die der Schwachen verlacht man. Eitel ist der Löwe nicht und zu Künsten läßt er sich nicht abrichten. Er ist zu stolz und zu ernst. Er will nur, wann und wie er will. So sind die Königsnaturen. Er wäre verständig und gelehrig genug zur Abrichtung; er wäre zum Lernen ganz in Besitz der Zeit- und Raumkenntnisse und deren Maße, denn er mißt, wenn er lauert, vollkommen genau, aber er thut Niemandem Etwas zu Gefallen. Man bezüchtigt ihn auch der Feigheit. Feigheit und Löwe passen nie zusammen. Ernste sind nie feig und wenn der Löwe dem Menschen weicht, so ist es nicht Feigheit. Er fürchtet Nichts und muß Nichts fürchten. Selbst in der Gefangenschaft benimmt er sich edler, als der Tiger und andere Katzen. Rasen die anderen um die kleinen Fleischbrocken, wenn sie ihnen an der Gabel ums Gitter hoch emporgehoben werden, so steht er nur auf und schaut dem Fleische unver- wandten Blickes nach, hebt keine Tatze (?) und wartet heroisch, bis man ihm den Tisch reicht. Es lohnt sich ihm nicht der Mühe, sich wie die anderen Hungerleider darum zu bemühen ..."
"Löwe und Löwin mögen das muntere, liebende Necken, wie Hunde und Katzen, wohl leiden. Es macht ihnen kleinen Spaß, den sie lieben. Auch liebkosen und streicheln lassen sie sich gern, wie alle vollkommnere Thiere. Zupft man den Löwen am Bart, so macht er Geberden und Blicke, wie die Katzen. Wir haben unzählige Bilder von Löwen, doch noch kein vollkommnes. Seine ernste Seele hat noch kein Künstler befriedigend dargestellt. Das Bild eines Schmetterlings ist leicht wiederzu- geben, das eines Löwen ist vielleicht unmöglich. Gerade Dies deutet auf seine hohe Stellung. Gewiß hat auch der Schmetterling seine Physiognomie, nur entgeht sie uns. Der Löwe muß in solcher Seelensphäre ganz wie der Mensch in der seinigen behandelt werden. Er ist ein Menschenthier, so gewiß es unter den Menschen noch Thiermenschen giebt."
Jch gebe zu, daß diese Beschreibung sehr viel von der großen Liebe Scheitlins zu den Thieren athmet und hier und da mit der trocknen Auffassung der zergliedernden Thierkundigen nicht überein- stimmen mag: im großen Ganzen aber ist sie richtig, und Jeder, der den Löwen kennt, wird Dies zugestehen müssen. Schon das Eine macht den Löwen groß: er lebt gewissermaßen in der Ehe mit der Löwin. Dies thut kein anderes Raubsäugethier. Der Löwe bleibt lange Zeit noch bei der säugenden Löwin. Er geht mit ihr auf Nahrung aus und beschützt sie und ihre Jungen. Ein solcher Zug des geistigen Wesens kann nicht verkannt werden.
Die Zeit, in welcher sich der Löwe zu der Löwin findet, ist sehr verschieden nach den Gegenden, die er bewohnt; denn die Wurfzeit hängt mit dem Frühling zusammen. Zur Zeit der Paarung folgen oft zehn bis zwölf männliche Löwen einer Löwin, und es giebt auch unter ihnen viel Kampf und Streit um die Liebe. Hat jedoch die Löwin sich ihren Gatten einmal erwählt, so ziehen die anderen ab, und beide leben nun treu zusammen. Funfzehn bis sechszehn Wochen (108) Tage nach der Begat- tung wirft die Löwin ein bis sechs, gewöhnlich aber nur zwei bis drei Junge. Die Thiere kommen mit offenen Augen zur Welt und haben, wenn sie geboren werden, etwa die Größe von einer halb erwachsenen Katze. Zu ihrem Wochenbett sucht sich die Mutter gern ein Dickicht in möglichst großer Nähe von einem Tränkplatze, um nicht weit gehen zu müssen, wenn sie Beute machen will. Uebrigens hilft ihr der Löwe Nahrung herbeischaffen, schützt sie und ihre Jungen, wenn es Noth thut, mit großer Aufopferung. Die Löwin zeigt für ihre Jungen die größte Zärtlichkeit, und man kann wohl kaum ein schöneres Schauspiel sich denken, als eine Löwenmutter mit ihren Kindern. Die kleinen, allerliebsten Thierchen spielen wie muntere Kätzchen mit einander, und die Mutter sieht mit soviel Vergnügen diesen kindlichen Spielen zu, als nur möglich. Man hat Dies in der Gefangenschaft oft beobachtet, weil es gar nichts Seltnes ist, daß eine Löwin hier Junge wirst. Selbst in Thierschau- buden, wo die Thiere bekanntlich einen nur sehr geringen Spielraum zur Bewegung haben und gewöhnlich auch schlechte oder nicht genügende Nahrung erhalten, kommen solche Fälle vor.
Jn der Freiheit wird die Löwin, solange ihre Jungen sangen, der ganzen Umgegend wahrhaft verderblich und ist dann sehr zu fürchten. Sie verläßt ihr Lager höchst selten, gewöhnlich blos, um zu trinken; denn der Löwe sorgt für Nahrung, und wenn sie von den Jungen scheidet, tritt er für sie als Wächter ein.
Geiſtige Eigenſchaften. Paarung. Fortpflanzung.
die der Schwachen verlacht man. Eitel iſt der Löwe nicht und zu Künſten läßt er ſich nicht abrichten. Er iſt zu ſtolz und zu ernſt. Er will nur, wann und wie er will. So ſind die Königsnaturen. Er wäre verſtändig und gelehrig genug zur Abrichtung; er wäre zum Lernen ganz in Beſitz der Zeit- und Raumkenntniſſe und deren Maße, denn er mißt, wenn er lauert, vollkommen genau, aber er thut Niemandem Etwas zu Gefallen. Man bezüchtigt ihn auch der Feigheit. Feigheit und Löwe paſſen nie zuſammen. Ernſte ſind nie feig und wenn der Löwe dem Menſchen weicht, ſo iſt es nicht Feigheit. Er fürchtet Nichts und muß Nichts fürchten. Selbſt in der Gefangenſchaft benimmt er ſich edler, als der Tiger und andere Katzen. Raſen die anderen um die kleinen Fleiſchbrocken, wenn ſie ihnen an der Gabel ums Gitter hoch emporgehoben werden, ſo ſteht er nur auf und ſchaut dem Fleiſche unver- wandten Blickes nach, hebt keine Tatze (?) und wartet heroiſch, bis man ihm den Tiſch reicht. Es lohnt ſich ihm nicht der Mühe, ſich wie die anderen Hungerleider darum zu bemühen ...‟
„Löwe und Löwin mögen das muntere, liebende Necken, wie Hunde und Katzen, wohl leiden. Es macht ihnen kleinen Spaß, den ſie lieben. Auch liebkoſen und ſtreicheln laſſen ſie ſich gern, wie alle vollkommnere Thiere. Zupft man den Löwen am Bart, ſo macht er Geberden und Blicke, wie die Katzen. Wir haben unzählige Bilder von Löwen, doch noch kein vollkommnes. Seine ernſte Seele hat noch kein Künſtler befriedigend dargeſtellt. Das Bild eines Schmetterlings iſt leicht wiederzu- geben, das eines Löwen iſt vielleicht unmöglich. Gerade Dies deutet auf ſeine hohe Stellung. Gewiß hat auch der Schmetterling ſeine Phyſiognomie, nur entgeht ſie uns. Der Löwe muß in ſolcher Seelenſphäre ganz wie der Menſch in der ſeinigen behandelt werden. Er iſt ein Menſchenthier, ſo gewiß es unter den Menſchen noch Thiermenſchen giebt.‟
Jch gebe zu, daß dieſe Beſchreibung ſehr viel von der großen Liebe Scheitlins zu den Thieren athmet und hier und da mit der trocknen Auffaſſung der zergliedernden Thierkundigen nicht überein- ſtimmen mag: im großen Ganzen aber iſt ſie richtig, und Jeder, der den Löwen kennt, wird Dies zugeſtehen müſſen. Schon das Eine macht den Löwen groß: er lebt gewiſſermaßen in der Ehe mit der Löwin. Dies thut kein anderes Raubſäugethier. Der Löwe bleibt lange Zeit noch bei der ſäugenden Löwin. Er geht mit ihr auf Nahrung aus und beſchützt ſie und ihre Jungen. Ein ſolcher Zug des geiſtigen Weſens kann nicht verkannt werden.
Die Zeit, in welcher ſich der Löwe zu der Löwin findet, iſt ſehr verſchieden nach den Gegenden, die er bewohnt; denn die Wurfzeit hängt mit dem Frühling zuſammen. Zur Zeit der Paarung folgen oft zehn bis zwölf männliche Löwen einer Löwin, und es giebt auch unter ihnen viel Kampf und Streit um die Liebe. Hat jedoch die Löwin ſich ihren Gatten einmal erwählt, ſo ziehen die anderen ab, und beide leben nun treu zuſammen. Funfzehn bis ſechszehn Wochen (108) Tage nach der Begat- tung wirft die Löwin ein bis ſechs, gewöhnlich aber nur zwei bis drei Junge. Die Thiere kommen mit offenen Augen zur Welt und haben, wenn ſie geboren werden, etwa die Größe von einer halb erwachſenen Katze. Zu ihrem Wochenbett ſucht ſich die Mutter gern ein Dickicht in möglichſt großer Nähe von einem Tränkplatze, um nicht weit gehen zu müſſen, wenn ſie Beute machen will. Uebrigens hilft ihr der Löwe Nahrung herbeiſchaffen, ſchützt ſie und ihre Jungen, wenn es Noth thut, mit großer Aufopferung. Die Löwin zeigt für ihre Jungen die größte Zärtlichkeit, und man kann wohl kaum ein ſchöneres Schauſpiel ſich denken, als eine Löwenmutter mit ihren Kindern. Die kleinen, allerliebſten Thierchen ſpielen wie muntere Kätzchen mit einander, und die Mutter ſieht mit ſoviel Vergnügen dieſen kindlichen Spielen zu, als nur möglich. Man hat Dies in der Gefangenſchaft oft beobachtet, weil es gar nichts Seltnes iſt, daß eine Löwin hier Junge wirſt. Selbſt in Thierſchau- buden, wo die Thiere bekanntlich einen nur ſehr geringen Spielraum zur Bewegung haben und gewöhnlich auch ſchlechte oder nicht genügende Nahrung erhalten, kommen ſolche Fälle vor.
Jn der Freiheit wird die Löwin, ſolange ihre Jungen ſangen, der ganzen Umgegend wahrhaft verderblich und iſt dann ſehr zu fürchten. Sie verläßt ihr Lager höchſt ſelten, gewöhnlich blos, um zu trinken; denn der Löwe ſorgt für Nahrung, und wenn ſie von den Jungen ſcheidet, tritt er für ſie als Wächter ein.
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[203/0263]
Geiſtige Eigenſchaften. Paarung. Fortpflanzung.
die der Schwachen verlacht man. Eitel iſt der Löwe nicht und zu Künſten läßt er ſich nicht abrichten.
Er iſt zu ſtolz und zu ernſt. Er will nur, wann und wie er will. So ſind die Königsnaturen. Er
wäre verſtändig und gelehrig genug zur Abrichtung; er wäre zum Lernen ganz in Beſitz der Zeit- und
Raumkenntniſſe und deren Maße, denn er mißt, wenn er lauert, vollkommen genau, aber er thut
Niemandem Etwas zu Gefallen. Man bezüchtigt ihn auch der Feigheit. Feigheit und Löwe paſſen
nie zuſammen. Ernſte ſind nie feig und wenn der Löwe dem Menſchen weicht, ſo iſt es nicht Feigheit.
Er fürchtet Nichts und muß Nichts fürchten. Selbſt in der Gefangenſchaft benimmt er ſich edler, als
der Tiger und andere Katzen. Raſen die anderen um die kleinen Fleiſchbrocken, wenn ſie ihnen an
der Gabel ums Gitter hoch emporgehoben werden, ſo ſteht er nur auf und ſchaut dem Fleiſche unver-
wandten Blickes nach, hebt keine Tatze (?) und wartet heroiſch, bis man ihm den Tiſch reicht. Es
lohnt ſich ihm nicht der Mühe, ſich wie die anderen Hungerleider darum zu bemühen ...‟
„Löwe und Löwin mögen das muntere, liebende Necken, wie Hunde und Katzen, wohl leiden.
Es macht ihnen kleinen Spaß, den ſie lieben. Auch liebkoſen und ſtreicheln laſſen ſie ſich gern, wie
alle vollkommnere Thiere. Zupft man den Löwen am Bart, ſo macht er Geberden und Blicke, wie
die Katzen. Wir haben unzählige Bilder von Löwen, doch noch kein vollkommnes. Seine ernſte Seele
hat noch kein Künſtler befriedigend dargeſtellt. Das Bild eines Schmetterlings iſt leicht wiederzu-
geben, das eines Löwen iſt vielleicht unmöglich. Gerade Dies deutet auf ſeine hohe Stellung. Gewiß
hat auch der Schmetterling ſeine Phyſiognomie, nur entgeht ſie uns. Der Löwe muß in ſolcher
Seelenſphäre ganz wie der Menſch in der ſeinigen behandelt werden. Er iſt ein Menſchenthier, ſo
gewiß es unter den Menſchen noch Thiermenſchen giebt.‟
Jch gebe zu, daß dieſe Beſchreibung ſehr viel von der großen Liebe Scheitlins zu den Thieren
athmet und hier und da mit der trocknen Auffaſſung der zergliedernden Thierkundigen nicht überein-
ſtimmen mag: im großen Ganzen aber iſt ſie richtig, und Jeder, der den Löwen kennt, wird Dies
zugeſtehen müſſen. Schon das Eine macht den Löwen groß: er lebt gewiſſermaßen in der Ehe mit der
Löwin. Dies thut kein anderes Raubſäugethier. Der Löwe bleibt lange Zeit noch bei der ſäugenden
Löwin. Er geht mit ihr auf Nahrung aus und beſchützt ſie und ihre Jungen. Ein ſolcher Zug des
geiſtigen Weſens kann nicht verkannt werden.
Die Zeit, in welcher ſich der Löwe zu der Löwin findet, iſt ſehr verſchieden nach den Gegenden,
die er bewohnt; denn die Wurfzeit hängt mit dem Frühling zuſammen. Zur Zeit der Paarung folgen
oft zehn bis zwölf männliche Löwen einer Löwin, und es giebt auch unter ihnen viel Kampf und
Streit um die Liebe. Hat jedoch die Löwin ſich ihren Gatten einmal erwählt, ſo ziehen die anderen
ab, und beide leben nun treu zuſammen. Funfzehn bis ſechszehn Wochen (108) Tage nach der Begat-
tung wirft die Löwin ein bis ſechs, gewöhnlich aber nur zwei bis drei Junge. Die Thiere kommen
mit offenen Augen zur Welt und haben, wenn ſie geboren werden, etwa die Größe von einer halb
erwachſenen Katze. Zu ihrem Wochenbett ſucht ſich die Mutter gern ein Dickicht in möglichſt großer
Nähe von einem Tränkplatze, um nicht weit gehen zu müſſen, wenn ſie Beute machen will. Uebrigens
hilft ihr der Löwe Nahrung herbeiſchaffen, ſchützt ſie und ihre Jungen, wenn es Noth thut, mit
großer Aufopferung. Die Löwin zeigt für ihre Jungen die größte Zärtlichkeit, und man kann wohl
kaum ein ſchöneres Schauſpiel ſich denken, als eine Löwenmutter mit ihren Kindern. Die kleinen,
allerliebſten Thierchen ſpielen wie muntere Kätzchen mit einander, und die Mutter ſieht mit ſoviel
Vergnügen dieſen kindlichen Spielen zu, als nur möglich. Man hat Dies in der Gefangenſchaft oft
beobachtet, weil es gar nichts Seltnes iſt, daß eine Löwin hier Junge wirſt. Selbſt in Thierſchau-
buden, wo die Thiere bekanntlich einen nur ſehr geringen Spielraum zur Bewegung haben und
gewöhnlich auch ſchlechte oder nicht genügende Nahrung erhalten, kommen ſolche Fälle vor.
Jn der Freiheit wird die Löwin, ſolange ihre Jungen ſangen, der ganzen Umgegend wahrhaft
verderblich und iſt dann ſehr zu fürchten. Sie verläßt ihr Lager höchſt ſelten, gewöhnlich blos, um
zu trinken; denn der Löwe ſorgt für Nahrung, und wenn ſie von den Jungen ſcheidet, tritt er für
ſie als Wächter ein.
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Brehm, Alfred Edmund: Illustrirtes Thierleben. Bd. 1. Hildburghausen, 1864, S. 203. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brehm_thierleben01_1864/263>, abgerufen am 16.02.2025.
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