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Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858.

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selbst das markigste Product dieser Phantasie, die Nibelungen, pgo_107.002
mit der Jlias -- wie verschwimmend die Umrisse, wie verwaschen die pgo_107.003
Fresken! Nach Homer kann man eine Karte der Umgegend Troja's pgo_107.004
entwerfen -- so klar ist seine dichterische Zeichnung der Scene, wo die pgo_107.005
Handlung spielt! Jn den "Nibelungen" hört man von Worms, dem pgo_107.006
Rhein, vom Hunnenland -- doch das sind alles höchst gleichgültige pgo_107.007
Ortsbestimmungen! Dagegen ist die Motivirung in den Nibelungen pgo_107.008
eine durchaus innerliche und beruht auf Empfindungen und Begriffen, pgo_107.009
welche der alten Welt fremd waren. Zwar die schöne Helena ist die pgo_107.010
Ate des trojanischen Krieges -- aber welche andere Rolle spielen die pgo_107.011
Frauen, eine Brunhilt, eine Kriemhilt in den Nibelungen! Sie pgo_107.012
sind die Heldinnen des Gedichtes und führen durch ihren eigenen Entschluß pgo_107.013
und ihre eigene That seine Katastrophen herbei! Traumhafter pgo_107.014
gestaltet sich das Jdeal des Mittelalters in einem "Parcival," "Titurel," pgo_107.015
"Lohengrin" -- und mit süß verbrecherischer Sinnlichkeit in pgo_107.016
"Tristan und Jsolde," himmelweit verschieden von dem olympischen pgo_107.017
Glück des netzgefesselten Mars und seiner Venus! Hier schafft die Jnnerlichkeit, pgo_107.018
die bis zum Raffinement geht, eine verbrecherische Wollust, welche pgo_107.019
die Alten nicht kannten! Bestimmter schon wurde die romantische pgo_107.020
Zeichnung bei den romanischen Poeten, denen das antike Vorbild lebendig pgo_107.021
war! Dante ist zugleich der Homer und Hesiod, Tasso der Virgil, Ariost pgo_107.022
der Ovid des Mittelalters! Jn den Liedern der französischen Troubadours pgo_107.023
versetzte sich die Romantik des Herzens mit jenem protestirenden pgo_107.024
Geiste, der aus den Religionskriegen der Provence die Vorläufer der pgo_107.025
großen reformatorischen Umwälzung Europa's machte. Die neuere pgo_107.026
romantische Schule hat das Jdeal des Mittelalters mit gezwungener pgo_107.027
Absichtlichkeit heraufbeschworen und in seine "mondbeglänzte Zaubernacht" pgo_107.028
die oft barocken Gestalten einer mit jedem Jnhalte des Lebens pgo_107.029
spielenden Phantasie hineingeträumt.

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Das moderne Jdeal, das Jdeal der Neuzeit, vereinigt in sich das pgo_107.031
plastische und romantische, entlehnt von jenem die geläuterte Klarheit pgo_107.032
künstlerischer Form und objectiver Gestaltung, von diesem die tiefe, reiche pgo_107.033
Jnnerlichkeit des Gemüthes, und stellt beides auf den Boden des freischaffenden pgo_107.034
und handelnden Menschengeistes. Die moralische Zurechnung pgo_107.035
dringt bis in die Tiefen des Gewissens; der Charakter in allen Mischungen

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Zitationshilfe: Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858, S. 107. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottschall_poetik_1858/129>, abgerufen am 13.07.2024.