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Die Grenzboten. Erster Jahrgang. Leipzig, 1841.

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sogar schon ein Besitz von Frankreich gewesen ist, in welchem nichts gespart
wurde, um seine nationale Selbstständigkeit in Sprache, Sitte und Gesetz zu
demoliren, diese Nationalität doch wieder auflebte? Diese Nationalität muß
also doch tiefer liegen, als man glaubt, diese Farben, die trotz aller Mühe,
die man seit Jahrhunderten sich gibt, sie zu übertünchen, immer wieder von
neuem hervorbrechen, müssen also doch stärker sein als die neu aufgetrage¬
nen; diese germanischen Elemente müssen also doch nicht so unbedeutend
und ohnmächtig sein!

Aber in Lüttich, im Hennegau, in den wallonischen Provinzen, wo nie
ein deutscher Laut erklang, wie ließe sich da ein germanisches Atom als
Ursache angeben?

Ja, wenn man germanisches Leben nur auf Sprache und einzelne Ge¬
wohnheiten bezieht, wenn man glaubt, Deutschland und Frankreich unter¬
scheiden sich nur darin, daß hier das Kind Vater ruft und dort Pere, daß
hier die Haare blond und dort schwarz sind! -- -- Aber die Race und
die Sprache ist es nicht allein, was die Völker trennt und verbindet; die
Geschichte ist die Hauptperson, welche den verbindenden Kitt mischt, oder das
trennende Schwert wetzt.

Was Frankreich von Deutschland scheidet, das ist seine Centralisation.
Die meisten glücklichen und unglücklichen Gänge der französischen und deut¬
schen Geschichte, des französischen und deutschen Geistes haben darin ihren
Hauptgrund, daß dort, in Frankreich, die theuersten Erinnerungen, Freihei¬
ten, Gesetze und Ueberlieferungen der einzelnen Länder und Gebiete dem
Ganzen weichen mußten; daß eine einzige Stadt monarchisch alle übrigen
beherrscht, während in Deutschland, selbst bei den kleineren Communen, die
heiße Anhänglichkeit für das alte Herkommen, für das von Geschlecht zu
Geschlecht überlieferte Gesetz, keiner Rücksicht und selbst keinem Vortheile wei¬
chen wollte*). Diese patriarchalische Treue für ihre provinzielle Gesit¬
tung, für ihre angeerbten Localrechte, war zu allen Zeiten ein germani¬
scher Charakterzug; er hat viel Unglück über Deutschland gebracht, aber

*) Um Ein Beispiel von Tausenden anzuführen, erinnern wir nur an die Verfas¬
sungskämpfe in Würtemberg 1816, wo die Opposition dem freisinnigen Könige,
der eine ausgedehnte, die bisherigen Laudesfreiheiten erhöhende Constitution geben
wollte, sich entgegenstellte und auf die Einsetzung des Altgebräuchlichen drang,
und wo Uhland, der deutscheste Sänger das Lied dichtete:
Wo je bei gutem, alten Wein
Der Würtemberger zecht,
Da soll der erste Trinkspruch sein
Das gute alte Recht.

sogar schon ein Besitz von Frankreich gewesen ist, in welchem nichts gespart
wurde, um seine nationale Selbstständigkeit in Sprache, Sitte und Gesetz zu
demoliren, diese Nationalität doch wieder auflebte? Diese Nationalität muß
also doch tiefer liegen, als man glaubt, diese Farben, die trotz aller Mühe,
die man seit Jahrhunderten sich gibt, sie zu übertünchen, immer wieder von
neuem hervorbrechen, müssen also doch stärker sein als die neu aufgetrage¬
nen; diese germanischen Elemente müssen also doch nicht so unbedeutend
und ohnmächtig sein!

Aber in Lüttich, im Hennegau, in den wallonischen Provinzen, wo nie
ein deutscher Laut erklang, wie ließe sich da ein germanisches Atom als
Ursache angeben?

Ja, wenn man germanisches Leben nur auf Sprache und einzelne Ge¬
wohnheiten bezieht, wenn man glaubt, Deutschland und Frankreich unter¬
scheiden sich nur darin, daß hier das Kind Vater ruft und dort Père, daß
hier die Haare blond und dort schwarz sind! — — Aber die Race und
die Sprache ist es nicht allein, was die Völker trennt und verbindet; die
Geschichte ist die Hauptperson, welche den verbindenden Kitt mischt, oder das
trennende Schwert wetzt.

Was Frankreich von Deutschland scheidet, das ist seine Centralisation.
Die meisten glücklichen und unglücklichen Gänge der französischen und deut¬
schen Geschichte, des französischen und deutschen Geistes haben darin ihren
Hauptgrund, daß dort, in Frankreich, die theuersten Erinnerungen, Freihei¬
ten, Gesetze und Ueberlieferungen der einzelnen Länder und Gebiete dem
Ganzen weichen mußten; daß eine einzige Stadt monarchisch alle übrigen
beherrscht, während in Deutschland, selbst bei den kleineren Communen, die
heiße Anhänglichkeit für das alte Herkommen, für das von Geschlecht zu
Geschlecht überlieferte Gesetz, keiner Rücksicht und selbst keinem Vortheile wei¬
chen wollte*). Diese patriarchalische Treue für ihre provinzielle Gesit¬
tung, für ihre angeerbten Localrechte, war zu allen Zeiten ein germani¬
scher Charakterzug; er hat viel Unglück über Deutschland gebracht, aber

*) Um Ein Beispiel von Tausenden anzuführen, erinnern wir nur an die Verfas¬
sungskämpfe in Würtemberg 1816, wo die Opposition dem freisinnigen Könige,
der eine ausgedehnte, die bisherigen Laudesfreiheiten erhöhende Constitution geben
wollte, sich entgegenstellte und auf die Einsetzung des Altgebräuchlichen drang,
und wo Uhland, der deutscheste Sänger das Lied dichtete:
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Der Würtemberger zecht,
Da soll der erste Trinkspruch sein
Das gute alte Recht.
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[5/0013] sogar schon ein Besitz von Frankreich gewesen ist, in welchem nichts gespart wurde, um seine nationale Selbstständigkeit in Sprache, Sitte und Gesetz zu demoliren, diese Nationalität doch wieder auflebte? Diese Nationalität muß also doch tiefer liegen, als man glaubt, diese Farben, die trotz aller Mühe, die man seit Jahrhunderten sich gibt, sie zu übertünchen, immer wieder von neuem hervorbrechen, müssen also doch stärker sein als die neu aufgetrage¬ nen; diese germanischen Elemente müssen also doch nicht so unbedeutend und ohnmächtig sein! Aber in Lüttich, im Hennegau, in den wallonischen Provinzen, wo nie ein deutscher Laut erklang, wie ließe sich da ein germanisches Atom als Ursache angeben? Ja, wenn man germanisches Leben nur auf Sprache und einzelne Ge¬ wohnheiten bezieht, wenn man glaubt, Deutschland und Frankreich unter¬ scheiden sich nur darin, daß hier das Kind Vater ruft und dort Père, daß hier die Haare blond und dort schwarz sind! — — Aber die Race und die Sprache ist es nicht allein, was die Völker trennt und verbindet; die Geschichte ist die Hauptperson, welche den verbindenden Kitt mischt, oder das trennende Schwert wetzt. Was Frankreich von Deutschland scheidet, das ist seine Centralisation. Die meisten glücklichen und unglücklichen Gänge der französischen und deut¬ schen Geschichte, des französischen und deutschen Geistes haben darin ihren Hauptgrund, daß dort, in Frankreich, die theuersten Erinnerungen, Freihei¬ ten, Gesetze und Ueberlieferungen der einzelnen Länder und Gebiete dem Ganzen weichen mußten; daß eine einzige Stadt monarchisch alle übrigen beherrscht, während in Deutschland, selbst bei den kleineren Communen, die heiße Anhänglichkeit für das alte Herkommen, für das von Geschlecht zu Geschlecht überlieferte Gesetz, keiner Rücksicht und selbst keinem Vortheile wei¬ chen wollte *). Diese patriarchalische Treue für ihre provinzielle Gesit¬ tung, für ihre angeerbten Localrechte, war zu allen Zeiten ein germani¬ scher Charakterzug; er hat viel Unglück über Deutschland gebracht, aber *) Um Ein Beispiel von Tausenden anzuführen, erinnern wir nur an die Verfas¬ sungskämpfe in Würtemberg 1816, wo die Opposition dem freisinnigen Könige, der eine ausgedehnte, die bisherigen Laudesfreiheiten erhöhende Constitution geben wollte, sich entgegenstellte und auf die Einsetzung des Altgebräuchlichen drang, und wo Uhland, der deutscheste Sänger das Lied dichtete: Wo je bei gutem, alten Wein Der Würtemberger zecht, Da soll der erste Trinkspruch sein Das gute alte Recht.

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Erster Jahrgang. Leipzig, 1841, S. 5. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_179382_282158/13>, abgerufen am 17.04.2024.