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Boltzmann, Ludwig: Vorlesungen über Gastheorie. Bd. 1. Leipzig, 1896.

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§ 1. Mechanische Analogie.
welche die sichtbaren Körper angreifen und nicht gleichmässig
auf alle Moleküle wirken, müssen eine relative Bewegung der
Moleküle gegeneinander erzeugen, die wegen der Unzerstörbar-
keit der lebendigen Kraft nicht aufhören kann, sondern ins
Unendliche fortdauern muss.

In der That lehrt die Erfahrung, dass, sobald die Kräfte
vollkommen gleichmässig auf alle Theile eines Körpers ein-
wirken, wie z. B. beim sogenannten freien Falle, alle lebendige
Kraft sichtbar zum Vorscheine kommt. In allen anderen Fällen
haben wir einen Abgang von sichtbarer lebendiger Kraft und
dafür Auftreten von Wärme. Es bietet sich die Anschauung
von selbst, dass dies die entstandene Bewegung der Moleküle
gegeneinander ist, welche wir nicht sehen können, da wir die
einzelnen Moleküle nicht sehen, welche sich aber bei Berührung
den Molekülen unserer Nerven mittheilt und so das Wärme-
gefühl erzeugt. Sie wird immer von dem Körper, dessen Mole-
küle lebhafter bewegt sind, zu dem übergehen, dessen Moleküle
sich nur langsam bewegen und wird sich dabei wegen der
Unzerstörbarkeit der lebendigen Kraft wie ein Stoff verhalten,
solange sie nicht aus sichtbarer lebendiger Kraft oder Arbeit
entsteht oder in solche übergeht.

Wir wissen nun nicht, wie die Kräfte beschaffen sind,
welche die Moleküle eines festen Körpers in ihrer relativen
Lage festhalten, ob es Fernkräfte sind, oder ob sie durch ein
Medium vermittelt werden, und wie sie durch die Wärme-
bewegung beeinflusst werden. Da sie aber sowohl der An-
näherung (Compression) als auch der weiteren Entfernung
(Dilatation) widerstreben, so erhalten wir offenbar ein ganz
rohes Bild, wenn wir annehmen, dass im festen Körper jedes
Molekül eine Ruhelage hat. Wird es den
Nachbarmolekülen genähert, so wird es von
diesen abgestossen, wird es aber entfernt, so
erfolgt umgekehrt eine Anziehung. In Folge
der Wärmebewegung wird nun ein Molekül
zunächst etwa in pendelartige Oscillationen in
geraden oder ellipsenähnlichen Bahnen um
seine Ruhelage A versetzt (in der symbolischen

[Abbildung]
[Abbildung] Fig. 1.
Fig. 1 sind die Schwerpunkte der Moleküle gezeichnet). Kommt
es hierbei nach A', so wird es von den Nachbarmolekülen B und C

§ 1. Mechanische Analogie.
welche die sichtbaren Körper angreifen und nicht gleichmässig
auf alle Moleküle wirken, müssen eine relative Bewegung der
Moleküle gegeneinander erzeugen, die wegen der Unzerstörbar-
keit der lebendigen Kraft nicht aufhören kann, sondern ins
Unendliche fortdauern muss.

In der That lehrt die Erfahrung, dass, sobald die Kräfte
vollkommen gleichmässig auf alle Theile eines Körpers ein-
wirken, wie z. B. beim sogenannten freien Falle, alle lebendige
Kraft sichtbar zum Vorscheine kommt. In allen anderen Fällen
haben wir einen Abgang von sichtbarer lebendiger Kraft und
dafür Auftreten von Wärme. Es bietet sich die Anschauung
von selbst, dass dies die entstandene Bewegung der Moleküle
gegeneinander ist, welche wir nicht sehen können, da wir die
einzelnen Moleküle nicht sehen, welche sich aber bei Berührung
den Molekülen unserer Nerven mittheilt und so das Wärme-
gefühl erzeugt. Sie wird immer von dem Körper, dessen Mole-
küle lebhafter bewegt sind, zu dem übergehen, dessen Moleküle
sich nur langsam bewegen und wird sich dabei wegen der
Unzerstörbarkeit der lebendigen Kraft wie ein Stoff verhalten,
solange sie nicht aus sichtbarer lebendiger Kraft oder Arbeit
entsteht oder in solche übergeht.

Wir wissen nun nicht, wie die Kräfte beschaffen sind,
welche die Moleküle eines festen Körpers in ihrer relativen
Lage festhalten, ob es Fernkräfte sind, oder ob sie durch ein
Medium vermittelt werden, und wie sie durch die Wärme-
bewegung beeinflusst werden. Da sie aber sowohl der An-
näherung (Compression) als auch der weiteren Entfernung
(Dilatation) widerstreben, so erhalten wir offenbar ein ganz
rohes Bild, wenn wir annehmen, dass im festen Körper jedes
Molekül eine Ruhelage hat. Wird es den
Nachbarmolekülen genähert, so wird es von
diesen abgestossen, wird es aber entfernt, so
erfolgt umgekehrt eine Anziehung. In Folge
der Wärmebewegung wird nun ein Molekül
zunächst etwa in pendelartige Oscillationen in
geraden oder ellipsenähnlichen Bahnen um
seine Ruhelage A versetzt (in der symbolischen

[Abbildung]
[Abbildung] Fig. 1.
Fig. 1 sind die Schwerpunkte der Moleküle gezeichnet). Kommt
es hierbei nach A', so wird es von den Nachbarmolekülen B und C

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[7/0021] § 1. Mechanische Analogie. welche die sichtbaren Körper angreifen und nicht gleichmässig auf alle Moleküle wirken, müssen eine relative Bewegung der Moleküle gegeneinander erzeugen, die wegen der Unzerstörbar- keit der lebendigen Kraft nicht aufhören kann, sondern ins Unendliche fortdauern muss. In der That lehrt die Erfahrung, dass, sobald die Kräfte vollkommen gleichmässig auf alle Theile eines Körpers ein- wirken, wie z. B. beim sogenannten freien Falle, alle lebendige Kraft sichtbar zum Vorscheine kommt. In allen anderen Fällen haben wir einen Abgang von sichtbarer lebendiger Kraft und dafür Auftreten von Wärme. Es bietet sich die Anschauung von selbst, dass dies die entstandene Bewegung der Moleküle gegeneinander ist, welche wir nicht sehen können, da wir die einzelnen Moleküle nicht sehen, welche sich aber bei Berührung den Molekülen unserer Nerven mittheilt und so das Wärme- gefühl erzeugt. Sie wird immer von dem Körper, dessen Mole- küle lebhafter bewegt sind, zu dem übergehen, dessen Moleküle sich nur langsam bewegen und wird sich dabei wegen der Unzerstörbarkeit der lebendigen Kraft wie ein Stoff verhalten, solange sie nicht aus sichtbarer lebendiger Kraft oder Arbeit entsteht oder in solche übergeht. Wir wissen nun nicht, wie die Kräfte beschaffen sind, welche die Moleküle eines festen Körpers in ihrer relativen Lage festhalten, ob es Fernkräfte sind, oder ob sie durch ein Medium vermittelt werden, und wie sie durch die Wärme- bewegung beeinflusst werden. Da sie aber sowohl der An- näherung (Compression) als auch der weiteren Entfernung (Dilatation) widerstreben, so erhalten wir offenbar ein ganz rohes Bild, wenn wir annehmen, dass im festen Körper jedes Molekül eine Ruhelage hat. Wird es den Nachbarmolekülen genähert, so wird es von diesen abgestossen, wird es aber entfernt, so erfolgt umgekehrt eine Anziehung. In Folge der Wärmebewegung wird nun ein Molekül zunächst etwa in pendelartige Oscillationen in geraden oder ellipsenähnlichen Bahnen um seine Ruhelage A versetzt (in der symbolischen [Abbildung] [Abbildung Fig. 1.] Fig. 1 sind die Schwerpunkte der Moleküle gezeichnet). Kommt es hierbei nach A', so wird es von den Nachbarmolekülen B und C

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Zitationshilfe: Boltzmann, Ludwig: Vorlesungen über Gastheorie. Bd. 1. Leipzig, 1896, S. 7. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/boltzmann_gastheorie01_1896/21>, abgerufen am 02.03.2024.