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Busoni, Ferruccio: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst. 2. Aufl. Leipzig, [1916].

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"Ich fühlte ... daß ich kein englisches und kein lateinisches
Buch schreiben werde: und dies aus dem einen Grund ...
nämlich weil die Sprache, in welcher nicht nur zu schreiben,
sondern auch zu denken mir vielleicht gegeben wäre, weder
die lateinische, noch die englische, noch die italienische und
spanische ist, sondern eine Sprache, von deren Worten mir
auch nicht eines bekannt ist, eine Sprache, in welcher die
stummen Dinge zu mir sprechen und in welcher ich vielleicht
einst im Grabe vor einem unbekannten Richter mich verant-
worten werde."
Hugo von Hofmannsthal, "Ein Brief".

Der literarischen Gestaltung nach recht locker aneinander
gefügt, sind diese Aufzeichnungen in Wahrheit das Er-
gebnis von lange und langsam gereiften Überzeugungen.

In ihnen wird ein größtes Problem mit scheinbarer Un-
befangenheit aufgestellt, ohne daß der Schlüssel zu seiner
letzten Lösung gegeben werde, weil das Problem auf Men-
schenalter hinaus nicht - wenn überhaupt - lösbar ist.

Aber es begreift in sich eine unaufgezählte Reihe min-
derer Probleme, auf die ich das Nachdenken derjenigen
lenke, die es betrifft. Denn recht lange schon hatte man in
der Musik ernstlichem Suchen nicht sich hingegeben.

Wohl entsteht zu jeder Zeit Geniales und Bewunderungs-
wertes, und ich stellte mich stets in die erste Reihe, die vor-
überziehenden Fahnenträger freudig zu begrüßen; aber mir
will es scheinen, daß die mannigfachen Wege, die beschritten
werden, zwar in schöne Weiten führen, aber nicht - nach
oben.

Der Geist eines Kunstwerkes, das Maß der Empfindung,
das Menschliche, das in ihm ist - sie bleiben durch wechselnde
Zeiten unverändert an Wert; die Form, die diese drei auf-
nahm, die Mittel, die sie ausdrückten, und der Geschmack,

„Ich fühlte … daß ich kein englisches und kein lateinisches
Buch schreiben werde: und dies aus dem einen Grund …
nämlich weil die Sprache, in welcher nicht nur zu schreiben,
sondern auch zu denken mir vielleicht gegeben wäre, weder
die lateinische, noch die englische, noch die italienische und
spanische ist, sondern eine Sprache, von deren Worten mir
auch nicht eines bekannt ist, eine Sprache, in welcher die
stummen Dinge zu mir sprechen und in welcher ich vielleicht
einst im Grabe vor einem unbekannten Richter mich verant-
worten werde.“
Hugo von Hofmannsthal, „Ein Brief“.

Der literarischen Gestaltung nach recht locker aneinander
gefügt, sind diese Aufzeichnungen in Wahrheit das Er-
gebnis von lange und langsam gereiften Überzeugungen.

In ihnen wird ein größtes Problem mit scheinbarer Un-
befangenheit aufgestellt, ohne daß der Schlüssel zu seiner
letzten Lösung gegeben werde, weil das Problem auf Men-
schenalter hinaus nicht – wenn überhaupt – lösbar ist.

Aber es begreift in sich eine unaufgezählte Reihe min-
derer Probleme, auf die ich das Nachdenken derjenigen
lenke, die es betrifft. Denn recht lange schon hatte man in
der Musik ernstlichem Suchen nicht sich hingegeben.

Wohl entsteht zu jeder Zeit Geniales und Bewunderungs-
wertes, und ich stellte mich stets in die erste Reihe, die vor-
überziehenden Fahnenträger freudig zu begrüßen; aber mir
will es scheinen, daß die mannigfachen Wege, die beschritten
werden, zwar in schöne Weiten führen, aber nicht – nach
oben.

Der Geist eines Kunstwerkes, das Maß der Empfindung,
das Menschliche, das in ihm ist – sie bleiben durch wechselnde
Zeiten unverändert an Wert; die Form, die diese drei auf-
nahm, die Mittel, die sie ausdrückten, und der Geschmack,

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[5/0005] „Ich fühlte … daß ich kein englisches und kein lateinisches Buch schreiben werde: und dies aus dem einen Grund … nämlich weil die Sprache, in welcher nicht nur zu schreiben, sondern auch zu denken mir vielleicht gegeben wäre, weder die lateinische, noch die englische, noch die italienische und spanische ist, sondern eine Sprache, von deren Worten mir auch nicht eines bekannt ist, eine Sprache, in welcher die stummen Dinge zu mir sprechen und in welcher ich vielleicht einst im Grabe vor einem unbekannten Richter mich verant- worten werde.“ Hugo von Hofmannsthal, „Ein Brief“. Der literarischen Gestaltung nach recht locker aneinander gefügt, sind diese Aufzeichnungen in Wahrheit das Er- gebnis von lange und langsam gereiften Überzeugungen. In ihnen wird ein größtes Problem mit scheinbarer Un- befangenheit aufgestellt, ohne daß der Schlüssel zu seiner letzten Lösung gegeben werde, weil das Problem auf Men- schenalter hinaus nicht – wenn überhaupt – lösbar ist. Aber es begreift in sich eine unaufgezählte Reihe min- derer Probleme, auf die ich das Nachdenken derjenigen lenke, die es betrifft. Denn recht lange schon hatte man in der Musik ernstlichem Suchen nicht sich hingegeben. Wohl entsteht zu jeder Zeit Geniales und Bewunderungs- wertes, und ich stellte mich stets in die erste Reihe, die vor- überziehenden Fahnenträger freudig zu begrüßen; aber mir will es scheinen, daß die mannigfachen Wege, die beschritten werden, zwar in schöne Weiten führen, aber nicht – nach oben. Der Geist eines Kunstwerkes, das Maß der Empfindung, das Menschliche, das in ihm ist – sie bleiben durch wechselnde Zeiten unverändert an Wert; die Form, die diese drei auf- nahm, die Mittel, die sie ausdrückten, und der Geschmack,

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Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Ferruccio Busoni – Briefe und Schriften, herausgegeben von Christian Schaper und Ullrich Scheideler, Humboldt-Universität zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription. (2019-05-15T13:49:52Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Christian Schaper, Maximilian Furthmüller, Theresa Menard, Vanda Hehr, Clemens Gubsch, Claudio Fuchs, Jupp Wegner, David Mews, Ullrich Scheideler: Bearbeitung der digitalen Edition. (2019-05-27T13:49:52Z)
Benjamin Fiechter: Konvertierung ins DTA-Basisformat (2019-05-27T13:49:52Z)

Weitere Informationen:

Textgrundlage von 1906 von Busoni hauptsächlich 1914 überarbeitet. Gedruckt 1916 in Altenburg; erschienen im Insel-Verlag zu Leipzig als Nr. 202 der Insel-Bücherei.

Die Transkription erfolgte nach den unter https://www.busoni-nachlass.org/de/Projekt/E1000003.html, http://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/ formulierten Richtlinien.

Druckfehler: dokumentiert; fremdsprachliches Material: gekennzeichnet; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: wie Vorlage; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: ja;




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Zitationshilfe: Busoni, Ferruccio: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst. 2. Aufl. Leipzig, [1916], S. 5. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/busoni_entwurf_1916/5>, abgerufen am 14.08.2022.