Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Goethe, Johann Wolfgang von: Zur Farbenlehre. Bd. 2. Tübingen, 1810.

Bild:
<< vorherige Seite

Die Opsis erstrecke sich bis auf den Spiegel und von
seiner Dichte und Glätte getroffen, kehre sie in sich
selbst zurück, indem sie etwas ähnliches erleide mit der
Hand, welche ausgestreckt und an die Schulter zu-
rückgezogen wird.


Die Pythagoreer nannten die Oberfläche der Kör-
per khroia, das heißt Farbe. Ferner gaben sie als
Farbgeschlechter an, das Weiße, das Schwarze, das
Rothe und das Gelbe. Die Unterschiede der Farben
suchten sie in der verschiedenen Mischung der Elemente;
die mannigfaltigen Farben der Thiere hingegen in der
Verschiedenheit der Nahrungsmittel und Himmelsstriche.


Empedocles
nach Theophrast.

Empedocles sagt, das Innre des Auges sey Feuer
(und Wasser), die äußre Umgebung Erde und Luft;
durch welche das Feuer, als ein Zartes durchschwitze,
wie das Licht durch die Laterne .... Die Gänge (poroi)
aber des Feuers und Wassers lägen verschränkt; durch
die Gänge des Feuers erkenne man das Weiße, durch
die des Wassers das Schwarze: denn jedes von die-
sen beyden sey dem andern von beyden angemessen oder
damit übereinstimmend (nach dem Grundsatz: Aehnli-

Die Opſis erſtrecke ſich bis auf den Spiegel und von
ſeiner Dichte und Glaͤtte getroffen, kehre ſie in ſich
ſelbſt zuruͤck, indem ſie etwas aͤhnliches erleide mit der
Hand, welche ausgeſtreckt und an die Schulter zu-
ruͤckgezogen wird.


Die Pythagoreer nannten die Oberflaͤche der Koͤr-
per χροιά, das heißt Farbe. Ferner gaben ſie als
Farbgeſchlechter an, das Weiße, das Schwarze, das
Rothe und das Gelbe. Die Unterſchiede der Farben
ſuchten ſie in der verſchiedenen Miſchung der Elemente;
die mannigfaltigen Farben der Thiere hingegen in der
Verſchiedenheit der Nahrungsmittel und Himmelsſtriche.


Empedocles
nach Theophraſt.

Empedocles ſagt, das Innre des Auges ſey Feuer
(und Waſſer), die aͤußre Umgebung Erde und Luft;
durch welche das Feuer, als ein Zartes durchſchwitze,
wie das Licht durch die Laterne .... Die Gaͤnge (πόροι)
aber des Feuers und Waſſers laͤgen verſchraͤnkt; durch
die Gaͤnge des Feuers erkenne man das Weiße, durch
die des Waſſers das Schwarze: denn jedes von die-
ſen beyden ſey dem andern von beyden angemeſſen oder
damit uͤbereinſtimmend (nach dem Grundſatz: Aehnli-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0036" n="2"/>
Die Op&#x017F;is er&#x017F;trecke &#x017F;ich bis auf den Spiegel und von<lb/>
&#x017F;einer Dichte und Gla&#x0364;tte getroffen, kehre &#x017F;ie in &#x017F;ich<lb/>
&#x017F;elb&#x017F;t zuru&#x0364;ck, indem &#x017F;ie etwas a&#x0364;hnliches erleide mit der<lb/>
Hand, welche ausge&#x017F;treckt und an die Schulter zu-<lb/>
ru&#x0364;ckgezogen wird.</p><lb/>
            <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
            <p>Die Pythagoreer nannten die Oberfla&#x0364;che der Ko&#x0364;r-<lb/>
per &#x03C7;&#x03C1;&#x03BF;&#x03B9;&#x03AC;, das heißt Farbe. Ferner gaben &#x017F;ie als<lb/>
Farbge&#x017F;chlechter an, das Weiße, das Schwarze, das<lb/>
Rothe und das Gelbe. Die Unter&#x017F;chiede der Farben<lb/>
&#x017F;uchten &#x017F;ie in der ver&#x017F;chiedenen Mi&#x017F;chung der Elemente;<lb/>
die mannigfaltigen Farben der Thiere hingegen in der<lb/>
Ver&#x017F;chiedenheit der Nahrungsmittel und Himmels&#x017F;triche.</p>
          </div>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#g">Empedocles</hi> </head><lb/>
          <div n="3">
            <head><hi rendition="#g">nach Theophra&#x017F;t</hi>.</head><lb/>
            <p>Empedocles &#x017F;agt, das Innre des Auges &#x017F;ey Feuer<lb/>
(und Wa&#x017F;&#x017F;er), die a&#x0364;ußre Umgebung Erde und Luft;<lb/>
durch welche das Feuer, als ein Zartes durch&#x017F;chwitze,<lb/>
wie das Licht durch die Laterne .... Die Ga&#x0364;nge (&#x03C0;&#x03CC;&#x03C1;&#x03BF;&#x03B9;)<lb/>
aber des Feuers und Wa&#x017F;&#x017F;ers la&#x0364;gen ver&#x017F;chra&#x0364;nkt; durch<lb/>
die Ga&#x0364;nge des Feuers erkenne man das Weiße, durch<lb/>
die des Wa&#x017F;&#x017F;ers das Schwarze: denn jedes von die-<lb/>
&#x017F;en beyden &#x017F;ey dem andern von beyden angeme&#x017F;&#x017F;en oder<lb/>
damit u&#x0364;berein&#x017F;timmend (nach dem Grund&#x017F;atz: Aehnli-<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[2/0036] Die Opſis erſtrecke ſich bis auf den Spiegel und von ſeiner Dichte und Glaͤtte getroffen, kehre ſie in ſich ſelbſt zuruͤck, indem ſie etwas aͤhnliches erleide mit der Hand, welche ausgeſtreckt und an die Schulter zu- ruͤckgezogen wird. Die Pythagoreer nannten die Oberflaͤche der Koͤr- per χροιά, das heißt Farbe. Ferner gaben ſie als Farbgeſchlechter an, das Weiße, das Schwarze, das Rothe und das Gelbe. Die Unterſchiede der Farben ſuchten ſie in der verſchiedenen Miſchung der Elemente; die mannigfaltigen Farben der Thiere hingegen in der Verſchiedenheit der Nahrungsmittel und Himmelsſtriche. Empedocles nach Theophraſt. Empedocles ſagt, das Innre des Auges ſey Feuer (und Waſſer), die aͤußre Umgebung Erde und Luft; durch welche das Feuer, als ein Zartes durchſchwitze, wie das Licht durch die Laterne .... Die Gaͤnge (πόροι) aber des Feuers und Waſſers laͤgen verſchraͤnkt; durch die Gaͤnge des Feuers erkenne man das Weiße, durch die des Waſſers das Schwarze: denn jedes von die- ſen beyden ſey dem andern von beyden angemeſſen oder damit uͤbereinſtimmend (nach dem Grundſatz: Aehnli-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/goethe_farbenlehre02_1810
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/goethe_farbenlehre02_1810/36
Zitationshilfe: Goethe, Johann Wolfgang von: Zur Farbenlehre. Bd. 2. Tübingen, 1810, S. 2. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goethe_farbenlehre02_1810/36>, abgerufen am 19.08.2022.