und Götheschen Ideenkreise angehört. Die Bollendung der Form P noch bewundernswerther im Tasso, worin der Dichter ganz die innere Handlung walten läßt. In diesem Gedicht hat Göthe den Zwiespalt Zwischen Dichter und Weltmann, ein inneres, aber von ihm überwun¬ denes, Erlebniß niedergelegt. Egmont ist, ähnlich dem Schillerschen Don Carlos, ein Uebergangswerk, bald an Götz, bald all Tasso an¬ klingend. Seine ganze Natur sprach Göche im Faust aus, dem Haupt¬ werke, welches sich durch sein ganzes Leben schlingt. Faust ist zuerst Repräsentant der ,/dunklen Sturm- und Drangperiode", aus Göthes Jugend. Aus dem Streit zwischen Sinnen und Leben, trachtet der Held nach voller, einiger Bethätigung seines Wesens, nach gleichmäßiger Aus¬ übung seiner sinnlichen und geistigen Kräfte. Faust erweitert sein Selbst Zu dem der Menschheit, Schmerz und Lust der Menschenwelt haust er auf seine. Brust; ohne-Unterlaß strebend, erklärt er das Beharren-im einzel¬ nen Genuß sür seinen Untergang. Aber er entgeht doch nicht der Macht der Theilung, welche die Weltgeschichte beherrscht hat; dem abstrakten Wissen sich entwindend, geraes er in Sensualismus, in den Wechsel der Empfindung. Die Versöhnung des Zwiespalts, die, nach Gervinus An¬ sicht, aus dem Handeln entspringt, aus der Thätigkeit im Ganzen, wird von ihm nicht erfahren. "An dieser Stelle stand Göthe sest, wo er sei¬ nen Helden feststehen ließ; er hatte keinen Sinn sür das handelnde Le¬ ben und die Willenskräfte des Menschen; und Schiller, der diesen Sinn in hohem Grade besaß, mußte ihm erst den Begriff der normalen mensch¬ lichen Entwicklung angeben, zu dessen Erfassung Göthe, trotz allen Re- sten'oren über- die Epochen des Menschen, nie gelangte. Und der Dich¬ ter, der nichts ohne die angeschauter Vorbilder des Lebens dichten konnte und wollte, stand an dieser Stelle nothwendig still, weil das Vaterland hier selber still stand, das die Kluft zwischen dem. empfindenden, dem den¬ kenden Leben und dem activen noch heute nicht überschritten hat, und dem Anscheine nach noch lange davor stille liegen wird." Daß Faust den ganzen Lebensgang Göthes in sich begreift, unterliegt keinem Zweifel, daß er aber, wie Gervinus auszuführen sucht, in eben dem Maße den Geschichtögang der deutschen Nation bedeute, dagegen spricht schon dies, daß die Nation einen Schiller hervorbrachte, welcher die andere Richtung, den Willen und den Sinn für das Gemeinwesen, gleichfalls aus seiner Zeit und seinem Volke heraus, entfaltete. Dazu kommt, das der erste Faust den umgekehrten Gang gegen den allgemeinen der Nation nimmt; er giebt das Forschen und Wissen daran, um die Woge des Lebens zu
und Götheschen Ideenkreise angehört. Die Bollendung der Form P noch bewundernswerther im Tasso, worin der Dichter ganz die innere Handlung walten läßt. In diesem Gedicht hat Göthe den Zwiespalt Zwischen Dichter und Weltmann, ein inneres, aber von ihm überwun¬ denes, Erlebniß niedergelegt. Egmont ist, ähnlich dem Schillerschen Don Carlos, ein Uebergangswerk, bald an Götz, bald all Tasso an¬ klingend. Seine ganze Natur sprach Göche im Faust aus, dem Haupt¬ werke, welches sich durch sein ganzes Leben schlingt. Faust ist zuerst Repräsentant der ,/dunklen Sturm- und Drangperiode", aus Göthes Jugend. Aus dem Streit zwischen Sinnen und Leben, trachtet der Held nach voller, einiger Bethätigung seines Wesens, nach gleichmäßiger Aus¬ übung seiner sinnlichen und geistigen Kräfte. Faust erweitert sein Selbst Zu dem der Menschheit, Schmerz und Lust der Menschenwelt haust er auf seine. Brust; ohne-Unterlaß strebend, erklärt er das Beharren-im einzel¬ nen Genuß sür seinen Untergang. Aber er entgeht doch nicht der Macht der Theilung, welche die Weltgeschichte beherrscht hat; dem abstrakten Wissen sich entwindend, geraes er in Sensualismus, in den Wechsel der Empfindung. Die Versöhnung des Zwiespalts, die, nach Gervinus An¬ sicht, aus dem Handeln entspringt, aus der Thätigkeit im Ganzen, wird von ihm nicht erfahren. „An dieser Stelle stand Göthe sest, wo er sei¬ nen Helden feststehen ließ; er hatte keinen Sinn sür das handelnde Le¬ ben und die Willenskräfte des Menschen; und Schiller, der diesen Sinn in hohem Grade besaß, mußte ihm erst den Begriff der normalen mensch¬ lichen Entwicklung angeben, zu dessen Erfassung Göthe, trotz allen Re- sten'oren über- die Epochen des Menschen, nie gelangte. Und der Dich¬ ter, der nichts ohne die angeschauter Vorbilder des Lebens dichten konnte und wollte, stand an dieser Stelle nothwendig still, weil das Vaterland hier selber still stand, das die Kluft zwischen dem. empfindenden, dem den¬ kenden Leben und dem activen noch heute nicht überschritten hat, und dem Anscheine nach noch lange davor stille liegen wird." Daß Faust den ganzen Lebensgang Göthes in sich begreift, unterliegt keinem Zweifel, daß er aber, wie Gervinus auszuführen sucht, in eben dem Maße den Geschichtögang der deutschen Nation bedeute, dagegen spricht schon dies, daß die Nation einen Schiller hervorbrachte, welcher die andere Richtung, den Willen und den Sinn für das Gemeinwesen, gleichfalls aus seiner Zeit und seinem Volke heraus, entfaltete. Dazu kommt, das der erste Faust den umgekehrten Gang gegen den allgemeinen der Nation nimmt; er giebt das Forschen und Wissen daran, um die Woge des Lebens zu
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und Götheschen Ideenkreise angehört. Die Bollendung der Form P
noch bewundernswerther im Tasso, worin der Dichter ganz die innere
Handlung walten läßt. In diesem Gedicht hat Göthe den Zwiespalt
Zwischen Dichter und Weltmann, ein inneres, aber von ihm überwun¬
denes, Erlebniß niedergelegt. Egmont ist, ähnlich dem Schillerschen
Don Carlos, ein Uebergangswerk, bald an Götz, bald all Tasso an¬
klingend. Seine ganze Natur sprach Göche im Faust aus, dem Haupt¬
werke, welches sich durch sein ganzes Leben schlingt. Faust ist zuerst
Repräsentant der ,/dunklen Sturm- und Drangperiode", aus Göthes
Jugend. Aus dem Streit zwischen Sinnen und Leben, trachtet der Held
nach voller, einiger Bethätigung seines Wesens, nach gleichmäßiger Aus¬
übung seiner sinnlichen und geistigen Kräfte. Faust erweitert sein Selbst
Zu dem der Menschheit, Schmerz und Lust der Menschenwelt haust er auf
seine. Brust; ohne-Unterlaß strebend, erklärt er das Beharren-im einzel¬
nen Genuß sür seinen Untergang. Aber er entgeht doch nicht der Macht
der Theilung, welche die Weltgeschichte beherrscht hat; dem abstrakten
Wissen sich entwindend, geraes er in Sensualismus, in den Wechsel der
Empfindung. Die Versöhnung des Zwiespalts, die, nach Gervinus An¬
sicht, aus dem Handeln entspringt, aus der Thätigkeit im Ganzen, wird
von ihm nicht erfahren. „An dieser Stelle stand Göthe sest, wo er sei¬
nen Helden feststehen ließ; er hatte keinen Sinn sür das handelnde Le¬
ben und die Willenskräfte des Menschen; und Schiller, der diesen Sinn
in hohem Grade besaß, mußte ihm erst den Begriff der normalen mensch¬
lichen Entwicklung angeben, zu dessen Erfassung Göthe, trotz allen Re-
sten'oren über- die Epochen des Menschen, nie gelangte. Und der Dich¬
ter, der nichts ohne die angeschauter Vorbilder des Lebens dichten konnte
und wollte, stand an dieser Stelle nothwendig still, weil das Vaterland
hier selber still stand, das die Kluft zwischen dem. empfindenden, dem den¬
kenden Leben und dem activen noch heute nicht überschritten hat, und dem
Anscheine nach noch lange davor stille liegen wird." Daß Faust den
ganzen Lebensgang Göthes in sich begreift, unterliegt keinem Zweifel,
daß er aber, wie Gervinus auszuführen sucht, in eben dem Maße den
Geschichtögang der deutschen Nation bedeute, dagegen spricht schon dies,
daß die Nation einen Schiller hervorbrachte, welcher die andere Richtung,
den Willen und den Sinn für das Gemeinwesen, gleichfalls aus seiner
Zeit und seinem Volke heraus, entfaltete. Dazu kommt, das der erste
Faust den umgekehrten Gang gegen den allgemeinen der Nation nimmt;
er giebt das Forschen und Wissen daran, um die Woge des Lebens zu
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Die Grenzboten. Jg. 2, 1842, Erstes Semester, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_282160_267214/97>, abgerufen am 22.12.2024.
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