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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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4. Abschnitt.ein großer Küchengarten. Hier handelt es sich offenbar um
etwas Anderes als um ein paar Dutzend allbekannte Me-
dicinalpflanzen, wie sie durch das ganze Abendland in keinem
Schloß- oder Klostergarten fehlten; neben einer höchst ver-
feinerten Cultur des Tafelobstes zeigt sich ein Interesse für
die Pflanze als solche, um ihres merkwürdigen Anblickes
willen. Die Kunstgeschichte belehrt uns darüber, wie spät
erst die Gärten sich von dieser Sammlerlust befreiten um
fortan einer großen architectonisch-malerischen Anlage zu
dienen.

Fremde Thiere,Auch das Unterhalten fremder Thiere ist gewiß nicht
ohne Zusammenhang mit einem höhern Interesse der Beo-
bachtung zu denken. Der leichte Transport aus den süd-
lichen und östlichen Häfen des Mittelmeeres und die Gunst
des italienischen Klimas machten es möglich die mächtigsten
Thiere des Südens anzukaufen oder von den Sultanen als
Geschenk anzunehmen. Vor Allem hielten Städte und
Fürsten gern lebendige Löwen, auch wenn der Löwe nicht
gerade das Wappenthier war wie in Florenz 1). Die Lö-
wengruben befanden sich in oder bei den Staatspalästen,
so in Perugia und in Florenz; diejenige in Rom lag am
Abhang des Capitols. Diese Thiere dienten nämlich bis-
weilen als Vollstrecker politischer Urtheile 2) und hielten wohl

1) Als solcher heißt er hier, gemalt oder in Stein gehauen, marzocco.
-- In Pisa unterhielt man Adler, vgl. die Ausleger zu Dante,
Inferno XXXIII,
22.
2) S. das Excerpt aus Aegid. Viterb. bei Papencordt, Gesch. der
Stadt Rom im Mittelalter, S. 367, Anm. mit einem Ereigniß
von 1328. -- Kämpfe der wilden Thiere unter einander und gegen
Hunde dienten bei großen Anläßen zur Belustigung des Volkes.
Beim Empfang Pius II. und des Galeazzo Maria Sforza zu Flo-
renz 1459 ließ man auf dem Signorenplatz in einem geschlossenen
Raum Stiere, Pferde, Eber, Hunde, Löwen und eine Girafe zusam-
men auftreten, aber die Löwen legten sich hin und wollten die andern
Thiere nicht angreifen. Vgl. Ricordi di Firenze, Rer. ital.

4. Abſchnitt.ein großer Küchengarten. Hier handelt es ſich offenbar um
etwas Anderes als um ein paar Dutzend allbekannte Me-
dicinalpflanzen, wie ſie durch das ganze Abendland in keinem
Schloß- oder Kloſtergarten fehlten; neben einer höchſt ver-
feinerten Cultur des Tafelobſtes zeigt ſich ein Intereſſe für
die Pflanze als ſolche, um ihres merkwürdigen Anblickes
willen. Die Kunſtgeſchichte belehrt uns darüber, wie ſpät
erſt die Gärten ſich von dieſer Sammlerluſt befreiten um
fortan einer großen architectoniſch-maleriſchen Anlage zu
dienen.

Fremde Thiere,Auch das Unterhalten fremder Thiere iſt gewiß nicht
ohne Zuſammenhang mit einem höhern Intereſſe der Beo-
bachtung zu denken. Der leichte Transport aus den ſüd-
lichen und öſtlichen Häfen des Mittelmeeres und die Gunſt
des italieniſchen Klimas machten es möglich die mächtigſten
Thiere des Südens anzukaufen oder von den Sultanen als
Geſchenk anzunehmen. Vor Allem hielten Städte und
Fürſten gern lebendige Löwen, auch wenn der Löwe nicht
gerade das Wappenthier war wie in Florenz 1). Die Lö-
wengruben befanden ſich in oder bei den Staatspaläſten,
ſo in Perugia und in Florenz; diejenige in Rom lag am
Abhang des Capitols. Dieſe Thiere dienten nämlich bis-
weilen als Vollſtrecker politiſcher Urtheile 2) und hielten wohl

1) Als ſolcher heißt er hier, gemalt oder in Stein gehauen, marzocco.
— In Piſa unterhielt man Adler, vgl. die Ausleger zu Dante,
Inferno XXXIII,
22.
2) S. das Excerpt aus Aegid. Viterb. bei Papencordt, Geſch. der
Stadt Rom im Mittelalter, S. 367, Anm. mit einem Ereigniß
von 1328. — Kämpfe der wilden Thiere unter einander und gegen
Hunde dienten bei großen Anläßen zur Beluſtigung des Volkes.
Beim Empfang Pius II. und des Galeazzo Maria Sforza zu Flo-
renz 1459 ließ man auf dem Signorenplatz in einem geſchloſſenen
Raum Stiere, Pferde, Eber, Hunde, Löwen und eine Girafe zuſam-
men auftreten, aber die Löwen legten ſich hin und wollten die andern
Thiere nicht angreifen. Vgl. Ricordi di Firenze, Rer. ital.
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[288/0298] ein großer Küchengarten. Hier handelt es ſich offenbar um etwas Anderes als um ein paar Dutzend allbekannte Me- dicinalpflanzen, wie ſie durch das ganze Abendland in keinem Schloß- oder Kloſtergarten fehlten; neben einer höchſt ver- feinerten Cultur des Tafelobſtes zeigt ſich ein Intereſſe für die Pflanze als ſolche, um ihres merkwürdigen Anblickes willen. Die Kunſtgeſchichte belehrt uns darüber, wie ſpät erſt die Gärten ſich von dieſer Sammlerluſt befreiten um fortan einer großen architectoniſch-maleriſchen Anlage zu dienen. 4. Abſchnitt. Auch das Unterhalten fremder Thiere iſt gewiß nicht ohne Zuſammenhang mit einem höhern Intereſſe der Beo- bachtung zu denken. Der leichte Transport aus den ſüd- lichen und öſtlichen Häfen des Mittelmeeres und die Gunſt des italieniſchen Klimas machten es möglich die mächtigſten Thiere des Südens anzukaufen oder von den Sultanen als Geſchenk anzunehmen. Vor Allem hielten Städte und Fürſten gern lebendige Löwen, auch wenn der Löwe nicht gerade das Wappenthier war wie in Florenz 1). Die Lö- wengruben befanden ſich in oder bei den Staatspaläſten, ſo in Perugia und in Florenz; diejenige in Rom lag am Abhang des Capitols. Dieſe Thiere dienten nämlich bis- weilen als Vollſtrecker politiſcher Urtheile 2) und hielten wohl Fremde Thiere, 1) Als ſolcher heißt er hier, gemalt oder in Stein gehauen, marzocco. — In Piſa unterhielt man Adler, vgl. die Ausleger zu Dante, Inferno XXXIII, 22. 2) S. das Excerpt aus Aegid. Viterb. bei Papencordt, Geſch. der Stadt Rom im Mittelalter, S. 367, Anm. mit einem Ereigniß von 1328. — Kämpfe der wilden Thiere unter einander und gegen Hunde dienten bei großen Anläßen zur Beluſtigung des Volkes. Beim Empfang Pius II. und des Galeazzo Maria Sforza zu Flo- renz 1459 ließ man auf dem Signorenplatz in einem geſchloſſenen Raum Stiere, Pferde, Eber, Hunde, Löwen und eine Girafe zuſam- men auftreten, aber die Löwen legten ſich hin und wollten die andern Thiere nicht angreifen. Vgl. Ricordi di Firenze, Rer. ital.

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 288. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/298>, abgerufen am 11.05.2021.