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Brentano, Clemens: Gockel, Hinkel und Gackeleia. Frankfurt, 1838.

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Herzliche Zueignung.
sen zu lassen, wenn ich nicht wolle auf die Mehlwage gesetzt wer¬
den, denn unter den vielen bei der Krönung anwesenden Potentaten
sey auch ein Fürst Lichtenstein, und dieser sey der wahre Besitzer des
Ländchens Vadutz, welches nebst der Herrschaft Schellenberg seit 1719
das Fürstenthum Lichtenstein ausmache. Er ermahne mich im Guten
meine seltsamen Prätensionen aufzugeben, denn das Fürstenthum
müße jährlich einen Reichsmatrikularanschlag von 19 fl. und 18 Rthl.
60 kr. zu einem Kammerziele bezahlen, da werde es um so schlechter
mit meiner Sparbüchse aussehen, als ich ihm ja ohnedies noch 6 kr.
Briefporto schuldig sey. -- Da diese Ermahnungen mich noch immer
nicht zu einem schönen Bilde der Resignation machen konnten, mußte
mir der größte Geograph der Familie, den Artikel Vadutz aus Hüb-
ners Zeitungslexikon vorlesen, wo Alles Obige gedruckt stand; wo¬
bei es mich am tiefsten kränkte, die Lage meiner Ländereien so veröf¬
fentlicht zu hören. -- Mir war, als einem, dem das Paradies und
das Butterbrod mit der fetten Seite auf die Erde gefallen sind. --
Aber ich erkannte Alles nicht an -- ich hielt mich zäh und kraus und
erwiederte: "das Papier ist geduldig und läßt viel auf sich drucken,
was darum doch nicht wahr ist." -- Meine Hartnäckigkeit machte
den Geographen sehr bedenklich, so daß er mir im Katechismus
zeigte, der anerkannten Wahrheit hartnäckig zu wiederstreben, sey
eine unverzeihliche Sünde. Das machte mich sehr wirr, und ich war
lange Zeit gar traurig, als habe sich das Paradies in meinen Hän¬
den in ein goldenes Wart ein Weilchen und ein silbernes Nichtschen
in einem niemaligen Büchschen verwandelt. -- Da man mich nun
oft mit dem Verlust von Vadutz aufzog, und es mir sogar unter
den verlornen Sachen im Wochenblättchen vorlas, sagte die Hausfreun¬
din, die Frau Rath mir mitleidig ins Ohr: "Laß dich nicht irr machen,
glaub du mir, dein Vadutz ist dein und liegt auf keiner Landkarte,
und alle Frankfurter Stadtsoldaten und selbst die Geleitsreiter mit
dem Antichrist an der Spitze können dir es nicht wegnehmen; es liegt,
wo dein Geist, dein Herz auf die Weide geht;

Wo dein Himmel, ist dein Vadutz,
Ein Land auf Erden ist dir nichts nutz.

Dein Reich ist in den Wolken und nicht von dieser Erde, und so
oft es sich mit derselben berührt, wird's Thränen regnen. -- Ich
wünsche einen gesegneten Regenbogen. Bis dahin baue deine Feen¬

Herzliche Zueignung.
ſen zu laſſen, wenn ich nicht wolle auf die Mehlwage geſetzt wer¬
den, denn unter den vielen bei der Kroͤnung anweſenden Potentaten
ſey auch ein Fuͤrſt Lichtenſtein, und dieſer ſey der wahre Beſitzer des
Laͤndchens Vadutz, welches nebſt der Herrſchaft Schellenberg ſeit 1719
das Fuͤrſtenthum Lichtenſtein ausmache. Er ermahne mich im Guten
meine ſeltſamen Praͤtenſionen aufzugeben, denn das Fuͤrſtenthum
muͤße jaͤhrlich einen Reichsmatrikularanſchlag von 19 fl. und 18 Rthl.
60 kr. zu einem Kammerziele bezahlen, da werde es um ſo ſchlechter
mit meiner Sparbuͤchſe ausſehen, als ich ihm ja ohnedies noch 6 kr.
Briefporto ſchuldig ſey. — Da dieſe Ermahnungen mich noch immer
nicht zu einem ſchoͤnen Bilde der Reſignation machen konnten, mußte
mir der groͤßte Geograph der Familie, den Artikel Vadutz aus Huͤb-
ners Zeitungslexikon vorleſen, wo Alles Obige gedruckt ſtand; wo¬
bei es mich am tiefſten kraͤnkte, die Lage meiner Laͤndereien ſo veroͤf¬
fentlicht zu hoͤren. — Mir war, als einem, dem das Paradies und
das Butterbrod mit der fetten Seite auf die Erde gefallen ſind. —
Aber ich erkannte Alles nicht an — ich hielt mich zaͤh und kraus und
erwiederte: „das Papier iſt geduldig und laͤßt viel auf ſich drucken,
was darum doch nicht wahr iſt.“ — Meine Hartnaͤckigkeit machte
den Geographen ſehr bedenklich, ſo daß er mir im Katechismus
zeigte, der anerkannten Wahrheit hartnaͤckig zu wiederſtreben, ſey
eine unverzeihliche Suͤnde. Das machte mich ſehr wirr, und ich war
lange Zeit gar traurig, als habe ſich das Paradies in meinen Haͤn¬
den in ein goldenes Wart ein Weilchen und ein ſilbernes Nichtschen
in einem niemaligen Buͤchschen verwandelt. — Da man mich nun
oft mit dem Verluſt von Vadutz aufzog, und es mir ſogar unter
den verlornen Sachen im Wochenblaͤttchen vorlas, ſagte die Hausfreun¬
din, die Frau Rath mir mitleidig ins Ohr: „Laß dich nicht irr machen,
glaub du mir, dein Vadutz iſt dein und liegt auf keiner Landkarte,
und alle Frankfurter Stadtſoldaten und ſelbſt die Geleitsreiter mit
dem Antichriſt an der Spitze koͤnnen dir es nicht wegnehmen; es liegt,
wo dein Geiſt, dein Herz auf die Weide geht;

Wo dein Himmel, iſt dein Vadutz,
Ein Land auf Erden iſt dir nichts nutz.

Dein Reich iſt in den Wolken und nicht von dieſer Erde, und ſo
oft es ſich mit derſelben beruͤhrt, wird's Thraͤnen regnen. — Ich
wuͤnſche einen geſegneten Regenbogen. Bis dahin baue deine Feen¬

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[XI/0019] Herzliche Zueignung. ſen zu laſſen, wenn ich nicht wolle auf die Mehlwage geſetzt wer¬ den, denn unter den vielen bei der Kroͤnung anweſenden Potentaten ſey auch ein Fuͤrſt Lichtenſtein, und dieſer ſey der wahre Beſitzer des Laͤndchens Vadutz, welches nebſt der Herrſchaft Schellenberg ſeit 1719 das Fuͤrſtenthum Lichtenſtein ausmache. Er ermahne mich im Guten meine ſeltſamen Praͤtenſionen aufzugeben, denn das Fuͤrſtenthum muͤße jaͤhrlich einen Reichsmatrikularanſchlag von 19 fl. und 18 Rthl. 60 kr. zu einem Kammerziele bezahlen, da werde es um ſo ſchlechter mit meiner Sparbuͤchſe ausſehen, als ich ihm ja ohnedies noch 6 kr. Briefporto ſchuldig ſey. — Da dieſe Ermahnungen mich noch immer nicht zu einem ſchoͤnen Bilde der Reſignation machen konnten, mußte mir der groͤßte Geograph der Familie, den Artikel Vadutz aus Huͤb- ners Zeitungslexikon vorleſen, wo Alles Obige gedruckt ſtand; wo¬ bei es mich am tiefſten kraͤnkte, die Lage meiner Laͤndereien ſo veroͤf¬ fentlicht zu hoͤren. — Mir war, als einem, dem das Paradies und das Butterbrod mit der fetten Seite auf die Erde gefallen ſind. — Aber ich erkannte Alles nicht an — ich hielt mich zaͤh und kraus und erwiederte: „das Papier iſt geduldig und laͤßt viel auf ſich drucken, was darum doch nicht wahr iſt.“ — Meine Hartnaͤckigkeit machte den Geographen ſehr bedenklich, ſo daß er mir im Katechismus zeigte, der anerkannten Wahrheit hartnaͤckig zu wiederſtreben, ſey eine unverzeihliche Suͤnde. Das machte mich ſehr wirr, und ich war lange Zeit gar traurig, als habe ſich das Paradies in meinen Haͤn¬ den in ein goldenes Wart ein Weilchen und ein ſilbernes Nichtschen in einem niemaligen Buͤchschen verwandelt. — Da man mich nun oft mit dem Verluſt von Vadutz aufzog, und es mir ſogar unter den verlornen Sachen im Wochenblaͤttchen vorlas, ſagte die Hausfreun¬ din, die Frau Rath mir mitleidig ins Ohr: „Laß dich nicht irr machen, glaub du mir, dein Vadutz iſt dein und liegt auf keiner Landkarte, und alle Frankfurter Stadtſoldaten und ſelbſt die Geleitsreiter mit dem Antichriſt an der Spitze koͤnnen dir es nicht wegnehmen; es liegt, wo dein Geiſt, dein Herz auf die Weide geht; Wo dein Himmel, iſt dein Vadutz, Ein Land auf Erden iſt dir nichts nutz. Dein Reich iſt in den Wolken und nicht von dieſer Erde, und ſo oft es ſich mit derſelben beruͤhrt, wird's Thraͤnen regnen. — Ich wuͤnſche einen geſegneten Regenbogen. Bis dahin baue deine Feen¬

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Zitationshilfe: Brentano, Clemens: Gockel, Hinkel und Gackeleia. Frankfurt, 1838, S. XI. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brentano_gockel_1838/19>, abgerufen am 13.04.2021.