ein glücklicher Umstand mir das Geheimniß aufschließen möchte. Ein solcher führte sich dadurch herbey, daß Abends im Theater eine treffliche Vorstellung des Mac¬ beth auf mich wirkte, und ich Tags darauf die Werke des Lord Byron in die Hände nahm, um seinen Beppo zu lesen. Nun wollte dieses Gedicht auf den Macbeth mir nicht munden, und je weiter ich las, je mehr ging es mir auf, was Goethe bey jener Äußerung sich mochte gedacht haben.
Im Macbeth hatte ein Geist auf mich gewirkt, der, groß, gewaltig und erhaben wie er war, von niemanden hatte ausgehen können als von Shakspeare selbst. Es war das Angeborene einer höher und tiefer begabten Natur, welche eben das Individuum, das sie besaß, vor allen aus¬ zeichnete und dadurch zum großen Dichter machte. Das¬ jenige, was zu diesem Stück die Welt und Erfahrung gegeben, war dem poetischen Geiste untergeordnet und diente nur, um diesen reden und vorwalten zu lassen. Der große Dichter herrschte und hob uns an seine Seite hinauf zu der Höhe seiner Ansicht.
Beym Lesen des Beppo dagegen empfand ich das Vorherrschen einer verruchten empirischen Welt, der sich der Geist, der sie uns vor die Sinne führt, gewisser¬ maßen associirt hatte. Nicht mehr der angeborene grö¬ ßere und reinere Sinn eines hochbegabten Dichters be¬ gegnete mir, sondern des Dichters Denkungsweise schien durch ein häufiges Leben mit der Welt von gleichem
ein gluͤcklicher Umſtand mir das Geheimniß aufſchließen moͤchte. Ein ſolcher fuͤhrte ſich dadurch herbey, daß Abends im Theater eine treffliche Vorſtellung des Mac¬ beth auf mich wirkte, und ich Tags darauf die Werke des Lord Byron in die Haͤnde nahm, um ſeinen Beppo zu leſen. Nun wollte dieſes Gedicht auf den Macbeth mir nicht munden, und je weiter ich las, je mehr ging es mir auf, was Goethe bey jener Äußerung ſich mochte gedacht haben.
Im Macbeth hatte ein Geiſt auf mich gewirkt, der, groß, gewaltig und erhaben wie er war, von niemanden hatte ausgehen koͤnnen als von Shakſpeare ſelbſt. Es war das Angeborene einer hoͤher und tiefer begabten Natur, welche eben das Individuum, das ſie beſaß, vor allen aus¬ zeichnete und dadurch zum großen Dichter machte. Das¬ jenige, was zu dieſem Stuͤck die Welt und Erfahrung gegeben, war dem poetiſchen Geiſte untergeordnet und diente nur, um dieſen reden und vorwalten zu laſſen. Der große Dichter herrſchte und hob uns an ſeine Seite hinauf zu der Hoͤhe ſeiner Anſicht.
Beym Leſen des Beppo dagegen empfand ich das Vorherrſchen einer verruchten empiriſchen Welt, der ſich der Geiſt, der ſie uns vor die Sinne fuͤhrt, gewiſſer¬ maßen aſſociirt hatte. Nicht mehr der angeborene groͤ¬ ßere und reinere Sinn eines hochbegabten Dichters be¬ gegnete mir, ſondern des Dichters Denkungsweiſe ſchien durch ein haͤufiges Leben mit der Welt von gleichem
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ein gluͤcklicher Umſtand mir das Geheimniß aufſchließen
moͤchte. Ein ſolcher fuͤhrte ſich dadurch herbey, daß
Abends im Theater eine treffliche Vorſtellung des Mac¬
beth auf mich wirkte, und ich Tags darauf die Werke
des Lord Byron in die Haͤnde nahm, um ſeinen Beppo
zu leſen. Nun wollte dieſes Gedicht auf den Macbeth
mir nicht munden, und je weiter ich las, je mehr ging
es mir auf, was Goethe bey jener Äußerung ſich mochte
gedacht haben.
Im Macbeth hatte ein Geiſt auf mich gewirkt, der,
groß, gewaltig und erhaben wie er war, von niemanden
hatte ausgehen koͤnnen als von Shakſpeare ſelbſt. Es war das
Angeborene einer hoͤher und tiefer begabten Natur, welche
eben das Individuum, das ſie beſaß, vor allen aus¬
zeichnete und dadurch zum großen Dichter machte. Das¬
jenige, was zu dieſem Stuͤck die Welt und Erfahrung
gegeben, war dem poetiſchen Geiſte untergeordnet und
diente nur, um dieſen reden und vorwalten zu laſſen.
Der große Dichter herrſchte und hob uns an ſeine Seite
hinauf zu der Hoͤhe ſeiner Anſicht.
Beym Leſen des Beppo dagegen empfand ich das
Vorherrſchen einer verruchten empiriſchen Welt, der ſich
der Geiſt, der ſie uns vor die Sinne fuͤhrt, gewiſſer¬
maßen aſſociirt hatte. Nicht mehr der angeborene groͤ¬
ßere und reinere Sinn eines hochbegabten Dichters be¬
gegnete mir, ſondern des Dichters Denkungsweiſe ſchien
durch ein haͤufiges Leben mit der Welt von gleichem
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Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 1. Leipzig, 1836, S. 255. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe01_1836/275>, abgerufen am 30.01.2025.
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