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[Gellert, Christian Fürchtegott]: Das Leben der Schwedischen Gräfinn von G**. Bd. 2. Leipzig, 1748.

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Gräfinn von G**
er schweigen und sich aus Liebe zu seinem tod-
ten Freunde nicht noch unglücklicher machen
sollte. Er fragte, ob es nicht noch möglich
wäre, einen von seinen Landsleuten zu sprechen;
aber daran war nicht mehr zu gedenken.
Nunmehr nahm unser Aufseher Abschied. Wir
dankten ihm unaussprechlich für seine Men-
schenliebe, ob wir sie gleich meistens erkauft
hatten. Wir umarmten ihn und fragten ihn
immer, ob es auch gewiß wäre, daß man uns
nichts weiter thun würde. Er versicherte uns die-
ses mit dem größten Eide, den sie in ihrer Spra-
che haben. Wir wollten ihm noch etwas Geld
geben, daß er uns zu essen schaffen sollte; denn
es war wohl der dritte Tag, daß wir nichts
zu uns genommen hatten. Auf einmal ward
er großmüthig und sagte, daß er uns zu essen
und auch ein Glas Brandtwein auf unsere
traurige Reise, und Steeleyn ein Pflaster über
den Leib bringen wollte, welches ihm gute
Dienste thun würde. Er hielt sein
Wort und brachte uns, was er uns
versprochen hatte. Wir assen den
Abend ziemlich ruhig und ergaben uns in
alles, was uns begegnen würde, weil wir
sicher waren, daß uns fast nichts schrecklichers
begegnen konnte, als was wir schon ausge-
standen hatten. Der Schmerz, den Steeley

noch

Graͤfinn von G**
er ſchweigen und ſich aus Liebe zu ſeinem tod-
ten Freunde nicht noch ungluͤcklicher machen
ſollte. Er fragte, ob es nicht noch moͤglich
waͤre, einen von ſeinen Landsleuten zu ſprechen;
aber daran war nicht mehr zu gedenken.
Nunmehr nahm unſer Aufſeher Abſchied. Wir
dankten ihm unausſprechlich fuͤr ſeine Men-
ſchenliebe, ob wir ſie gleich meiſtens erkauft
hatten. Wir umarmten ihn und fragten ihn
immer, ob es auch gewiß waͤre, daß man uns
nichts weiter thun wuͤrde. Er verſicherte uns die-
ſes mit dem groͤßten Eide, den ſie in ihrer Spra-
che haben. Wir wollten ihm noch etwas Geld
geben, daß er uns zu eſſen ſchaffen ſollte; denn
es war wohl der dritte Tag, daß wir nichts
zu uns genommen hatten. Auf einmal ward
er großmuͤthig und ſagte, daß er uns zu eſſen
und auch ein Glas Brandtwein auf unſere
traurige Reiſe, und Steeleyn ein Pflaſter uͤber
den Leib bringen wollte, welches ihm gute
Dienſte thun wuͤrde. Er hielt ſein
Wort und brachte uns, was er uns
verſprochen hatte. Wir aſſen den
Abend ziemlich ruhig und ergaben uns in
alles, was uns begegnen wuͤrde, weil wir
ſicher waren, daß uns faſt nichts ſchrecklichers
begegnen konnte, als was wir ſchon ausge-
ſtanden hatten. Der Schmerz, den Steeley

noch
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[31/0031] Graͤfinn von G** er ſchweigen und ſich aus Liebe zu ſeinem tod- ten Freunde nicht noch ungluͤcklicher machen ſollte. Er fragte, ob es nicht noch moͤglich waͤre, einen von ſeinen Landsleuten zu ſprechen; aber daran war nicht mehr zu gedenken. Nunmehr nahm unſer Aufſeher Abſchied. Wir dankten ihm unausſprechlich fuͤr ſeine Men- ſchenliebe, ob wir ſie gleich meiſtens erkauft hatten. Wir umarmten ihn und fragten ihn immer, ob es auch gewiß waͤre, daß man uns nichts weiter thun wuͤrde. Er verſicherte uns die- ſes mit dem groͤßten Eide, den ſie in ihrer Spra- che haben. Wir wollten ihm noch etwas Geld geben, daß er uns zu eſſen ſchaffen ſollte; denn es war wohl der dritte Tag, daß wir nichts zu uns genommen hatten. Auf einmal ward er großmuͤthig und ſagte, daß er uns zu eſſen und auch ein Glas Brandtwein auf unſere traurige Reiſe, und Steeleyn ein Pflaſter uͤber den Leib bringen wollte, welches ihm gute Dienſte thun wuͤrde. Er hielt ſein Wort und brachte uns, was er uns verſprochen hatte. Wir aſſen den Abend ziemlich ruhig und ergaben uns in alles, was uns begegnen wuͤrde, weil wir ſicher waren, daß uns faſt nichts ſchrecklichers begegnen konnte, als was wir ſchon ausge- ſtanden hatten. Der Schmerz, den Steeley noch

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Zitationshilfe: [Gellert, Christian Fürchtegott]: Das Leben der Schwedischen Gräfinn von G**. Bd. 2. Leipzig, 1748, S. 31. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gellert_leben02_1748/31>, abgerufen am 16.04.2024.