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Gerstenberg, Heinrich Wilhelm: Ugolino. Hamburg u. a., 1768.

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Ugolino,
Anselmo. Lang sah ich, mit langgestrecktem Halse, durch
die Oeffnung. Mir war! ich kann dir nicht fagen, mein Vater,
wie mir war! Jch dachte, Francesco riefe mir, und ich müßte
ihm nach. Da kams mir plötzlich vor, als säh ich den jungen
Antonio Cerrettieri, nebst vielen Andern, mit Axten und Hebe-
bäumen längs der Gasse heraufkommen, immer näher, immer
näher. Da bückte ich mich mit halbem Leibe vorüber, sah aber
immer weniger, immer weniger; und zuletzt sah ich gar nichts
mehr. Da hofft ich, sie wären im Thurm, und glaubte, sie
hier zu finden. Unten müssen sie doch schon seyn.
(will abgehen)
Ugolino. Wohin?
Anselmo. Gehst du mit, Gaddo? Wir müssen den jungen
Antonio an der Thür empfangen.
Gaddo. Wäre nur die Menge von Stufen nicht! Ueberdem
bin ich eben itzt einigermaßen kraftlos.
Ugolino. Bleibt hier, ihr Kinder. Jch will selbst gehn.
(geht ab)
Anselmo. (hebt Gaddo in die Höhe) Heyda, Gaddo! ich
bin trunken von übermäßiger Freude! Du auch?
Gaddo. Heyda! Wenn ich nur erst zu essen hätte!
Anselmo. Es will nicht recht fort mit dir. Wie nun? Du
hängst mir wie Bley am Arme!
Gaddo. (mit schwacher Stimme) Heyda! Mir wird sehr übel!
Anselmo. Soll ich dich hinlegen?
Gaddo. Thu es.
Anselmo. Du bist kränker, als du gestehn willst.
Gaddo. O mein Herz! (heftig) Mein Herz!
Ugolino. (tritt auf) Du hast dich geirrt. Jch höre nichts,
als das Geheul der Winde und das Geklatsch des Regens.
Anselmo. (traurig) Ach! warum mußt ich mich irren!
Sie werden doch nun bald kommen? Werden sie nicht, mein
Vater? Sieh, Gaddo ist kränker.

Ugo-
Ugolino,
Anſelmo. Lang ſah ich, mit langgeſtrecktem Halſe, durch
die Oeffnung. Mir war! ich kann dir nicht fagen, mein Vater,
wie mir war! Jch dachte, Franceſco riefe mir, und ich muͤßte
ihm nach. Da kams mir ploͤtzlich vor, als ſaͤh ich den jungen
Antonio Cerrettieri, nebſt vielen Andern, mit Axten und Hebe-
baͤumen laͤngs der Gaſſe heraufkommen, immer naͤher, immer
naͤher. Da buͤckte ich mich mit halbem Leibe voruͤber, ſah aber
immer weniger, immer weniger; und zuletzt ſah ich gar nichts
mehr. Da hofft ich, ſie waͤren im Thurm, und glaubte, ſie
hier zu finden. Unten muͤſſen ſie doch ſchon ſeyn.
(will abgehen)
Ugolino. Wohin?
Anſelmo. Gehſt du mit, Gaddo? Wir muͤſſen den jungen
Antonio an der Thuͤr empfangen.
Gaddo. Waͤre nur die Menge von Stufen nicht! Ueberdem
bin ich eben itzt einigermaßen kraftlos.
Ugolino. Bleibt hier, ihr Kinder. Jch will ſelbſt gehn.
(geht ab)
Anſelmo. (hebt Gaddo in die Hoͤhe) Heyda, Gaddo! ich
bin trunken von uͤbermaͤßiger Freude! Du auch?
Gaddo. Heyda! Wenn ich nur erſt zu eſſen haͤtte!
Anſelmo. Es will nicht recht fort mit dir. Wie nun? Du
haͤngſt mir wie Bley am Arme!
Gaddo. (mit ſchwacher Stimme) Heyda! Mir wird ſehr uͤbel!
Anſelmo. Soll ich dich hinlegen?
Gaddo. Thu es.
Anſelmo. Du biſt kraͤnker, als du geſtehn willſt.
Gaddo. O mein Herz! (heftig) Mein Herz!
Ugolino. (tritt auf) Du haſt dich geirrt. Jch hoͤre nichts,
als das Geheul der Winde und das Geklatſch des Regens.
Anſelmo. (traurig) Ach! warum mußt ich mich irren!
Sie werden doch nun bald kommen? Werden ſie nicht, mein
Vater? Sieh, Gaddo iſt kraͤnker.

Ugo-
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[26/0032] Ugolino, Anſelmo. Lang ſah ich, mit langgeſtrecktem Halſe, durch die Oeffnung. Mir war! ich kann dir nicht fagen, mein Vater, wie mir war! Jch dachte, Franceſco riefe mir, und ich muͤßte ihm nach. Da kams mir ploͤtzlich vor, als ſaͤh ich den jungen Antonio Cerrettieri, nebſt vielen Andern, mit Axten und Hebe- baͤumen laͤngs der Gaſſe heraufkommen, immer naͤher, immer naͤher. Da buͤckte ich mich mit halbem Leibe voruͤber, ſah aber immer weniger, immer weniger; und zuletzt ſah ich gar nichts mehr. Da hofft ich, ſie waͤren im Thurm, und glaubte, ſie hier zu finden. Unten muͤſſen ſie doch ſchon ſeyn. (will abgehen) Ugolino. Wohin? Anſelmo. Gehſt du mit, Gaddo? Wir muͤſſen den jungen Antonio an der Thuͤr empfangen. Gaddo. Waͤre nur die Menge von Stufen nicht! Ueberdem bin ich eben itzt einigermaßen kraftlos. Ugolino. Bleibt hier, ihr Kinder. Jch will ſelbſt gehn. (geht ab) Anſelmo. (hebt Gaddo in die Hoͤhe) Heyda, Gaddo! ich bin trunken von uͤbermaͤßiger Freude! Du auch? Gaddo. Heyda! Wenn ich nur erſt zu eſſen haͤtte! Anſelmo. Es will nicht recht fort mit dir. Wie nun? Du haͤngſt mir wie Bley am Arme! Gaddo. (mit ſchwacher Stimme) Heyda! Mir wird ſehr uͤbel! Anſelmo. Soll ich dich hinlegen? Gaddo. Thu es. Anſelmo. Du biſt kraͤnker, als du geſtehn willſt. Gaddo. O mein Herz! (heftig) Mein Herz! Ugolino. (tritt auf) Du haſt dich geirrt. Jch hoͤre nichts, als das Geheul der Winde und das Geklatſch des Regens. Anſelmo. (traurig) Ach! warum mußt ich mich irren! Sie werden doch nun bald kommen? Werden ſie nicht, mein Vater? Sieh, Gaddo iſt kraͤnker. Ugo-

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Zitationshilfe: Gerstenberg, Heinrich Wilhelm: Ugolino. Hamburg u. a., 1768, S. 26. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gerstenberg_ugolino_1768/32>, abgerufen am 16.05.2021.