit werde ein Guſtav
Adolph
vom Himmel fallen. Der Kayſer Ferdinand wollte alle
Vortraͤge umſchmeiſſen, da kam der Guſtav Adolph aus Schwe-
den und halff denen Teutſchen. Es kan aber dieſer hazard biswei-
len auſſen bleiben. Wie Franckreich Schweden nicht mehr konnte
helffen, der alte Koͤnig ſtarb und der Regent regierte ſo hat Schwe-
den gar bald darnieder gelegen, und es wird um eine Zeitlang zu
thun haben, ehe es ſich wird wieder koͤnnen hervor bringen. Dicis:
Es kommt doch vieles auf GOttes Vorſehung an. Reſpond.
Es iſt wahr, und was andere hazard nennen, glaube ich, daß es
per providentiam divinam komme, denn hazard, fortun, ſind
leere Woͤrter, wie Clerc in ſeiner arte critica gewieſen.

Was nun aber providentiam divinam betrifft, ſo iſt zuWas Provi-
dentia divina?

mercken: daß GOtt nicht haben wolle, man ſoll die Haͤnde im
Schooß legen. GOtt dirigiret freylich alles, er iſt allwiſſend; er
hat ſeine Abſichten, die wir nicht allezeit penetriren koͤnnen; aber er
will doch auch nicht haben, ut homines dormiant; ſondern ſie
ſollen ihre Vernunfft gebrauchen. GOtt iſt auch nicht Urheber
vom Regiment, daß es imperium neceſſario ſeyn muͤſſe, au con-
traire, Imperium
ein malum; aber minus malum als confu-
ſio,
welche ſeyn wuͤrde, wenn wir kein imperium haͤtten. Beſſer
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Zitationshilfe: Gundling, Nicolaus Hieronymus: Discovrs über Weyl. Herrn D. Io. Franc. Bvddei [...] Philosophiæ Practicæ Part. III. Die Politic. Frankfurt (Main) u. a., 1733, S. 7. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gundling_discours_1733/27>, abgerufen am 02.03.2024.