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Braun, Lily: Die Frauen und die Politik. Berlin, 1903.

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einmal eine Umfrage bei den Unternehmern veranstaltet worden,
die zum Zweck hatte, die Gründe zu erforschen, warum Ehefrauen
angestellt wurden. Und die Antworten lauteten übereinstimmend:
weil sie zuverlässiger und geschickter sind - (sie pflegen eine längere
Uebung zu haben, als die jungen Mädchen) - ; weil sie mehr
Jnteresse haben an der Arbeit - (sie sehen sie nicht mehr, wie die
jungen Mädchen, als bloßen Uebergang zur Ehe an) -; weil sie
weniger Anspruch erheben - (sie sind nur zu oft gezwungen, zu
arbeiten um jeden Preis, um ihrer Kinder willen) -; weil sie
weniger leicht streiken - (die Sorge um die Kinder überwiegt
zuweilen die Treue gegen die Arbeitsgenossen). Deutsche Unter-
nehmer sagten vor den Gewerbe-Aufsichtsbeamten Aehnliches aus,
betonten aber vor allem, daß die Jndustrie ihre geschicktesten
Arbeiterinnen nicht entbehren könne. Die Bedürfnisse der Frauen
kommen den Wünschen der Unternehmer entgegen.

Mit dem zunehmenden Saisoncharakter der proletarischen
Arbeitsgebiete sind die Männer immer mehr Wochen und Monate
lang der Arbeitslosigkeit ausgesetzt. Schlechte Zeiten, wie die
jetzigen, steigern diesen Zustand. Wer soll dann für den Unterhalt
der Familie sorgen, wenn nicht die Frau? Ein grausamer Hohn
ist's, ihr von den Pflichten der Hausfrau und Mutter zu predigen,
sie pflichtvergessen zu schelten, wenn sie in die Werkstatt geht oder
in die Fabrik, statt zu kochen oder die Kinder zu hüten, da es doch
gerade der Hunger der Kinder ist, der sie hintreibt. Es sind aber
nicht einmal nur vorübergehende Zeiten, in denen sie Ersatz schaffen
muß für den Lohnausfall des Mannes. Die Masse der ver-
heiratheten Arbeiterinnen ist dauernd gezwungen, dem Erwerb
nachzugehen, denn selbst die vielfach gestiegenen Löhne der Männer
haben in ihrer Steigerung nicht im entferntesten gleichen Schritt
gehalten mit der Steigerung der Preise für den Lebensunterhalt,
vor allem für die Wohnungsmiethen, und mit der Steigerung der
materiellen und geistigen Bedürfnisse. Selbst aus den Berichten
der deutschen Gewerbe-Aufsichtsbeamten für das Jahr 1899, -
einem Jahr überdies, das noch nicht unter der wirthschaftlichen
Krise zu leiden hatte, - geht deutlich hervor, daß die Noth die
Ursache der Arbeit verheiratheter Frauen war. Jn vielen Bezirken
ist das zahlenmäßig festgestellt worden. Dabei pflegen die Menschen,
besonders die, denen selbst nichts fehlt, Noth nur dort zu sehen,
wo sie aus zerlumpten Kleidern und hohlen Augen herausgrinst.
Es giebt aber eine Noth, die denjenigen, der auf einer höheren
Stufe der Entwickelung steht, als der Kuli und der Sklave, ebenso
bitter schmerzt, als Frost und Hunger. Der moderne Arbeiter ist
nicht mehr blind für all das, was das Leben schmücken, den Geist
erheben, das Herz weiten kann. Er verlangt, theilzunehmen an den
Errungenschaften der Kultur, die das Ergebniß seines Schweißes
sind. Er will Kunst und Wissenschaft genießen und verstehen lernen,

einmal eine Umfrage bei den Unternehmern veranstaltet worden,
die zum Zweck hatte, die Gründe zu erforschen, warum Ehefrauen
angestellt wurden. Und die Antworten lauteten übereinstimmend:
weil sie zuverlässiger und geschickter sind – (sie pflegen eine längere
Uebung zu haben, als die jungen Mädchen) – ; weil sie mehr
Jnteresse haben an der Arbeit – (sie sehen sie nicht mehr, wie die
jungen Mädchen, als bloßen Uebergang zur Ehe an) –; weil sie
weniger Anspruch erheben – (sie sind nur zu oft gezwungen, zu
arbeiten um jeden Preis, um ihrer Kinder willen) –; weil sie
weniger leicht streiken – (die Sorge um die Kinder überwiegt
zuweilen die Treue gegen die Arbeitsgenossen). Deutsche Unter-
nehmer sagten vor den Gewerbe-Aufsichtsbeamten Aehnliches aus,
betonten aber vor allem, daß die Jndustrie ihre geschicktesten
Arbeiterinnen nicht entbehren könne. Die Bedürfnisse der Frauen
kommen den Wünschen der Unternehmer entgegen.

Mit dem zunehmenden Saisoncharakter der proletarischen
Arbeitsgebiete sind die Männer immer mehr Wochen und Monate
lang der Arbeitslosigkeit ausgesetzt. Schlechte Zeiten, wie die
jetzigen, steigern diesen Zustand. Wer soll dann für den Unterhalt
der Familie sorgen, wenn nicht die Frau? Ein grausamer Hohn
ist's, ihr von den Pflichten der Hausfrau und Mutter zu predigen,
sie pflichtvergessen zu schelten, wenn sie in die Werkstatt geht oder
in die Fabrik, statt zu kochen oder die Kinder zu hüten, da es doch
gerade der Hunger der Kinder ist, der sie hintreibt. Es sind aber
nicht einmal nur vorübergehende Zeiten, in denen sie Ersatz schaffen
muß für den Lohnausfall des Mannes. Die Masse der ver-
heiratheten Arbeiterinnen ist dauernd gezwungen, dem Erwerb
nachzugehen, denn selbst die vielfach gestiegenen Löhne der Männer
haben in ihrer Steigerung nicht im entferntesten gleichen Schritt
gehalten mit der Steigerung der Preise für den Lebensunterhalt,
vor allem für die Wohnungsmiethen, und mit der Steigerung der
materiellen und geistigen Bedürfnisse. Selbst aus den Berichten
der deutschen Gewerbe-Aufsichtsbeamten für das Jahr 1899, –
einem Jahr überdies, das noch nicht unter der wirthschaftlichen
Krise zu leiden hatte, – geht deutlich hervor, daß die Noth die
Ursache der Arbeit verheiratheter Frauen war. Jn vielen Bezirken
ist das zahlenmäßig festgestellt worden. Dabei pflegen die Menschen,
besonders die, denen selbst nichts fehlt, Noth nur dort zu sehen,
wo sie aus zerlumpten Kleidern und hohlen Augen herausgrinst.
Es giebt aber eine Noth, die denjenigen, der auf einer höheren
Stufe der Entwickelung steht, als der Kuli und der Sklave, ebenso
bitter schmerzt, als Frost und Hunger. Der moderne Arbeiter ist
nicht mehr blind für all das, was das Leben schmücken, den Geist
erheben, das Herz weiten kann. Er verlangt, theilzunehmen an den
Errungenschaften der Kultur, die das Ergebniß seines Schweißes
sind. Er will Kunst und Wissenschaft genießen und verstehen lernen,

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[6/0005] einmal eine Umfrage bei den Unternehmern veranstaltet worden, die zum Zweck hatte, die Gründe zu erforschen, warum Ehefrauen angestellt wurden. Und die Antworten lauteten übereinstimmend: weil sie zuverlässiger und geschickter sind – (sie pflegen eine längere Uebung zu haben, als die jungen Mädchen) – ; weil sie mehr Jnteresse haben an der Arbeit – (sie sehen sie nicht mehr, wie die jungen Mädchen, als bloßen Uebergang zur Ehe an) –; weil sie weniger Anspruch erheben – (sie sind nur zu oft gezwungen, zu arbeiten um jeden Preis, um ihrer Kinder willen) –; weil sie weniger leicht streiken – (die Sorge um die Kinder überwiegt zuweilen die Treue gegen die Arbeitsgenossen). Deutsche Unter- nehmer sagten vor den Gewerbe-Aufsichtsbeamten Aehnliches aus, betonten aber vor allem, daß die Jndustrie ihre geschicktesten Arbeiterinnen nicht entbehren könne. Die Bedürfnisse der Frauen kommen den Wünschen der Unternehmer entgegen. Mit dem zunehmenden Saisoncharakter der proletarischen Arbeitsgebiete sind die Männer immer mehr Wochen und Monate lang der Arbeitslosigkeit ausgesetzt. Schlechte Zeiten, wie die jetzigen, steigern diesen Zustand. Wer soll dann für den Unterhalt der Familie sorgen, wenn nicht die Frau? Ein grausamer Hohn ist's, ihr von den Pflichten der Hausfrau und Mutter zu predigen, sie pflichtvergessen zu schelten, wenn sie in die Werkstatt geht oder in die Fabrik, statt zu kochen oder die Kinder zu hüten, da es doch gerade der Hunger der Kinder ist, der sie hintreibt. Es sind aber nicht einmal nur vorübergehende Zeiten, in denen sie Ersatz schaffen muß für den Lohnausfall des Mannes. Die Masse der ver- heiratheten Arbeiterinnen ist dauernd gezwungen, dem Erwerb nachzugehen, denn selbst die vielfach gestiegenen Löhne der Männer haben in ihrer Steigerung nicht im entferntesten gleichen Schritt gehalten mit der Steigerung der Preise für den Lebensunterhalt, vor allem für die Wohnungsmiethen, und mit der Steigerung der materiellen und geistigen Bedürfnisse. Selbst aus den Berichten der deutschen Gewerbe-Aufsichtsbeamten für das Jahr 1899, – einem Jahr überdies, das noch nicht unter der wirthschaftlichen Krise zu leiden hatte, – geht deutlich hervor, daß die Noth die Ursache der Arbeit verheiratheter Frauen war. Jn vielen Bezirken ist das zahlenmäßig festgestellt worden. Dabei pflegen die Menschen, besonders die, denen selbst nichts fehlt, Noth nur dort zu sehen, wo sie aus zerlumpten Kleidern und hohlen Augen herausgrinst. Es giebt aber eine Noth, die denjenigen, der auf einer höheren Stufe der Entwickelung steht, als der Kuli und der Sklave, ebenso bitter schmerzt, als Frost und Hunger. Der moderne Arbeiter ist nicht mehr blind für all das, was das Leben schmücken, den Geist erheben, das Herz weiten kann. Er verlangt, theilzunehmen an den Errungenschaften der Kultur, die das Ergebniß seines Schweißes sind. Er will Kunst und Wissenschaft genießen und verstehen lernen,

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Zitationshilfe: Braun, Lily: Die Frauen und die Politik. Berlin, 1903, S. 6. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/braun_frauen_1903/5>, abgerufen am 09.02.2023.