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Braun, Lily: Die Frauen und die Politik. Berlin, 1903.

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um Nahrung, wird ihr nicht Thränen fruchtlosen Leids erwecken,
sondern sie zu thatkräftiger Arbeit spornen.

Jn das Herz und den Geist der Kinder pflanzt die Mutter die
Keime aller Entwickelung. Ein Geschlecht von Knechten mit knech-
tischer Gesinnung wächst empor, wo die Mutter unfrei, furchtsam,
unterwürfig ist. Freie, starke, selbständige Frauen sind die Voraus-
setzung freier, starker, muthiger Männer. Um ihrer Kinder willen
darf das Weib daher nicht mehr im Stumpfsinn, in der Jnteresse-
losigkeit beharren! Sobald es selbst in die Reihen der Freiheitskämpfer
tritt, bedeutet es dann nicht nur eine Kraft mehr für die Kämpfe der
Gegenwart, denn ihre Kinder stehen hinter ihr, die jugendkräftigen
Träger der Zukunft. Eine gute Mutter heißt heute nicht mehr
diejenige, die ihre Kinder nur wäscht, kleidet und nährt, sondern die
die sie zu Kämpfern erzieht, und ihnen mit dem Beispiel unermüdlichen
Opfermuthes, thatkräftiger Begeisterung vorangeht.

Freundschaft zwischen Frauen ist allzu oft ein sehr gebrechliches
Ding, weil sie vielfach nicht auf geistiger Gemeinschaft, sondern auf
allen möglichen Aeußerlichkeiten zu beruhen pflegt. Jhre Herzens-
geheimnisse vertrauen sich die jungen Mädchen, ihre häuslichen Sorgen
die Frauen an, aber selten, sehr selten nur suchen sie einander sittlich
und geistig zu heben, aufzuklären, zu bereichern. Auch hier hat eine
andere Art Pflichterfüllung einzusetzen: eine Sozialistin wird nicht
ruhen und rasten, bis sie ihre Freunde von der Richtigkeit ihrer An-
schauungen überzeugt hat, bis sie die Trägen aufgerüttelt, die Leicht-
fertigen zu ihrem Ernst bekehrte, die Faulen hineingezogen in ihren
Kampf. Dabei wird manch eine Freundschaft in die Brüche gehen,
manch eine aber wird sich festknüpfen fürs Leben. Denn, wen die
Noth der Brüder, die gleiche Hoffnung auf die Zukunft zusammen-
schweißte, zur Blutsbruderschaft wurde dessen Bund.

Kann aber auch die Partei von der rechtlosen Frau Pflicht-
erfüllung fordern? Sie muß es sogar, und jämmerlich wäre die Frau,
die sich ihr entzieht. Jst sie durchdrungen von der sozialistischen Welt-
anschauung, so wird es ihr selbst unmöglich sein, sie nicht zur Geltung
zu bringen. Jede, auch die Aermste und Unbedeutendste, ist dazu im
Stande, und die Partei wäre nie und nimmer so groß und stark ge-
worden, als sie heute ist, wenn nicht von jeher Tausende und Aber-
tausende zu ihren freiwilligen Beamten geworden wären. Und jede
Leistung in ihrem Dienst, vom Flugblattaustragen bis zur wissen-
schaftlichen Arbeit, von der stillen Agitation in der Werkstube bis zum
öffentlichen Auftreten in den Volksversammlungen, ist gleich wichtig
und bedeutungsvoll. Keine Kraft wird verachtet, keine bleibt ungenutzt;
nur wenn Alle ineinander greifen und für einander wirken, ist der
Erfolg sicher.

Die größte Kraftentfaltung aber wird zu der Zeit verlangt
werden müssen, wo es gilt, die Wahlen für den Reichstag vorzu-
bereiten. Sie sollen der Ausdruck des Volkswillens sein, und wenn

um Nahrung, wird ihr nicht Thränen fruchtlosen Leids erwecken,
sondern sie zu thatkräftiger Arbeit spornen.

Jn das Herz und den Geist der Kinder pflanzt die Mutter die
Keime aller Entwickelung. Ein Geschlecht von Knechten mit knech-
tischer Gesinnung wächst empor, wo die Mutter unfrei, furchtsam,
unterwürfig ist. Freie, starke, selbständige Frauen sind die Voraus-
setzung freier, starker, muthiger Männer. Um ihrer Kinder willen
darf das Weib daher nicht mehr im Stumpfsinn, in der Jnteresse-
losigkeit beharren! Sobald es selbst in die Reihen der Freiheitskämpfer
tritt, bedeutet es dann nicht nur eine Kraft mehr für die Kämpfe der
Gegenwart, denn ihre Kinder stehen hinter ihr, die jugendkräftigen
Träger der Zukunft. Eine gute Mutter heißt heute nicht mehr
diejenige, die ihre Kinder nur wäscht, kleidet und nährt, sondern die
die sie zu Kämpfern erzieht, und ihnen mit dem Beispiel unermüdlichen
Opfermuthes, thatkräftiger Begeisterung vorangeht.

Freundschaft zwischen Frauen ist allzu oft ein sehr gebrechliches
Ding, weil sie vielfach nicht auf geistiger Gemeinschaft, sondern auf
allen möglichen Aeußerlichkeiten zu beruhen pflegt. Jhre Herzens-
geheimnisse vertrauen sich die jungen Mädchen, ihre häuslichen Sorgen
die Frauen an, aber selten, sehr selten nur suchen sie einander sittlich
und geistig zu heben, aufzuklären, zu bereichern. Auch hier hat eine
andere Art Pflichterfüllung einzusetzen: eine Sozialistin wird nicht
ruhen und rasten, bis sie ihre Freunde von der Richtigkeit ihrer An-
schauungen überzeugt hat, bis sie die Trägen aufgerüttelt, die Leicht-
fertigen zu ihrem Ernst bekehrte, die Faulen hineingezogen in ihren
Kampf. Dabei wird manch eine Freundschaft in die Brüche gehen,
manch eine aber wird sich festknüpfen fürs Leben. Denn, wen die
Noth der Brüder, die gleiche Hoffnung auf die Zukunft zusammen-
schweißte, zur Blutsbruderschaft wurde dessen Bund.

Kann aber auch die Partei von der rechtlosen Frau Pflicht-
erfüllung fordern? Sie muß es sogar, und jämmerlich wäre die Frau,
die sich ihr entzieht. Jst sie durchdrungen von der sozialistischen Welt-
anschauung, so wird es ihr selbst unmöglich sein, sie nicht zur Geltung
zu bringen. Jede, auch die Aermste und Unbedeutendste, ist dazu im
Stande, und die Partei wäre nie und nimmer so groß und stark ge-
worden, als sie heute ist, wenn nicht von jeher Tausende und Aber-
tausende zu ihren freiwilligen Beamten geworden wären. Und jede
Leistung in ihrem Dienst, vom Flugblattaustragen bis zur wissen-
schaftlichen Arbeit, von der stillen Agitation in der Werkstube bis zum
öffentlichen Auftreten in den Volksversammlungen, ist gleich wichtig
und bedeutungsvoll. Keine Kraft wird verachtet, keine bleibt ungenutzt;
nur wenn Alle ineinander greifen und für einander wirken, ist der
Erfolg sicher.

Die größte Kraftentfaltung aber wird zu der Zeit verlangt
werden müssen, wo es gilt, die Wahlen für den Reichstag vorzu-
bereiten. Sie sollen der Ausdruck des Volkswillens sein, und wenn

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[45/0044] um Nahrung, wird ihr nicht Thränen fruchtlosen Leids erwecken, sondern sie zu thatkräftiger Arbeit spornen. Jn das Herz und den Geist der Kinder pflanzt die Mutter die Keime aller Entwickelung. Ein Geschlecht von Knechten mit knech- tischer Gesinnung wächst empor, wo die Mutter unfrei, furchtsam, unterwürfig ist. Freie, starke, selbständige Frauen sind die Voraus- setzung freier, starker, muthiger Männer. Um ihrer Kinder willen darf das Weib daher nicht mehr im Stumpfsinn, in der Jnteresse- losigkeit beharren! Sobald es selbst in die Reihen der Freiheitskämpfer tritt, bedeutet es dann nicht nur eine Kraft mehr für die Kämpfe der Gegenwart, denn ihre Kinder stehen hinter ihr, die jugendkräftigen Träger der Zukunft. Eine gute Mutter heißt heute nicht mehr diejenige, die ihre Kinder nur wäscht, kleidet und nährt, sondern die die sie zu Kämpfern erzieht, und ihnen mit dem Beispiel unermüdlichen Opfermuthes, thatkräftiger Begeisterung vorangeht. Freundschaft zwischen Frauen ist allzu oft ein sehr gebrechliches Ding, weil sie vielfach nicht auf geistiger Gemeinschaft, sondern auf allen möglichen Aeußerlichkeiten zu beruhen pflegt. Jhre Herzens- geheimnisse vertrauen sich die jungen Mädchen, ihre häuslichen Sorgen die Frauen an, aber selten, sehr selten nur suchen sie einander sittlich und geistig zu heben, aufzuklären, zu bereichern. Auch hier hat eine andere Art Pflichterfüllung einzusetzen: eine Sozialistin wird nicht ruhen und rasten, bis sie ihre Freunde von der Richtigkeit ihrer An- schauungen überzeugt hat, bis sie die Trägen aufgerüttelt, die Leicht- fertigen zu ihrem Ernst bekehrte, die Faulen hineingezogen in ihren Kampf. Dabei wird manch eine Freundschaft in die Brüche gehen, manch eine aber wird sich festknüpfen fürs Leben. Denn, wen die Noth der Brüder, die gleiche Hoffnung auf die Zukunft zusammen- schweißte, zur Blutsbruderschaft wurde dessen Bund. Kann aber auch die Partei von der rechtlosen Frau Pflicht- erfüllung fordern? Sie muß es sogar, und jämmerlich wäre die Frau, die sich ihr entzieht. Jst sie durchdrungen von der sozialistischen Welt- anschauung, so wird es ihr selbst unmöglich sein, sie nicht zur Geltung zu bringen. Jede, auch die Aermste und Unbedeutendste, ist dazu im Stande, und die Partei wäre nie und nimmer so groß und stark ge- worden, als sie heute ist, wenn nicht von jeher Tausende und Aber- tausende zu ihren freiwilligen Beamten geworden wären. Und jede Leistung in ihrem Dienst, vom Flugblattaustragen bis zur wissen- schaftlichen Arbeit, von der stillen Agitation in der Werkstube bis zum öffentlichen Auftreten in den Volksversammlungen, ist gleich wichtig und bedeutungsvoll. Keine Kraft wird verachtet, keine bleibt ungenutzt; nur wenn Alle ineinander greifen und für einander wirken, ist der Erfolg sicher. Die größte Kraftentfaltung aber wird zu der Zeit verlangt werden müssen, wo es gilt, die Wahlen für den Reichstag vorzu- bereiten. Sie sollen der Ausdruck des Volkswillens sein, und wenn

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Zitationshilfe: Braun, Lily: Die Frauen und die Politik. Berlin, 1903, S. 45. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/braun_frauen_1903/44>, abgerufen am 09.02.2023.