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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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giebt zu erwägen, daß letztere im Gegentheil bei so beschaf-3. Abschnitt.
fenen Zeiten fast der einzige unschuldige, d. h. neutrale
Gegenstand gelehrter Darstellung seien.

Wenn aber die Culturgeschichte nach Aussagen zuDas Unglück
der Gelehrten.

suchen verpflichtet ist, in welchen neben der Anklage das
menschliche Mitgefühl vorwiegt, so ist keine Quelle zu ver-
gleichen mit der oft erwähnten Schrift des Pierio Valeriano
"über das Unglück der Gelehrten" 1). Sie ist geschrieben
unter dem düstern Eindruck der Verwüstung von Rom,
welche mit dem Jammer, den sie auch über die Gelehrten
brachte, dem Verfasser wie der Abschluß eines schon lange
gegen dieselben wüthenden bösen Schicksals erscheint. Pierio
folgt hier einer einfachen, im Ganzen richtigen Empfindung;
er thut nicht groß mit einem besondern vornehmen Dämon,
der die geistreichen Leute wegen ihres Genies verfolge,
sondern er constatirt das Geschehene, worin oft der bloße
unglückliche Zufall als entscheidend vorkömmt. Er wünscht
keine Tragödie zu schreiben oder Alles aus höhern Con-
flicten herzuleiten, weßhalb er denn auch Alltägliches vor-
bringt. Da lernen wir Leute kennen, welche bei unruhigen
Zeiten zunächst ihre Einnahmen, dann auch ihre Stellen
verlieren, Leute, welche zwischen zwei Anstellungen leer aus-
gehen, menschenscheue Geizhälse, die ihr Geld immer ein-
genäht auf sich tragen, und nach geschehener Beraubung im
Wahnsinn sterben, Andere, welche Pfründen annehmen und
in melancholischem Heimweh nach der frühern Freiheit dahin-
siechen. Dann wird der frühe Tod Vieler durch Fieber
oder Pest beklagt, wobei die ausgearbeiteten Schriften mit-
sammt Bettzeug und Kleidern verbrannt werden; Andere
leben und leiden unter Morddrohungen von Collegen;
Diesen und Jenen mordet ein habsüchtiger Diener, oder
Bösewichter fangen ihn auf der Reise weg und lassen ihn
in einem Kerker verschmachten weil er kein Lösegeld zahlen
kann. Manchen rafft geheimes Herzeleid, erlittene Krän-

1) De infelicitate literatorum.
Cultur der Renaissance. 18

giebt zu erwägen, daß letztere im Gegentheil bei ſo beſchaf-3. Abſchnitt.
fenen Zeiten faſt der einzige unſchuldige, d. h. neutrale
Gegenſtand gelehrter Darſtellung ſeien.

Wenn aber die Culturgeſchichte nach Ausſagen zuDas Unglück
der Gelehrten.

ſuchen verpflichtet iſt, in welchen neben der Anklage das
menſchliche Mitgefühl vorwiegt, ſo iſt keine Quelle zu ver-
gleichen mit der oft erwähnten Schrift des Pierio Valeriano
„über das Unglück der Gelehrten“ 1). Sie iſt geſchrieben
unter dem düſtern Eindruck der Verwüſtung von Rom,
welche mit dem Jammer, den ſie auch über die Gelehrten
brachte, dem Verfaſſer wie der Abſchluß eines ſchon lange
gegen dieſelben wüthenden böſen Schickſals erſcheint. Pierio
folgt hier einer einfachen, im Ganzen richtigen Empfindung;
er thut nicht groß mit einem beſondern vornehmen Dämon,
der die geiſtreichen Leute wegen ihres Genies verfolge,
ſondern er conſtatirt das Geſchehene, worin oft der bloße
unglückliche Zufall als entſcheidend vorkömmt. Er wünſcht
keine Tragödie zu ſchreiben oder Alles aus höhern Con-
flicten herzuleiten, weßhalb er denn auch Alltägliches vor-
bringt. Da lernen wir Leute kennen, welche bei unruhigen
Zeiten zunächſt ihre Einnahmen, dann auch ihre Stellen
verlieren, Leute, welche zwiſchen zwei Anſtellungen leer aus-
gehen, menſchenſcheue Geizhälſe, die ihr Geld immer ein-
genäht auf ſich tragen, und nach geſchehener Beraubung im
Wahnſinn ſterben, Andere, welche Pfründen annehmen und
in melancholiſchem Heimweh nach der frühern Freiheit dahin-
ſiechen. Dann wird der frühe Tod Vieler durch Fieber
oder Peſt beklagt, wobei die ausgearbeiteten Schriften mit-
ſammt Bettzeug und Kleidern verbrannt werden; Andere
leben und leiden unter Morddrohungen von Collegen;
Dieſen und Jenen mordet ein habſüchtiger Diener, oder
Böſewichter fangen ihn auf der Reiſe weg und laſſen ihn
in einem Kerker verſchmachten weil er kein Löſegeld zahlen
kann. Manchen rafft geheimes Herzeleid, erlittene Krän-

1) De infelicitate literatorum.
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[273/0283] giebt zu erwägen, daß letztere im Gegentheil bei ſo beſchaf- fenen Zeiten faſt der einzige unſchuldige, d. h. neutrale Gegenſtand gelehrter Darſtellung ſeien. 3. Abſchnitt. Wenn aber die Culturgeſchichte nach Ausſagen zu ſuchen verpflichtet iſt, in welchen neben der Anklage das menſchliche Mitgefühl vorwiegt, ſo iſt keine Quelle zu ver- gleichen mit der oft erwähnten Schrift des Pierio Valeriano „über das Unglück der Gelehrten“ 1). Sie iſt geſchrieben unter dem düſtern Eindruck der Verwüſtung von Rom, welche mit dem Jammer, den ſie auch über die Gelehrten brachte, dem Verfaſſer wie der Abſchluß eines ſchon lange gegen dieſelben wüthenden böſen Schickſals erſcheint. Pierio folgt hier einer einfachen, im Ganzen richtigen Empfindung; er thut nicht groß mit einem beſondern vornehmen Dämon, der die geiſtreichen Leute wegen ihres Genies verfolge, ſondern er conſtatirt das Geſchehene, worin oft der bloße unglückliche Zufall als entſcheidend vorkömmt. Er wünſcht keine Tragödie zu ſchreiben oder Alles aus höhern Con- flicten herzuleiten, weßhalb er denn auch Alltägliches vor- bringt. Da lernen wir Leute kennen, welche bei unruhigen Zeiten zunächſt ihre Einnahmen, dann auch ihre Stellen verlieren, Leute, welche zwiſchen zwei Anſtellungen leer aus- gehen, menſchenſcheue Geizhälſe, die ihr Geld immer ein- genäht auf ſich tragen, und nach geſchehener Beraubung im Wahnſinn ſterben, Andere, welche Pfründen annehmen und in melancholiſchem Heimweh nach der frühern Freiheit dahin- ſiechen. Dann wird der frühe Tod Vieler durch Fieber oder Peſt beklagt, wobei die ausgearbeiteten Schriften mit- ſammt Bettzeug und Kleidern verbrannt werden; Andere leben und leiden unter Morddrohungen von Collegen; Dieſen und Jenen mordet ein habſüchtiger Diener, oder Böſewichter fangen ihn auf der Reiſe weg und laſſen ihn in einem Kerker verſchmachten weil er kein Löſegeld zahlen kann. Manchen rafft geheimes Herzeleid, erlittene Krän- Das Unglück der Gelehrten. 1) De infelicitate literatorum. Cultur der Renaiſſance. 18

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 273. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/283>, abgerufen am 11.05.2021.