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Die Grenzboten. Jg. 7, 1848, I. Semester. II. Band.

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dem Verstand nicht Genüge. Der Redner läßt seine eigenen Einwürfe auf die
oberflächlichste Art widerlegen, um nur einen guten Schluß zu haben. Der Landtag
spricht sein volles Vertrauen aus, er cassirt seine Wahlen mit noch größerer Leich¬
tigkeit als er sie vollzogen hat; aber in dieser Einigkeit ist eben so viel Ermüdung
als Enthusiasmus. Ein solches Vertrauens-Votum hat nicht viel zu bedeuten.

Gegen das Wahlgesetz an sich ist nichts einzuwenden; es ist im Wesentlichen
das alte, auf die preußische Constituante berechnet. Aber man fällt aus den
Wolken, wenn man den 10. Mai als den Wahltermin angesetzt findet! Ist es
möglich, nach einem solchen Act der Unterwerfung noch Clauseln! Wenn die
preußischen Abgeordneten -- etwa den 15. Mai in Frankfurt erscheinen, ist viel-
leicht das Neue Deutschland in der Hauptsache bereits fertig, und Preußen hat
dann als fremdes Glied um Aufnahme zu bitten.

Es sind noch die Reste des alten bureaukratischen Schlendrians, es ist noch
die alte Passivität, die einen solchen Aufschub veranlaßte. Wir beherzigen sehr
wohl die Worte des Freiherrn v. Vincke: wer soll die jetzigen Minister ersetzen,
wenn sie durch die Unzufriedenheit der Nation gestürzt werden. Aber eine Thor¬
heit nach der andern ist doch zu viel! In unsern Tagen sind 14 Tage Aufschub
ein. Jahrhundert!

Man wende nicht die Kürze der Zeit ein! In einem Tage konnte das
Wahlmandat gedruckt, in drei Tagen in alle Theile der Monarchie verbreitet sein;
in wieder drei Tagen konnten die Urwähler an allen Orten gleichzeitig beendigt,
in zusammen neun Tagen die ganze Wahl geschlossen sein. Natürlich nicht ans
dem Wege der legitimen preußischen Aktenschmiererei.

Es läßt sich erwarten, daß in zwei bis drei Tagen von Seiten des Bundes¬
tags ein Befehl an Preußen ergeht, rascher fertig zu sein. Die Herren Minister
werden sich mit Grazie und Heiterkeit diesem Befehle fügen; sie werden thun, als
wäre nichts geschehen; und sagen: ein kleines Mißverständniß!

Eine solche Mischung von Vorschnelligkeit und Unentschlossenheit im Augen¬
blicke, wo nur der Entschiedene sich halten kann, ist mir noch nicht vorgekommen.
Alle Gutgesinnten werden einig sein, das Ministerium zu unterstützen, denn es
ist kein anderes möglich, aber mit welchen Vertrauen!

Die Minister hätten viel gut gemacht, wenn sie bei der Rücknahme ihrer
Landesrechte wenigstens offen ihren politischen Mißgriff eingestanden, wenn sie
offen erklärt hätten, entweder, sich der neuen Idee zu fügen, oder, zurückzutreten,
und die Geschäfte uur provisorisch zu führen, bis sie der in 14 Tagen zu be¬
rufenden Nationalversammlung die Verantwortlichkeit übertragen konnten. Daß sie
diesen innern Bruch ihrer politischen Ueberzeugung nicht gefühlt und offen aner¬
kannt haben, spricht von einem Mangel an sittlicher Energie, der uns fürchten läßt,
jene politischen Mißgriffe werden nicht die letzten sein.




dem Verstand nicht Genüge. Der Redner läßt seine eigenen Einwürfe auf die
oberflächlichste Art widerlegen, um nur einen guten Schluß zu haben. Der Landtag
spricht sein volles Vertrauen aus, er cassirt seine Wahlen mit noch größerer Leich¬
tigkeit als er sie vollzogen hat; aber in dieser Einigkeit ist eben so viel Ermüdung
als Enthusiasmus. Ein solches Vertrauens-Votum hat nicht viel zu bedeuten.

Gegen das Wahlgesetz an sich ist nichts einzuwenden; es ist im Wesentlichen
das alte, auf die preußische Constituante berechnet. Aber man fällt aus den
Wolken, wenn man den 10. Mai als den Wahltermin angesetzt findet! Ist es
möglich, nach einem solchen Act der Unterwerfung noch Clauseln! Wenn die
preußischen Abgeordneten — etwa den 15. Mai in Frankfurt erscheinen, ist viel-
leicht das Neue Deutschland in der Hauptsache bereits fertig, und Preußen hat
dann als fremdes Glied um Aufnahme zu bitten.

Es sind noch die Reste des alten bureaukratischen Schlendrians, es ist noch
die alte Passivität, die einen solchen Aufschub veranlaßte. Wir beherzigen sehr
wohl die Worte des Freiherrn v. Vincke: wer soll die jetzigen Minister ersetzen,
wenn sie durch die Unzufriedenheit der Nation gestürzt werden. Aber eine Thor¬
heit nach der andern ist doch zu viel! In unsern Tagen sind 14 Tage Aufschub
ein. Jahrhundert!

Man wende nicht die Kürze der Zeit ein! In einem Tage konnte das
Wahlmandat gedruckt, in drei Tagen in alle Theile der Monarchie verbreitet sein;
in wieder drei Tagen konnten die Urwähler an allen Orten gleichzeitig beendigt,
in zusammen neun Tagen die ganze Wahl geschlossen sein. Natürlich nicht ans
dem Wege der legitimen preußischen Aktenschmiererei.

Es läßt sich erwarten, daß in zwei bis drei Tagen von Seiten des Bundes¬
tags ein Befehl an Preußen ergeht, rascher fertig zu sein. Die Herren Minister
werden sich mit Grazie und Heiterkeit diesem Befehle fügen; sie werden thun, als
wäre nichts geschehen; und sagen: ein kleines Mißverständniß!

Eine solche Mischung von Vorschnelligkeit und Unentschlossenheit im Augen¬
blicke, wo nur der Entschiedene sich halten kann, ist mir noch nicht vorgekommen.
Alle Gutgesinnten werden einig sein, das Ministerium zu unterstützen, denn es
ist kein anderes möglich, aber mit welchen Vertrauen!

Die Minister hätten viel gut gemacht, wenn sie bei der Rücknahme ihrer
Landesrechte wenigstens offen ihren politischen Mißgriff eingestanden, wenn sie
offen erklärt hätten, entweder, sich der neuen Idee zu fügen, oder, zurückzutreten,
und die Geschäfte uur provisorisch zu führen, bis sie der in 14 Tagen zu be¬
rufenden Nationalversammlung die Verantwortlichkeit übertragen konnten. Daß sie
diesen innern Bruch ihrer politischen Ueberzeugung nicht gefühlt und offen aner¬
kannt haben, spricht von einem Mangel an sittlicher Energie, der uns fürchten läßt,
jene politischen Mißgriffe werden nicht die letzten sein.




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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 7, 1848, I. Semester. II. Band, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341561_276205/78>, abgerufen am 01.07.2024.