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Die Grenzboten. Erster Jahrgang. Leipzig, 1841.

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des Literaturstaates durch List und Drohung, durch Schmeichelei und Schrei¬
ten, an sich zu ziehen. Es war ein großes, monarchisches Talent, dieser
Gottsched; wären auf dem deutschen Kaiserthrone mehr Männer seines Glei¬
chen gesessen, so stünde es jetzt anders um Deutschlands Einheit. Wahrlich,
Frankreich sollte dankbarer gegen seinen Ludwig den Eilften sein, und Deutsch¬
land gerechter gegen seinen Gottsched. Das literarische Leipzig dankt letzte¬
rem einzig und allein seine Entstehung, er machte es zu einen: kleinen Paris
für unsere Literatur, d. h. zu einem Mittelpunkte und Centralplatze, ohne
welchen man sich die glorreiche Umwälzung unserer literarischen Verfassung
kaum denken kann.

Vergessen wir nicht, daß nicht nur die große Revolution unserer Lite¬
ratur im vorigen Jahrhundert, sondern daß auch die kleine, mißglückte Wie¬
derholung derselben, welche das junge Deutschland in den dreißiger Jahren
machte, gleichfalls zunächst von hier ausging. Die Zeitung für die elegante
Welt begann den Kampf, und riß das Straßenpflaster auf, die ästhetischen
Feldzüge, und die Gutzkow'schen Schwertstreiche folgten. Im Grunde ist es
unserem jungen Deutschland nicht schlimmer gegangen, als der Julirevolution
überhaupt. Die Dynastie Menzel wurde glücklich gestürzt, aber die angekündigte
Geistesfreiheit ist auf den alten Weg wieder zurückgekehrt. Die Ursache ist nicht
weit zu suchen. Es hat in Deutschland nie an feurigen, reformlustigen Talen¬
ten gefehlt, und nicht immer lag es an ihnen, wenn die Folge dem Anfange
nicht entsprach. In dem Gedränge der Leipziger Literaten trägt manches
Herz den Keim der Zukunft in sich verschlossen, und wenn es wahr ist, daß
man in Berlin mit einer Aenderung der Preßgesetze sich beschäftigt, und wenn
diese Aenderung früher oder später über ganz Deutschland sich erstreckt, dann
würde die Bedeutung Leipzigs erst ins volle Licht treten. Jetzt zerarbeitet
es sich in ohnmächtigen Versuchen. Auch hierin erinnert es in etwas an
Paris. Der Fremde, der die Pariser Straßen durchstreift, und die unge¬
heure Bewegung an allen Enden, die Zusammenrottungen aus den öffentli¬
chen Plätzen, die ernsten Gesichter der Börsenspeculanten, beobachtet, der legt
sich Abends mit dem Gedanken nieder: morgen geschieht ein entscheidender
Schlag, morgen blitzt es in dieser schwülen Luft. Aber das Morgen ver¬
fließt, wie das Heute. Und in Leipzig? Wer das Gedränge dieser Literatur¬
masse erschaut, die ernsten Gesichter der Buchhändler, die Discussionen an
allen Enden, der denkt sicher: morgen donnert es, morgen bricht eine ent¬
scheidende Literaturrevolution aus -- aber es sind lauter ruhige Bürger, und
vor der Hand ist nichts zu fürchten.



des Literaturstaates durch List und Drohung, durch Schmeichelei und Schrei¬
ten, an sich zu ziehen. Es war ein großes, monarchisches Talent, dieser
Gottsched; wären auf dem deutschen Kaiserthrone mehr Männer seines Glei¬
chen gesessen, so stünde es jetzt anders um Deutschlands Einheit. Wahrlich,
Frankreich sollte dankbarer gegen seinen Ludwig den Eilften sein, und Deutsch¬
land gerechter gegen seinen Gottsched. Das literarische Leipzig dankt letzte¬
rem einzig und allein seine Entstehung, er machte es zu einen: kleinen Paris
für unsere Literatur, d. h. zu einem Mittelpunkte und Centralplatze, ohne
welchen man sich die glorreiche Umwälzung unserer literarischen Verfassung
kaum denken kann.

Vergessen wir nicht, daß nicht nur die große Revolution unserer Lite¬
ratur im vorigen Jahrhundert, sondern daß auch die kleine, mißglückte Wie¬
derholung derselben, welche das junge Deutschland in den dreißiger Jahren
machte, gleichfalls zunächst von hier ausging. Die Zeitung für die elegante
Welt begann den Kampf, und riß das Straßenpflaster auf, die ästhetischen
Feldzüge, und die Gutzkow'schen Schwertstreiche folgten. Im Grunde ist es
unserem jungen Deutschland nicht schlimmer gegangen, als der Julirevolution
überhaupt. Die Dynastie Menzel wurde glücklich gestürzt, aber die angekündigte
Geistesfreiheit ist auf den alten Weg wieder zurückgekehrt. Die Ursache ist nicht
weit zu suchen. Es hat in Deutschland nie an feurigen, reformlustigen Talen¬
ten gefehlt, und nicht immer lag es an ihnen, wenn die Folge dem Anfange
nicht entsprach. In dem Gedränge der Leipziger Literaten trägt manches
Herz den Keim der Zukunft in sich verschlossen, und wenn es wahr ist, daß
man in Berlin mit einer Aenderung der Preßgesetze sich beschäftigt, und wenn
diese Aenderung früher oder später über ganz Deutschland sich erstreckt, dann
würde die Bedeutung Leipzigs erst ins volle Licht treten. Jetzt zerarbeitet
es sich in ohnmächtigen Versuchen. Auch hierin erinnert es in etwas an
Paris. Der Fremde, der die Pariser Straßen durchstreift, und die unge¬
heure Bewegung an allen Enden, die Zusammenrottungen aus den öffentli¬
chen Plätzen, die ernsten Gesichter der Börsenspeculanten, beobachtet, der legt
sich Abends mit dem Gedanken nieder: morgen geschieht ein entscheidender
Schlag, morgen blitzt es in dieser schwülen Luft. Aber das Morgen ver¬
fließt, wie das Heute. Und in Leipzig? Wer das Gedränge dieser Literatur¬
masse erschaut, die ernsten Gesichter der Buchhändler, die Discussionen an
allen Enden, der denkt sicher: morgen donnert es, morgen bricht eine ent¬
scheidende Literaturrevolution aus — aber es sind lauter ruhige Bürger, und
vor der Hand ist nichts zu fürchten.



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[29/0037] des Literaturstaates durch List und Drohung, durch Schmeichelei und Schrei¬ ten, an sich zu ziehen. Es war ein großes, monarchisches Talent, dieser Gottsched; wären auf dem deutschen Kaiserthrone mehr Männer seines Glei¬ chen gesessen, so stünde es jetzt anders um Deutschlands Einheit. Wahrlich, Frankreich sollte dankbarer gegen seinen Ludwig den Eilften sein, und Deutsch¬ land gerechter gegen seinen Gottsched. Das literarische Leipzig dankt letzte¬ rem einzig und allein seine Entstehung, er machte es zu einen: kleinen Paris für unsere Literatur, d. h. zu einem Mittelpunkte und Centralplatze, ohne welchen man sich die glorreiche Umwälzung unserer literarischen Verfassung kaum denken kann. Vergessen wir nicht, daß nicht nur die große Revolution unserer Lite¬ ratur im vorigen Jahrhundert, sondern daß auch die kleine, mißglückte Wie¬ derholung derselben, welche das junge Deutschland in den dreißiger Jahren machte, gleichfalls zunächst von hier ausging. Die Zeitung für die elegante Welt begann den Kampf, und riß das Straßenpflaster auf, die ästhetischen Feldzüge, und die Gutzkow'schen Schwertstreiche folgten. Im Grunde ist es unserem jungen Deutschland nicht schlimmer gegangen, als der Julirevolution überhaupt. Die Dynastie Menzel wurde glücklich gestürzt, aber die angekündigte Geistesfreiheit ist auf den alten Weg wieder zurückgekehrt. Die Ursache ist nicht weit zu suchen. Es hat in Deutschland nie an feurigen, reformlustigen Talen¬ ten gefehlt, und nicht immer lag es an ihnen, wenn die Folge dem Anfange nicht entsprach. In dem Gedränge der Leipziger Literaten trägt manches Herz den Keim der Zukunft in sich verschlossen, und wenn es wahr ist, daß man in Berlin mit einer Aenderung der Preßgesetze sich beschäftigt, und wenn diese Aenderung früher oder später über ganz Deutschland sich erstreckt, dann würde die Bedeutung Leipzigs erst ins volle Licht treten. Jetzt zerarbeitet es sich in ohnmächtigen Versuchen. Auch hierin erinnert es in etwas an Paris. Der Fremde, der die Pariser Straßen durchstreift, und die unge¬ heure Bewegung an allen Enden, die Zusammenrottungen aus den öffentli¬ chen Plätzen, die ernsten Gesichter der Börsenspeculanten, beobachtet, der legt sich Abends mit dem Gedanken nieder: morgen geschieht ein entscheidender Schlag, morgen blitzt es in dieser schwülen Luft. Aber das Morgen ver¬ fließt, wie das Heute. Und in Leipzig? Wer das Gedränge dieser Literatur¬ masse erschaut, die ernsten Gesichter der Buchhändler, die Discussionen an allen Enden, der denkt sicher: morgen donnert es, morgen bricht eine ent¬ scheidende Literaturrevolution aus — aber es sind lauter ruhige Bürger, und vor der Hand ist nichts zu fürchten.

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Erster Jahrgang. Leipzig, 1841, S. 29. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_179382_282158/37>, abgerufen am 16.04.2024.