Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Ebeling, Johann Justus: Andächtige Betrachtungen aus dem Buche der Natur und Schrift. Bd. 3. Hildesheim, 1747.

Bild:
<< vorherige Seite
Die betrachtenswürdigen Bäume.
Mit sonderbahrer Lust, mit innigen Vergnügen.
Ein kleines Saamenkorn blüht aus der Erd her-
vor,

Und treibt ein gros Gewächs in schlanker Höh em-
por.

Wer sieht die Würkung nicht von mächtigen Re-
gieren,

Die das, was klein sich zeigt, kan zu der Grösse
führen?

Man merkt die Weisheit hier, die alles mit Be-
dacht,

Zum vorgesezten Ziel recht künstlich herrlich macht;
Es ist kein Theil am Baum, der nicht zugleich muß
dienen,

Zu seiner Festigkeit, zu seinem Wuchs und Grü-
nen.

Wie wunderbar sind nicht die Wurzeln anzusehn,
Die in geschlunguer Kraft sich durcheinander drehn,
Und nach der Bäume Höh sich unten weit ausbreiten
Auf daß sie feste stehn und nicht leicht auszureuten?
Sonst risse gleich ein Wind, mit seinem starken
Braus,

Jn Gärten, in dem Wald, die grossen Bäume
aus,

Wenn er mit Ungestüm in trüben Lüften wittert,
Und durch gepreßten Hauch Zweig, Ast und Stamm
erschüttert.

Der Bäume Wurzeln sind von unten zugespizt,
Und oben breit und rund, weil dieses dazu nüzt,
Daß sie den Pfrimmen gleich die harte Erde tren-
nen,

Und ohne Wiederstand stets weiter dringen kön-
nen.

Sie sind auch ausgeholt; ob sie zwar holzig hart,
So
Die betrachtenswuͤrdigen Baͤume.
Mit ſonderbahrer Luſt, mit innigen Vergnuͤgen.
Ein kleines Saamenkorn bluͤht aus der Erd her-
vor,

Und treibt ein gros Gewaͤchs in ſchlanker Hoͤh em-
por.

Wer ſieht die Wuͤrkung nicht von maͤchtigen Re-
gieren,

Die das, was klein ſich zeigt, kan zu der Groͤſſe
fuͤhren?

Man merkt die Weisheit hier, die alles mit Be-
dacht,

Zum vorgeſezten Ziel recht kuͤnſtlich herrlich macht;
Es iſt kein Theil am Baum, der nicht zugleich muß
dienen,

Zu ſeiner Feſtigkeit, zu ſeinem Wuchs und Gruͤ-
nen.

Wie wunderbar ſind nicht die Wurzeln anzuſehn,
Die in geſchlunguer Kraft ſich durcheinander drehn,
Und nach der Baͤume Hoͤh ſich unten weit ausbreiten
Auf daß ſie feſte ſtehn und nicht leicht auszureuten?
Sonſt riſſe gleich ein Wind, mit ſeinem ſtarken
Braus,

Jn Gaͤrten, in dem Wald, die groſſen Baͤume
aus,

Wenn er mit Ungeſtuͤm in truͤben Luͤften wittert,
Und durch gepreßten Hauch Zweig, Aſt und Stamm
erſchuͤttert.

Der Baͤume Wurzeln ſind von unten zugeſpizt,
Und oben breit und rund, weil dieſes dazu nuͤzt,
Daß ſie den Pfrimmen gleich die harte Erde tren-
nen,

Und ohne Wiederſtand ſtets weiter dringen koͤn-
nen.

Sie ſind auch ausgeholt; ob ſie zwar holzig hart,
So
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <lg type="poem">
          <pb facs="#f0034" n="22"/>
          <fw place="top" type="header">Die betrachtenswu&#x0364;rdigen Ba&#x0364;ume.</fw><lb/>
          <l>Mit &#x017F;onderbahrer Lu&#x017F;t, mit innigen Vergnu&#x0364;gen.</l><lb/>
          <l>Ein kleines Saamenkorn blu&#x0364;ht aus der Erd her-<lb/><hi rendition="#et">vor,</hi></l><lb/>
          <l>Und treibt ein gros Gewa&#x0364;chs in &#x017F;chlanker Ho&#x0364;h em-<lb/><hi rendition="#et">por.</hi></l><lb/>
          <l>Wer &#x017F;ieht die Wu&#x0364;rkung nicht von ma&#x0364;chtigen Re-<lb/><hi rendition="#et">gieren,</hi></l><lb/>
          <l>Die das, was klein &#x017F;ich zeigt, kan zu der Gro&#x0364;&#x017F;&#x017F;e<lb/><hi rendition="#et">fu&#x0364;hren?</hi></l><lb/>
          <l>Man merkt die Weisheit hier, die alles mit Be-<lb/><hi rendition="#et">dacht,</hi></l><lb/>
          <l>Zum vorge&#x017F;ezten Ziel recht ku&#x0364;n&#x017F;tlich herrlich macht;</l><lb/>
          <l>Es i&#x017F;t kein Theil am Baum, der nicht zugleich muß<lb/><hi rendition="#et">dienen,</hi></l><lb/>
          <l>Zu &#x017F;einer Fe&#x017F;tigkeit, zu &#x017F;einem Wuchs und Gru&#x0364;-<lb/><hi rendition="#et">nen.</hi></l><lb/>
          <l>Wie wunderbar &#x017F;ind nicht die Wurzeln anzu&#x017F;ehn,</l><lb/>
          <l>Die in ge&#x017F;chlunguer Kraft &#x017F;ich durcheinander drehn,</l><lb/>
          <l>Und nach der Ba&#x0364;ume Ho&#x0364;h &#x017F;ich unten weit ausbreiten</l><lb/>
          <l>Auf daß &#x017F;ie fe&#x017F;te &#x017F;tehn und nicht leicht auszureuten?</l><lb/>
          <l>Son&#x017F;t ri&#x017F;&#x017F;e gleich ein Wind, mit &#x017F;einem &#x017F;tarken<lb/><hi rendition="#et">Braus,</hi></l><lb/>
          <l>Jn Ga&#x0364;rten, in dem Wald, die gro&#x017F;&#x017F;en Ba&#x0364;ume<lb/><hi rendition="#et">aus,</hi></l><lb/>
          <l>Wenn er mit Unge&#x017F;tu&#x0364;m in tru&#x0364;ben Lu&#x0364;ften wittert,</l><lb/>
          <l>Und durch gepreßten Hauch Zweig, A&#x017F;t und Stamm<lb/><hi rendition="#et">er&#x017F;chu&#x0364;ttert.</hi></l><lb/>
          <l>Der Ba&#x0364;ume Wurzeln &#x017F;ind von unten zuge&#x017F;pizt,</l><lb/>
          <l>Und oben breit und rund, weil die&#x017F;es dazu nu&#x0364;zt,</l><lb/>
          <l>Daß &#x017F;ie den Pfrimmen gleich die harte Erde tren-<lb/><hi rendition="#et">nen,</hi></l><lb/>
          <l>Und ohne Wieder&#x017F;tand &#x017F;tets weiter dringen ko&#x0364;n-<lb/><hi rendition="#et">nen.</hi></l><lb/>
          <l>Sie &#x017F;ind auch ausgeholt; ob &#x017F;ie zwar holzig hart,</l><lb/>
          <fw place="bottom" type="catch">So</fw><lb/>
        </lg>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[22/0034] Die betrachtenswuͤrdigen Baͤume. Mit ſonderbahrer Luſt, mit innigen Vergnuͤgen. Ein kleines Saamenkorn bluͤht aus der Erd her- vor, Und treibt ein gros Gewaͤchs in ſchlanker Hoͤh em- por. Wer ſieht die Wuͤrkung nicht von maͤchtigen Re- gieren, Die das, was klein ſich zeigt, kan zu der Groͤſſe fuͤhren? Man merkt die Weisheit hier, die alles mit Be- dacht, Zum vorgeſezten Ziel recht kuͤnſtlich herrlich macht; Es iſt kein Theil am Baum, der nicht zugleich muß dienen, Zu ſeiner Feſtigkeit, zu ſeinem Wuchs und Gruͤ- nen. Wie wunderbar ſind nicht die Wurzeln anzuſehn, Die in geſchlunguer Kraft ſich durcheinander drehn, Und nach der Baͤume Hoͤh ſich unten weit ausbreiten Auf daß ſie feſte ſtehn und nicht leicht auszureuten? Sonſt riſſe gleich ein Wind, mit ſeinem ſtarken Braus, Jn Gaͤrten, in dem Wald, die groſſen Baͤume aus, Wenn er mit Ungeſtuͤm in truͤben Luͤften wittert, Und durch gepreßten Hauch Zweig, Aſt und Stamm erſchuͤttert. Der Baͤume Wurzeln ſind von unten zugeſpizt, Und oben breit und rund, weil dieſes dazu nuͤzt, Daß ſie den Pfrimmen gleich die harte Erde tren- nen, Und ohne Wiederſtand ſtets weiter dringen koͤn- nen. Sie ſind auch ausgeholt; ob ſie zwar holzig hart, So

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/ebeling_betrachtungen03_1747
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/ebeling_betrachtungen03_1747/34
Zitationshilfe: Ebeling, Johann Justus: Andächtige Betrachtungen aus dem Buche der Natur und Schrift. Bd. 3. Hildesheim, 1747, S. 22. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/ebeling_betrachtungen03_1747/34>, abgerufen am 14.05.2021.