Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder- und Haus-Märchen. 2. Aufl. Bd. 2. Berlin, 1819."nun, seyd ihr zufrieden?" und ritt den Berg hinauf. Oben aber vor dem Schloß, das war verschlossen, da schlug er mit dem Stock vor die Thür, gleich sprang sie auf, und er ging hinein und die Treppe hinauf oben in den Saal, da saß die Jungfrau und hatte einen goldenen Kelch mit Wein vor sich stehen; sie konnt' ihn aber nicht sehen, weil er den Mantel um hatte. Und als er vor sie kam, zog er den Ring vom Finger, den sie ihm gegeben hatte und warf ihn in den Kelch, daß es klang. Da rief sie: "das ist mein Ring, so muß auch der Mann da seyn, der mich erlöst!" Sie suchten im ganzen Schloß, und fanden ihn nicht, er aber war hinaus gegangen, hatte sich auf's Pferd gesetzt und den Mantel abgeworfen. Wie sie nun vor das Thor kamen, sahen sie ihn, und schrien vor Freude; und er stieg ab und nahm die Königstochter in den Arm, da küßte sie ihn und sagte: "jetzt hast du mich erlöst." Darauf hielten sie Hochzeit und lebten vergnügt mit einander. 94.
Die kluge Bauerntochter. Es war einmal ein armer Bauer, der hatte kein Land, nur ein kleines Häuschen und eine alleinige Tochter, da sprach die Tochter: "wir sollten den Herrn König um ein Stückchen Rottland bitten." Da der König ihre Armuth hörte, schenkte er ihnen auch ein Eckchen Rasen, den hackte sie und ihr Vater um, und wollten ein wenig Korn und der Art Frucht darauf säen; und „nun, seyd ihr zufrieden?“ und ritt den Berg hinauf. Oben aber vor dem Schloß, das war verschlossen, da schlug er mit dem Stock vor die Thuͤr, gleich sprang sie auf, und er ging hinein und die Treppe hinauf oben in den Saal, da saß die Jungfrau und hatte einen goldenen Kelch mit Wein vor sich stehen; sie konnt’ ihn aber nicht sehen, weil er den Mantel um hatte. Und als er vor sie kam, zog er den Ring vom Finger, den sie ihm gegeben hatte und warf ihn in den Kelch, daß es klang. Da rief sie: „das ist mein Ring, so muß auch der Mann da seyn, der mich erloͤst!“ Sie suchten im ganzen Schloß, und fanden ihn nicht, er aber war hinaus gegangen, hatte sich auf’s Pferd gesetzt und den Mantel abgeworfen. Wie sie nun vor das Thor kamen, sahen sie ihn, und schrien vor Freude; und er stieg ab und nahm die Koͤnigstochter in den Arm, da kuͤßte sie ihn und sagte: „jetzt hast du mich erloͤst.“ Darauf hielten sie Hochzeit und lebten vergnuͤgt mit einander. 94.
Die kluge Bauerntochter. Es war einmal ein armer Bauer, der hatte kein Land, nur ein kleines Haͤuschen und eine alleinige Tochter, da sprach die Tochter: „wir sollten den Herrn Koͤnig um ein Stuͤckchen Rottland bitten.“ Da der Koͤnig ihre Armuth hoͤrte, schenkte er ihnen auch ein Eckchen Rasen, den hackte sie und ihr Vater um, und wollten ein wenig Korn und der Art Frucht darauf saͤen; und <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0131" n="53"/> „nun, seyd ihr zufrieden?“ und ritt den Berg hinauf. Oben aber vor dem Schloß, das war verschlossen, da schlug er mit dem Stock vor die Thuͤr, gleich sprang sie auf, und er ging hinein und die Treppe hinauf oben in den Saal, da saß die Jungfrau und hatte einen goldenen Kelch mit Wein vor sich stehen; sie konnt’ ihn aber nicht sehen, weil er den Mantel um hatte. Und als er vor sie kam, zog er den Ring vom Finger, den sie ihm gegeben hatte und warf ihn in den Kelch, daß es klang. Da rief sie: „das ist mein Ring, so muß auch der Mann da seyn, der mich erloͤst!“ Sie suchten im ganzen Schloß, und fanden ihn nicht, er aber war hinaus gegangen, hatte sich auf’s Pferd gesetzt und den Mantel abgeworfen. Wie sie nun vor das Thor kamen, sahen sie ihn, und schrien vor Freude; und er stieg ab und nahm die Koͤnigstochter in den Arm, da kuͤßte sie ihn und sagte: „jetzt hast du mich erloͤst.“ Darauf hielten sie Hochzeit und lebten vergnuͤgt mit einander.</p> </div><lb/> <div n="1"> <head> <hi rendition="#b">94.<lb/> Die kluge Bauerntochter.</hi> </head><lb/> <p>Es war einmal ein armer Bauer, der hatte kein Land, nur ein kleines Haͤuschen und eine alleinige Tochter, da sprach die Tochter: „wir sollten den Herrn Koͤnig um ein Stuͤckchen Rottland bitten.“ Da der Koͤnig ihre Armuth hoͤrte, schenkte er ihnen auch ein Eckchen Rasen, den hackte sie und ihr Vater um, und wollten ein wenig Korn und der Art Frucht darauf saͤen; und </p> </div> </body> </text> </TEI> [53/0131]
„nun, seyd ihr zufrieden?“ und ritt den Berg hinauf. Oben aber vor dem Schloß, das war verschlossen, da schlug er mit dem Stock vor die Thuͤr, gleich sprang sie auf, und er ging hinein und die Treppe hinauf oben in den Saal, da saß die Jungfrau und hatte einen goldenen Kelch mit Wein vor sich stehen; sie konnt’ ihn aber nicht sehen, weil er den Mantel um hatte. Und als er vor sie kam, zog er den Ring vom Finger, den sie ihm gegeben hatte und warf ihn in den Kelch, daß es klang. Da rief sie: „das ist mein Ring, so muß auch der Mann da seyn, der mich erloͤst!“ Sie suchten im ganzen Schloß, und fanden ihn nicht, er aber war hinaus gegangen, hatte sich auf’s Pferd gesetzt und den Mantel abgeworfen. Wie sie nun vor das Thor kamen, sahen sie ihn, und schrien vor Freude; und er stieg ab und nahm die Koͤnigstochter in den Arm, da kuͤßte sie ihn und sagte: „jetzt hast du mich erloͤst.“ Darauf hielten sie Hochzeit und lebten vergnuͤgt mit einander.
94.
Die kluge Bauerntochter.
Es war einmal ein armer Bauer, der hatte kein Land, nur ein kleines Haͤuschen und eine alleinige Tochter, da sprach die Tochter: „wir sollten den Herrn Koͤnig um ein Stuͤckchen Rottland bitten.“ Da der Koͤnig ihre Armuth hoͤrte, schenkte er ihnen auch ein Eckchen Rasen, den hackte sie und ihr Vater um, und wollten ein wenig Korn und der Art Frucht darauf saͤen; und
Suche im WerkInformationen zum Werk
Download dieses Werks
XML (TEI P5) ·
HTML ·
Text Metadaten zum WerkTEI-Header · CMDI · Dublin Core Ansichten dieser Seite
Voyant Tools ?Language Resource Switchboard?FeedbackSie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden. Kommentar zur DTA-AusgabeDieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen … Wikisource: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in Wikisource-Syntax.
(2015-05-11T18:40:00Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus Wikisource entsprechen muss.
Bayerische Staatsbibliothek: Bereitstellung der Bilddigitalisate
(2015-05-11T18:40:00Z)
Sandra Balck, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2015-06-15T16:12:00Z)
Weitere Informationen:Anmerkungen zur Transkription:
Zusätzlich zu dieser historischen Ausgabe gibt es in der 2004 von Prof. Hans-Jörg Uther herausgegebenen und im Olms-Verlag erschienenen Ausgabe (ISBN 978-3-487-12546-6) in Bd. 2, S. 305–308 ein Wörterverzeichnis mit Begriffserläuterungen.
|
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden. Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des § 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2024 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.
Kontakt: redaktion(at)deutschestextarchiv.de. |