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Boltzmann, Ludwig: Vorlesungen über Gastheorie. Bd. 2. Leipzig, 1898.

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[Gleich. 138] § 45. Vergleich mit der Erfahrung.
symmetrisch mit Masse erfüllte Kugeln sind, so ist freilich
keine Möglichkeit vorhanden, dass sie durch die Zusammen-
stösse in irgend eine Rotation versetzt werden können, noch
dass ihnen eine Rotation, die sie einmal besitzen, genommen
werden kann. Trotzdem ist es unwahrscheinlich, dass sie
wirklich durch alle Ewigkeit rotationslos oder mit der gleichen
Rotation begabt bleiben. Weit mehr hat die Annahme für sich,
dass sie diese Beschaffenheit nur mit sehr grosser Annäherung
besitzen, so dass sich ihr Rotationszustand bloss innerhalb der
Zeit, welche auf Bestimmung der specifischen Wärme verwendet
wird, nicht erheblich verändert, während sich dieser Rotations-
zustand doch im Verlaufe einer sehr langen Zeit mit der
übrigen Molekularbewegung ausgleicht, und zwar so langsam,
dass sich der dabei stattfindende Energieaustausch unserer
Beobachtung entzieht.

Analog kann man dann annehmen, dass in den Gasen, für
welche k = 1,4 ist, die Bestandtheile der Moleküle keineswegs
zu absolut undeformirbaren Körpern verbunden sind, dass viel-
mehr diese Verbindung bloss eine so innige ist, dass innerhalb
der zur Beobachtung der specifischen Wärme aufgewendeten
Zeit die Schwingungen dieser Bestandtheile gegen einander
sich nicht merklich ändern und erst in späterer Zeit sich so
langsam ins Wärmegleichgewicht mit der Progressivbewegung
setzen, dass dieser Vorgang nicht mehr der Beobachtung zu-
gänglich ist. Jedenfalls müssen für Luft bei Temperaturen,
wo sie merklich Wärme auszustrahlen beginnt, ausser den fünfen
noch andere den Zustand eines Moleküles bestimmende Variabeln
sich in der auf die Beobachtungen verwendeten Zeit am Wärme-
gleichgewichte betheiligen, so dass k mit der Temperatur ver-
änderlich und kleiner als 1,4 wird und muss Gleiches für alle
anderen Gase gelten.

Natürlich sind bei der Verborgenheit der Natur der mole-
kularen Vorgänge alle Hypothesen über die Natur derselben
mit der grössten Reserve auszusprechen. Experimentell würde
die hier vorgebrachte Hypothese eine Bestätigung finden, wenn
es sich zeigen würde, dass bei jenen Gasen, bei denen k mit
der Temperatur veränderlich ist, Beobachtungen, die eine
längere Zeit in Anspruch nehmen, einen kleineren Werth von k
liefern würden, als kürzer dauernde.

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[Gleich. 138] § 45. Vergleich mit der Erfahrung.
symmetrisch mit Masse erfüllte Kugeln sind, so ist freilich
keine Möglichkeit vorhanden, dass sie durch die Zusammen-
stösse in irgend eine Rotation versetzt werden können, noch
dass ihnen eine Rotation, die sie einmal besitzen, genommen
werden kann. Trotzdem ist es unwahrscheinlich, dass sie
wirklich durch alle Ewigkeit rotationslos oder mit der gleichen
Rotation begabt bleiben. Weit mehr hat die Annahme für sich,
dass sie diese Beschaffenheit nur mit sehr grosser Annäherung
besitzen, so dass sich ihr Rotationszustand bloss innerhalb der
Zeit, welche auf Bestimmung der specifischen Wärme verwendet
wird, nicht erheblich verändert, während sich dieser Rotations-
zustand doch im Verlaufe einer sehr langen Zeit mit der
übrigen Molekularbewegung ausgleicht, und zwar so langsam,
dass sich der dabei stattfindende Energieaustausch unserer
Beobachtung entzieht.

Analog kann man dann annehmen, dass in den Gasen, für
welche κ = 1,4 ist, die Bestandtheile der Moleküle keineswegs
zu absolut undeformirbaren Körpern verbunden sind, dass viel-
mehr diese Verbindung bloss eine so innige ist, dass innerhalb
der zur Beobachtung der specifischen Wärme aufgewendeten
Zeit die Schwingungen dieser Bestandtheile gegen einander
sich nicht merklich ändern und erst in späterer Zeit sich so
langsam ins Wärmegleichgewicht mit der Progressivbewegung
setzen, dass dieser Vorgang nicht mehr der Beobachtung zu-
gänglich ist. Jedenfalls müssen für Luft bei Temperaturen,
wo sie merklich Wärme auszustrahlen beginnt, ausser den fünfen
noch andere den Zustand eines Moleküles bestimmende Variabeln
sich in der auf die Beobachtungen verwendeten Zeit am Wärme-
gleichgewichte betheiligen, so dass κ mit der Temperatur ver-
änderlich und kleiner als 1,4 wird und muss Gleiches für alle
anderen Gase gelten.

Natürlich sind bei der Verborgenheit der Natur der mole-
kularen Vorgänge alle Hypothesen über die Natur derselben
mit der grössten Reserve auszusprechen. Experimentell würde
die hier vorgebrachte Hypothese eine Bestätigung finden, wenn
es sich zeigen würde, dass bei jenen Gasen, bei denen κ mit
der Temperatur veränderlich ist, Beobachtungen, die eine
längere Zeit in Anspruch nehmen, einen kleineren Werth von κ
liefern würden, als kürzer dauernde.

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[131/0149] [Gleich. 138] § 45. Vergleich mit der Erfahrung. symmetrisch mit Masse erfüllte Kugeln sind, so ist freilich keine Möglichkeit vorhanden, dass sie durch die Zusammen- stösse in irgend eine Rotation versetzt werden können, noch dass ihnen eine Rotation, die sie einmal besitzen, genommen werden kann. Trotzdem ist es unwahrscheinlich, dass sie wirklich durch alle Ewigkeit rotationslos oder mit der gleichen Rotation begabt bleiben. Weit mehr hat die Annahme für sich, dass sie diese Beschaffenheit nur mit sehr grosser Annäherung besitzen, so dass sich ihr Rotationszustand bloss innerhalb der Zeit, welche auf Bestimmung der specifischen Wärme verwendet wird, nicht erheblich verändert, während sich dieser Rotations- zustand doch im Verlaufe einer sehr langen Zeit mit der übrigen Molekularbewegung ausgleicht, und zwar so langsam, dass sich der dabei stattfindende Energieaustausch unserer Beobachtung entzieht. Analog kann man dann annehmen, dass in den Gasen, für welche κ = 1,4 ist, die Bestandtheile der Moleküle keineswegs zu absolut undeformirbaren Körpern verbunden sind, dass viel- mehr diese Verbindung bloss eine so innige ist, dass innerhalb der zur Beobachtung der specifischen Wärme aufgewendeten Zeit die Schwingungen dieser Bestandtheile gegen einander sich nicht merklich ändern und erst in späterer Zeit sich so langsam ins Wärmegleichgewicht mit der Progressivbewegung setzen, dass dieser Vorgang nicht mehr der Beobachtung zu- gänglich ist. Jedenfalls müssen für Luft bei Temperaturen, wo sie merklich Wärme auszustrahlen beginnt, ausser den fünfen noch andere den Zustand eines Moleküles bestimmende Variabeln sich in der auf die Beobachtungen verwendeten Zeit am Wärme- gleichgewichte betheiligen, so dass κ mit der Temperatur ver- änderlich und kleiner als 1,4 wird und muss Gleiches für alle anderen Gase gelten. Natürlich sind bei der Verborgenheit der Natur der mole- kularen Vorgänge alle Hypothesen über die Natur derselben mit der grössten Reserve auszusprechen. Experimentell würde die hier vorgebrachte Hypothese eine Bestätigung finden, wenn es sich zeigen würde, dass bei jenen Gasen, bei denen κ mit der Temperatur veränderlich ist, Beobachtungen, die eine längere Zeit in Anspruch nehmen, einen kleineren Werth von κ liefern würden, als kürzer dauernde. 9*

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Zitationshilfe: Boltzmann, Ludwig: Vorlesungen über Gastheorie. Bd. 2. Leipzig, 1898, S. 131. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/boltzmann_gastheorie02_1898/149>, abgerufen am 13.04.2021.